Die Welt ohne mich

Das scheint mir eine wichtige Blickrichtung. Klar. Es sind immer meine Augen, die sehen. Und mein Gehirn (oder eben der Darm), das/der daraus Ansichten macht. Aber die Welt hat lange ohne mich existiert. Sie läuft nach anderen Taktgebern als meinen Befindlichkeiten.

Es ist eine tatsächlich uralte Klage, dass die Menschen zu sehr auf den eigenen Nabel schauen, denn in die Welt. Im 17. Jahrhundert sehen kluge Köpfe die menschlichen Gemeinschaften schon vor dem Aus. Zu viel Neid, Eigennutz, Gemeinheit. Die Kriege geben ihnen recht. Die Welt allerdings dreht sich noch. Noch.

Vielleicht ein Gedankenspiel für den 2. Adventssonntag. Wie läuft denn dieser Tag ohne mich?

Mein Nikolaus-Geschenk

passte dieses Jahr weder in Schuh noch Stiefel. Das Schwimmbad bei mir und die Ecke hat wieder auf! Ein kleines Bad, für echte Schwimmer/innen eher ein Witz. Aber gleich neben meinem Büro und damit geradezu unbezahlbar. Den ganzen Sommer über und dann noch bis Anfang Dezember hatte das Haus wegen Renovierung geschlossen. Ich muss gestehen, dass ich geflucht habe. Ich gehe nicht ins Freibad, jedenfalls nicht zum Schwimmen. Da ist es  – egal wann – meist zu voll. Und Seen sind von Kreuzberg aus zu weit weg. Das ist dann jeweils schon ein Tagesausflug, nix, das man vor oder nach der Arbeit schnell, oder zumindest bequem machen kann. Aber jetzt! Und wenn ich nachher noch einen heißen Kaffee trinke, sind meine Haare auch wirklich, wirklich trocken – um dann draußen wieder naß geregnet zu werden, pffffff.

„Keinen Widerspruchsgeist hegen…“

„… denn er ist dumm und widerlich; man rufe seine ganze Klugheit dagegen auf.“

So lese ich im „Handorakel“ von Balthasar Grazián, einem Buch, das schon über 450 Jahre alt ist. Wenn ich ehrlich bin, halte ich mich daran gerade auch ein bisschen fest. Denn egal, wo ich unterwegs bin, worüber ich nachdenke, ich bin eine schlichte Haut, mit einem, wie mir scheint, schlichten Denkorgan (und sei das jetzt das Hirn oder der Darm). Ich nehme vieles so, wie es gesagt wird – Und denke oft später: Wie blöd kann man eigentlich sein?

„Wohl zeugt es bisweilen von Scharfsinn, dass man bei allem Schwierigkeiten entdeckt; allein der Eigensinn hierbei entgeht nicht dem Vorwurf des Unverstandes. Solche Leute machen aus der sanften, angenehmen Unterhaltung einen kleinen Krieg und sind so mehr die Feinde ihrer Vertrauten als derer, die nicht mit ihnen umgehn.“ 

Dabei geht es oft nicht nur um „sanfte, angenehme Unterhaltungen“, sondern – im privaten oder auch im öffentlichen Kreis – um politische, gesellschaftliche Fragen und der Suche nach dringenden Lösungen. Aber statt nach Möglichkeiten zu suchen, wie Verfahrenes wieder auf die Spur gebracht werden kann, wird lieber abgelehnt, weil zu viele Gräten im an sich guten Stück sind. Man verkämpft sich schnell, baut Gegensätze auf, die Gespräche werden hitzig, ein Ergebnis bleibt hinterm Berg. Auch gleich zu wissen, dass etwas nichts werden wird, zähle ich zum „Widerspruchsgeist“. Denn meine Erfahrung ist, selbst heikle oder unausgegorene Lösungen können erstaunlich gut funktionieren. Weil es manchmal darauf ankommt, überhaupt einen Schritt zu machen.

 

 

Handwerkliche Fähigkeiten

Im Zusammenhang mit der neuerlichen Pisa-Studie habe ich gelesen, dass Jugendliche nicht mehr nur nicht gerne lesen, sondern es auch nicht mehr besonders gut können. Der Befund: ein großer Teil der Schüler/innen bleiben, was ihre Lesefähigkeit angeht, auf dem Niveau von Grundschüler/innen.

Hm. Bevor ich mich aufregen wollte, dachte ich erst mal, ob man die Sache auch umdrehen kann: Gibt es neue Fähigkeiten, statt des Lesens? Mir scheinen zum Beispiel die visuellen Fähigkeiten junger Menschen enorm. Sie sehen alles viel schneller, genauer, möglicherweise auch räumlicher, vieldimensionaler. Ich stelle mir das so vor, wie bei analphabetisierten Nomaden, die Landschaften auf der Erde und am Himmel scannen und begreifen, die mit riesigen Gedächtniskapazitäten gesegnet (oder besser: alles schön trainiert), und damit perfekt auf das Leben im Jetzt (oder auf Präsenz) fokussiert sind.

Lesen ist ja tatsächlich ein weitgehendes Verschwinden aus dem aktuellen Moment. Und dieser Umstand wird für mein Verständnis viel zu wenig beachtet, wenn auf die vorgebliche „Faulheit“ von heutigen Schüler/innen geschimpft wird.

Aber dann eben doch. Lesen ist ein Handwerk. Und wir ahnen mittlerweile, was der Verlust von handwerklichen Fähigkeiten bedeutet. Vor zwanzig Jahren noch galten Menschen, die solche verloren gegangenen Kenntnisse bewahrten als schrullige Nostalgiker, während wir heute, bei der Suche nach nachhaltigen Techniken, hier und da nur noch einen Totalverlust diagnostizieren können.

Und ja: Wer seinen Namen schreiben und Tweeds lesen kann, ist sicher kein/e Analphabet/in. Aber lesen im herkömmlichen Sinn bedeutet mehr. Eine mehrseitige Studie zu lesen, vielleicht einen längeren Artikel, ganz bestimmt: ein Buch. Ich habe erst sehr spät begriffen, dass meine Eltern das nicht konnten. Und ich habe noch später kapiert, dass erst die Geduld des Lesens die Fähigkeit trainiert, langsam Gedanken zu entfalten. Wir müssen aufpassen: Unsere digitalisierte Welt suggeriert (wahrscheinlich nicht mal absichtlich) schnelle Lösungen. Die aber beweisen sich in der Realität meist als trügerisch. In diesem Sinne: Warning!

 

Likes als Währung

„Qualität spielt keine Rolle mehr. Warum sonst bekommt ein Foto von einer Giraffe, die ein Blatt frisst, vier Millionen Likes?“

So war es neulich in einem Spiegel-Online-Interview mit dem Fotografen Albert Watson zu lesen. Watson ist seit den 1970er Jahren im Geschäft, hat eine klassische Karriere mit Mode- und Porträtfotos hingelegt, um – wie viele seiner Kolleg/innen – von Instagram überrollt zu werden. Er ist dabei nicht weinerlich, nicht mal überrascht, die „15 minutes of fame“, die Andy Warhol vor Jahrzehnten prognostiziert hat, standen ihm stets vor Augen. Er spricht sehr hellsichtig die heutige Situation an, mit der auch Blogger/innen konfrontiert sind: Qualität macht keine Likes, sondern Popularität – ganz egal, ob einem das jetzt nun passt oder nicht. Um Watson noch einmal zu zitieren:

„Ich kann eines meiner – wie ich finde – guten Fotos auf Instagram hochladen und bekomme dafür vielleicht 1000 Likes. (…) Eine der neuen Stars auf dieser Bühne ist Gigi Hamid. Ich konnte kaum glauben, dass sie mehr als 50 Millionen Follower auf Instagram hat. Wenn sie ein Selfie mit einer Tasse Kaffe postet, schreiben ihr eine Millionen Leute…“

Aber, Vorsicht! Auch wenn hier ein renommierter Fotograf schreibt: Weniger Likes bedeuten umgekehrt keineswegs automatisch Qualität…

Kurskorrektur

Eigentlich. Da ist es wieder! Denn – eigentlich ist doch alles – ? Oder?

Mir ist es kürzlich aufgefallen. Das „eigentlich“ schlingert durch meine Gedanken.  Ein unscheinbares Wort. Eine Entschuldigung. Ein Erstaunen. Ein – vielleicht – falscher Weg oder eine nicht getroffene Entscheidung. „Eigentlich“ meint nämlich schon eine Menge: Das Eigentliche ist das Wesentliche, also der Kern meiner selbst.

Offensichtlich geht das Wesentliche immer wieder verloren. Da spielen „Sachzwänge“ eine Rolle. Man könnte es auch Alltag nennen. Eigentlich wollte ich noch kommen, aber dann war es zu spät – eigentlich möchte ich ein Kleid anziehen, aber es ist zu kalt – eigentlich will ich doch endlich ein Buch schreiben, aber…?

Wer eigentlich auf die Spitze treibt, hat am Ende im falschen Leben gelebt. So zumindest meine Befürchtung. Eigentlich verweist auf einen Plan. Auf einen Weg, den man verlassen hat: Gehen Sie zurück auf Los! Zumindest in Gedanken. Um zu sehen, ob diese Vorstellung vom Eigentlichen überhaupt noch stimmt. Denn manchmal schreiben die Umstände einen Weg vor, meinetwegen einen Umweg, der so nicht geplant war. Denn jedes Leben ist mehr als ein (guter) Plan. Obwohl – eigentlich wollte ich heute sofort mit der Arbeit beginnen. Statt dessen habe ich diesen Text geschrieben. Eigentlich gar nicht so schlecht, oder?

 

Bad Hair Day

Nix zu machen – nicht mal im Himmel: Ab morgen startet die Weihnachtssaison. Und, egal, wie viel liegen geblieben ist. Jede/r darf sich jetzt mal zurücklehnen, wenn vielleicht auch nur auf eine Tee- oder Kaffeetassenlänge. Wie war Dein Jahr? Hast Du noch etwas vor? Nenn‘ ohne viel nachzudenken drei Feen-Wünsche!

Allen eine frohe Adventszeit.