Nach bestem Wissen

Ehrlich? Ich glaube kein Wort. Ich habe eine wissenschaftliche Abschlussarbeit geschrieben, wenn auch nur eine Magisterarbeit, also die „kleine Schwester“ der Dissertation. Wir sind schon im Grundstudium mit den universitären Verabredungen zum Zitieren fremder Ideen vertraut gemacht worden, denn anders, als in einem nicht-wissenschaftlichen Text sind hier Fußnoten und der Hinweis auf die verwendete Literatur zwingend. Wir haben über die Semester hinweg Hausarbeiten geschrieben, in denen wir das genaue Zitieren geübt haben. Und ja: Auch ich gehöre zum geburtenstärksten Jahrgang aller Zeiten und saß mit hunderten Kommilitonen/innen in den Vortragsräumen. Meine Professor/innen haben meine Schludrigkeiten bemerkt und angestrichen. Als ich damit begann, meine Magisterarbeit zu schreiben, wusste ich, was geht, und vor allem, was nicht geht.

Letzteres ist und war im Grunde extrem einfach: Ich darf nicht abschreiben. Oder, für die, die es so nicht verstehen: Ich darf Gedanken oder Ideen anderer Leute nicht als meine ausgeben. Da müssen ja viele ein extrem unempfindliches Gewissen gehabt haben. Zumal es im Grunde auch klar war, dass man Sachverhalte nicht nur von anderen abschreibt, sondern gefälligst paraphrasiert, um den eigenen Text nicht unnötig lang zu machen und um ganz nebenher zu zeigen, dass man das Gelesene verstanden und möglichst elegant in den eigenen Gedankenfluss einfügen kann. Mit bestem Wissen und Gewissen. Nein. Ich kann es wirklich nicht glauben. So ahnungslos konnte und kann niemand nach einem mehrjährigen Studium sein.

Zeit, umzudenken

Die Generation meiner Eltern hat sich noch mit Fug und Recht der Hetze eines Achtstundentages verwehren können. Wir denken höchstens, dass wir unter unseren Fähigkeiten bleiben.

Von wegen…

Wer sich von diesem Buch das Rezept für ein bequemes Leben erwartet, wird schnell enttäuscht werden. Denn, auch wenn die Autorin ein Leben jenseits des Geldverdienens preist, heißt das noch lange nicht, dass nichts getan werden muss. Weil: Wer nicht kauft, muss sehen, wie er oder sie die Sachen anders bekommt. Selbermachen gehört dazu, gute Netzwerke organisieren, um zu teilen oder zu tauschen, unkonventionelle Lösungen finden und immer, d.h. immer aufmerksam für Gelegenheiten sein.

Die Geschichte kam mir bekannt vor. Seit ich denken kann, muss ich sparsam leben. Ich war eine gute Weile davon sehr abgefressen, fand die Welt ungerecht und mich im Schlamassel. Ein Bürokollege, der die meiste Zeit seines Lebens mit sehr wenig Arbeitslosengeld ausgekommen war, wurde zu meiner Offenbarung, denn er führte ein sensationell aufregendes Leben fast ohne Geld. An ihm begriff ich, dass wenig Geld nicht nur ein (mieses) Schicksal, sondern auch eine (gute) Wahl sein konnte. Ich fing an, mich umzuschauen und Lebensstile von reichen, oder zumindest wohlhabenden Freund/innen oder Bekannten mit denen weniger betuchter Menschen zu vergleichen. Ich überlegte, was ich eigentlich haben wollte, womit ich schon zufrieden war, ob ich gewisse Dinge bekomme, ohne sie zu kaufen, ob es „Ersatz“ geben könnte, und so weiter.

Das hat eine gute Weile gedauert. Die großartigsten Momente stellten sich ein, wenn ich das, was ich habe, mal aus einer gewissen Entfernung betrachtete: Stets nämlich zeigte sich, dass ich viel Glück hatte bislang und – obwohl ich auf kleinem Raum lebe, sparsam und was nicht alles – im Grunde einen großen Radius für mein Leben habe. Was auch daran liegt, dass ich mich gut alleine und draußen beschäftigen kann, dass ich eine sensationelle Bibliothek vor der Nase habe, überhaupt, dass ich in Kreuzberg lebe und in Schöneberg arbeite, zwei Stadtteile, die mir gut gefallen, dass ich gerne Rad fahre und damit fast überall hin komme, dass das Berliner Umland schön ist und Second Hand Läden sowie Outlets in den letzten Jahren quasi wie Pilze aus dem Boden geschossen sind.

Dolly Freed, die Autorin der „Faultiermethode“ war 18, als sie das Buch schrieb. Sie schildert den Alltag mit ihrem Vater, der seinerseits beschlossen hatte, auf einen nine-to-five-Job zu verzichten. Das war in den 1970er Jahren, die beiden hatten ein heruntergekommenes Haus gekauft, renoviert und kamen mit 700 Dollar im Jahr über die Runden. Vieles lässt sich nicht 1:1 übertragen. Ich kann in Kreuzberg weder Pflanzen sammeln, um mir Salate daraus zu machen noch Fische fangen (doch, Eichhörnchen gingen, aber: Ich bitte Sie!). Es geht mir tatsächlich auch gar nicht darum, nicht mehr zu arbeiten. Aber ich habe ein großes Bedürfnis danach, aus dem Konsumalltag auszusteigen, beziehungsweise ihn weiterhin so zu meiden, wie ich das schon seit langem tue. Und das Buch gibt mir dafür gute Gründe (für Tage, an denen ich den Mut verliere oder wirklich keine Lust mehr habe), und ist zudem eine augenzwinkernde, aber dennoch ernste Auseinandersetzung mit dem, was ein „gutes Leben“ im 21. Jahrhundert sein kann. Das Buch ist – soweit ich weiß – nur noch antiquarisch zu bekommen. Aber wahrscheinlich gibt es im Internet – oder in Bibliotheken – noch genug Exemplare.

Sich zu helfen wissen

Meine Mutter war darin eine Meisterin: Irgendetwas fehlte, es musste schnell gehen, niemand war bei der Hand, Tipps zu geben oder sonst eine Hilfe. Zack, wurde improvisiert und was daraus entstand hielt – zumindest einen Nachmittag oder einen Abend lang.

Genial, auf der einen Seite. Und eine wesentliche Strategie, wenn man im Krieg geboren war, wo selten alles da war, was man gerade brauchte. Mein Vater hat auch diese Fähigkeiten, ist jedoch schwerfälliger – was gleichzeitig aber auch bedeutete: genauer, überlegter.

Als Kind der beiden habe ich eindeutig die Improvisation vererbt bekommen. Das zeigt sich auch in der Arbeit. Ich bin schnell und wo eine Lücke ist, wird improvisiert. Das hält. Aber…

Alle Fähigkeiten haben auch eine Rückseite. Das zu sehen, kann mühsam sein. Denn wo schnelle Lösungen sind, fehlen gelegentlich langfristige Strategien. Puh, wie soll ich denn so eine komplexe Arbeit aufbauen. Ja, ich habe genug Zeit. Ja, ich kann mir alles mögliche an Tipps und Hilfen besorgen, ja, ich kann ausprobieren, das Beste wählen. Aber, uff. Ich fühle mich mit einem Schlag überfordert.

Gut zu wissen, dass es nicht nur entweder/oder gibt. Es hindert mich niemand daran, noch etwas neu zu lernen. Oder zumindest auszuprobieren. Meine Tagesarbeit zählt genauso viel, wenn abends nicht „fertig“ hinter der Aufgabe steht. Ich darf einen eingeschlagenen Lösungsweg auch noch einmal verlassen, nochmal von vorne anfangen, Zweifel zulassen. Denn nicht nur die erledigten Aufgaben sind die guten, sondern auch die, an denen ich mir den einen oder anderen Zahn ausbeiße…

Glück, Liebe, Gesundheit

sind vermutlich die Top Drei unter den Geburtstags- oder Neujahrswünschen. Nichts dagegen. Das Trio Liebe, Treue, Hoffnung eine altmodische Variante, die sich im Glauben, aber auch ganz weltlich verstehen ließ. Auch da: Wer würde meckern. Oder guten Feen diese Gaben ausschlagen. Dennoch frage ich mich immer wieder: Ist es wirklich das, wofür es sich zu leben lohnt?