Gutenachtgeschichte

Ihr müsst schon ein bisschen näher ranrücken, alte Teddys brummen nicht mehr ganz so laut. Aber alle haben ein paar tolle Geschichten auf Lager. Mit denen sie auch hartnäckige Fälle in den Schlaf bringen. Hört mal!

So schnell kann es gehen

Gestern noch kam mein Freund Carsten außer Atem bei mir an: fast wäre er von einem Auto überfahren worden. Ein Schreck, den ich fast körperlich spürte, so als wäre zwischen seiner Anwesenheit und seinem Verschwinden tatsächlich nur ein Hauch. Und als könne er sich in Luft auflösen, wenn ich mir den Unfall auch nur vorzustellen wagte.

Heute Nachmittag bin ich fast an einem verschluckten – bzw. in die Luftröhre geratenen – Stück Haselnuss erstickt. So schnell kann es gehen. Aber auch hier: Was als Desaster beginnt, kann als große Feier enden. Denn auch wenn ich vom Husten und Schlucken tierische Kopfschmerzen habe: ich weiß gar nicht wohin vor Glück am Leben zu sein.

Enttäuschungen wegstecken

Für freie Autor/innen bleiben sie natürlich nicht aus: die Enttäuschungen. Wir bieten unsere Ideen an, passen sie auf alle möglichen Formate (oder entwickeln diese gleich mit), recherchieren, erkunden, geben Wissen preis – und werden am Ende abgelehnt.

Dabei geht es nicht um die Härte, tage-, manchmal wochenlang an einem Vorschlag zu arbeiten, der auf keinerlei Gegenliebe stößt. Es geht um die Art, mit der wir immer wieder gegen Wände laufen, die übrigens weder männer- noch frauentypisch sind, die aber, wie ich finde, Schandmale in der Arbeitswelt sind, weil nicht nötig: Das pure Ignorieren.

Wer einen Vorschlag macht, rechnet damit, abgelehnt zu werden. Nicht nur, weil eine Idee vielleicht noch unfertig ist oder – im schlimmsten Fall – überflüssig. Oft kann ich ja nicht wissen, wie die internen Planungen laufen, ob es eine ähnliche Idee schon gibt, ob Geld da ist oder genug Manpower zur Umsetzung. Vielleicht hatte der Umschlag auch bloß die falsche Farbe, Gründe sind unvorhersehbar. Und natürlich alle gleich gültig.

Wirklich bitter sind die verschleppten Antworten, die über eine lange Zeit zum Nein werden, wo eine Absage doch für beide Seiten akzeptabel ist. Es geht mir nicht ums Lamentieren, sondern um Verständnis: Ist es so schwer, etwas abzusagen? Oder macht es Spass, jemanden monatelang hinzuhalten und dann so zu tun, als sei diese/r Jemand begriffsstutzig oder – schlimmer noch – lästig? Mehr Augenhöhe ist für beide Seiten von Vorteil. Denn nur sie ermöglicht gute Arbeit und beste Ergebnisse. Was läuft da falsch?

Doch. Es gibt auch hier ein Happy End. Denn wo Enttäuschungen sind, ploppen unvermutet neue Möglichkeiten auf. Einladungen, Angebote, Rückmeldungen. Sich dann an einer Enttäuschung festzubeißen, ist sicher falsch. Sie aber kommentarlos zu übergehen, ist für mein Gefühl auch kein Weg. Weil diese Kommentarlosigkeit etwas in unserem Umgang zementiert, was ganz und gar nicht gut ist. Denn auch hier geht es um Macht-Mißbrauch. Egal ob von Mann zu Frau, Mann zu Mann, Frau zu Mann oder Frau zu Frau.

 

 

In eigener Sache

Am 16. März besuche ich die Leipziger Buchmesse. Ich bin eine Art Neuling – das erste und bislang einzige Mal war ich mit einem so gigantischen Schnupfen dort, dass ich mich eigentlich nur an meinem Taschentuch festgehalten habe. Gespräche habe ich gemieden, ich war einfach eine bazillengetränkte Zumutung (äh, nee, es sind Viren – oder?). Egal. Falls jemand von Euch Blogger/innen dort ist – sagt doch Bescheid, vielleicht können sich unsere Wege kurz kreuzen. Das würde mich freuen. Oder gebt mir Tipps, was sich für so einen einzigen, winzigen Tag lohnt. Danke!

Ist das so?

Ich habe gestern einen Artikel in einer – zugegeben – Frauenzeitschrift gelesen, in dem es um Alkoholverzicht geht. Die Autorin schreibt über große Schwierigkeiten – bis hin zu auseinandergegangenen Freundschaften – die auf ihre Entscheidung folgten, keinen Alkohol zu trinken.

Ich bin überrascht. Ist das so? Ich meine, ist das in den jüngeren Generationen schon wieder so? – Ich bin ja mittlerweile über 50. Ich kenne etliche Frauen, die mit Beginn der Wechseljahre keinen Alkohol mehr vertragen und ihn seitdem konsequent meiden. Es gibt viele Leute, die Alkohol-Fastenzeiten einlegen, und immer wieder auf das Glas Sekt zum Anstoßen auf Geburtstage verzichten, ohne dass es einen Aufstand von Seiten der Gastgeber/innen gäbe. Wer eine Diät macht, trinkt meist keinen Alkohol. Es gibt natürlich auch immer die Leute, die mit dem Auto gekommen sind, obwohl das in Berlin eher die Ausnahme ist. Oder die ersten Herzinfarktpatienten. Ich erlebe es nie, dass hier Zwang à la „ach, stell Dich nicht so an, ist doch nur ein Glas“ oder so ausgeübt wird.

Ich erlebe es allerdings umgekehrt auch nicht, dass mir mein alkoholisierter Freundeskreis spassmäßig davon galoppiert, wenn ich nichts trinke. Im Gegenteil, ich lasse mich schnell von ausgelassener Laune mitreißen, ohne dass ich selber einen im Tee haben muss. Mein rheinisches Gemüt? Vielleicht. War aber nie ein Problem. Wie ist das bei Euch? Kennt Ihr das auch so – also eher entspannt? Oder fühlt Ihr Euch in Erklärungsnot, wenn Ihr mal oder immer auf Alkohol bei einer Freundesrunde verzichtet?

 

„Wie wir begehren“

So lautet der Titel des 2012 erschienen Buchs von Carolin Emcke, in dem es um gleichgeschlechtliche Liebe geht und um das Erwachen der Sexualität in (?) Teenagern der 1970er Jahre – ein wirklich weites Feld… ich habe es selbst erlebt.

Und obwohl ich das Buch unbedingt zum Lesen anpreisen will, ist das hier keine Rezension. Ich bin auf der Suche nach Hinweisen über den Zusammenhang von Liebe und Freiheit auf das Buch gestoßen. Denn ich möchte wissen, ob Begehren immer ein Gefängnis werden muss, weil man sich zu sehr auf das Begehrte fokussiert. Oder ob es doch umgekehrt die Voraussetzung für Freiheit sein könnte. Wenn man (also in diesem Fall ich) darauf verzichten könnte, das, den oder die Begehrte/n zum alleinigen Zentrum des Leben zu machen? Und ob das wiederum eine bloße Illusion ist, weil man als Mensch am Ende eben doch nicht anders kann, als den oder die anfangs Fremde/n ins eigene Leben zu kolonialisieren.

Festschreibungen zu umgehen. Das schafft Carolin Emckes Buch mit einer Leichtigkeit, die mich umhaut. Sie bleibt immerzu beim scharfen Beobachten, was ich zum Beispiel bei der Wortlosigkeit, die in den 1970er Jahren beim Thema Sexualität herrschte, umwerfend finde. Ich selbst stoße hier immer wieder auf die großen „Löcher“ die ich als Heranwachsende spürte, Zonen, die unangenehm und interessant in einem waren, und die mit niemanden besprochen werden konnten, weil die, die darüber wussten, aus Scham schwiegen und die anderen genauso sprachlos waren, wie ich selbst.

Obwohl ich nicht homosexuell bin, habe ich mich in meinem Begehren immer als Außenseiterin empfunden. Vielleicht, weil ich das Modell „Vater, Mutter, Kind(er)“ von klein an verworfen habe. Wo begehrt man hin, wenn am Ende kein Haus da steht, oder nicht wenigstens eine geteilte Mietwohnung, ein Ring und gemeinsame Reisen?

Wo begehrt man hin, wenn das Fremde spannender ist, als das, was man kennt? Oder – um mit dem Kleinen Prinzen zu sprechen – wohin kann man ein Gegenüber zähmen, wenn man es nicht vereinnahmen will? Und wie kann ich mit Lust und großer Freude in eine Unsicherheit begehren ohne unentwegt einen Verlust zu fürchten? Oder allgemeiner: kommen Lust und Glück jemals zusammen?

Es berührt mich, dass Carolin Emcke gerade Musik als Möglichkeit beschreibt, die eigenen, unbennenbaren Gefühle zu erforschen. Es ist (vielleicht !?) – zumindest für Menschen, die Musik lieben –  ein bislang immer noch zu wenig bekannter Königsweg, sich im eigenen Liebesuniversum zurecht zu finden.

Kein Fazit. Auf jeden Fall ein hinreißendes Buch:

Carolin Ecke, Wie wir begehren, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012.