Gelassenheit

ist sicher hilfreich, wenn man so weit oben auf kleinstem Raum Wind und Wetter ausgesetzt ist. Schon in der Antike haben sich Gelehrte (und wahrscheinlich auch die „Normalsterblichen“) über eine möglichst gelassene Haltung Gedanken gemacht. Wie werde ich gelassen – lautet die eine Frage – und die andere: wie bleibe ich es? Der in Rom praktizierende griechische Arzt Galen hat ein kleines Werk darüber geschrieben. Vorgeblich einen Brief an einen Schulfreund – die antike Rhetorik liebte offensichtlich Ansprachen und die Fiktion einer direkten Kommunikation.

Ihm selbst war ein Missgeschick passiert: ein sehr großer Teil seines Vermögens, aber vor allem seiner wissenschaftlichen Unterlagen, Geräte und viele Medikamente waren bei einem Brand verloren gegangen. Statt, wie andere vom Brand Betroffene, zu jammern und den Verlust zu beklagen, lebte er weiter, als sei nichts geschehen. Darauf angesprochen, erklärte er zunächst, dass einiges aus seinem Besitz sowieso nur durch Glück zu ihm gekommen sein. Er führt es nicht weiter aus, doch ich verstehe ihn so, als hätte er diese Dinge gar nicht als Besitz, sondern eher als Leihgaben verstanden, die beim Verschwinden sowieso nicht zu betrauern seien.

Danach kommt sein zentraler Punkt: Niemand solle sich auf das konzentrieren, was er verloren habe, sondern darauf, was ihm geblieben ist. Und: es sei kontraproduktiv, immer auf diejenigen zu schielen, die mehr haben. Weil man auf diese Weise sein Leben lang unzufrieden bleibe. Und noch etwas gibt er zu bedenken: Wenn man für seine eigenen Bedürfnisse genug habe, sei es doch müßig, das zu wünschen (oder bei Verlust zu betrauern), was darüber hinaus geht und damit überflüssig ist. Er wiederholt: Es ist die Unersättlichkeit, die uns unglücklich macht.

Was mich sehr überrascht hat, ist seine Haltung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit gegenüber. Er war so berühmt, dass er nach fast 2.000 Jahren noch immer nicht vergessen ist. Und er sagt, er habe nie mit „wilder Begeisterung“ gearbeitet, oder das Gefühl gehabt, etwas „Gewaltiges“ zu tun. Tja. Da staunen unsere Kreativmeister/innen sicher. Was??? Keine Begeisterung? Kein Flow? Keine Selbstbestätigung? Nö. Sagt Galen. Oder schreibt es zumindest. Er habe alles in – und jetzt Ohren auf!!! – „spielerischer Muße“ zusammengestellt. So. Lieber Rackerfreaks. Große Arbeit kann auch in Ruhe gemacht werden. Wir müssen nicht dauernd abgekämpft sein, keine Zeit haben und jammern, wenn wir an unseren Aufgaben sitzen. Wir können – und sollten wahrscheinlich sogar – uns gelassen unserer Arbeit widmen. Soweit das vorgezogene Wort zum Sonntag.

Im Nachwort zu dem Text, der gerade bei Reclam in einer neuen Übersetzung erschienen ist, steht auch etwas zu den philosophischen Grundlagen von Galens Text. Aristipp von Kyrene wird da zitiert und sein Appell, man solle sich gegen Unglück und Glück gleichermaßen wappnen. Fand ich einen klugen Rat. Und genug zum drüber Nachdenken für ein ganzes Wochenende.

Galen, Gelassenheit. Aus dem Griech. von Kai Brodersen. Aus der Reihe: Was bedeutet das alles, Reclam 2016.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

    • Stephanie Jaeckel 13. August 2016

      Ehrlich gesagt, es ist ein sehr dünnes Bändchen, und auch wenn es nur fünf Euro kostet, hätte ich mir vielleicht noch einen zweiten Text von Galen dazu gewünscht. Wahrscheinlich ist es unter dem Aspekt „antikes Leben“ interessanter, als alles andere. Aber ich finde es stets so erstaunlich, tröstlich und wirklich gut, dass Menschen auch schon vor 2.000 Jahren mit denselben Problemen konfrontiert waren wie wir. Insofern ist es eine wirklich grundlegende Leseerfahrung.

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