Wo versteckt es sich denn?

Musste ich lachen, als ich auf meinem Weg zum Solomon R. Guggenheim Museum fast schon angekommen war. Denn wer wagt sich da keck – wenn auch nur ein kleines bisschen – aus der Linie der anderen Fassaden hervor?

Als ich vor dem Museum stand, war es dann so wie vor der Concorde: Wie klein dieses Gebäude ist! Und wie perfekt es immer noch da steht. Es ist jetzt 60 Jahre alt, wer genau hinschaut, sieht es hier und da bröckeln, aber im Grunde ist das Haus eine Schönheit, die nicht altert.

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Das Foto habe ich später – nach meinem Besuch – gemacht. Deutlich zu sehen die Schlange, die sich vor dem Haus gebildet hatte. Samstag ist Shopping-Tag, Park-Tag und eben auch Museumstag.

Zum 60sten Geburtstag gibt es eine schöne Ausstellung: Sechs Kurator/innen wählen aus den Beständen des Guggenheim Werke , die sie nach ihren Vorstellungen zusammenstellen. Besser kann man gar nicht zeigen, wie sehr die Auswahl und das Nebeneinander von Werken unseren Blick leitet. Und welcher Reichtum sich in einer Sammlung befindet, der sich eben auch erst dann zeigt, wenn die Werke sich in neuen Nachbarschaften spiegeln können. Das war eine mehr aus lohnenswerte Ausstellung, auch wenn man vielleicht vorher denkt, „Ooch, nix Neues“. Von wegen!

 

Unter dem schönsten Flugzeug der Welt

Das nenne ich Humor: Eine Concorde als Regendach für eine Cafeteria! Naja, nicht irgendwo. Ich habe die Intrepid besucht, einen ehemaligen Flugzeugträger, der heute als Museum für ausrangierte Flugzeuge dient, und für die Enterprise (pffff, leider nicht die aus der Zukunft, ist ja noch nicht soweit, sondern für das Space-Shuttle, ist aber natürlich auch toll).

Ich bin völlig unvorbereitet dort hingegangen. Und habe erst im Laufe des Rundgangs begriffen, dass es sich bei der Itrepid um ein Schiff handelt, das im Zweiten Weltkrieg im Einsatz war. Und dass es ferner zahlreiche Kampfjets dort zu sehen gibt, die in Vietnam waren.

Ich stoße sofort an Grenzen. Wer sagt denn zum Beispiel, dass ich mir im Urlaub nur schöne Dinge ansehen soll? Dass ich Armut, Gewalt, Kriege ausklammern kann, nur weil ich Freizeit habe? Tatsächlich bin ich später noch mit einem älteren Herrn ins Gespräch gekommen. Er erzählte zuerst, dass er amerikanische Literatur an der Uni in Boulder (Colorado) unterrichtet habe. Um nur kurze Zeit später zu sagen, dass er die Intrepid besuche, um seinem Sohn und seinem Enkel eines der Flugzeuge zu zeigen, dass er einst geflogen hat. „Sie sehen mich jetzt mit anderen Augen, oder?“ fragte er. Und ich war zu überrascht, um wirklich eine Antwort zu geben. Und ich weiß nicht, ob er wirklich auf eines dieser Vietnam-Flugzeuge angespielt hat, aber wir haben unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht, ich werde es also vermutlich noch erfahren.

Auch später, in der sehenswerten Ausstellung von Agnes Denes kam es wieder zu so einem Moment. Der Central Park ist auf zum Teil enteigneten Grundstücken gebaut – Grundstücken von Schwarzen, denen nicht nur ihr Besitz genommen wurde, sondern auch die Möglichkeit zur Wahl (es gab zu dieser Zeit ein an Grundbesitz gekoppeltes Wahlrecht).

Gibt es immer zwei Seiten? Ist es zynisch, hinter schönen Dingen etwas Häßliches zu vermuten. Ist es naiv, das nicht zu tun? Hier sitze ich, und weiß es nicht. Immerhin ist Urlaub auch eine Zeit, nachzudenken. Schauen wir mal…

Bruchlandung

Um es vorweg zu nehmen: Hätte es diesen kleinen Kaffeetresen im Buchladen des Metropolitan Museums nicht gegeben, wäre ich wahrscheinlich irgendwann kraftlos zusammengeklappt. Ich war zwar auch schon vor acht Jahren in diesem Museum, aber erst jetzt habe ich die Dimensionen wirklich begriffen. Nach ein paar Stunden hatte ich das Gefühl, alles, was ich je in der Kunstgeschichte gelernt habe, neu lernen zu müssen, weil so – in dieser gigantischen Zusammenschau von allem und jedem – alles doch immer wieder etwas anders ist, als ich mir das so zurecht gelernt hatte. Raumschiffe in der Südsee, begehrliche Männerkörper als Bronzerüstungen früher Griechen, ein frecher Amor, der Venus anpinkelt, Lee Krasner (von der ich heute lese, dass sie gerade in der Frankfurter Schirn neu entdeckt wird), Wangechi Mutu, über die ich vor ein oder zwei Jahren einen Artikel geschrieben habe, die gerade hier groß rauskommt, die schwarzen Konturen bei Tiepolo, Miro als kleinteiliger Mustermaler, Mumien, die mir römisch vorkommen, tausende Trinkgläser in allen Formen und Farben, alte Kunstkammerstücke, deren Wert in Kühen bemessen wird (tolle Idee!), amerikanischer Schmuck vom Beginn des 20. Jahrhunderts, zwei Sonderausstellungen (alte niederländische und moderne amerikanische Kunst), südamerikanisches Gold und – dann der beste Kaffee seit Wochen. In einem Pappbecher. Im Buchladen. Rest. Regroup. Recharge. Das ist übrigens auch das Programm für heute. Einfach mal nix tun. Und die Sonne genießen.

New Yorker

Wenn man unterwegs Hiobsbotschaften von zu Hause hört, ist es doppelt mühsam, weil man in der Fremde als Aushängeschild für sein Land rumläuft (zumindest fühlt es sich so an). Von dem rechten Herren habe ich von dem Anschlag in Halle erfahren, ich war zu perplex, etwas zu sagen, zumal ich hier in New York zum ersten Mal Jom Kippur als Feiertag erlebt habe, und so froh darüber war.

Doch weil die Gastfreundschaft in dieser Stadt so groß geschrieben wird, wähle ich dieses Foto als Bild für meine Hoffnung, dass es auch immer wieder Verständigung zwischen Fremden gibt: So freundlich, wie die beiden heute auf mich zugekommen sind. Wer wirklich tolle Fotos aus dem Whitney Museum sehen will, sollte mal bei Instagram unter vinpunch163 schauen, es ist der linke Herr, er heißt mit vollem Vornamen Vincent, arbeitet als „Guard“ im Haus und hat einen fantastischen Blick. Das Kunstwerk im Hintergrund gehört zu meinen Lieblingen der diesjährigen Whitney Biennale. Eine zum Teppich gewebte Flimmerkiste… – einfach klasse.

Törtchenparadies New York

Das ist vielleicht nicht die erste Idee, die man mit der amerikanischen Ostküstenstadt verbindet, aber ja, doch: Die können Törtchen. Wir dürfen ja nicht vergessen, dass New York schon immer eine Einwanderermetropole war. Hier gibt es alles, was das Herz begehrt, und an meinem ersten Tag, das gebe ich zu, habe ich enorm zuckerreich gegessen. Ein Zufallstreffer war die Austernbar gleich um die Ecke, Epicerie Boulud, ich sah Leute da Kaffee trinken, also nix wie rein, und Boah! So viele Tage wie Lieblingstörtchen bin ich gar nicht hier. Das gesamte französische Programm, aber viel feiner und enorm schön. Ein Kunstwerk steht da neben dem anderem im edlen Kühlregal. Ich bin glücklich, allerdings muss ich mich noch daran gewöhnen, dass sich Amerikanerinnen gerne gleich neben mich setzen und ein Gespräch beginnen. Wie heißt es so schön: Auf Reisen verlässt man seine Komfortzone. Und auch wenn Angesprochen-Werden weiß Gott noch keine Gefahr oder eine echte Herausforderung bedeuten, mir fällt es schwer, einfach Small-Talk zu führen.

Das Törtchen auf dem Foto gibt es dann beim nächsten Stop im Museum of Arts and Designs (MAD – haha) am Lincoln Square. „Robert“, das Restaurant, ist im 9. Stock und bietet einen fantastischen Blick über den Platz und den angrenzenden Central Park. Ich habe lange nicht so fantastisch gesessen, dazu mit Kaffee satt, der Service war zwar etwas hochnäsig, aber nachgeschüttet wurde mit Elan. Aber gerade in dieser Edel-Location musste ich wieder meine fehlende Weltläufigkeit zeigen – wie gibt man mit Kreditkarte ein Trinkgeld??? Autsch! Ende Komfortzone, gleich wieder. Aber was wären hochnäsige Nobelrestaurantkellner nicht, wenn… – einen, der mir sympathisch schien, schaute ich fragend und hilflos an, und schon kam er auf mich zu und half mir aus der Patsche. Charmant, höflich, zum auf die Knie gehen. Situation gerettet, aber ein wenig geschämt habe ich mich schon. Das letzte Törtchen war eine eher solide jüdische Süssware, ein Hefegebäck, das ich bei „BREADS Bakery“ erstand (neben einem fantastischen Baguette), mit Blick auf deren „Concorde Cake“, die offensichtlich neulich von der New York Times ausgezeichnet wurde. (Habe ich dann aber nicht mehr geschafft).

Der eigentliche Knaller war dann aber das American Folk Museum. Ich war vor acht Jahren schon mal da – das Haus musste mittlerweile aus seinen Räumen neben dem MoMa raus und ist jetzt stark verkleinert ebenfalls am Broadway zu Hause. Aber damals wie gestern stand mir vor Bewunderung der Mund auf. Alles (früher) so genannte „naive“ Maler/innen, oft psychisch auffällige Menschen, sind mit einer Fantasie gesegnet so tief das Unbewusste reicht. Und ich finde Dinge, die ich als Kind „konnte“ oder auch gedacht und – längst nicht so vollendet – gedacht oder gemalt habe. Wir Menschen, so denke ich dort, sind doch viel mehr, als wir uns seit der Aufklärung in Europa zurechtgeschustert haben. Eine Offenbarung.

Sehr schön dann später im MAD „Vera paints a Scarf“, eine Ausstellung über die amerikanische Designerin Vera Neumann und der „Burke Prize 2019“, ein Preis, den das Museum jedes Jahr an zeitgenössische Künstler/innen verleiht und wo mich ineinander geschmolzene Silbertabletts und eine Maschine zum Erzeugen von Meeresrauschen besonders begeistert haben. Anna Sui wurde auch gezeigt, da war ich aber schon zu erschöpft, um überhaupt noch etwas zu sehen.

Damit war der Tag natürlich noch nicht zu Ende. Man sieht, wieviel man sehen kann, wenn man unterwegs ist. Aber ich will hier keine Romane schreiben. Sondern schnell wieder raus, und weiter gucken. Törtchen essen natürlich inbegriffen…

Die alte neue Welt

Vom Flughafen Newark kommend, sieht New York anders aus, als wir das von Reiseprospekten gewohnt sind. Schon fast ländlich und mit einer Infrastruktur, die wahrscheinlich noch meinen Groß- vielleicht sogar Urgroßeltern vertraut sein würde. Ich bekomme eine Ahnung davon, wie viele Generationen an dem Aufbau der Stadt beteiligt waren, und staune, mit wieviel Improvisation hier Garagen, Werkhallen und andere Bauten für kleine Firmen regelrecht gebastelt wurden. Man könnte Tage verbringen, durch diese Vororte zu laufen und „handgemachte“ Buden zu fotografieren.

Die Reise selbst verlief reibungslos. Im Tagesspiegel konnte ich lesen, dass ich knapp vor dem großen Einbruch der Kapazitäten am Flughafen Tegel noch davon gekommen bin. Leider hatte ich Migräne, war also die ganze Zeit ziemlich angeschlagen. Aber mit allen Medikamenten, die ich dabei hatte, kam ich aufrecht durch. Nur eine winzige Schlange bei der Einreise, und dann konnte ich mir alle Zeit der Welt nehmen, mit Bahn und auch zu Fuß (Bombenwetter! 25°C) zu meiner Unterkunft zu kommen. Das ist der enorme Vorteil vom Alleinreisen: Man hat Zeit. Wenn ich also müde wurde (mit dem Kopf!), konnte ich noch einmal einen Zwischenstopp einlegen, Kaffee trinken, Obst essen, Leute beobachten, in Gedanken hängen, ohne dass jemand genervt oder in seinem oder ihrem Tempo gestört worden wäre. Ich habe so tolle Klamotten gesehen, Frisuren, Schmuck, einfach nur, weil ich rumsaß. Zwei Leute fragten mich (wohlgemerkt, mit dickem Koffer) nach dem Weg (haha), dafür habe ich mich später bei Zabars an der Kasse blamiert, weil ich dachte, die nette Frau, die da meine Sachen in eine Tüte packte, hätte sich in der Ware vertan… Pffff, aber sie und die Kassiererin haben gelacht, zum Glück war ich auch gar nicht unfreundlich gewesen, nur halt sehr verdattert…

Meine Unterkunft ist abenteuerlich, von meinem Fenster kann ich nicht sehen, welches Wetter draußen ist – immerhin so viel: es regnet nicht… Aber davon vielleicht später mehr. Jetzt habe ich Hummeln im Hintern, ich will raus in den Central Park und später ins American Folk Art Museum gleich um die Ecke. Also los jetzt!