Nein, richtig warm ums Herz wird es mir nicht, wenn ich diese Vögel sehe. Aber ich habe die Segel gestrichen, was meine Aversionen angeht. Dafür gibt es hier in Berlin einfach zu viele. Und wenn man sie genauer anschaut, sind sie eigentlich ziemlich witzig. Heute zum Beispiel war enormer Wind auf den Start- und Landebahnen des ehemaligen Flughafens Tempelhof. Und die Tiere liefen wie besoffene Matrosen breitbeinig und schwankend durchs Gelände. Außerdem haben sie so eine coole Art, kurz aufzufliegen, um ein oder zwei Meter seitlich wieder zu landen. Doch, es sieht fast schon elegant aus. Und mit ihren schwarzen Knopfaugen schauen sie sehr konzentriert. Ich zumindest fühle mich von ihnen gesehen. Diese Krähe beobachtete mich heute eine Weile beim Lesen. Was sie wohl gedacht hat?
Lernen?
Lao-tse schreibt, im Nicht-Tun liege die Kunst, weiter zu kommen. Er schreibt auch, dass wir besser nicht lernen. Das ist für uns heute schwer zu verstehen. Gerade Lernen und Wissen scheint nach wie vor der Schlüssel für eine bessere Welt und für eine gelungene berufliche Karriere zu sein. Der Staat investiert wieder in Schulen. Das sichere die Zukunft.
Wenn ich mich betrachte, kann ich nur staunen. Was habe ich nicht alles gelernt (und wie schade, wenn nachher alles im Sarg liegt)! Aber es gibt auch Dinge, an denen scheitere ich. Zahlen zum Beispiel, und Noten. Nix zu machen. Ich bin bei Handarbeiten ungemein begrenzt begabt, habe aber mit meinen beiden linken Händen leidlich alle möglichen Formen von Hausarbeit (bis hin zur Königsdisziplin des Backens) gelernt.
Dennoch denke ich, dass es Grenzen gibt. Und hier ist die Frage: Dranbleiben oder delegieren? Soll ich wirklich denken, dass ich alles kann, wenn ich mich nur richtig darum bemühe? Oder stehe ich mir damit im Weg und überschätze mich maßlos? O.K. – wenn’s ums Überleben geht, würde ich wohl alles tun. Und ich habe auch schon die Erfahrung gemacht, dass ich etwas schaffe, wenn ich nicht locker lasse. Aber ich weiß auch, dass Können mit Leichtigkeit einhergeht. Das ist eindeutig was anderes. Auch kommt mir der Verdacht, wenn jeder alles kann, muss niemand mehr etwas für einen anderen tun. Die große Autonomie ist das Ende von Teamwork. Oder? Pffff. Was für Fragen an einem Sonntagabend…
Don’t touch money
Bill Cunningham war in New York eine offizielle nationale Sehenswürdigkeit (seit 2009), in Frankreich wurde er mit dem Offiziersorden der Künste und der Literatur geehrt, zu Hause, im Gebäude der Carnegie Hall wohnte er in seinem Archiv. Letzten Monat ist er 87-jährig gestorben, bis zuletzt mit blauer Arbeiterjacke auf dem Fahrrad in Downtown Manhatten unterwegs, um neue verrückte Mode-Styles zu fotografieren.
Ein unglaublicher Typ. Allein seine Fotos sind erstaunlich: lebendig und exklusiv, fröhlich und so garantiert noch nie gesehen. Niemals hat er einen Menschen in einem unglücklichen Moment oder an einem Bad-Hair-Day „geschossen“. Er war jemand, der seine Begabung bis zur letzten Konsequenz lebte: Keine Liebe, keine Partnerschaft – „ich hatte keine Zeit. Ich habe nur nach Kleidern geschaut.“
Was mich beeindruckt, wie wenig er – der auf vielen Promi-Events unterwegs war und auf Modenschauen, wo die teuersten Kleider der Welt präsentiert wurden – Wert auf Geld legte. Im Gegenteil. In dem Dokumentarfilm von Richard Press (dogwoof 2010) sagt er gleich zu Anfang: „If you don’t touch money, they can’t tell you what to do.“ Und kurz darauf: „Money ist the cheapest thing. Freedom is the most expensive.“ Seine Kleidung war geschmackvoll und bescheiden. Auf der Straße trug er die blauen Arbeitsjacken der New Yorker Müllmänner, weil sie, wie er lachend bemerkte, sehr viele Taschen haben. Gegen den Regen hatte er einen billigen schwarzen Umhang, den er tausendmal klebte, bevor ein neuer gekauft wurde: „I know it embarrasses everyone. But ist dosn’t embarras me.“
Das mit dem Geld will ich mir merken. Im Grunde weiß ich es. Aber es ist schwierig, diesen Knochen zu verteidigen. Der Alltag will oft anders. Und es gibt noch etwas, woran ich mich halten werde: „He who seeks beauty will find it.“ Und damit eine gute Nacht.
Das Foto ist ein Screenshot aus dem Film von Richard Press.
Peinlich?
Heute mittag rief mich ein Freund im Büro an. Ich musste über die soziale Komponente von recycelter Kunststoffkunst schreiben, er war im Schwimmbad. Pfffff…. Als ich gerade wieder glaubte, zumindest eine halbe Formulierung an der Angel zu haben, rief er noch einmal an. Ob es etwas gebe, was mir zu kaufen peinlich wäre – !? Er mache diese Erfahrung bei Lollys (Lutscher auf Deutsch). Ich musste natürlich lachen. Wer kauft sich denn bitte in unserem Alter noch Lollys? Aber eben. Irgendwas muss ja peinlich dran sein. Ich sagte, bei Eis am Stil hätte ja wohl auch keiner ein Problem. Mir machen sowieso überhaupt gar keine Süssigkeiten etwas aus. Auch wenn ich Eimer davon kaufe (Gummibärchen bei der Metro). Als Jungendliche habe ich mich geschämt, für meinen Vater die Bild-Zeitung kaufen zu müssen. Heute? Vielleicht irgendwas in der Apotheke. Habt Ihr etwas, das zu kaufen Euch peinlich ist?
Tao-Tê-King
„Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend“, wie die 81 chinesischen Sinnsprüche aus den ersten Jahrhunderten v.Chr. im Deutschen heißen, gehört zu den Schullektüren, die mich hoffnungslos überforderten. Vorgestern sah ich ein schmales Reclam-Bändchen in der Übersetzung von Günther Devon. Ich habe es gekauft und gelesen und war – um ehrlich zu sein – erneut über die Maßen angestrengt.
Es ist ein sperriger, fremder Text, aus einer anderen Zeit, in der aber, wie es scheint, die Menschen nicht wesentlich anders handeln und fühlen als wir heute. Ich sehe mich in der Erinnerung an den merkwürdigen Sätzen knabbern, die paradox sind und sein wollen und uns aus unserem Verstand locken wollen in eine andere Sphäre, in der nichts benannt und damit auch nichts kategorisiert wird. Wie ratlos muss ich gewesen sein, war ich doch gerade dabei, die Welt für mich zu buchstabieren und mich auf ein Studium vorzubereiten, von dem ich hoffte, in eine andere, freiere Welt zu kommen.
Was ich spüre, während ich jetzt lese, ist eine durchaus ermutigende Darstellung des Weges, den einer oder eine einschlägt, um ein gutes Leben zu führen. Denn darum geht es: Gut zu leben, friedlich, in Harmonie mit anderen, ohne Reichtum, aber auch ohne arm zu sein. Gut zu leben in seiner eigenen, kleinen privaten Haut und gut zu regieren, mit den Insignien eines Mächtigen. Die Welt in Begriffe zu teilen, sie in 10.000 Dinge zu kategorisieren, erscheint dabei als größter Fehler. Denn:
„Was ohne Namen, ist Anfang von Himmel und Erde; Was Namen hat, ist Mutter der 10.000 Wesen.“
Auch das Tun erscheint fragwürdig. Weil es dem eigenen Willen unterworfen ist und nicht dem Weg folgt. Etwas geschehen lassen, statt es zu tun, gilt als höchste Kunst und mir leuchtet heute diese Form der Aktivität ein, zumindest beim Schreiben, wo die Mühelosigkeit dort erreicht wird, wo ich nicht mehr kämpfe, formuliere, setze, sondern das Erzählen laufen lasse (was übrigens Korrekturgänge nicht ausschließt…).
Diese Erfahrung hatte ich als Schülerin noch nicht gemacht. Wahrscheinlich konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Auch wenn dort zu lesen ist:
„Gut ist beim Schaffen: die Fähigkeit. Gut beim Sich-Regen: die rechte Zeit.“
Das war mir das schleierhaft. Weil ich meine Fähigkeiten noch nicht kannte und auch nicht den Zauber des rechten Moments. Ich wusste nicht, dass Streben in die falsche Richtung führen kann (auch wenn ich Streberinnen – ich war auf einer Mädchenschule – partout nicht ausstehen konnte). Ich wusste nicht, dass unerfüllte Lieben die größten sein können, dass man selbst vertrauen muss, wenn andere einem vertrauen sollen. Die Zeit ist offensichtlich nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Einige Zeilen sind mir heute sinnvoll, einiges habe ich am eigenen Leib erlebt. Auch habe ich gelernt, mit unverständlichen Texten leichter umzugehen. Und es bleibt noch viel unverständlich, weil es sich oft wie Resignation liest und weniger als Weisheit. Aber ich kann das Heft später noch einmal lesen. Und wahrscheinlich lese ich dann wieder etwas Neues heraus. Insofern bleibt diese zweite Lektüre sicher nicht die letzte. Zwei Sätze haben für mich aktuell eine besondere Bedeutung:
„Wer den Weg hat, weilt nicht dabei.“
„(…) Denn wer beschäftigt ist, ist unzulänglich, das Reich zu nehmen.“
Rundgänge
Wer dort wieder ankommen will, von wo aus er oder sie losgegangen ist, muss rund gehen. Oder in einer Acht. Oder in Schleifen, Schlaufen, Kringeln. Nix zu machen. Der gerade Weg der Nase nach hat hier keine Chance.
Als ich das Plakat sah, das übrigens für einen Rundgang durch die Sommerausstellung der Studierenden der UdK in Berlin geladen hat (ist leider schon vorbei), fiel mir auf, dass ich an meinem Schreibtisch ja mindestens einen Rundgang pro Monat produziere, denn ich schreibe Audioguides für Museen. Ich weiß noch, dass ich damals, als ich gerade mit dieser Arbeit anfing, nicht übel Lust hatte, das Publikum auf Abwege zu schicken. Ich fand es deprimierend, dass ich einen Trampelpfad vorgeben würde, auf dem dann alle Besucherinnen und Besucher die Objekte einer Ausstellung ablaufen würde. Nein. Ich habe mich nie getraut. Das höchste der Gefühle in Bezug auf Rebellion war, als ich in einer Kinderführung bei einem Exponat mehr Infos reingegeben habe als in die gleiche Station für Erwachsene. Perfide sagte der Sprecher am Ende des Tracks, die Kinder sollten doch mal ihre Eltern fragen. Haha. Ich hab‘ mir jedenfalls gewünscht, dass die Eltern platt sein würden.
Mittlerweile ist die Gerätetechnik ausgefeilter und es geht immer weniger um Rundgänge, als um Infos an bestimmten Stellen. Das gefällt mir besser. Obwohl es natürlich dabei bleibt, dass die Hörer/innen erst im Laufe der Begehung mehr erfahren und so Schritt für Schritt in das Thema eingeführt werden. Schade ist bei dieser Arbeit eigentlich auch, dass die Audioguides immer schon fertig sein müssen, wenn es losgeht. Wie viel spannender wären die Texte, wenn man mit Besucher/innen sprechen könnte, ihre Fragen oder Interessen aufnehmen oder ihre Fantasien weiter spinnen könnte. Vielleicht ist das aber einfach ein anderes Produkt. Ein Hörspiel nach der Ausstellung. Das man sich später runterladen kann, um sich an einen schönen Nachmittag im Museum zu erinnern.
Geheimnis
Gibt es überhaupt welche? Oder sind es eh nur Dinge, die uns nichts angehen? Geheim war ursprünglich etwas, was zum Heim, zum eigenen Haus gehörte, etwas Vertrauliches also oder Privates, worüber man nicht in der Öffentlichkeit sprach. Insofern würde es sich bei Geheimnissen tatsächlich um Dinge handeln, die wir an unseren Ohren vorbei rauschen lassen können. Aber es gibt auch Staatsgeheimnisse, die über unser Wohl und Wehe entscheiden, und von denen wir gerne wüssten. Es gibt im Christentum das „Geheimnis des Glaubens“ und auch in anderen Religionen oder Weisheitslehren ist der „rechte“ Glaube oder der „gute“ Lebensweg geheim, weil nur denen zugänglich, die sich wirklich darum bemühen.
Geheimnisse liegen wie Schätze in der Tiefe. Sie verweigern sich der Oberflächlichkeit. Sie können enorme Sprengkraft enthalten, wenn sie Lügen aufdecken oder Missstände, die verheimlicht wurden. Ein wahres Geheimnis jedoch scheint einen Zauber zu haben. Diejenigen, die eingeweiht werden, gehören zu einem verschworenen Kern. So Liebende, die ihre Herzensgeheimnisse wahren (nicht etwa, weil sie fremdgehen, sondern weil sie für sich bleiben). Im ersten Moment denke ich, dass ich keine Geheimnisse habe. Aber das stimmt wahrscheinlich nicht. Ich muss mir vielleicht erst einmal selbst auf die Spur kommen.
Sommermelancholie
Eine Pause wünsche ich mir. Eine Pause vom Leben. Wie wenn man für eine Weile die Zeit anhalten könnte, und sich darin eine Nichtzeit auffalten, und die sich gut und lang anfühlen würde, in der nichts entschieden, nichts erledigt und nichts geschafft werden müsste. Ich würde so lange auf einem sonnigen Fenstersims oder an einem Seeufer sitzen, bis ich wirklich und wahrhaftig wieder aufstehen wollte. Ich würde so tief in mich sacken, bis ich die Ruhe selbst wäre. Ich würde absolut nichts mehr tun müssen. Um am Ende dieser Nichtzeit blitzwach davonzufliegen.
Der Sonntagabend ist dem Montagmorgen die letzte Abfahrt
Wo doch der Sonntagabend oft mit goldenen Sonnenuntergängen schmeichelt, mit glücklichen Abendessen oder großen Ideen. Aber spätestens auf dem Weg ins Bett wird klar: morgen früh ist Montag. Nix zu machen. Und dann liegt tonnenschwer luftiges Gewicht auf der Brust, der Kaffee steht so weit wie die nächste Oase, die Pflichten rufen laut wie ein niedrig fliegender Kampfjet. Was hilft? Sich an die abendliche Lebenslust zu erinnern. Sich zu freuen, am Leben zu sein. Sich etwas zu überlegen, was den Montag zumindest zu einem Dienstag macht und darauf hoffen, dass der nächste Samstag bald schon anbricht.
Sommerferien
Die Schulkinder genießen die ersten freien Tage und mich befällt eine leichte Melancholie, wenn ich ihnen dabei zuschaue. Es ist eine Erinnerung an sehr ferne Zeiten, in denen ich sechs freie Wochen als ungeheuer viel Zeit und als großes Versprechen verstand. Zeiten, in denen meine Freude darüber wirklich ungetrübt war. Und ich erinnere mich an so viele Schulfreundinnen (zuerst), die mir abhanden gekommen sind. Und später auch an andere Menschen, deren Freundschaft manchmal einfach nur zerbröselt ist oder – im schlimmeren Fall – die mit einem Schlag die Türe zugeschlagen haben und verschwunden sind. Das ist wohl der laue Sommerabend-Blues. So viele Fragen. Und immer noch die Hoffnung, es könne sich um Missverständnisse gehandelt haben. Dagegen hilft wahrscheinlich nur noch die Küche putzen. Oder endlich einen Kompott von den ersten Sommeräpfeln kochen.









