Letzter Ausgang Sonntag Abend

So eine Drachentür wünsche ich mir schon lange. Eine, durch die man am Sonntag Abend verschwinden kann. Um dem Montag ein Schnippchen zu schlagen. Und diese ist gar nicht weit von meinem Zuhause, im Berliner Gleisdreieckpark. Allerdings muss ich jetzt schon die Taschenlampe mitnehmen. Denn es ist längst dunkel. Mal sehen, wer sich dort alles rumdrückt. Hoffentlich muss ich nicht auch noch Schlange stehen!

Europa

Ich habe heute mit meiner französischen Freundin telefoniert. Sie ist gerade von Marseille nach Paris gezogen, präziser, in die Banlieue von Paris. Dort unterrichtet sie Deutsch. Man möchte sich an den Kopf fassen. Welche Kinder aus der Banlieue wollen denn…? Meine Freundin lacht. „Nein, nicht die französischen Kinder. Es sind die mit – wie sagt man bei Euch? – Migrationshintergrund. Du glaubst es nicht, aber die meisten haben Verwandte in Deutschland.“ Ich glaube es sofort. Zugezogene. Die wahren Europäer.

Nur noch bis zum Wochenende

Wer an langen Bilderreihen entlang flanieren will, ist dieses Mal im 2. OG. des Berliner Martin-Gropius-Baus an der falschen Adresse: Die Lucian Freud-Ausstellung, die nur noch bis zum Wochenende dort Station macht, ist klein, aber gewaltig.

Der 1922 in Berlin geborene Maler Lucian Freud war mit seiner Familie während der Nazi-Diktatur nach England emigriert und wurde dort (ich verkürze) zum Porträtmaler. Eine zu seiner Zeit mehr als ausdrückliche Entscheidung, denn zu Beginn seiner Karriere war die abstrakte Malerei in Europa auf dem Zenit ihrer Akzeptanz.

Die Ausstellung zeigt 51 Radierungen. Manchmal entstanden sie in Vorbereitung zu einem Gemälde – Freud porträtierte oft Menschen aus seiner direkten Umgebung: Seine Mutter, Freundinnen und Freunde, Kollegen. Für ihn waren diese Porträts nicht bloß Erinnerungsbilder. Von Kunst erwartete er Verstörung.

In einem einführenden Text im ersten Raum werden seine Grafiken als „unsentimental, aber pathetisch“ beschrieben. Ein Paradox, das bei Freud aufgeht. Denn nichts an den Gesichtern, in die wir im ersten Raum schauen, ist gefühlig, nicht einmal einfühlsam. Freud zeichnet, was er sieht. Und das ist nicht immer schön. Viele Gesichter sind verbraucht. Die Menschen sehen müde aus, manchmal sogar unwillig. Gleichzeitig geht Freud viel zu nah an sie ran, er überschreitet fast immer die Grenzen eines respektvollen Abstands. Es ist, als hätte er seine Gegenüber mit der Lupe betrachtet.

Gesichtslandschaften tun sich auf. Hügellandschaften, die aus der Perspektive wirken. Denn je näher sich Freud ranzoomt, desto verzerrter werden die Physiognomien. Wir sehen Augen, Nasen, Münder, Stirne, Haare (keine Frisuren), nackte Gesichter, die er scheinbar mit Netzen seiner Schraffuren überzieht, modelliert. Alle werden auf diese Weise verletzlich und lebendig zugleich. Dabei entwickelt die Perspektive eine ungeheuerliche Dynamik und damit das, was Freud interessierte: Verstörung.

Warum sich keines der Bilder in Richtung Karikatur verirrt? Freud zeichnet mit einer ungeheuerlich zarten Präzision. Er sieht alles, aber er akzeptiert auch alles. Er will nicht urteilen. Er staunt. Auch über die Verlorenheit, die Hässlichkeit und die Vulgarität all‘ dieser Menschen. Als Betrachterin ist mir dabei oft unbehaglich. Zuerst, weil ich mich zu nah herangerückt fühle an die Fremden. Weil ich mich ertappt fühle in meiner eigenen Verlorenheit, Hässlichkeit. Weil ich Mitleid empfinde, das sich, je länger ich schaue, in eine große Freude wandelt. Die Conditio Humana. Nichts weniger. Eine verstörende, und gleichzeitig beglückende Schau.

 

Das studierte Arbeiterkind

Damals habe ich es nicht geahnt. Aber am eigenen Leib gespürt. Als Kind aus einer Arbeiterfamilie zu studieren, ist ein harter Weg. Komischerweise in beide Richtungen. Das heißt: Nichts wird unbedingt besser, je näher man seinem Ziel kommt. Denn die Entfremdung mit den Menschen aus der eigenen Familie ist ja erst in dem Moment – sagen wir – perfekt, wenn das Studium abgeschlossen ist. Als ich die letzte Prüfung hinter mir hatte und meine Note (tatsächlich erst dann) gesagt bekam, habe ich sofort meine Eltern angerufen, damals noch aus einer Telefonzelle. Meine Mutter war einsilbig. Sie müsse zum Herd, sonst würden die Bratkartoffeln anbrennen.

Auch danach hatte ich keine Ahnung, was es bedeutet, mit perfektem Studienabschluss einen Job zu suchen. Ich habe mich Jahrzehnte unter Wert verkauft. Ich wollte keine Festanstellung. Auf dem Markt für Freie herrscht (nach wie vor) ein extremer Konkurrenzdruck. Dennoch bin ich nicht verbittert über Ungerechtigkeiten, die sich daraus ergaben. Denn in einem hatte ich Glück: ich habe auf diese Weise zwei Welten kennengelernt. Das Arbeitermilieu (das im Übrigen ja am Verschwinden ist) und die Welt der Intellektuellen (oder zumindest der Studierten).

Ich bin bei den Intellektuellen (wahrscheinlich korrodiert es dieses Milieu auch schon ganz schön) nie ganz angekommen. Und aus der Arbeiterschicht nie ganz raus. Oft habe ich das Gefühl, irgendwo dazwischen hängen geblieben zu sein. Dennoch habe ich damit einen enorm viel größeren Horizont bekommen, als wenn ich in einer Welt geblieben wäre. Nicht, dass ich deswegen klüger bin. Ich bin – nun, vielleicht beweglicher. Und ich habe verstanden, dass ein „Ich“ nicht unbedingt stabil sein muss um „authentisch“ zu sein. Und das wiederum scheint mit zunehmendem Alter um so wichtiger zu sein. Denn offensichtlich haben wir alle die Tendenz, mit den Jahren zu verkrusten, irgendwie steif zu werden. Bewegung hilft auch hier. Wer immer wieder von einem Bassin ins andere oder meinetwegen von einem Schwarm in den anderen schwimmt, kann diese Kruste am Anfang zumindest immer wieder aufbrechen. Das schützt natürlich nicht die Bohne vor Irrtümern. Und wer sich bewegt, ist nicht automatisch ein besserer Mensch. Aber zumindest einer, mit mehr Perspektiven. Darauf hoffe ich fürs noch älter werden.

 

Stehauffragen

Es gibt Fragen, die klopfen immer wieder an die Tür. Auch wenn man gedacht hat, sie längst verabschiedet zu haben. So kam mir heute wieder eine entgegen: Gibt es ein weibliches Schreiben? Anlass war das aktuelle Interview mit der französischen Schriftstellerin Hélène Cixous auf „Zeit online“. In dem Gespräch deutet sich an, dass Frau Cixous von einer solchen Möglichkeit ausgeht. Das Schlagwort, das für dieses weibliche Schreiben genannt wird, heißt „Sound“, leider führt der Artikel an dieser Stelle nicht viel weiter. Aber das genügt, um mich neugierig zu machen.

Dabei geht es offensichtlich nicht um die Erfahrungen, „von mir als Frau“. Dennoch beinhaltet die Fragen nach weiblichen Aspekten durchaus die Überlegung, ob es – vielleicht, vielleicht – weiblich konnotierte Schreibweisen gibt, die ich mir verkneife? Ist es das Schreiben über die Ohren, das mir große Freude bereitet, sich aber wenig an Regeln orientiert, und deshalb oft mit dem Fehlerteufelvernichtungsrot gestrichen wird? Steht die Freude am Laut der genauen Beobachtung und dem präzisen Schildern entgegen – oder ist es etwas anderes? Ich bin zu müde, um die Überlegungen heute Abend weiter zu führen. Aber ich bin mal wieder angestoßen, wachgerüttelt. Die nächsten Texte werde ich sicher auf diese ewige Frage hin mal wieder genauer lesen.

Partyvorbereitungen…

und wehe, das sieht nachher nicht GENAU SO aus…

Um ehrlich zu sein? Ich habe ewig keine Party mehr vorbereitet, und bin ziemlich außer Puste. Erst mal wimmelt es vor lauter To-Do’s in meinem Kopf, das Gehirn scheint sich in einen kleinen Ameisenhaufen verwandelt zu haben. Also Listen schreiben. Rezepte raussuchen, Adressen. Quittungen sammeln, Wein bestellen, Probeessen Catering. Catering bestellen, Liefertermine aufschreiben, fehlendes Geschirr kaufen oder leihen, Besteck? Servietten. Holzspießchen, Mülltüten! Saft, Wasser, Bier (alkoholfreies), Kaffee. Obst und Gummibärchen. Die Rede. Verstärkeraufbau, Termin Soundcheck. Kuchen backen. Kuchen backen. Abnehmen fürs Kleid (was für ein miserables Timing!) Platten rausholen und spülen. Fähnchen basteln fürs vegane Essen. Rede umschreiben. Ins Büro fahren. Käsehäppchen proportionieren und stabil bauen (Probe). Entspannen (hahaha). Überlegen, ob ich an alles gedacht habe. Noch einmal schlafen. Rede ausdrucken. Köfte braten. Quiche backen. Sandwiches schmieren. Blumen kaufen. Schwarze Strumpfhose kaufen. Feigen? Blumen arrangieren. Käsehäppchen fertig machen. Voraussichtlich ist es dann Samstag, 18:30. Um 19:00 kommen die Gäste. Und dann wird mal wieder alles sehr, sehr schnell gehen…