Bernard Haitink

der mutig und neugierig blieb im Alter und wuchs und wuchs, während er gleichzeitig wackeliger wurde. Ein großer Mensch, ein größter Musiker, der mich das Hinhören lehrte, damit Geduld und Atem-Anhalten, wenn es sein muss. Demut.

Er schenkte mir einen sensationellen Vorabend meines 50. Geburtstag mit der 9. Sinfonie Mahlers, ein Ereignis, das ich nie vergessen werde. Er ist am Donnerstag mit 92 Jahren gestorben, obwohl, wie mir Freunde erzählten, sein Terminkalender noch bis in die nächsten Jahre voll war. Auch das ist mir an ihm erinnernswert.

Vor dem Sturm

Ich hatte Glück, meine Züge fuhren alle, als ich am Donnerstag aus Lübeck zurück nach Berlin fuhr. Wie viele da schon gestrandet waren, konnte ich am Hamburger Bahnhof sehen, der gepackt voll mit Reisenden stand.

Später am Abend lag ich trotz Müdigkeit noch etwas länger wach – wer eine Reise tut, erlebt halt was, und das ging mir durch den Kopf. Je älter ich werde, desto eher neige ich zu der Einschätzung, dass mir Reisen die eigenen Vorurteile vor Augen führen. Denn entweder, ich finde alles, wie ich es mir vorgestellt habe – oder es ist eben doch ganz anders. Letzteres ist natürlich manchmal etwas kränkend (hätte ich das nicht ahnen können?), aber viel spannender.

Meine persönlich größte Überraschung? Dass ich mich zu einer Thomas-Mann-Lektüre habe überzeugen lassen. Thomas Mann war mir immer der große Buh-Mann (höhö) neben Goethe in der deutschen Literatur. Ich habe zwar sein sehr schönes Haus in Kalifornien besucht, danach auch einige Tagebücher gelesen (die ich sehr mochte), aber ans literarische Werk wollte ich dann doch nicht ran. In der Hamburger Bahnhofsbuchhandlung habe ich dann zum „Zauberberg“ gegriffen. Was soll ich sagen: Schon die ersten Seiten haben mich begeistert. Fazit: Wie gut, in Lübeck gewesen zu sein!

Gedanken kreisen,

denn wo ich über Zeit nachdenke, ist das Thema Warten auch nicht fern. Auf meinem Rückweg aus dem Büro dachte ich gestern, dass Warten möglicherweise ein Missverständnis ist. Das daraus entsteht, dass wir uns plötzlich auf einen einzigen Moment in dem gesamten sich im Fluss befindlichen Alltag konzentrieren. Klar. Wer wartet, hat das Gefühl, ins Stocken zu geraten, vergisst aber oft, dass gleichzeitig andere Dinge weiterlaufen, denen man sich während des Wartens zuwenden kann. Wer im Stau steht, und fürchten muss, den Flug zu verpassen – geschenkt… Obwohl entspannte Menschen, die sich nicht so aufs Warten konzentrieren, oder aufs augenblickliche Steckenbleiben, möglicherweise auch diese stressige Zeit noch für sich oder die Organisation des nächstmöglichen Fluges behalten und nicht an Angst oder Panik verschenken.

Worauf ich hinaus will: Wenn ich auf ein Ergebnis warte, auf einen Auftrag, auf einen Auftritt (doch, ja, Lampenfieber ist ja auch eine Art des Wartens), auf die Rückkehr eines Freundes, nehme ich dieses Ereignis heraus, stelle es höher als die anderen und konzentriere mich auf diesen zukünftigen Moment. Wenn ich gar anfange, die Tage bis dahin zu zählen – doch ja, ich merke, dass ich das mittlerweile als Verschwendung meiner Tage empfinde. Auch wenn ich mich aus den Klauen des Wartens nicht wirklich befreien kann.

Zeit

Wenn sich im Herbst das Licht ändert, verändert sich für mich auch die Wahrnehmung von Zeit. Tatsächlich werden die Tage kürzer. Aber auch die milde Sonne, das Diesige am Morgen, die langen Schatten in den Straßen – es scheint, als würde mir mein Tun wesentlicher, auf eine Art schöner und wertvoller. Das ist mein Leben, denke ich dann, oder, es ist jetzt, jetzt, jetzt, feiere den Tag, den Moment. – Nö. Das geht natürlich nicht dauernd. Die letzten Anrufe bei der DHL gestern lagen weit ab vom Fest des Lebens. Aber ich spüre – ohne das als Druck zu empfinden – wie wertvoll mir Zeit ist. Und was es alles Gutes zu tun gibt, auszuprobieren (und nicht immer nur zu erledigen…).

Traumwelten

In meinen Träumen gehe ich, seit ich mir vor 15 Jahren eine kleine Digitalkamera gekauft habe, ebenfalls stets mit Knipse auf Reisen. Will sagen: Ich fotografiere auch in den Traumwelten ziemlich viel. Und – wie man sich denken kann – irres Zeug, das ich so, in der sogenannten Realität, selten vor die Linse bekomme. Diese Ansicht erinnert mich an surreale Landschaften von Max Ernst. Wer bei diesem Foto außerdem an Unterwasserwelten denkt, liegt gar nicht mal so falsch: Denn über diesen Kalkfelsen lag vor Urzeiten tatsächlich ein Meer. So gesehen am Wochenende, auf einer Wandertour in der Nähe von Jena.

Träumen

Wenn ich von Menschen träume, die ich liebe – auch von den toten – hoffe ich stets, dass es sich um eine Art Verbindung handelt. Nicht bloß um eine Fata Morgana.

Neulich, in der Bankfiliale

„Ich brauche eine Unterschrift für meinen Steuerberater. Er möchte meine Kontoauszüge direkt einsehen. Ich habe das Formular dabei.“

„Ich weiß nicht, wie das geht. – Also das kann dauern.“

Schaut sich das Formular an, dann patzig zu mir:

„Also, das muss ja erst mal von Ihnen unterschrieben werden. Aber dann – also, das kann dauern. Ich muss das einschicken.“

„Alles klar, ich kann ja schon mal unterschreiben.“

Unterschreibe

„Und Sie schicken das jetzt ein? Wie verbleiben wir?“

„Ich weiß nicht, wie das geht.“

Pause, Pause, Pause, hinter mir stehen zwei weitere Kund*innen

„Brauchen Sie meine Adresse? Telefonnummer? E-Mail-Adresse?“

„Ja also, das wird schwierig.“

Geht zu ihrem Schreibtisch. Fragt einen Kollegen. Fängt an, zu telefonieren. Zu mir:

„Die wissen das auch nicht.“

Ein Kollege schaltet sich ein:

„Rufen Sie doch mal Frau *** an.“

Telefoniert. Hinter mir stehen jetzt vier Leute

„Das weiß hier keiner.“

…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-…-👀

Hinter mir stehen jetzt sechs Leute (schlechte Stimmung). Noch ein und noch ein Telefonat. Dann der Gang zum Kopierer. Zurück zum Schreibtisch, dann zu mir: Vor mir liegt ein unterschriebenes Formular… ???

„Das war es jetzt?“

„Ja. Das können Sie jetzt Ihrem Steuerberater schicken.“

„…. – !?!? Äh, hm. Danke“

Mit wem spiele ich eigentlich noch?

Ich kann mich noch daran erinnern, wie erwachsen ich mich fand, als ich mit meinen Freund*innen nicht mehr spielte, sondern redete. Heute mag ich darüber müde lächeln. Ein Zeichen von Erwachsenwerden? Ja klar, aber… Doch, ja. Gedankenspiele gehen natürlich immer noch. Vielleicht ist gemeinsam kochen noch so eine Art Spiel. Oder einen freien Tag gemeinsam gestalten. Quatsch machen gehört für mich eindeutig auch zum Spielen. Oder mit den Hunden toben. Den Wald erkunden. Im Meer rumspringen. Schöne Sachen – aber gar nicht so viel. Gesellschaftsspiele oder Karten sind nicht meins. Die fallen also weg. Gemeinsam Musik machen leider auch. Auf Wanderungen und im Museum: Ich sehe was, was du nicht siehst (abgewandelt). Tanzen wäre noch so eine Art Spiel, mache ich gerade aber nicht. Verliebte spielen. Aber das war’s am Ende wohl schon. Mit wem spielt Ihr? Oder mit wem würdet Ihr gerne wieder anfangen?

Ein Tag ohne Entscheidungen

Alltag ist immer auch dieses schnelle Abhaken von Entscheidungen: rechts-links? Geradeaus? Pause? Weiter? Rechts? Links? wie lange noch? – und dann irgendwann der Break: „Alles andere für Morgen“ und Feierabend, oder was dann noch so ansteht.

Wenn ich eine Weile unterwegs war, halte ich zwei oder drei Tage in Folge frei, um wieder anzukommen und mich neu zu sortieren. Das hat sich als sinnvoll erwiesen, weil Reisen, egal, ob sie privat oder beruflich sind, immer einen gewissen Perspektivwechsel mit sich bringen. Es findet also etwas statt, das ich nicht verpassen möchte.

Aber wie schwer es mir fällt, nicht gleich wieder los zu rennen. Klar, wer weg war, hat ein paar Dinge sofort zu erledigen. Weil einfach immer etwas anfällt, was keinen Aufschub duldet. Aber das ist schon abgehakt. Seitdem stehe ich permanent auf der Bremse. Und stelle fest, wie viel ich mache, um einfach beschäftigt zu sein. Und leider: Auf der Bremse stehen ist auch schon wieder was. Und nicht nichts.

Deutschland, aufgeräumt

Als ich neulich mit der Bahn unterwegs war, fiel mir beim Blick aus dem Fenster wieder ein, warum ich als Kind – und auch als junge Frau – Deutschland für so langweilig hielt. Ich weiß es mittlerweile besser, denn es gibt erstens wildere Gegenden als diese hier, und auch die langweiligen Gegenden weiß ich auf eine gewisse Weise zu schätzen. Allerdings gebe ich gerne zu: Als ich in diesem Moment aus dem Zugfenster schaute, hätte ich doch um Längen lieber den Pazifik gesehen…