Keine Sternschnuppen –

oder zumindest kaum welche, in der Großstadt. Deshalb lasse ich es Glücksschweine regnen. Naja, in die Kamera lachen. Die drei bringen mich wirklich immer wieder zum lachen. Selbst wenn es gar nicht besonders lustig ist. Ich glaube, ich habe schon einmal geschrieben, dass sie von einer über 90jährigen Frau gemacht werden. Und auch das finde ich ein tolles Glücksgeschenk: erstens, dass sie die Lust hat, so tolle Schweinchen zu töpfern und zweitens, dass ich die drei geschenkt bekommen habe. Und: ja, ganz bestimmt! Sie bringen Glück, man muss ihnen nur tief in die Augen schauen.

Gelassenheit

ist sicher hilfreich, wenn man so weit oben auf kleinstem Raum Wind und Wetter ausgesetzt ist. Schon in der Antike haben sich Gelehrte (und wahrscheinlich auch die „Normalsterblichen“) über eine möglichst gelassene Haltung Gedanken gemacht. Wie werde ich gelassen – lautet die eine Frage – und die andere: wie bleibe ich es? Der in Rom praktizierende griechische Arzt Galen hat ein kleines Werk darüber geschrieben. Vorgeblich einen Brief an einen Schulfreund – die antike Rhetorik liebte offensichtlich Ansprachen und die Fiktion einer direkten Kommunikation.

Ihm selbst war ein Missgeschick passiert: ein sehr großer Teil seines Vermögens, aber vor allem seiner wissenschaftlichen Unterlagen, Geräte und viele Medikamente waren bei einem Brand verloren gegangen. Statt, wie andere vom Brand Betroffene, zu jammern und den Verlust zu beklagen, lebte er weiter, als sei nichts geschehen. Darauf angesprochen, erklärte er zunächst, dass einiges aus seinem Besitz sowieso nur durch Glück zu ihm gekommen sein. Er führt es nicht weiter aus, doch ich verstehe ihn so, als hätte er diese Dinge gar nicht als Besitz, sondern eher als Leihgaben verstanden, die beim Verschwinden sowieso nicht zu betrauern seien.

Danach kommt sein zentraler Punkt: Niemand solle sich auf das konzentrieren, was er verloren habe, sondern darauf, was ihm geblieben ist. Und: es sei kontraproduktiv, immer auf diejenigen zu schielen, die mehr haben. Weil man auf diese Weise sein Leben lang unzufrieden bleibe. Und noch etwas gibt er zu bedenken: Wenn man für seine eigenen Bedürfnisse genug habe, sei es doch müßig, das zu wünschen (oder bei Verlust zu betrauern), was darüber hinaus geht und damit überflüssig ist. Er wiederholt: Es ist die Unersättlichkeit, die uns unglücklich macht.

Was mich sehr überrascht hat, ist seine Haltung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit gegenüber. Er war so berühmt, dass er nach fast 2.000 Jahren noch immer nicht vergessen ist. Und er sagt, er habe nie mit „wilder Begeisterung“ gearbeitet, oder das Gefühl gehabt, etwas „Gewaltiges“ zu tun. Tja. Da staunen unsere Kreativmeister/innen sicher. Was??? Keine Begeisterung? Kein Flow? Keine Selbstbestätigung? Nö. Sagt Galen. Oder schreibt es zumindest. Er habe alles in – und jetzt Ohren auf!!! – „spielerischer Muße“ zusammengestellt. So. Lieber Rackerfreaks. Große Arbeit kann auch in Ruhe gemacht werden. Wir müssen nicht dauernd abgekämpft sein, keine Zeit haben und jammern, wenn wir an unseren Aufgaben sitzen. Wir können – und sollten wahrscheinlich sogar – uns gelassen unserer Arbeit widmen. Soweit das vorgezogene Wort zum Sonntag.

Im Nachwort zu dem Text, der gerade bei Reclam in einer neuen Übersetzung erschienen ist, steht auch etwas zu den philosophischen Grundlagen von Galens Text. Aristipp von Kyrene wird da zitiert und sein Appell, man solle sich gegen Unglück und Glück gleichermaßen wappnen. Fand ich einen klugen Rat. Und genug zum drüber Nachdenken für ein ganzes Wochenende.

Galen, Gelassenheit. Aus dem Griech. von Kai Brodersen. Aus der Reihe: Was bedeutet das alles, Reclam 2016.

 

 

Am Himmel:

Wolken mit Regen. Am Mikrofon: Rodrigo Santa Maria mit Band. Noch Fragen? Morgen, Freitag, 12.08.16 ab ca. 21:00 in „Meneses Werkstatt“, Berlin-Kreuzberg, Schlesische Str. 20, 2. Hinterhof links. Viva!

Verloren

Ich habe schon eine ganze Fotoserie verlorener Stofftiere. Sie baumeln an Bäumen, liegen auf Simsen oder Mülltonnen, oder auf einem Sperrmüllberg und sehen tatsächlich ein bisschen tot oder halbtot aus, weil sie mir nichts, dir nichts aus ihrem Kuschelalltag rausgefallen sind. Sie leben ja nur durch die Ansprache. Ein Stofftier ohne Gegenüber ist nicht nur einsam, sondern auch ohne Aufgabe. Pfffff, fast wie wir Menschen.

 

 

 

Sonne aus der Vase

Und dann ganz schwarze Gedanken: Was sind Lebenslügen? Und sitze ich vielleicht selbst einer auf? Es geht dabei gar nicht darum, mit einem Abitur zu prahlen, das man nie gemacht hat oder mit einem gekauften Kuchen, den man als selbstgemacht deklariert (gar nicht so einfach). Lebenslügen schleichen sich ins tägliche Denken, Empfinden oder Beobachten ein und färben fortan den Blick, sei es rosa, braun oder betongrau. Es kann damit anfangen, dass man eine Schuld nicht anerkennt, oder sich – umgekehrt – für alles mögliche schuldig fühlt. Übermäßiges Selbstmitleid ist eine ebenso große Lebenslüge wie die Idee, dass alles klappe, und man ununterbrochen auf der Gewinnerseite steht. Werte, Einstellungen, denen man folgt, können so auf den Prüfstand geraten. Bin ich zum Beispiel wirklich hilfsbereit, weil ich das als meine christliche, menschliche (oder was auch immer) Pflicht ansehe? Oder suche ich Anerkennung. Glaube ich wirklich, ein neues Leben anfangen zu müssen, oder will ich mich aus Verpflichtungen stehlen? Schreibe ich wirklich so gut, wie ich denke? Bin ich so zufrieden mit meinem Leben, wie ich allseits beteuere? Bei anderen sind solche Ungereimtheiten manchmal zu erkennen. Aber das eigene Leben klebt zu eng an einem, als dass es sich mit einem gewissen Abstand betrachten ließe. Ich weiß es nicht. Vielleicht sind das unnötige Sorgen. Und ich sollte einfach nur den Sonnenschein aus dem Regal vor mir genießen.

Gedanken beim Sackhüpfen

Ständig kommt ein neuer angewutscht, und wenn ich ihn packen und weiterdenken will, kommt schon der nächste. So wollte ich über den heutigen Welterschöpfungstag schreiben und daran erinnern, dass man alles sparen kann, Strom, Wasser, Essen, Papier, und, und, und, damit für die nächste Generation noch was übrig bleibt, bzw. nachwachsen kann. Dann las ich einen Artikel auf Zeit-online über die Pflegezustände in Heimen, die ich nur zu gut kenne und über die immer und immer geschrieben und geredet werden muss, muss, muss, bis sich endlich etwas ändert. Denn so, wie wir mit den alten Menschen unserer Gesellschaft umgehen, gehen wir ja schließlich mit uns selber um. Dann dachte ich, mal wieder über Migräne zu schreiben und dieses merkwürdige Phänomen, dass sie Halluzinationen auslöst, die einem vom Menschen zum unförmigen Monster mutieren lassen, indem sie sämtliche – eigentlich selbstverständlichen – Körperwahrnehmungen auf den Kopf stellen. Und einen nach einem Anfall seltsam fremd in der eigenen Haut zurück lassen. Dann habe ich das neue Buch von Jeannette Winterson zu lesen angefangen und möchte nur jubilieren, ja und dann dachte ich daran, dass jede Medaille zwei Seiten hat, und ich gerade das Gefühl habe, nach den vielen Rückseiten auch endlich mal Vorderseiten zu Gesicht zu bekommen und ich wollte darüber nachsinnen, woran das liegen könnte. Ja, am Schluss gab es noch einen Artikel auf Spiegel-online, dass Singles vielleicht doch die glücklicheren Menschen sind, aber am Ende ist auch der Gedankengang wieder weggehüpft…

Musik wie ein guter Espresso

Keine Lust, weil es draußen regnet? Seit gestern gibt es Sommer für die Ohren: Rodrigo Santa María und Band haben ihre dritte CD in Deutschland herausgebracht: Todo o nada. Stark, elegant, wild, zart, laut, mit Karacho und Zurückhaltung, Lieder und Instrumentalstücke in ziemlich großer Besetzung: Gitarre, Bass, Schlagzeug, Schlagwerk, Klavier, Trompete, Saxofon, Flöte, Oboe, Klarinette, Violine, Bratsche, Cello und mit verschiedenen Stimme.

Die meiste Zeit höre ich klassische Musik. Deshalb fehlen mir wohl die richtigen Worte, um diese Mischung aus südamerikanischen Musik, Jazz und einem für Rodrigo Santa María unverwechselbaren eigenen Sound zu beschreiben.

Rodrigo kommt aus Chile. Er ist Gitarrist, und das ist auch die Basis seiner Stücke. Von CD zu CD kommen andere – und wie mir scheint, auch mehr – Instrumente dazu. In einer Besprechung seiner Stücke fiel der Begriff „Bossa Chilena“, was mir eben trotz kompletter Unkenntnis eine gute Beschreibung scheint. Meinen klassisch geprägten Ohren gefällt die Komplexität, mit der er die Instrumente einsetzt: stets entsteht ein eigener Kosmos, Rhythmen werden mit Trommeln, Rasseln, Kesseln, Glöckchen, nicht zuletzt mit der Gitarre angetrieben, man bekommt Lust zu tanzen (anders als in der Philharmonie), aber es gibt auch immer wieder ruhige Momente zum Träumen oder sich bloß mal wohl fühlen. Wenn ich ehrlich bin, hält mich jedoch seine am meisten Stimme im Bann. So möchte ich abends in den Schlaf gesungen werden. Jaja.

Die offizielle Release-Party ist nächsten Freitag in Kreuzberg. Ich werde noch Bescheid geben. Dann weiß ich auch, wie die CD zu bekommen ist.

Warum Fotos glücklich machen,

können wir gerade bei „Zeit-online“ lesen. Zugegeben, dort ist von Urlaubsfotos die Rede, aber ich würde mal sagen, ob Urlaub oder Alltag, das Glück ist gleich groß. Gemeinhin gilt ja das Vorurteil, das knipsende Menschen oberflächlich sind und statt zu gucken oder mal fünf Minuten irgendwo zu sein, schnell ein Foto machen und wieder abdüsen. Ja. Soweit. Aber wer fünf Minuten bleibt und dabei noch fotografiert, schaut genauer hin. So jedenfalls haben es US-amerikanische Psychologen herausgefunden. Und sie bemerkten gleichzeitig, dass die Stimmung von fotografierenden Proband/innen bei einem Museumsbesuch oder einer Stadtrundfahrt besser war, als die der nichtfotografierenden Kolleg/innen.

Aber das ist ja auch so. Wenn ich auf dem 400sten Weg ins Büro bin, habe ich alles schon gesehen, außer ich sperre Augen und Ohren auf und knipse, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Neulich ist mir ein erster Falke begegnet, von den Vögeln, die vor ein paar Wochen hier ausgesetzt wurden. Oder der Wetterfrosch von gestern. Oder eine irre Küchenfee, die noch darauf wartet, ein Klunker zu werden. Alle Bilder sind kleine Goldstücke im Alltagsgewebe. Und was noch besser ist (und für die Urlaubsfotos gleich doppelt gilt): Jedes Foto behält die ganz eigene Stimmung des Moments, in dem es entstanden ist. Ich kann mich immerzu daran erinnern, wie ich mich gefühlt habe, als ich dieses oder jenes Foto (vor Jahren) gemacht habe. Und wenn man Lust hat, kann man sich eine ganze Gefühlskulisse an die Wand hängen. Also, was schreibe ich noch? Los raus, Fotos machen!

Der Traum von einem leeren Zimmer

Jedes Mal, wenn Freunde oder Freundinnen umziehen, beschleicht mich eine leichte Wehmut. Noch einmal neu anfangen. In ein leeres Zimmer ziehen, die ersten Tage vielleicht nur auf einer Matratze zwischen unausgepackten Kisten leben, improvisieren, neue Ideen am laufenden Band entwickeln, wie das nun alles einzurichten wäre. Zufällig auf Dinge stoßen, etwas geschenkt bekommen, einen Lieblingssessel finden, eine neue Lieblingsfarbe vielleicht. Neue Vögel vor dem Fenster hören, andere Stimmen, den Wind auf neuen Ecken pfeifen und das Licht aus einer anderen Richtungen einfallen sehen. Tagelang putzen, neue Wege zur neuen Wohnung gehen, sich den ersten Abend mit Gästen in den neuen Räumen vorstellen. Baumärkte besuchen. Einen ersten Blumenstrauß auf die Fensterbank stellen. Ach ja. Das wäre was.