Ein anderes Jahr

Auf den Tag vor einem Jahr begann für mich der Corona-Ernst. Nein, die Krankheit selbst habe ich bislang – und zum Glück – nicht bekommen. Aber seit einem Jahr segele ich auf unbekannter See – wie viele nicht nur in Berlin oder Deutschland, sondern auf der ganzen Welt. Ich habe zwar, um im Bild zu bleiben, ein eher kleines Schiff, bin aber in gemäßigten Zonen unterwegs, das heißt, auch wenn mir Ungewissheit, Einsamkeit und viele Flauten zusetzen, bin ich noch lange nicht am Ende oder kurz vorm Kentern.

Der Anfang war hart, aber dann habe ich schnell auf einen Plan B umgestellt, den ich seitdem Tag für Tag für Tag abspule. Konkret hieß das: Neue Auftraggeber, ein eigenes Projekt und alles aus dem stillen Kämmerlein, weil vor Ort unerreichbar geworden ist. Wie bekomme ich neue Ideen, wenn ich tagaus, tagein am Küchentisch sitze? Wie schreibe ich einen Rundreisebericht, ohne je an auch nur einem Etappenziel gewesen zu sein? Wie kann ich mir Hölderlins Wanderungen vorstellen, wenn ich zu Hause auf der Stelle trete?

Ohne Internet wäre ich untergegangen. Auch Nachbar/innen erwiesen sich als wesentlich. Wenn sich der Radius so krass reduziert, wird die nahe Umgebung zur Insel, die so karg oder üppig ist, wie das, was sich drin und drauf bewegt. In einer Innenstadt zu wohnen, hat sich für mich als Person ohne Auto ebenfalls als Vorteil erwiesen, wie auch unser Hinterhof, denn als endlich die Sonne schien, war dort zumindest eine Pause im Freien möglich. Anders als meine Freundin in Frankreich konnte ich jeden Tag spazieren gehen und einkaufen. Ich habe eine Menge neuer Rezepte ausprobiert, die ich – und hier kommen gleich nochmal die Nachbar/innen ins Spiel – auch unter die Leute bringen konnte.

Im Spätsommer konnte ich meine Vater zum Geburtstag besuchen, ich war im Odenwald und in Sachsen-Anhalt statt in Lissabon, wohin ich vielleicht und hoffentlich in diesem Jahr reisen kann, könnte, mal sehen. Der Winter wurde lang. Meine Augen schlecht wie nie und in langen Abenden reiste ich öfter als sonst in der Erinnerung zu längst vergessenen Zeiten. Überraschendes kam zu Tage. Ich habe tatsächlich den Eindruck, mich noch einmal neu kennengelernt zu haben. So wie wenn man schwer krank im Bett liegt und viel Zeit hat, über sich und die Welt nachzudenken. Und ja. Die Frage steht auch wieder vor mir: Warum nochmal? Ich habe noch immer keine Antwort. Bin aber bereit, alle Argumente, die mir einfallen, neu zusammenzustecken.

Der Sommer im Winter

Berliner/innen kennen das mittlerweile schon: Plötzlich gibt es im Februar drei, vier Tage, an denen T-Schirt und Turnschuhe als Bekleidung reichen, zumindest mittags in der Sonne. Lachen oder Weinen? Ich bin pragmatisch, freue mich über warme Temperaturen und werde mein Mittagessen als Picknick auf dem Tempelhofer Feld verspeisen…

In den Himmel schauen

ist wahrscheinlich ein universeller Trost – obwohl… Wer im Dschungel lebt, sieht wahrscheinlich kaum was vom meist windigen Geschehen weiter oben.

Cerulian – so heißt die Himmelsfarbe auf englisch – schon das Wort klingt wie eine exquisite Praline – meinetwegen auch Pastete (für die, die nicht so gerne Süßes essen…). Dabei gibt es natürlich nicht „die“ Himmelsfarbe, und himmelblau ist von Tag zu Tag verschieden.

So eine Farbexplosion sehen wir sonst selten auf der Welt, jedenfalls wenn der Wolkenvorhang aufgezogen ist, und wir in die Tiefe des Himmelsraumes schauen. An solchen Tagen scheint alles möglich. Oder es ist, als könne der eigene Kummer zu Krümeln gehen und vom himmlischen Blau aufgesogen oder weggeblasen werden.

Wolkenspiele sind der „Alltag“ auf der Berliner Himmelsbühne. Manchmal drängen sich zu viele Komparsen ins Blickfeld. Es wird unübersichtlich und übervoll. Wer Blau sehen will, muss sich warm anziehen. Besser sogar, er oder sie hat noch einen Schirm dabei. Aber die Solostücke – gerne von blütenweißen Exemplaren aufgeführt – können Weltklasse haben und einen in Gedanken davontragen.

Der Blick in den Himmel ist für mich nicht nur entspannend, sondern wirklich erleichternd. Ich bin plötzlich nicht mehr für alles und jedes in meinem kleinen Universum verantwortlich. Es fühlt sich an, wie die Pausetaste drücken – oder umgekehrt: Mit dem Blick in den Himmel habe ich vermutlich – und endlich – die Pausetaste für überhetzte menschliche Wesen entdeckt.

Gedanken beim Blättern

Ich kann mich kaum erinnern, in den letzten Monaten einen Nachmittag Zeit zum Blättern in Reisefotos gehabt zu haben. Heute gab es plötzlich die Gelegenheit und: Was für ein schöner Nachmittag! Wie ich Reisen wiederholen kann, einfach, indem ich die Fotos ganz genau anschaue. Was ein Glück, dass es heute vergleichbar günstige Kameras gibt. Denn ohne Bilder bin ich aufgeschmissen. Die tollen Reise-Momente wären sicher längst tief ins Vergessen gesunken, meine Erinnerung funktioniert enorm schlecht.

Aber dann kam mir plötzlich, wie ein Meteoriteneinschlag ein ganz anderer Gedanke, dass es wohl nicht gut ist, im Leben mehr Platz einzunehmen, als nötig, aber dass es vielleicht noch viel verheerender ist, wenn man sich zu wenig Platz nimmt. Und dann, wegen des Meteoriten dachte ich an einen herrlich bekloppten Werbespot mit David Bowie aus den 1990er Jahren, wo er in einem einsamen Motel vom Himmel durch die Decke in das Zimmer einer älteren Frau kracht, sich aufrappelt, durch das Loch im Dach schaut und sagt: „I never get used to that“ – und ja klar, der Film „Der Mann, der vom Himmel fiel“ wurde tatsächlich in New Mexico gedreht, in einer gewissen Nähe zu Santa Fe, wo ich wiederum dieses Foto gemacht habe…

Was wäre Köln ohne das Hänneschen Theater?

nun – zumindest um einen Rosenmontags-Zug ärmer. Denn weil er „in Echt“ nicht stattfinden kann, rollt der Zug dieses Jahr en miniature über die Bühne des alten Stockpuppentheaters am Eisenmarkt. Als Kind war ich dank kölscher Nachbarn dort auch zu Gast. Heute gibt es für mich nur Schnipsel aus dem Internet, aber, was soll ich sagen? Auch zwei Minuten reichen, und mir ist warm ums Herz. Wer denkt, Karneval sei nur Anlass für ein kollektives Besäufnis, schaue gerne genauer hin: Nix als Spass an der Freude, am Detail und am – doch ja, an dem Tag muss das sein – Miteinander.

Dem Festkomitee Kölner Karneval danke ich für das zauberhafte Foto.

Winter wie lange nicht

An die Zeiten, in denen es in Berlin Stock und Bein gefroren hat, kann ich mich nur noch vage erinnern. Ich habe damals noch studiert, und hatte – ja, im Nachhinein kann ich das nur bedauern – die Nase tief in den Büchern, statt im Schneegestöber. Wenn der Wannsee zugefroren war (in Teilen zumindest), sah ich das gerade mal im Fernsehen, und auf dem Weg zur Uni habe ich Unverständliches vor mich hin geschimpft, weil es kalt war und mühsam voran zu kommen. Ich Dummerchen!

Damals wusste ich noch nicht, dass nicht mal Kälte, Eis und Schnee selbstverständlich sind. Ich friere nicht gerne, und mochte entsprechend lautstark keine Winter. Heute weiß ich es besser. Sogar die Idee der „richtigen“ Kleidung fürs vermeintlich „falsche“ Wetter habe ich mittlerweile verinnerlicht. Wetter ist längst nicht selbstverständlich, und auch, wenn es mir nicht in den Kram passt, ist es so, wie es ist, vermutlich besser als so, wie ich es gerne hätte. Mir dämmert, dass meine Vorstellung (ach was, soweit ging das ja gar nicht, es war mehr so eine Attitüde), die Welt habe sich – zumindest wettertechnisch – an meine Bedürfnisse anzupassen, ganz schön naiv war. Die Folgen erkennen wir heute – und möglicherweise zu spät.

Doch, heute friere ich natürlich auch noch. Ich ziehe aber, bevor ich rausgehe, mehr warme Sachen an. Und ich tue mir nicht mehr leid, weil ich friere. Ich sehe einfach zu, dass ich zügig an mein Ziel komme. Und freue mich, endlich wieder Schnee zu sehen.