Statt zu arbeiten…

Doch, ja, kann ich auch: Alles andere machen, als das, was als Arbeit auf dem Schreibtisch auf mich wartet. Und ich bin da auch nicht zimperlich. Wie oft ich schon die Wohnung geputzt habe, nur um nicht texten zu müssen… – Aber auch solche Dinge machen Spass: Etwas selber zu machen, statt darüber zu schreiben. Zur Zeit mache ich eine Audio-Tour zu einer Bauhaus-Ausstellung. Zentrale Exponate sind Fotogramme von László Moholy-Nagy und György Kepes. Nein. Mein Versuch reicht bei weitem nicht an die Arbeiten der beiden aus den 1920er und 1940er Jahre heran. Aber Spass gemacht hat es schon. Mit der allerdings blöden Konsequenz, dass ich „nachsitzen“ musste, und erst jetzt, gegen 22:00 fertig bin.

Froh sein

Heute dachte ich mitten in der Nachmittagshitze, was ich doch ein Glück habe mit meinen Hausnachbar/innen und mit meinen Bürokolleg/innen. Sie machen meinen Alltag oft überraschend schön. So stand heute Pflaumenkuchen in der Büroküche. Am Samstag hatten wir ein Hausfest. Mit meinem Nachbarn Carsten esse ich oft so gute Sachen zu Abend, dass ich nur noch seufzen kann, „wie gut wir es doch haben“. Dann können wir auch Fledermäuse beim Flattern sehen. Oder ich lege mich in den Windschatten des neuen Kollegen, der sich konzentrieren kann wie keiner, den ich kenne. Oder ich gehe mit meiner japanischen Kollegin Eis essen und lerne, was wau-wau auf Japanisch heißt (werde ich den zwei Hundemädchen meiner Freundin Petra gleich beibringen, wenn ich demnächst nach Hause fahre). Oder ich höre die Tochter meiner direkten Hausnachbarn Klavier üben. Wow, was die alles hört! Wie viel ich von Euch lerne, abgucke. mitnehme. Ein Hoch auf alle, die meinen Alltag kreuzen – was wäre ich ohne Euch!?

Plötzlich in Amerika

Das Tempelhofer Feld ist immer wieder für Überraschungen gut. Geschenkt dass ich mich mit einem meiner Lieblingskollegen im Büro regelmäßig über das Areal streite: Er ist Architekt und findet es fast schon skandalös, dass Berlin sich mitten in der Stadt ein so großes für Wohnungsbau ungenutztes Areal leistet. In Klammern – und das meine ich wirklich nicht böse, aber isso – er lebt in einer Villa mit Garten… Ich dagegen bin fast Anrainerin des ehemaligen Flughafens und jedesmal wieder glücklich, so viel freie Fläche unter den Fahrradrädern, den Skates oder eben auch mal den Füßen zu haben. Wenn nichts mehr geht, fahre ich hoch aufs Feld. Und kaum, dass das nicht hilft. Gestern habe ich dort einen völlig ungeplanten Nachmittag verbracht. Statt zu arbeiten, wie vorgesehen, bin ich beim Fahrrad-Hockey mit dem frischsten Bier seit Jahren hängengeblieben und fühlte mich wie mitten in Amerika. Und wen habe ich dann noch auf dem Feld getroffen? Doch wirklich, er war schon da: Der Herbst.

Am Rand

Ich lese gerade parallel – na, es war die letzten Tage wohl eher so ein Brüten von Seite zu Seite – in dem Gedicht-Kapitel von Ulrike Draesners Poetikvorlesung „Grammatik der Gespenster“(2018)  und in dem Buch „Die Grenzen der Sprache“ von Anna Migutsch (2013), dessen erstes Kapitel sich um die Gedichte von Emily Dickinson entfaltet.

Unendlich viel öffnet sich bei der Lektüre – wer selbst schreibt, findet hier Türen, die ihr oder ihm bekannt sind. Oft gelingt es nicht, sprechen oder schreiben „dingfest“ zu machen, weil zu viel gleichzeitig passiert. Deshalb ist es auch so schwer, Texten beizukommen oder zu erklären, wie schreiben oder auch lesen geht. Bei Ulrike Draesner und Anna Migutsch finde ich dagegen sehr genaue Beschreibungen dessen, wie beide Autorinnen selbst schreiben oder lesen, die mich zu eben jenen Türen führen, die ich von meinen eigenen Erfahrungen kenne, dich ich wohl aber nur selbst aufstoßen kann.

Beide konzentrieren sich auf die Erlebnisse des Schreibens am Rand – oder im Gespensterland, wie Ulrike Draesner es bildlicher formuliert. Ich sehe, wie unendlich groß dieser Saum ist, der sich scheinbar wie Horizonte in alle Richtungen erweitern lässt. Ich denke: Das „Ich“ zu fassen, ist möglicherweise von den Rändern her viel aufregender, als bei dem Versuch, zum Kern vorzudringen. Zumindest kommt man dem menschlichen Ausgesetztsein dort eher auf die Spur. Vielleicht eine gute Übung gegen zu viel Heimatgefühl…

Das Foto habe ich letzte Woche auf dem Tempelhofer Feld gemacht. Könnte auch ganz woanders sein – oder?

Nicht mehr einhegen

Unter dem augenblicklichen Arbeitsdruck und der Hitze zerbröseln viele Selbstverständlichkeiten wie von selbst. Seit einigen Wochen schon bin ich mir auf der Spur: mein Verdacht, mich zu sehr in einer zurechtgezimmerten Welt eingerichtet zu haben, wurde von meiner Ärztin angestoßen. Mein Herz klappert zu viel und zu unregelmäßig, kurz, es ist aus dem Takt geraten. Und möglicherweise – so meine weitere Vermutung – eingesperrt in einem Konstrukt, statt dem eigenen Rhythmus zu folgen.

Eine beängstigende Erfahrung: Die endlosen nächtlichen Träume, in denen ich umherirre und nirgends ankomme. Sie sind sicher nicht neu, kommen zur Zeit jedoch leichter an die Oberfläche, bzw. ich erinnere sie besser. Sprachlich ist diesen Reisen nicht beizukommen. Ich ahne, alle Versuche, schreibend überhaupt an etwas zu kommen, könnten hier am Ende sein. Weil Realität und Nicht-Realität möglicherweise weniger zu trennen sind, als mir lieb.

Eine schöne Erfahrung: Wenn ich zulasse, meine eigene Sicht auf mich mal fallen zu lassen, kommt auf eine Art etwas besseres raus, als ich gedacht hatte. Für mich habe ich das neulich so formuliert: Was wäre, wenn sich hinter dem Blinden Fleck nicht, wie ich immer vermute, ein großes Manko verbirgt, sondern eine große Stärke?

 

Dieser hinreißende Farbdruck hing in Flensburg in einem Schaufenster. Leider war geschlossen, kein Name stand da und dummerweise habe ich mir auch den Laden (eine Art freier Kunstverein oder so) nicht gemerkt. Selbstverständlich lösche ich das Foto sofort, falls es diesbezügliche Wünsche gibt! Aber ich finde die Arbeit so toll, dass ich sie zeigen möchte.