Den vielleicht größten Hype erlebten Friedhöfe möglicherweise während Corona, als sie eine der wenigen Gelegenheiten boten, draußen (vielleicht sogar in Begleitung) unterwegs zu sein. Hier in Berlin entwickelten sich neue Gewohnheiten: man traf sich an einem Grab oder einer Bank, redete miteinander, trank mitgebrachten Kaffee oder Tee und wurschtelte vielleicht auch ein bisschen an den Blumen herum. Für viele aus meiner Elterngeneration war diese Art des Friedhofsgangs noch Alltag: oft gingen sie sonntags ans Grab von wem auch immer, dort, oder auf dem Weg, traf man dann Freund*innen und Bekannte. Je mehr Freund*innen meiner Eltern starben, desto häufiger gingen sie zum Friedhof. Für meinen Vater war das über Jahre ein täglicher Spaziergang.
Erst fand ich das befremdlich. Immerhin, dachte ich, läuft er draußen rum, das ist zumindest gesund. Wenn ich ihn besuchte, merkte ich, wie lebendig dieser tägliche Spaziergang war, denn man traf immer jemanden. Oder, mein Vater war da ziemlich mutig, man traf ein unbekanntes Gesicht und fragte gleich mal nach. Es entwickelten sich Gespräche, die oft Erlebnisse aus der Vergangenheit zum Thema hatten, manchmal sogar den lange fehlenden Teil einer Erinnerung plötzlich preisgaben. Ich habe auf dem Friedhof viel über meine Heimatstadt gelernt.
Auf dem Friedhof sind alle gleich. Heißt es. Auch ist es ein Ort, an dem wir Tiere treffen (wenn wir ruhig genug sind). Mit meinem Vater gab es auf jedem Weg andere Themen, über die wir sprachen. Gemeinsam kümmerten wir uns um Gräber, die nicht so gepflegt aussahen, und wir sagten allen Toten, die mein Vater kannte, „Hallo“ wenn wir unterwegs waren. In den letzten Jahren sagte mein Vater oft, dass ich die Wege demnächst alleine gehen würde. Ich stellte mir das vor. Konnte es nicht richtig, und jetzt, wo ich sie alleine gehe, ist mein Vater trotz seiner Abwesenheit immer dabei.
Und dann die Überraschung: Als ich vor zwei Wochen ans Grab meiner Eltern kam, nach ziemlich genau einem Jahr Abwesenheit, war es erstaunlich gut gepflegt. Hornveilchen waren gepflanzt, Erika, dann grüne kleine Büschel, die dem Ganzen einen geschlossenen und aufgeräumten Eindruck verliehen. Ich hatte eine schlammige Brache erwartet. Es war zwar nicht üppig, aber ordentlich. Und ich war froh, wie ich selten froh bin. Und dankbar. Weil ich verstanden habe, dass man sich keinen Gewinn durch Aufmerksamkeiten gegen andere verdient. Sondern dass es sein kann, dass man selbst einmal Aufmerksamkeit bekommt, geschenkt bekommt.
Herzlichen Dank für die Person*en, die sich beim Weg über den Friedhof mit Liebe an meine Eltern erinnert/erinnern.









