Luft holen

Kaum hat das neue Jahr begonnen, mache ich blau. Einen Tag frei, obwohl sich die Arbeit stapelt. Nein. Gar nichts habe ich nicht mal heute gemacht. Irgendeine E-Mail muss immer geschrieben, ein Telefonat gemacht werden. Aber ansonsten, heute alles mal ohne mich. Ich schaue in den (zum Teil sogar blauen) Berliner Himmel und gut ist.

Gleich bekomme ich mehr Luft. Es fühlt sich fast so an, als wüchsen meiner Lunge neue, größere Flügel und bei jedem Einatmen passt mehr in mich: klare Luft, die für klare Gedanken und weite Blicke zurück und nach vorne reichen. Mal schauen, wenn ich noch einmal tief einatme, hebe ich vielleicht ab?


Reset

oder: Gehen Sie zurück auf Los! Puh, nee. Das ist kein schöner Moment, wenn einem das gesagt wird oder mit großen Leuchtbuchstaben hinter der eigenen Stirn erscheint. Nochmal von vorne, nochmal neu anfangen. Alles, was bis hierher schon fertig schien, über den Haufen werfen. Bääähhhh!

Warum eigentlich? Ich meine Bääähhhh. Mal vom ewigen Zeitverlust abgesehen, unsere Uhren ticken ja unaufhörlich, egal ob im beruflichen oder privaten Leben. Nochmal von vorne: Das ist die Strafrunde. Denken wir. Fühlen wir. Oft genug schmerzlich. Und dann erst dieses vernichtende Gefühl: alles für die Katz‘. Wer die Scherben eines ersten Versuchs zusammenkehrt, kennt wahrscheinlich das Gefühl, versagt zu haben oder nicht gut genug gewesen zu sein.

Das, ja, ist falsch und richtig zugleich. Weil, nichts ist so linear, wie uns unsere Uhren und Kalender zu verstehen geben. Im Kreis drehen, das war die Bewegungsrichtung vor der Aufklärung. Und auch, wenn uns das als Krone der Schöpfung vielleicht missfällt, es entspricht mehr unserer Ausstattung und unserem Wesen, als wir gemeinhin denken. Schon in der Schule wird uns Wiederholung oder nochmal neu anfangen als Strafe oder Demütigung verkauft. Es war eben nicht gut genug.

Meine Erfahrung mit einem Reset ist die: Alles kann besser. Niemand vergibt sich was, noch einmal von vorne anzufangen. Was mich zuerst schockiert hat: Wie jetzt? Das war doch (zum Beispiel) so ein guter Text. Wie kann es möglich sein, dass – !? Ist einfach so. Und indem ich eine Arbeit noch einmal aufriffele, sehe ich meine Arbeitsschritte und erkenne, wo Alternativen waren oder wie ich von hier oder dort auch anders hätte weitermachen können. Ein großer Zugewinn. Auch bei anderen Sachen: Es gibt immer zwei oder drei Möglichkeiten, die ich oft (aus Zeitmangel) gar nicht in Erwägung ziehe.

Auch den eigenen Alltag auf Reset zu stellen, kann gute Überraschungen parat haben. Sollte man nicht so häufig machen. Denn eingeübte und bewährte Strategien habe durchaus Sinn. Und erleichtern sehr viel. Doch wenn ich es schaffe, dem ewigen Zeitdiktat mal ein Schnippchen zu schlagen und mich eben doch mal auf neue Pfade begebe, hat das bislang noch nie wirkliche Katastrophen nach sich gezogen. Im Gegenteil.

Nachtrag

Was ist eigentlich in uns gefahren?, möchte ich immer wieder fragen, wenn ich die aktuellen politischen Debatten und immer härter werdenden Auseinandersetzungen sehe. Weltweit – naja, soweit meine Augen da so reichen (die Sicht ist begrenzt).

Der Streit wird schon länger nicht mehr mit rationalen Argumenten ausgetragen, so lese ich heute auf Spiegel-online im Zusammenhang mit der geplanten Gas-Pipeline aus Russland, und sei „inzwischen so aufgeladen, dass er Deutschlands Ruf in der EU beschädigt.“

Politisch zu denken, gelegentlich dabei auch anzuecken, meinetwegen auch eigene, nationale Ziele zu verfolgen, Fehler zu machen, das über Jahrhunderte geübte Handeln steht mit einem Mal zur Disposition. Befindlichkeiten, Gefühle rutschen in eine Sphäre, die bislang – wenn auch nicht ausschließlich – mit dem Verstand „regiert“ wurde. Dass Herz und Verstand auch im Politischen einen Platz haben können: geschenkt. Oder: Warum nicht? Aber die Alternativlosigkeit, die sich gerade darin zeigt, politische Fragen nur noch gefühlt zu diskutieren, erschreckt mich zutiefst. Eine aktuelle Analyse zu diesem Trend kommt von Martha Nussbaum: The monarchy of fear. Das Buch ist, soweit ich gesehen habe, mittlerweile auch auf Deutsch erschienen.

Die Sprache der Wirklichkeit

„Das neue Alphabet“, so heißt das aktuelle Ausstellungsprojekt am Haus der Kulturen der Welt, das dieses Jahr startet und bis 2021 nach neuen Sprechhaltungen sucht und neuen Darstellungsformen für eine sich rasant veränderte Wirklichkeit. Ein enorm anregendes, wenn auch anstrengendes Projekt: ich war gestern dort und habe gemerkt, dass interaktive Ausstellungen – und im HKW wird den Besucher/innen tatsächlich mehr abverlangt als ein paar Momente des aufmerksamen Betrachtens – deutlich fordernder sind, als ein gemütlicher Besuch in konventionellen Schauen. Vor jedem neuen Exponat bin ich angesprochen, erst mal zuzuhören, zu lesen, zu schauen und dann vielleicht Kommentare zu hinterlassen, etwas auszuprobieren oder mit meiner Begleitung oder Leuten, die gerade neben mir stehen ins Gespräch zu kommen (und wenn es nur die Frage nach einem Stift ist).

Für Sprache, so lerne ich in dem launigen (weil improvisierten) Vortrag von Luc Steels (KI-Forscher und Komponist) braucht es einen Lebenshintergrund. Was banal klingt, entpuppt sich übrigens als heillos komplex, wenn man versucht, Robotern das Sprechen beizubringen: wie nämlich baue ich dem Roboter einen Lebenshintergrund??? Und auch für uns lebendige Wesen zeigt sich, was wir oft genug vergessen: Unsere Leben ändern sich, weil die Welt sich ändert. Wir schreiben aber weiterhin nach Regeln, die vor langer Zeit aufgestellt wurden. Wäre es nicht Zeit, etwas zu ändern? Auch beim Schreiben von Literatur (sollte die Gattung Bestand haben) auf ein neues Alphabet zuzugreifen?

Eigentlich plane ich für die Klunker einen Beitrag über Jean Siméon Chardin. Ein französischer Maler, der im 18. Jahrhundert die erstaunlichsten Stillleben malte. Er gilt als eine der Urväter der Moderne, denn er konzentrierte sich nicht mehr auf die Gegenstände an sich, sondern auf die Art, wie er sie sah. Das war neu in der Malerei und Chardin malte Bilder, dies seine Zeitgenossen begeisterte und uns heute, wenn wir den Kniff erst begriffen haben, zum Staunen bringen (nein, das stimmt so nicht ganz: Staunen können wir auch, ohne den Kniff zu kennen, aber wir staunen noch mehr, wenn wir ihn verstehen).

Bei Foucault („Das Leben der infamen Menschen“) bin ich auf einen wichtigen Aspekt gestoßen, denn er beschreibt wie ab dem 17. und dann vor allem im 18. Jahrhundert sich in der Literatur etwas ändert: er sagt, „Die Fiktion hat seitdem das Fabelhafte ersetzt“ und meint (verkürzt gesagt), dass sich die neu entstehende Gattung des Romans vom Abenteuer ablöst (alle vorangegangenen Texte der Erbauungsliteratur – Gedichte ausgenommen – haben sich bis daher an „fabelhaften“, nicht unbedingt „realen“ Welten abgearbeitet, während der Roman in die „Wirklichkeit“ stößt und beansprucht, den Menschen im Alltäglichen (wenn eben auch in einem stark strukturierten Alltäglichen) zu zeigen.

Bei Chardin scheint etwas ähnliches zu geschehen: Er malt aus dem Alltag der Menschen und plötzlich sind seine Bilder „hipp“. Er setzt sich – in seiner Zeit ein außergewöhnliches Ereignis – gegen die Historienmaler durch, die weiterhin fabulieren – mit toten Hasen und einfachen Tontöpfen.

Zugegeben, das ist alles ein bisschen verschlungen, und am Ende komme ich nur dahin, wo „Das neue Alphabet“ ansetzt, nämlich bei der zunächst banal daherkommenden Erkenntnis: Sprache braucht einen Lebenshintergrund. Oder umgekehrt: Ein veränderter Lebenshintergrund braucht eine neue Sprache. Für mich als Texterin wird noch einmal klarer, warum ich mich mit dem Schreiben immer wieder so schwer tue. Nicht, weil es an sich ein schwieriges Geschäft ist. Sondern weil ich in einer Umbruchszeit lebe, in der alte Muster nicht mehr passen. Egal, ob ich hier im Blog schreibe, oder ein anderes Format wähle. Stets suche ich nach neuen Worten, Sätzen, Melodien. Kein Grund zur Panik. Im Gegenteil. Dem Anfang wohnt bekanntlich ein besonderer Zauber inne…

Die Eröffnung für „Das neue Alphabet“ läuft noch heute im Berliner Haus der Kulturen der Welt.

Michel Foucault, Das Leben der infamen Menschen, Berlin 2001 (1. frz. Aufl. 1977)

In den Himmel wachsen (II)

Vielleicht ist das etwas, was wir von Bäumen lernen können. Auch noch alt und kahl in den Himmel zu wachsen. Weil ich mich in den letzten Tagen frage, was mich von einem Tag zum nächsten kommen läßt. Oder warum es mich so quält, wenn Freund/innen aufhören, nach den Sternen zu greifen…