Loslassen

gehört zu dem Schwierigsten, was wir von uns verlangen können. Gefangen in der Idee von Machbarkeit, in das Selbstverständnis, Dinge bewegen zu müssen, aktiv zu sein, den eigenen Weg zu machen, sein Leben zu gestalten, fühlen sich viele gerade, als hätte jemand den Stecker gezogen. Wir haben unseren gewohnten Alltag verloren, die To-Do-Listen bleiben liegen. Und werden nicht mal mehr länger. Zu allem Überfluss lacht auch noch der Schweinehund breit vergnügt.

Wer bin ich? Was mache ich auf dieser Welt? Für was würde ich sterben? Fragen, über die ich lange nicht nachdenken wollte. Und für die ich in den letzten Tagen überraschende und durchaus erfreuliche Antworten gefunden habe. Dazu die komplette 9. Sinfonie von Mahler (Abbado) an einem sonnigen Nachmittag. Einfach so. Und so umwerfend! Wie sagt der alte Hippie? Love and peace. Euch ein schönes Wochenende!

Hölderlin also

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren, 50 Jahre kann ich mir gerade so vorstellen. Der Rest ist angelesen. Geburtstag hatte er am 20. März, heute war er – also damals am heutigen Tag – 13 Tage alt, natürlich schon getauft, in damaliger Zeit musste man so viele Neugeborene wie möglich vor der Hölle bewahren, die Sterblichkeitsrate von Säuglingen und Müttern lag hoch. Vielleicht schien dem Hölder, wie er sich später nannte, die Sonne ein Willkommen in die Wiege.

Letzten November habe ich mich für einen Auftrag zum ersten Mal umfassend mit Hölderlin beschäftigt. Gestern habe ich zum ersten Mal wirklich Zeit gehabt, mir seine Gedichte anzuschauen. Was für ein Ritt: Ich kann alles lesen, aber ich verstehe wenig. Umso schöner, dass ich gerade Zeit habe. Natürlich werde ich viel lesen müssen. Zuerst die Gedichte wieder und wieder. Und dann auch Interpretationen der Gedichte oder andere Gedichte von Zeitgenossen oder von Pindar und Klopstock, die schon der ganz junge Hölderlin verehrte. Aber mir scheint, die Gedichte wollen mehr. Als wollten sie eher gekaut als gelesen werden. Ich habe mal eins auseinander geschnitten. Jetzt habe ich einen großen Wortsalat, aus dem ich ein neues Gedicht machen will. Mal sehen, was dabei rauskommt…

Kein Aprilscherz

Gestern war schließlich auch noch März. Und auf meinem Bankkonto-Auszug stand eine deutlich höhere Zahl als neulich noch: Der Corona-Zuschuss. Ich hätte es Anfang des Jahres nicht für möglich gehalten. Meine Mutter war an Alzheimer erkrankt, die Tortur, Pflegegeld in einem solchen Fall zu bekommen, war in manchen Zeiten schlimmer als die Krankheit selbst, die eben zu jener Zeit noch nicht „anerkannt“ war. Kein Vorwurf an die Kasse, wir haben die Unterstützung am Ende immer bekommen. Aber es war eine Wissenschaft für sich, meine Eltern wären eindeutig damit überfordert gewesen. Und jetzt: Beantragen, drei Tage warten, Geld auf dem Konto. Und die Sonne scheint auch wieder. DANKE!

Jetzt auch noch das:

Aprilwetter! Der vierte Monat ist so in etwa der Flaschenhals durch den das noch junge Jahr muss, um in die angenehmeren Zeitzonen zu kommen. Aber Schnee? Ich glaube, es war heute in Berlin kälter als den gesamten letzten Winter über. Ausnahmsweise mal schön, dass ich sogar offiziell nicht rauszuwollen hatte.

Dafür habe ich im Internet Übungen gegen meine Knieschmerzen gefunden und eine Plattform für Hundefreund/innen, wo Hundebesitzer/innen ihre Hunde mit anderen „teilen“, das heißt, zum Spazierengehen und Spielen ausleihen, um selber auch mal hundefrei zu haben. Toll. Vielleicht ist das ja endlich die Lösung für meinen ewig noch nicht erfüllten Hundewunsch versus zu kleiner Großstadtwohnung? Und das an einem so dusseligen Schnee-und-Regen-Tag. Man sollte Alltags-Tage nicht unterschätzen: Sie sind oft Startpunkte für ganz neue Abenteuer.

Die eigenen Schätze heben

Das Interessante an kniffeligen Situationen ist: Wie gehe ich damit um? Statt: Wie komme ich da wieder raus? (Das ist meist erst der zweite oder dritte Schritt).

Momentan schaue ich mich um. Es ist so irre viel da, was getan, gedacht und meinetwegen auch verschlafen werden kann, ich habe das Gefühl, je mehr ich runter schalte, desto mehr stürmt auf mich ein. Oder anders formuliert: Ich hatte selten kürzere Tage als gerade jetzt. Wie geht es Euch?

Licht und Schatten

Aktuell ist Schwarz-Weiß-Sehen vielleicht eine der größten Gefahren neben der Ansteckung mit dem Virus selbst. Wer besorgt ist, neigt zu kräftigen Schattierungen beim Denken. Besonders schön ist es dann natürlich, wenn plötzlich mehr Licht ist.

Ich sitze also gestern am Schreibtisch, drehe meinen Kopf ca. 45° nach links und schaue – blinzele (es ist sehr sonnenhell) – schaue – greife zur Brille: Nanu. Wo früher mal ein Schuppen war – d.h. ein eher hässlicher tannendunkelgrünverwitterter extrem fetter – Schuppen, war jetzt – nichts. Oder besser: blauer Himmel. Ab hier kürze ich ab: Ich dachte nämlich tatsächlich erst, ich hätte Homeoffice-Halluzinationen. Tatsächlich ist die blöde Butze aber weg. Das allerbeste daran: ich habe sie selbst weggeschnippt (nee, den Abriss mussten zum Glück andere machen). Ich habe nämlich seit einigen Monaten eine feuchte Wand. Die Hausverwaltung sah die Ursache in besagtem Schuppen, der meiner Ansicht nach überhaupt nichts mit dem Wasserfleck neben meinem Fenster zu tun hat, aber tatsächlich nach Bauverordnungsregeln zu nah an unserem Haus steht. Manchmal kommt es eben anders. Aber wenn ich gesagt hätte, dass der Schuppen mir Licht nimmt und die Sicht aus meinem Fenster zu jäh enden lässt, wäre sicher nie, nie, nie etwas passiert. Bleibt der Fleck. Aber den bekomme ich auch noch weg.

Jetzt habe ich also tolle Lichtspiele in meiner Küche. Die gehen aber nur mit sorgfältig geputzten Töpfen… – Ich muss ans Bauhaus denken, dort hatten sie die Idee, fortan keine Bilder mehr an die Wände zu hängen, sondern Lichtspiele zu organisieren. Ist abends natürlich weg (also, bei mir). Trotzdem schön.