Abgeben

Es gibt bei eigenen Projekten den Moment, in dem man das Ruder abgibt. Dann zumindest, wenn man das Vorhaben nicht alleine finanzieren kann. Das muss nicht nur schlecht sein. Denn auch wenn viele Köche den Brei meist verderben, sehen vier Augen mehr als zwei. Und sechs erst. Oder acht. Vielleicht ist es so wie mit einem Kind, das man an einem bestimmten Punkt ziehen lassen muss. So viel kann schief gehen, aber so viel auch besser. Mein Hölderlin-Buch ist jetzt in der ersten Lektorats-Runde. Und weil es eine Kooperation mit einem Museum und einem Verlag ist, schauen gleich vier Augenpaare neugierig in den Text. Der wird jetzt laufen lernen. Denn erst in den Köpfen von Leserinnen und Lesern kann er sich entfalten. Mir ist mulmig. Aber es ist auch ein schönes Gefühl, etwas eigenes aus der Hand zu geben.

Heiliger Zorn

Oder was ich (eine als „Mädchen“ erzogene Frau in den 50ern) von Hölderlin lernen kann.

Dein Zorn,

Wanderer!

Unberechenbar ist die Schönheit

Licht fällt auf die Wasser

Freiheit ist dem Glück

Liebe oder Tod.

(Nein, der Text ist nicht von Hölderlin. Aber von seinen Gedichten inspiriert.)

Der Herbst kommt,

und mit ihn ein erster Rückblick auf’s Jahr. Vor 12 Monaten war ich voller Vorfreude auf die bevorstehende USA-Reise. Hektik im Vorfeld, um alles ordentlich in Sack und Tüten zu haben, wenn es losgehen würde. Dazu noch der 90ste Geburtstag meines Vaters mit den nötigen Vorbereitungen, plus Zahnarzttermin (auweia!). Sehr turbulent. Aber nichts gegen das, was mich Ende Februar erwartete. Nicht, dass ich damit allein war (und das war manchmal sogar ein Trost). Aber die eigenen Lösungen muss man alleine finden.

Ich hatte Glück. Und genauso fühle ich mich. Natürlich wird das Jahrbuch erst am 31. Dezember geschlossen. Doch habe ich mir die letzten Tage Zeit gegönnt, froh, sogar zufrieden zu sein. Wer vom Weg abgekommen ist, kennt sicher das tolle Gefühl, wieder im Bekannten angekommen zu sein. Ich habe wieder Luft zum Atmen, und Spielraum, meine Arbeit nach eigenen Maßstäben weiter zu treiben (Eigener Ehrgeiz fällt mir nun mal leichter als der anderer Leute…). Und auch, wenn schon wieder neue Wolken steigen, fühle ich mich wie frisch von einem Abenteuer zurückgekehrt: Erleichtert, froh und voller Zuversicht.

Mein Favorit

für den diesjährigen Deutschen Buchpreis steht schon fest. Auch wenn ich gar keine Zeit hatte, auch nur einen der in der Shortlist angelangten Bücher zu lesen. Ich war heute Nachmittag im Aufbauhaus und habe in der dortigen Buchhandlung diesen tollen Reader (UMSONST!!!) gesehen. Mir schnell noch einen Kaffee besorgt und dann tatsächlich Zeit gehabt, in alle Texte reinzulesen. Ein großes Vergnügen. Und, ach so, ja, mein Favorit ist Bov Bierg: Serpentinen. Und Ihr so?

Leben ist Utopie

Dieser Gedanke ist für mich in verfahrenen Situationen der Ansporn, nach vorne zu denken, mir auch unbequeme oder unkonventionelle Lösungen zu erlauben. Georges Perros schreibt:

„Alors, l’utopie, c’est de se prendre ein main, de se vouloir libre.“

Sich selbst an die Hand nehmen, sich selbst frei wünschen (und dorthin führen).

Georges Perron: papiers collés III, Paris 1978.

Das sieht exotischer aus,

als… – oder wer erwartet solche Reisefotos aus Tübingen?

Ich habe drei schöne Tage in der kleinen Stadt am Neckar verbracht, um „meinen“ Hölderlin, ein Buch über den Dichter und einige seiner Gedichte in Einfacher Sprache, dort vorzustellen.

Was mich wirklich angerührt hat, dass der letzte Teil meiner Lesung in Hölderlins Turmzimmer stattfand. Was für ein Geschenk!

Na toll …

Zur nicht funktionierenden Waschmaschine gesellt sich seit gestern Abend der Ausfall von warmem Wasser. Hinter meinem Rücken höre ich ein fast schon infernalisches Gekicher:

Diese Großstädterinnen… fangen zu flennen an, wenn keine Waschmaschine und …

Hör‘ mal, ich flenne nicht! Ich merke nur, wie schnell ich ausgebremst werde, wenn nicht alles so funktioniert, wie vorgesehen.

Das sollte gleich mal öfters passieren. Findest Du nicht?

Hm. Theoretisch schon. Praktisch, och nö. Ist so, als wenn plötzlich die Farbe weg ist.

Weichei!

Besserwisser!

hihihihii

Dann gehe ich jetzt eben laufen. Wenn mir heiß ist, kann mir eine kalte Dusche nix mehr anhaben.

Na also!

Ruhe jetzt! Geht woanders weiter kichern. Man, man, man…

Dornröschen

Eine Schönheit ist sie nicht – unsere Hofmauer, die seit mehr als einem Jahrzehnt wieder ans Licht gekommen ist. Aber, seufz, sie ist wieder da!

Ich kann mich noch – wenn auch nicht wirklich gut – an den Tag erinnern, als Handwerker in den Hof kamen und gelbstichige Holzpaneelen vor die Backsteinmauer schraubten. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Da stand eine Mauer, und plötzlich war da eine abwaschbare Oberfläche. Wer braucht das denn? Vor allem: Auf eine Skala von 0 (prima) bis 10 (abscheulich) war die neue Lösung mindestens eine 14. Und das Schlimmste: Nix zu machen. Das Ding war dran, bevor man irgendwen von der Hausverwaltung auch nur ans Telefon bekam.

Ich musste mich arrangieren. Morgens fiel mein erster Blick auf senfgelb. Und wenn es sehr sonnig war, blendete diese glänzende Oberfläche ganz schön. Das Grauen hatte ein Ende. Ohne dass ich wirklich nochmal damit gerechnet habe. Den gelben Bauschaum knibbele ich in meinen Arbeitspausen ab. Eine Stahlbürste habe ich auch schon besorgt. Was soll ich sagen – ich freu mich!