Downtown Los Angeles an einem Sonntag

Zugegeben, es war ein enorm heißer Sonntag. Aber es sieht auch an den übrigen Wochenenden im Zentrum von Los Angeles so aus: menschenleer. Das Foto habe ich vor knapp zweieinhalb Jahren gemacht. Und jetzt ist es wieder so weit. In drei Wochen starte ich in meine nächste USA-Reise. Von New York geht es nach Los Angeles, und was auf dem Papier eine schön geordnete Route abgibt, wird in meinem Kopf langsam zu einer immer komplizierteren Parcours. Was da alles schief gehen kann! Hu. Der Hase in mir schlägt die langen Ohren vor die Augen: Bloß nicht!

Höchste Zeit, mir gut zuzureden. Denn. Urlaub ist für mich die Möglichkeit, aus meiner komfortablen Alltagsroutine auszubrechen. In Berlin, so mühsam die einzelnen Aufträge auch sind, die ich hier abzuarbeiten habe, begebe ich mich nur selten auf neue Wege. Klar. Das ist das Alltags-Ding. Und die Sehnsucht nach Abhängen und Erholen ist groß. Gleichzeitig würde ich sicher nichts Neues mehr angehen, wenn ich mich nicht gelegentlich in eine anstrengende Reise verabschiede. Ich bin ängstlich und insgesamt nicht besonders reiseerfahren. Dennoch schaffe ich es interessanterweise oft nur unterwegs, so offen und mutig zu sein, wie ich es in Berlin – wo es für mich doch viel einfacher sein müsste – gar nicht hinkriege.

Ein Erlebnisurlaub also. Und damit ein Ego-Trip? Tatsächlich mache ich mir Gedanken, was Reisen bedeutet. Ob die persönliche Horizonterweiterung die Kosten rechtfertigt, die eine solche Reise verursacht. Ich weiß, dass mir die Begegnung mit Fremden den Blick gerade rückt. Nicht, weil ich dadurch weniger Klischees hätte, sondern weil ich Brücken bauen muss. Weil ich mir erst in unübersichtlichen Lagen von anderen helfen lassen muss. Das kann gefährlich werden. Denn nicht jede/r, der oder dem ich begegne, meint es gut mit mir. Aber: Auf Reisen erlebe ich Freundlichkeiten und Hilfen, die ich nicht verdient habe. Und die ich nicht zurückgeben kann. Das sind für mich die wichtigsten Souvenirs. Weil ich hoffe, mit ihnen keine verbissene Rentnerin zu werden, und damit dann jenseits des Ego-Trips auch für meine Umgebung etwas Gutes zu tun 😉

Freier Fall

Wie immer, sind die Tage nach dem Ende einer längeren Arbeits-Stress-Zeit merkwürdig konturlos. Ich fühle mich wie im freien Fall durch die Zeit, denn wo sich am Ende Tag und Nacht kaum noch unterschieden, weil ich immer kürzer (aber dafür öfter) geschlafen habe, so dass ich gelegentlich auch nachts am Schreibtisch saß, läuft dieser Rhythmus noch eine Weile auch ohne Arbeitsdruck weiter. Ich flutsche regelrecht durch die Woche, versuche mich abzubremsen, aber jede noch so kleine Anstrengung ist gerade zu viel. Also lasse ich mich treiben. Immerhin weiß ich, dass irgendwann Schluss ist, und ich wieder auf dem Boden ankomme.

Und wie immer sind die Tage nach Superstresszeiten sehr einsam. Kein Wunder, wenn ich mich lange zurückziehe. Auch hier ist dann das Großraumbüro mit den netten Kolleg/innen ein großes Glück: da haben wir gestern mit echtem Schampus auf alle meine abgeschlossenen Projekte angestoßen, das war sogar an einem Freitag, den 13. ein Vergnügen. Aber jetzt sitze ich alleine rum, könnte ganz tolle Dinge machen, immerhin ist Art Week in Berlin, immerhin scheint die Sonne, immerhin gibt es 1.000 Sachen, die ich in den letzten Wochen gar nicht machen konnte, und ich habe nicht ein Fünkchen Elan übrig. Pfffffff. Wahrscheinlich reicht es, mich gleich einfach mal im Hof in die Sonne zu setzen. Und nach ein paar Tagen ist auch die Einsamkeit wieder vorbei. Aber das ist und bleibt für mich eine so merkwürdige Sache: Im Erfolg bin ich einsamer, als in schwierigen Zeiten.

To reach high

Ich kann mich noch an ein Gespräch an der Uni erinnern. Ich hatte – wie wahrscheinlich viele Student/innen – Schwierigkeiten, eine umfangreiche Hausarbeit zu schreiben. Heute denke ich, „kein Wunder“. Schließlich lernt man das nicht in der Schule und im Grunde auch nicht an der Uni. Da macht man es eben. Dieser Sprung ins Wasser (der Kältegrad ist wahrscheinlich für jede/n unterschiedlich) brachte mich ordentlich ins Schwimmen. Aber statt das zu akzeptieren, dachte ich erst mal wieder, an mir stimme was nicht oder ich könne das nicht oder was nicht alles. Ich ging also zu einer Beratungsstelle und bekam den Rat, ich solle keine Bestnote anstreben, sondern fürs Erste einfach mal daran denken, die Hausarbeit fertig zu bekommen. „Die Latte nicht so hoch hängen“ hieß das damals – und wahrscheinlich auch heute noch.

Ehrlich? Damit kann ich überhaupt nichts anfangen. Natürlich gibt es immer Dinge, die ich ohne Eleganz und Ambition fertig mache. Nur, damit sie getan sind. „Das reicht“ gehört unbedingt zu meinem Wortschatz, und wird auch nicht selten benutzt. Dennoch habe ich das Gefühl, dass mir bei jeglicher „Halbherzigkeit“ Energie verloren geht. So als würde ich mit angezogener Handbremse fahren, und es sinnvoller wäre, mich in die Verausgabung zu befreien. Für viele ist dieses Denken wohl ein Zeichen von Ehrgeiz. Aber das meine ich gar nicht mal. Es ist für mich eine Frage der Lebensökonomie. Aber möglicherweise liege ich falsch – ? Was mich tatsächlich stutzig macht, ist, wie sehr ich diese Art des Gasgebens voraussetze, auch bei anderen Menschen. Und, um es schlimmer zu machen, vor allem bei Menschen, die ich sehr liebe und schätze. Nicht, weil ich nur mit erfolgreichen Menschen zu tun haben will. Es geht um die Idee, sich sichtbar zu machen, aus sich herauszukommen. Die eigenen Möglichkeiten zu nutzen. Und hier liegt möglicherweise der Fehler. Denn was ist schlimm daran, hinter seinen Möglichkeiten zu bleiben?

 

Alltag – oder das Glück, einen zu haben

Natürlich meckern wir gerne über ihn: den Alltag, das Tagein, Tagaus des immer Gleichen. Wie ein endloser Weg zieht er sich durchs Leben, wir freuen uns auf die Abwechslung des Wochenendes und der Ferien. Umgekehrt: Wer keinen Alltag hat, ist entweder ein/e (Kino-)Held/in, ein sehr armer Mensch, der statt Alltag in ständiger Improvisation lebt oder todkrank und sehr kurz vor dem Sterben.

Wer dagegen einen Alltag hat, wie ich zum Beispiel, in dem auch immer wieder die kleinen Abenteuer aufleuchten, in denen Platz ist für Gedankenspiele oder Entdeckungen – sind wir nicht Glückspilze?! Ein Hoch also auf den Alltag – einmal mehr und aus vollem Herzen.

Danke wie immer an Ulli von https://cafeweltenall.wordpress.com/

Die Eleganz des Kochens

Glaubt man den Prognosen der Haushaltstechnikbranche, haben wir demnächst nicht mehr viel zu tun in unseren Küchen. Oder wahrscheinlich wird es bald überhaupt keine Küchen mehr geben. Um Platz zu sparen, verschwinden die Kochgelegenheiten vermutlich bald im Wohnzimmer, wo sie so unauffällig wie möglich eingepasst werden. Heute gibt es schon Herde, die – ausgeschaltet – nicht mehr vom übrigen Sideboard zu unterscheiden sind (außer, dass der Hersteller noch irgendwo gut sichtbar sein Firmenlogo anbringt).

Kochen ist da kaum noch möglich. Und hier stehen mir vor Schreck die Nackenhaare hoch. Weil ich befürchte, dass einmal mehr eine Kulturtechnik zur Disposition steht. Statt die Schönheit des Könnens vor Augen zu haben, geht es den Haushaltstechnik-fortschrittler/innen darum, uns Arbeit zu ersparen. Natürlich ist tägliches Kochen Arbeit, und damit oft genug frustrierend und endlos. Aber was um Himmels willen habe ich davon, wenn mein Ofen weiß, wie ich mein Hühnchen gebacken haben will und mir das zuverlässig, und wenn es sein muss, jeden Abend, haargenau gleich brät? Kochen ist doch nicht nur sein Ergebnis. Kein zu optimierender Prozess, der keine Pannen – und damit keine Überraschungen – mehr kennt. Der kein Fingerspitzengefühl mehr verlangt, oder Geheimtricks. Nur noch liefert. Wenn möglich, auf höchstem Niveau. Ja, ich weiß, das klingt defensiv und pessimistisch. Und ich gehöre durchaus zu denjenigen, die vom technischen Fortschritt profitieren. Ohne Computer hätte ich nie herausgefunden, dass ich gerne schreibe. Mit der Hand war ich immer zu langsam. Meine Handschrift habe ich gerne an den Nagel gehängt, und auch hier handelt es sich um eine Kulturtechnik. Also sollte ich daran denken, dass alle Menschen, die nicht gerne kochen, heilfroh über das gut gebackene Hühnchen sein werden. Trotzdem habe ich das dumme Gefühl, dass wir hier einem Denkfehler auf den Leim gehen. Wenn wir den Prozess für ein perfektes Ergebnis opfern, damit vermeintlich Zeit und Energie sparen, sparen wir an unseren eigenen Bedürfnissen vorbei. Oder übersehe ich da was?

 

Shoppen ist mehr als Konsum

Mir stößt die Sache schon länger auf. Ich gehe gerne shoppen. Für mich, gerade nach der Arbeit oder bei schlechtem Wetter ein Spaziergang, der nicht immer an der Kasse endet. Ich kann völlig den Kopf ausschalten und mich im Betrachten von Materialien verlieren, in der Machart von Gegenständen, ihrer Wirkung, beim Anprobieren von Kleidern oder Schuhen, beim Vergleichen, oder Fantasieren, für was ich dies oder jenes verwenden könnte. Shoppen ist ein langes Gespräch mit mir selbst. Ein Ausprobieren von Dingen, die mir gefallen könnten. Die als mein Besitz meine zweite Haut, mein Schutz, mein Komfort, meine Unterhaltung oder meine Diener in vielerlei praktischer Hinsicht werden. Die ich fortan immer wiederkenne. Die damit einzigartig werden, auch wenn im Regal noch 10 davon gestanden haben. Wenn ich mit einer Freundin oder mit einem Freund unterwegs bin, kann es noch spannender werden. Weil wir unsere Funde miteinander vergleichen. Und so eine Menge voneinander erfahren: Vorlieben, Abneigungen, Kenntnisse, Sehnsüchte. Aber es scheint, als dürfe ich dieses Vergnügen nicht genauso unbefangen zum Besten geben wie ins Kino gehen, ins Konzert oder zum Sport. Shoppen ist was fürs Massenpublikum, billiger Rausch, nichts fürs Herz, die Seele und schon gar nicht für den Verstand. Na gut, dachte ich bis jetzt. Dann habe ich eben auch ein guilty pleasure, und gut ist!

Aber da naht vielleicht Rettung in Form eines Buches. Literaturprofessor Moritz Baßler und Heinz Drügh, Dozent für Literatur und Ästhetik, haben im Bielefelder transkript-Verlag gerade einen Sammelband zum Thema „Konsumästhetik“ herausgegeben. Und hier bekommt das Shoppen einen neuen Status. Weil sich zeigt, dass Kaufen auch auswählen ist, nicht bloß Geld ausgeben. Und weil – was wir natürlich alle schon wussten – auch Kunst längst käuflich ist. Was dort (also auf dem Kunstmarkt) ein ästhetisches Urteil ist, kann hier (in der Shopping-Mall) nicht einfach nur Nichts sein. So zumindest verstehe ich die Einleitung, die Baßler und Drügh ihrem Buch voranstellen. Heute will ich fürs Erste nur auf den Titel hinweisen. Mir scheinen hier werden die Weichen für eine neuen Umgang mit Konsum und mit (zeitgenössischer) Kunst gestellt. Weil wir mit unserer bisherigen Moral wahrscheinlich nicht weiterkommen, weder in Bezug auf Nachhaltigkeit und ein weniger verschwenderisches Leben, noch in der nach wie vor vernebelten Grauzone zwischen populärer und „hoher“ Kunst.

Moritz Baßler, Heinz Drügh (Hg), Konsumästhetik (Bd. 6). Umgang mit käuflichen Gegenständen, Bielefeld 2019.

Ein schönes Beispiel für unsere Mühe, Werbung und Kunst miteinander zu genießen oder voneinander zu trennen, ist dieses Schaufenster einer bekannten japanischen Modekette, das ich 2017 in San Francisco fotografiert habe. Kunst, Kitsch, Werbung oder was?