Alleinsein

Alle paar Monate hadere ich mit mir. Ich überlege dann, warum ich so lebe, wie ich es nun mal tue, ob es bessere Varianten gäbe, ob ich nur zu faul bin, etwas zu ändern, oder ob es gerade richtig ist, so wie es läuft, und der Wunsch nach Verbesserung bloß wieder die törichte Idee, man könne sich optimieren. Wie, so frage ich mich dann, kann ich überhaupt wissen, ob es anders besser wäre, wo ich doch mit Haut und Haar drinstecke in meinem Leben. Bin ich unzufrieden? Bin ich bequem? Bin ich zu ängstlich geworden, freiwillig noch etwas ändern zu wollen? Und was wäre es überhaupt, was ich ändern oder ausprobieren sollte?

Vielleicht bin ich, so denke ich seit Beginn des neuen Jahres, doch zu oft alleine? Verordne ich mir zu oft den Rückzug von der Welt? Sollte ich nicht öfter weg von meinem Schreibtisch, den Büchern und den vielen wilden Sachen, die ich nebenher – und nur für mich – mache? Aber dann kam mir ein überraschender Gedanke: Dass ich nämlich Schönheit nur wahrnehme, wenn ich lange genug alleine bin. – Echt jetzt? Oder binde ich mir hier einen Bären auf, um bloß nix zu ändern?

Gesundheit

Längst tobt auch auf dem Gesundheits-Sektor ein Glaubenskrieg. Hier steht die so genannte „Schul-Medizin“, dort die der „ganzheitlichen“ Heilung, auch „Alternativ-Medizin“ genannt. Dazwischen ein tiefer Graben.

Es gibt Gründe, weshalb es zu dieser Polarisierung kam. Die allmähliche Industrialisierung der Medizin, die Bevölkerungsexplosion im 20. Jahrhundert und die über Jahrzehnte daraus resultierende Marginalisierung von traditionellem Heilwissen sind – verkürzt formuliert – wesentliche Ursachen. Aber es ist Zeit, diese Grabenkämpfe einzustellen. Zum einen, weil wir zu einer nachhaltigeren Medizin zurückkehren müssen, zum anderen, weil wir hier Scheingefechte führen, die – eben, es gibt besseres zu tun…

Zum Glück bin ich bislang nicht wesentlich erkrankt oder verunglückt. Doch von Kindheit an leide ich unter Migräne, einer chronischen, d.h. nicht heilbaren Krankheit (oder Veranlagung, wer mag). Im Laufe der Jahre habe ich verschiedenste Strategien versucht, mit den schubweise auftretenden Mega-Schmerzen klarzukommen. Mittlerweile ist klar: Die Mischung macht’s: Schmerzmittel, wenn nichts mehr geht, vorher viel frische Luft, Bewegung, Massage, Duftöl und die Einsicht, dass die Migräne zu mir gehört.

Wer jedoch die Diagnose einer schweren, eventuell sogar lebensbedrohlichen Krankheit bekommt, mag sich zwischen den Stühlen wiederfinden. Hier sieht es oft so aus, als wenn es bloß ein Entweder/Oder gäbe, das jeweilige Menschenbild hinter den Heilungsmethoden eine Entscheidung für oder gegen die jeweiligen Angebote verlange.

Könnten wir – so meine Hoffnung – als Patient/innen vielleicht dazu beitragen, die Grabenkämpfe (und wir vermuten sicher nicht zu Unrecht auch große finanzielle Interessen) zu beenden? Dass es Mainstream wird, aus beiden Bereichen etwas zu finden, ohne sich gleich weltanschaulich zu positionieren? Denn nur wenn wir bei uns bleiben, und nicht der einen oder anderen Seite unlautere Interessen unterstellen, kann sich ein – hoffentlich neues – Gesundheitssystem herauskristallisieren, das auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Naiv? Vielleicht. Aber wo Unordnung entsteht, muss etwas Neues her. Und das ist meine Überzeugung: das gegeneinander Antreten von universitärer und alternativer Medizin gehört überholt.

Sehschwäche

Beim Altwerden kommt fast nix plötzlich. Dass ich nicht mehr alles sehen kann, kündigte sich lange an. Ich trage seit mindestens 30 Jahren eine Brille, weil ich – wie so viele Geisteswissenschaftler/innen – kurzsichtig bin. Ich war lange sorglos, die Sehschwäche blieb relativ konstant. Seit zwei Jahren nun habe ich beim Lesen Probleme. Die ihrerseits mit ziemlichem Tempo größer werden. Es gibt Abende, da kann ich nichts mehr lesen, trotz neuer Brille, die ich seit ein paar Monaten habe. Ende Gelände.

Wahrscheinlich geht noch was, ein beginnender Grauer Star gibt mir die Hoffnung, dass zumindest hier irgendwann was zu machen ist. Auch spielt Stress eine Rolle, von dem ich in letzter Zeit genug hatte, also auch an dieser Stelle glaube ich an Verbesserung. Doch bleibt die grundlegende Erfahrung. Ab jetzt werden Fähigkeiten eingeschränkt. Ich werde improvisieren müssen, vor allem werde ich mehr Zeit brauchen: Mit zwei Brillen hantieren, braucht länger (und Geduld), lieber wären mir daher drei Hände, schade, dass so eine Hand nicht einfach nachwächst…

Tatsächlich habe ich große Sorge, das Wesentliche nicht mehr zu sehen. Einschränkungen in der Sicht machen den Radius kleiner. In jeder Hinsicht. Dass Älterwerden Mut erfordert, fällt mir sofort wieder ein. Insofern: Boldly go!

Die Umgebung macht's

Gestern habe ich einen langen Spaziergang durch Berlin Mitte gemacht und dabei Gegenden besucht, in denen ich vor 20 Jahren ( – zwanzig Jahren!!!) häufig unterwegs war. Andere Freundinnen und Freunde (natürlich nicht alle), andere Lieben, andere Hoffnungen, viel mehr Unsicherheiten, auch Ängste. Ich hatte das Wort „Revier“ vor Augen. Vor allem dieses Abschreiten des Reviers, das tägliche Kreuzen und Queren. Aber eben auch die Begrenztheit des Terrains. Wäre ja auch komisch, wenn ich damals die von heute gewesen wäre. Andererseits merke ich, auch jetzt lebe ich wieder in einem „Revier“, einem abgesteckten Raum, größer vielleicht als damals, aber eben doch wieder begrenzt. Alltag, mal räumlich gedacht. Und in dem Moment wird mir klar, warum Urlaub, oder eben auch so ein Road-Trip durch Amerika so wichtig für mich ist. Oder warum ich jetzt schon danach fiebere, wieder wegzufahren. Denn wo es anders ist, bin auch ich eine Andere. Was heikel werden kann. Aber mich schon bei dem Gedanken daran auch sehr erleichtert.

Trotzdem

Was habe ich an dem Morgen gelacht! Die Nacht war unheimlich gewesen in einem abgelegenen Motel am Rand des Joshua-Tree-Nationalparks. Wüste, ein von Alkohol und Drogen vernebelter Motel-Besitzer, viel Dunkelheit und noch mehr Schatten. Man muss nicht an Gott glauben, um dieses farbenfrohe Haus mitten im Nichts als Erinnerung in grauen Tagen zu nutzen, trotzdem weiterzumachen. Vielleicht einfach als „Reminder“ dafür, wie widerständig Menschen sein können, wenn den Umgebung schroff ist und das Ziel weit und weiter entfernt.

Glamourös aufschlagen

Wenn schon ins Loch fallen, dann doch bitte im KaDeWe. So ging es mir heute. Das, was auf dem Foto wie finstere Nacht aussieht, war fünf Uhr nachmittags. Aber ich fühlte mich so allein auf der Welt, als sei es gerade morgens um Eins an einem Wochentag in einem kleinen Kaff am Ende der Welt. So geht es mir manchmal, wenn ich große Projekte gerade beendet habe. Ich schlage im Hier und Jetzt auf und weiß nicht, wohin mit mir. Vor allem nicht nach Hause, denn da wartet bloß Spül, Wäsche und ein unaufgeräumter Schreibtisch. Ich hab also erst mal einen Kaffee getrunken und dann Leuten beim Einkaufen zugeschaut, später noch ein paar Klamotten anprobiert, das ist nämlich fast so schön wie verkleiden. In der Austern-Abteilung gab es dann einen Höhepunkt besonderer Art: Die gelangweiltesten Gesichter des frühen Abends. Wow! Spätestens da musste ich lachen. Und bin gut gelaunt zu meinem Spülberg gefahren…

Spieglein, Spieglein an der Wand…

Wo ich schon dabei bin, in den Spiegel zu schauen + wer mich kennt (ich komme aus dem Rheinland): so viele Aspekte, die eigene Person zu zeigen – Bald ist wieder Karneval! Und einmal mehr werde ich in Berlin bleiben müssen, Mitfeiern wird also mal wieder aufs nächste Jahr verschoben. Und kaum etwas macht mir mehr Spaß, als mich zu verkleiden. Gut, dass es mir gestern wieder eingefallen ist…