Dem Hasen Kunst erklären

Das konnte er gut: Dinge sagen, von denen man im ersten Moment nicht recht wusste, ob man sie richtig verstanden hatte. Capri-Birne? Ich denke sowieso mit dem Knie. Und jeder Mensch – echt jetzt?

Heute vor 100 Jahren wurde Joseph Beuys geboren, für rheinländische Kunstgeschichtsstudent/innen eine Größe, an der nicht so einfach vorbei zu kommen war. Weil er Star Trek schaute, konnte er doch nicht völlig blöd sein, aber was er da machte, pffffff. Ich schwankte oft hin und her. Unverständnis, Ablehnung, Faszination, nicht zuletzt Entspannung: Der ganze Schrott wollte nicht bewundert werden. Der stand eben erratisch bis unübersichtlich in Museen herum und erinnerte an Baustellen oder Brachen, an Orte also, die ich immer ganz gerne mochte.

Eigentlich wollte ich mich heute mal eine Stunde hinsetzten, und mich an meine Begegnungen mit Beuyscher Kunst erinnern. Aber der Tag hat eine komische Abkürzung vorgenommen. Jetzt ist es Abend und ich zu müde. Ich will sehen, dass ich das Vorhaben nachhole. Denn eins ärgert mich schon, wie sehr Beuys jetzt in die rechte Ecke gedrängt wird. Es hat sich gezeigt, dass er seine Biografie geglättet, esoterische und undemokratische Gedanken gedacht oder andere politisch nicht korrekte Ideen hatte. Aber er hatte eben auch einen großen Drang, Dinge zu ändern, andersherum zu denken, und damit vielleicht besser, weil – so würde ich das formulieren – ehrlicher zu machen. Ich hoffe, ich finde Zeit, mir das genauer anzuschauen. Und Ihr so? Habt Ihr Euch an Beuys gestoßen, oder war er einfach egal?

Hölderlin kommt!

Am Wochenende ist es soweit: Mein Buch „Hölderlin leuchtet“ kommt nach einem Jahr Arbeit heraus. Das ist wirklich ein bisschen, wie eine Geburt (oder wie ich mir eine Geburt als Nicht-Mutter so vorstelle): Ich bin wahnsinnig gespannt, wie der Neuankömmling aussehen wird, obwohl ich mir so einiges schon denken kann. Und bei aller Unsicherheit freue ich mich auch. – Die sehr schönen Illustrationen stammen übrigens von Jette von Bodecker. Sie machen das Buch doppelt schön.

Erfolge vernichten

Es gibt das Märchen vom Fischer und seiner Frau. Er hat eines Tages einen Superfisch an der Angel, der Wünsche erfüllt. Statt selbst etwas zu wünschen, geht der Fischer zu seiner Frau, um ihre Wünsche zu erfragen und dann erfüllen zu lassen. Es geht eine Weile, bis die Frau zu viel will und das Paar zur Strafe wieder in den anfänglichen Zustand großer Armut versetzt wird. Alles haben, und doch nicht zufrieden sein – ach ja. Kennen wir alle (manchmal).

Aber es geht auch umgekehrt. Und je länger ich alleine im Home-Office sitze, umso schneller dreht sich die Spirale. Nein. Es gibt keinen Superfisch. Aber stets neue Begehrlichkeiten, was die eigene Leistung angeht. Wenn ich heute was schreibe, denke ich am nächsten Tag: Hoppla, wenn ich heute was schreibe und noch was schreibe, das wäre doch toll – !? Und am nächsten Tag lege ich noch eins drauf. Und so am übernächsten und am über- übernächsten Tag. Mit dem Ergebnis… immer missmutiger zu werden. Denn nichts zählt mehr: Nicht ein Text, nicht zwei, nicht drei. Es müssen mindestens vier sein, dazu noch mindestens eine Stunde draußen, dann Hausarbeit, ein tolles Essen, ein bisschen Sport, vielleicht noch ein Brief oder eine E-Mail und jeden Tag in einer anderen, möglichst noch besseren Mischung.

Ehrlich? So wird das nichts. Immer mehr und noch mehr – das ist keine gute Idee, weder in die eine, noch in alle anderen Richtungen. Also besser mal scharf auf die Bremse treten. Abendessen machen, mich freuen, was ich die Woche erledigt habe und die Füße hochlegen. Wie heißt das noch so schön? Feier(!)Abend…

Wie wird es sein?

Bei meinem letzten Spaziergang bin ich lange an dieser Baustelle stehen geblieben. Viel ist mir durch den Kopf gegangen – Was Stadt oder Stadtleben bedeutet zum Beispiel, wie viel Geschichte oder Geschichten ein solches Grundstück trägt, welche Erwartungen sich an das neue Haus knüpfen, welche Befürchtungen. Wie angreifbar ein Haus von seiner Rückseite aussehen kann. Was die Bäume schon alles „gesehen“ haben mögen. Oder auch: Wie wird es sein, wenn es fertig ist? Eine Frage, die oft später kaum noch umgekehrt werden kann, weil man sich so ans „fertig“ gewöhnt hat, dass das Vorher völlig in Vergessenheit gerät. Wie wird es sein, wenn ich erwachsen bin? Das ist eine Frage, die ich mir als Kind (nicht mehr als Jugendliche) gestellt habe. Wie würde ich sie heute beantworten?

Oasen schaffen

Was zählt im Leben? Eine Frage, so hartnäckig wie eine Fliege. Zumindest in meinem Leben. Zumindest in den letzten Monaten, wo der Alltag weit und öd ist wie eine wüste Ebene.

Genug Sendungsbewusstsein, die Menschheit zu retten, fehlt mir. Oder vielleicht einfach auch nur die rettende Idee.

Ordentlich durchkommen? Eine Vorstellung, die mächtig am Ego kratzt, aber möglicherweise die Richtung weist. Wobei „ordentlich“ ja auch einen gewissen Spielraum lässt. Aber dann denke ich an den Fürsten Pückler, mit dem ich mich gerade beruflich beschäftige. Eigentlich ein ziemlicher Egomane, und bestimmt kein Vorbild für eine Frau im 21. Jahrhundert. Aber – er war, bei allen Macken ein großartiger Gastgeber. Er liebte (gute) Gespräche und brachte die Leute liebend gerne zusammen. Natürlich spielte da auch Eitelkeit eine Rolle, Könige oder Königinnen sollte mindestens in der Gästeliste sein. Aber dann konnte er auch den Lehrer aus Cottbus oder sogar seinen eigenen Hausangestellten Billy mit an die Tafel bitten. Und seinen Park in Branitz öffnete er von Anfang an fürs Publikum: eintrittsfrei. Oasen schaffen, so nannte er als älterer Herr sein Lebensziel, und auch wenn ich sicher nicht die Gelegenheit finden werde, wie Pückler große Parks zu gestalten, die Idee hat was:

Oasen schaffen! Wäre das nicht eine gute Idee?

Autodidakt/in sein

Meine Freundin möchte demnächst in der VHS unterrichten. Sie rief mich halb lachend halb fassungslos an, denn 16 Dokumente sind dafür auszufüllen, dazu Magistra- und (ja wirklich!) Abiturzeugnis abzuliefern. Ich habe mitgelacht. Und gedacht, klar, wir sind hier in Deutschland… und Professionalität bemisst sich nach Zeugnissen und möglichst guten Noten.

Dabei. Oder: Gleichzeitig. Wer einen frischen Blick auf Dinge hat, sieht manchmal mehr. Eigentlich wissen das alle, aber kaum jemand traut sich oder anderen das so richtig zu. Ich habe als Quereinsteigerin häufig in gewissen Grauzonen gearbeitet und war froh, dass meine Auftraggeber/innen nicht so genau nachgefragt haben. Denn ich war blutige Anfängerin. Leider habe ich mich da oft zu sehr nach dem, „wie man es richtig macht“ orientiert, um wirklich originell zu sein. Aber gut. So habe ich zumindest einiges gelernt.

Die Idee, dass weniger zu wissen ein Vorteil sein kann, ist befreiend. Nicht, um fortan nix mehr zu lernen. Sondern um sich selber zu versichern. Erfahrung, Witz, Neugier können zu besseren Ergebnissen führen als das Einhalten von Regeln und anderen To Do’s. „Ich kann das nicht“ – doch. Der Satz bleibt natürlich trotzdem gültig. Weil auch Autodidakt/innen das Recht haben, Nein zu sagen. Oder nicht zu wollen. Ich muss schließlich nicht alles können.

Etwas zurück geben

Eben habe ich einen Artikel über Frank Gehry gelesen, der Architekt ist mittlerweile 92 und offensichtlich rege wie immer. Seine Gebäude überraschen – er hat das Guggenheim in Bilbao entworfen oder die Disney Hall (Philharmonie) in Los Angeles – und denkt längst nicht ans aufhören. Natürlich sind Menschen, die ihre, sagen wir „Traumberufe“ gefunden haben, gut dran. Dennoch, Arbeit ist und bleibt Arbeit. Er entwirft mittlerweile auch für soziale Einrichtungen, zum Beispiel ein Obdachlosenheim am Wilshire Boulevard, und ich musste wirklich lachen: alle die reichen Bonzen, die von einer Gehry-Villa träumen und dann: hahahaha!

Die Idee, in Rente zu gehen und das Alter soweit es geht ohne Arbeit zu genießen ist sicher nicht schlecht. Und es gibt vielen den Raum, überhaupt erst einmal das zu tun, was ihnen liegt. Oder eine Herzensangelegenheit ist. Selbst Nichtstun, die freien Stunden genießen, ist ja Leben genug. Aber die Idee, gerade im Alter die Gelegenheit zu nutzen, etwas zurückzugeben von dem, was man bekommen hat, erscheint mir befreiend: als eine Großzügigkeit, die man sich herausnimmt, ganz ohne Grund oder Zwang.

Man kann auch einfach mal so großzügig die Stadt verschönern, wie auf dem Foto aus Berlin zu sehen. Und, noch viel toller als die Bauten von Gehry sind seine Entwürfe: sie sehen auf den ersten Blick aus wie ein ulkig zusammengesteckter Abfall. Aber dann!