35 Minuten beim Arzt

Nein, sie können das Rezept nicht vorbereiten. Da könnte ja jeder anrufen, und später säßen sie dann auf den nicht abgeholten Rezepten. It’s Corona, stupid! Nee. Hilft nix. Also hin.

Drei Frauen im weißen Kittel hinter dem Tresen. Keine guckt. Alle busy as hell. Klar. Warten. Ich checke meine E-Mails. Nix. Zwei Frauen verschwinden. Die andere tippt in den Computer. Ich räuspere mich mal.

Sechs Minuten später sitze ich im vorderen Wartebereich neben dem Tresen (mit drei anderen Vermummten). Ich habe zum Glück ein Buch mitgenommen.

Eine Frau kommt rein. Steht stoisch vorm Tresen. Als sie endlich sprechen darf: Ich war schon bei der Post und bei der Polizei. Ich höre Stimmen. – Haben Sie einen Termin? – Ich stehe vorsichtshalber mal auf. Die werden doch hoffentlich diese Frau jetzt nicht wieder wegschicken? Ob sie denn schon mal in der Praxis gewesen sei – und ihre Versichertenkarte dabei habe. Hat sie. Darf bleiben. Hört weiter Stimmen.

Ich lese. 20 Minuten sind jetzt vorbei. Wir sind vier. Eine Frau kommt rein. Sie sei gegen Mittag bei einer Freundin ohnmächtig geworden. Und dann habe sie sich über eine Stunde lang nicht bewegen können. Nein. Keine Vorerkrankung. Nein, zum ersten Mal in der Praxis. Karte dabei. Darf auch bleiben. Wir sind fünf. Zwei Männer kommen rein.

Nach 35 Minuten kommt die Ärztin mit meinem unterschriebenen Rezept. Ich darf gehen. Die Sonne scheint. Es ist mild. Ich bin glücklich darüber, wie gut es mir geht.

Wie geht das denn?

Bei einigen Dingen habe ich den Verdacht, dass ich sie nicht lerne, nicht, weil ich mir keine Mühe gebe, sondern weil ich partout nicht verstehe, wie sie zu lernen oder zu üben sind.

Wo ich zum Beispiel regelmäßig auflaufe? Beim Musizieren. Obwohl ich es immer wieder probiere, ich habe es nicht raus, wie ich soweit komme, ein Stück auf einem Instrument zu spielen. Oder es zu singen. Irgendetwas verstehe ich nicht.

Also klar, ich muss die Noten auf dem Blatt erst mal lesen, dann auf dem Instrument finden, dann irgendwie eine Melodie draus basteln. „Irgendwie“, da ist schon so ein Rätsel. Denn ich kann das nicht, wenn ich die Melodie oder das Stück nicht vorher mindestens einmal gehört habe.

Vielleicht ist das der Punkt, an dem Menschen behaupten (ich eingeschlossen), nicht musikalisch zu sein. Vielleicht gibt es einen Trick, den ich – und viele anderen – (noch) nicht kennen. Aber eben. Was denn, wie denn?

Nächster Punkt, und auch hier ist zunächst alles klar: ich muss die Töne in der richtigen Reihenfolge greifen, zupfen, treffen. Die Übung besteht darin, mir die Reihenfolge zu merken und schnell von hier nach da und so weiter zu kommen. Hier ist mein Problem: Wie übe ich das? Soll ich von Anfang an versuchen, schon eine Melodie damit hinzubekommen? Oder besser kalt üben, also immer nur so Wechsel? Und wie verliere ich dabei nicht die Lust? Der Teil klingt meistens so katastrophal, pfff – und das dauert ewig.

Aber dann. Kaum komme ich halbwegs flüssig durch den Parcours, gilt es Stimmungen, Nuancen hinzubekommen. Weil ich aber immer noch dabei bin, den richtigen Weg zu finden, gelingt das so gar nicht. Oder es gelingt hier mal was und da, aber beim nächsten Versuch weiß ich schon nicht mehr, wie ich das hinbekommen habe. Oder schlimmer noch: Wie war das nochmal?

Am Ende – so viel ist mir zumindest klar – müsste ich elegant durchs Noten-Gelände kommen, mit aller Freiheit und gleichzeitig mit den Möglichkeiten, hier und da kleine hübsche Extras einzubauen, sagen wir wie Tanzschritte oder schöne Gesten, so in Etwa. Soweit komme ich aber meistens nicht, weil ich schon vorher aufgegeben habe.

Nein. Nicht schlimm. Ich bin keine Musikerin. Dennoch wüsste ich zu gerne, wie es geht, oder welche Einsicht, Praxis, Beobachtung mir fehlt, um weiter zu kommen. Wißt Ihr was?

Es nicht persönlich nehmen

„Sich warm anziehen“ fällt mir gleich dazu noch ein, aber das wäre vielleicht die falsche Richtung, weil Dinge nicht an sich ranzulassen, indem man sich ein dickes Fell hat wachsen lassen oder sich in fünf Schichten Hygge versteckt, vermutlich nicht viel bringen.

Die Zeiten scheinen gegen Winteranfang schwerer zu werden, meine Haut jedenfalls fühlt sich verdammt dünn an: Wollpullis und spitze Bemerkungen kratzen mehr als sonst. Auch die Enttäuschung setzt sich mittlerweile in mir fest. Menschen, die ich vielleicht nur oberflächlich kenne, aber auf jeden Fall mag, sind im Verschwörungsmodus, Corona gibt es nicht, dafür geht die demokratische Welt gerade unter. Gerade hier reagiere ich persönlich. Und hilflos wie nie.

„Nicht Ich Person Adressat“ – vielleicht sollte der Satz eher so heißen, zugegeben holprig, aber mit der eindeutigen Bitte: Nimm Luft aus deinem Ego. Das ist natürlich tricky, weil wir ja immer nur als wir selbst auftreten, und niemand anderes gemeint ist, wenn wir angebrüllt oder sonstwie angegangen werden. Den Ärger nicht aufsaugen, ihn aber auch nicht ignorieren. Darauf läuft es wohl hinaus. Und ich stehe da mit verdattertem Kopf und zwei linken Händen. Wie Bitteschön soll das denn gehen?

Vielleicht sind die Gänse, die gerade über unsere Köpfe weg ins Warme ziehen, da schon viel weiter?

Lesen, was da steht

Immer wieder muss ich mich gegen Auftraggeber/innen wehren, die wollen, dass ich meine eigenen Texte lektoriere. Ich weiß, dass in den meisten Metiers, in denen ich unterwegs bin, gespart werden muss. Ein Lektorat ist mittlerweile eine Ausnahme. Eine – wie ich finde – haarsträubende Entwicklung (und nein, ich habe keine Idee, wie das zu ändern wäre). Aber als Autorin bin ich (und das bezieht sich erst mal nur auf mich) völlig ungeeignet, im eigenen Wortsalat nach Fehlern zu suchen. Weil ich tatsächlich bei eigenen Texten nicht lese, was das steht.

Keine Ahnung, was ich statt dessen mache. Vielleicht „lese“ ich das, von dem ich weiß, dass ich es sagen will oder wollte. Denn egal, was da steht: Für mich ist es geschrieben und damit auch abgeschlossen – also weit, weit weg.

Ich muss mich also austricksen, um in eigenen Texten auf Fehlersuche zu gehen. Manchmal reicht es, ein paar Tage, am besten gleich eine ganze Woche zu warten, bis ich einen Versuch starte. Aber selbst dann – ich gehöre zu den Leuten, die sich nicht für Fehler interessieren. Und tja. Wie macht Ihr das denn so?

Trostlos hoch Zwei

Schlimmer ist vielleicht noch, wie gefügig wir Menschen uns in unsere Trostlosigkeit ergeben. Die entsetzlichen Architekturen zum Beispiel bleiben mir ein Rätsel. Klar, dass es mal schnell gehen muss nach einem Krieg oder einer Naturkatastrophe. Aber die scheußlichsten Häuser entstehen längst aus „wertigen“ Materialien, ohne jegliche Not und ausgerechnet da, wo viele Menschen in ihrem Alltag vorbei gehen, fahren. Was ist bloß mit uns los?

Trostlos

Auf meinem letzten Sonntagsspaziergang dachte ich, dass Menschen eine traurige Meisterschaft darin erlangt haben, Trostlosigkeit zu schaffen.

Lebenswege

Zum dritten Mal in diesem Jahr verbringe ich ein paar Wochen mit den Schriften Friedrich Hölderlins. Auch, wenn es vor der Hand um Berufliches geht, staune ich, wie tief mich diese Beschäftigung berührt. Ich frage mich, ob es ganz allgemein klug wäre, gelegentlich ein oder zwei Wochen mit einem Menschen aus der Vergangenheit zu verbringen. Weil, wie mir scheint, viel Grundsätzliches daraus zu verstehen ist. Denn wo Hölderlin Fragen stellt, habe ich auch heute nicht unbedingt Antworten. Oder wo er sich begeistert, kann ich diese Begeisterung durchaus teilen. Die Gegenwart ist also gar nicht so exklusiv, wie es vielleicht manchmal scheint. Und wir können nur aus der Geschichte lernen, wenn wir uns gelegentlich in sie vertiefen. Rätselhaft bleibt die Krankheit, oder der „Wahnsinn“, den man damals bei ihm diagnostizierte. Er selbst sprach davon, zu weit gegangen, zu viel (Göttliches) gesehen zu haben. Er wäre dann, wie Ikarus, zu hoch hinaus geflogen, an der Sonne verbrannt und abgestürzt. Was er selbst nicht geschrieben hat, welches Glück er am Ende hatte, auf Ernst Zimmer zu treffen, einen erstaunlich belesenen Handwerker, der ihn aufnahm, und ihm nicht nur das schönste Turmzimmer überließ, sondern ihn auch in die Familie integrierte. Hölderlin war immerhin vermögend genug, um es ihm ordentlich zu entlohnen. Aber er schrieb ihm auch einen schönen Vers auf ein Brettchen, als er ihn eines Tages in seiner Werkstatt besuchte:

Die Linien des Lebens sind verschieden

Wie Wege sind, und der Berge Grenzen.

Was hier wir sind, kann dort ein Gott ergänzen

Mit Harmonien und ewigem Lohn und Frieden.

Viel mehr als zwei Möglichkeiten

Alt werden heißt vielleicht auch, sich immer öfter in die Ausweglosigkeit von zwei Möglichkeiten zu verkeilen. Wäre es da nicht besser, mit Kindern zu sprechen, um zu sehen, dass viel mehr denkbar ist als dies oder das?

My own private Halloween

Es gibt so Wochen. Wo kein Stein auf dem anderen bleibt. Dinge, die lange in der Schwebe waren, knicken ein, Dissonanzen eskalieren, Unkenntnis weist den falschen Weg.

Die letzten Tage waren so wie schlimmste Träume: Ich irre durch verbaute enge Gänge, stehe vor unüberwindbaren Hindernissen – obwohl ich im Traum auch schon mal mühelos an Wänden hoch krabbeln und fliegen kann, wenn nötig – habe keine Orientierung, weiß nicht mal das Ziel, vermisse das Tageslicht und andere Menschen, die mir helfen, oder zumindest Auskunft geben könnten.

Bei Tag waren es natürlich keine engen Gänge, durch die ich lief. Eher graues Wetter, was so ein Gefühl der Enge gab und Hindernisse unterschiedlichster Art, die zu überwinden waren. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht gut arbeiten können, wenn hinter oder neben ihnen ein Haufen unerledigter Probleme liegt. Die Migräne war dann schon das lauteste Alarmzeichen, aber wo Alarm, ist leider oft noch nicht die Lösung.

Aber es ist wie so oft: Kaum kann ich ein Problem beim Schopf packen, lösen sich auch die anderen Schwierigkeiten. Es ist eine Art Domino-Effekt: Geht eins, gehen plötzlich alle. Jetzt bin ich unausgeschlafen, aber froh.

Ach, trotz Panik habe ich den „Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk gelesen. Auch ein sehr enges, fast hermetisches Buch, gruselig auf seine Art, aber seeeeehr gut.

Verschiedene Arten von Stille

Die letzte Woche war für mich sehr anstrengend. Das Wochenende ein einziger Migräneanfall. Jetzt genieße ich die Stille eines grauen Novembertags. Und wenn ich genau hinhöre, ist sie überall verschieden: In der Küche, im Bad, draußen im Hof, im Park. Nicht zuletzt auf dem Sofa, auf dem ich sitze, um die Überforderungen der letzten Tage abtropfen zu lassen.