Ein stilles Vergnügen

Es ist selten, Menschen bei ihren Gesprächen zuhören zu können. Entweder gehört man selbst zur Gruppe der sich Unterhaltenden oder man belauscht sie eher zufällig. Auch in den seit 2018 erscheinenden Gesprächsbänden des Kampa-Verlags lesen wir meist Interviews, in dem sich eine prominente Person den Fragen eines gut vorbereiteten Gegenübers stellen, und damit in den Vordergrund stellt, was schon die Buchcover suggerieren, die nicht zwei Menschen, sondern immer nur den prominenten Part des Duos zeigen.

Insofern ist das Gespräch, das Sieglinde Geisel mit dem argentinischen Autor Alberto Manguel führt, eine Ausnahme, und, um es gleich vorweg zu nehmen, als Lektüre eine beglückende Erfahrung. Vielleicht hatten die Umstände ihren Teil daran: Das Buch entstand im Corona-Lockdown und statt voreinander saßen beide Beteiligten tausende Kilometer voneinander entfernt vor ihren Bildschirmen. Schon deshalb wurde das Gespräch ganz anders, denn was sonst in drei Tagen erledigt sein musste, bekam Zeit und erstreckte sich am Ende über 13 meist einstündige Sitzungen.

Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass es Sieglinde Geisel mit einem ausgewiesenen Lese-Experten zu tun hatte, ein Glücksfall wie sie sagt, denn sie selbst liest leidenschaftlich gerne. In Deutschland ist Alberto Manguel tatsächlich vor allem als Autor der „Geschichte des Lesens“ bekannt, die 1996 erschien und weltweit ein Bestseller wurde. Es kreist um die Fragen, was wir beim Lesen eigentlich machen, welche Teile im Gehirn aktiviert werden, welche Rolle das Gedächtnis spielt, warum wir (mittlerweile) stumm lesen. Im Grunde schrieb Manguel darin aber auch über sein eigenes Leben, denn Lesen ist für ihn wie atmen: „Ich habe mich immer in erster Linie als Leser verstanden. Wenn ich mich nicht mit jemandem unterhalte, habe ich immer ein Buch vor mir, und wenn ich kein Buch habe, dann lese ich was auf der Müslipackung steht. Es ist meine Beziehung zur Welt.“

Langweilig, mag man denken, was soll einer, der den ganzen Tag liest, denn sonst noch zu erzählen haben. Doch die Biografie läuft in einem überraschenden Zickzack-Kurs über die Kontinente, und man versteht schnell, dass die Bücher schon für den kleinen Alberto eine Art Kokon waren, der ihn vor der Realität nicht nur schützte, sondern ihn auch immer wieder darauf vorbereitete. Bücher halfen ihm, egal auf welchem Kontinent er war, abends in Bücherwelten zu tauchen, in denen er zu Hause war, sie halfen ihm aber auch, Erfahrungen vorwegzunehmen, ihn zu wappnen, für das, was in der Fremde kommen könnte und kam. Dabei blieb er Autodidakt, er ersparte sich das Expertentum im Terrain seines Kindheitstraums, und liest bis heute völlig unbeeindruckt alles, was ihm gut in der Hand liegt und auf den ersten Seiten Lesevergnügen verspricht. Dass er am Ende dann doch bei den großen Klassikern der Literaturgeschichte landet – als absolute Lieblingsbücher nennt er: Don Quichotte, Der Zauberberg, Alice im Wunderland, Göttliche Komödie – hat mit seinem eigenen Maßstab zu tun, der lautet: Schlechte Literatur erlaubt mir keinen Eintritt in den Text. Sie ist wie die gefrorene Oberfläche eines Sees. Gute Texte erlauben Fragen. Sie haben Löcher, in denen es etwas zu entdecken gibt.

Ein Buch, so zeigt sich am Ende des Gesprächs, ist für ihn auch ein Bild für das eigene Leben. Denn es gibt eine letzte Seite. Und die steht für den eigenen Tod, oder den Moment des Abschieds von dieser Welt. Aber bis dahin… – Manguel jedenfalls hat sich noch einmal aufgemacht, und ist von Nordamerika nach Europa, genau von Montreal nach Lissabon umgezogen, wo seine private Bibliothek, die über Jahrzehnte aus Platzgründen eingelagert war, ein eigenes Haus bekommt. Ein wichtiger Punkt auch für Sieglinde Geisel, für die das Gespräch erst mit dieser Wendung, dass Manguels Bücher aus Kellern und Koffern wieder ins Leben zurückkehren, zu einem guten Ende kommt.

Nein, große Szenen gibt es nicht in diesem Leben, das vor der Hand sehr privilegiert erscheint, aber seine eigenen, durchaus tiefe, Abgründe für Manguel bereithielt. Das Gespräch ist geprägt von Neugierde und einer großen Nahbarkeit, die Sieglinde Geisel als Fragende, wie sie sagt, beschenkt hat. Von Manguel, sagt sie, nehme sie die Bereitschaft mit, sich immer wieder auf Neues einzulassen, flexibel zu bleiben, sich zu ändern: „Er ist so wenig eitel, er stellt sich dem Leben zur Verfügung. Das beeindruckt mich. Er ist bereit, sich zu akzeptieren wie er ist, und das bedeutet für ihn ganz selbstverständlich, er akzeptiert auch die letzte Seite, seinen eigenen Tod.“

Stille Zeit

Eigentlich fängt für mich im Advent die Stille Zeit an, aber meist beginnt sie schon im November, wenn die Dunkelheit Überhand nimmt und ich viele Stunden alleine bei mir zu Hause verbringe. Die Gedanken, die sich sonst an den Boden krallen, um in der Hektik der Tage nicht weggeweht zu werden, schütteln vorsichtig ihre Flügel. Bilder ziehen durch Tagträume. Wünsche steigen auf. War es ein gutes Jahr? Bin ich unbeschadet daraus hervorgegangen? Verändert? Gar gewachsen? Sind Reparaturen notwendig, Kurskorrekturen? Gibt es etwas, das ich dieses Jahr noch beginnen möchte? Oder was unbedingt beendet gehört?

Ich werde meinen Vater bald verlieren. Er tritt seine letzte Reise an. Weitgehend gesund. Bei völlig klarem Kopf. Er spürt, dass es mit ihm langsam zu Ende geht. Ich hätte das lange nicht vermutet, denn wir lagen fast immer im Streit, aber ich werde ihn bei dieser Reise begleiten. Ich spüre, dass ich aufmerksam sein muss, denn diesen letzten Weg gemeinsam zu gehen, ist nicht nur eine (selbstgewählte) Aufgabe, sondern auch eine Reise für mich. Eine Reise ans Ende der Welt, von der ich zurückkehren werde, in der Hoffnung, später – vermutlich ohne Begleitung – den Weg selbst zu finden. Auch das eine Stille Zeit. Mind the gap.

Ich sehe was

Je älter ich werde, desto mühsamer wird es mir, in Ausstellungen zu gehen. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre ich nicht Kunsthistorikerin. Aber klar, als ältere Kunsthistorikerin weiß ich auch, Dinge ändern sich – manchmal sogar zum besseren hin.

Um doch in Ausstellungen zu gehen, erlaube ich mir, auf alles Vorwissen zu verzichten, wenn es geht, nicht mal den Flyer zu lesen, keine Raumpläne, keine Beschriftungen. Einfach nur gehen und schauen.

Klappt nicht so oft. Die Beschriftungen in Museen scheinen immer größer zu werden, oder sich anderweitig immer breiter zu machen. Ich arbeite selbst in dem Geschäft, will also nicht zu laut meckern, aber ja, da steht man dann im Wald und sieht Bäume. Oder gar nix. Selten, dass mal auf Beschriftungen verzichtet wird, wie neulich in der Lübecker Petri-Kirche. Wo es mir dann prompt gut gefiel.

Und dann sehe ich was.

Die geziemende Größe von Gedanken

Oder wie meine Sportlehrerin gerne sagte: Erst denken, dann reden… Und wenn man sich Sprache als etwas vorstellt, dass den Angesprochenen einen kleinen Schubs gibt, also etwas bewirkt, sollte man sich vielleicht doch mal wieder über die Größe des Gesagten Gedanken machen (darüber gedacht und geschrieben hat Alexander Gottlieb Baumgarten im 18. Jahrhundert).

Beim Beschreiben von Kunst, aber auch von Erlebnissen, ist Größe, oder zumindest Präzision und Genauigkeit gefragt. Heute neigen wir vielleicht eher dazu, eine knappe Beschreibung, quasi als Vermessung des Gegenstandes, zu geben, um dann, in einem zweiten Schritt Größe zu produzieren. Also das Gesehene, Erlebte in etwas Erwähnenswertes zu transformieren. Wir fragen: Was sehe ich? und dann: Ist das, was ich sehe, schön, groß oder abscheulich?

Ich denke gerade, wer liebt, möchte immerzu Größe erzeugen. Oder vielleicht eher: Überfluss. Überfluss dieses Mal nicht als Verschwendung, sondern als Ausnahmezustand (+ Freude an der Fülle) der Existenz.

Mit Anlauf ins Stadtschloss

wobei Stadtschloss ja schon halb gelogen ist, aber Humboldt-Forum will ich auch nicht sagen: Die armen Jungs!

Also, nach einer dicken Portion Eis mit noch mehr Sahne in der warmen Berliner Oktober-Sonne bin ich dann endlich mal rein. Autsch, autsch, autsch. Wobei, doch, das Personal da macht volle und tolle Arbeit. Sie stehen alle paar Meter im Foyer und fangen verwirrte Ankömmlinge auf, um sie in die vorgesehenen Richtungen zu schieben. Ohne wäre ich wahrscheinlich sofort umgekehrt.

Zur gediegenen Hässlichkeit des Ganzen will ich eigentlich nix schreiben, außer dass es innen an vielen Ecken auch noch urst billig aussieht. Ich war dann nur in der Ethnologischen Sammlung – doch um die Verhältnisse sofort zu klären: Die enorme Warteschlange stand vor den Fahrstühlen zur Dachterrasse (umsonst und draußen und mit dem enormen Vorteil, dass von da das Schloss gar nicht zu sehen ist…)

In der Sammlung macht es sich vor allem durch Überdimensionierung bemerkbar. Die Ausstellungseinrichter*innen haben deshalb (wie ich vermute) viele Räume wieder eingehaust, also Räume in Räume gebaut, damit man nicht so verloren im gestaltlosen Hellgrau rumsteht. Der Rest ist mit Vitrinen eingerichtet, manche groß wie Schaufenster, mit dem Nachteil, dass sich dahinter kein Laden befindet, in dem die Schönheiten aus der Auslage zu kaufen sind.

Ich fühlte mich wie im Bahnhof, die ganze Atmosphäre hat mir nicht gefallen. Ich werde sicher noch einmal hingehen, und mir in Ruhe alles anschauen. Um ein besseres Urteil zu finden. Ich erinnere mich allerdings noch lebhaft an die Präsentation in Dahlem. Dort standen die Exponate sicher auch nicht optimal, aber wenn ich dort war, tauchte ich in eine Stille, eine Versunkenheit, die sich wie ein langer Schneewittchentraum anfühlte. Erst der Geruch (so ein bisschen nach Schwimmbad)! Für mich war das eine Reise in eine ferne Welt (wenn auch irgendwie nur im Einmachglas).

Dass es wenig Tageslicht in den Räumen gibt, ist vermutlich den Exponaten geschuldet, macht es aber auch nicht besser. Die Mischung aus Erklärungen zur Debatte über die von Europäern entweder kommentarlos oder schlecht bezahlt mitgenommenen Kunstwerke aus den damaligen Kolonien samt einiger, meist ebenfalls in diese Richtung engagierter zeitgenössischer Kunst war mir nix. Allerdings hat für mich die Idee von der Mischung der dort gezeigten Objekte mit Kunst durchaus Potential. Dachte ich vor allem vor den sensationellen Bildern australischer Aborigines, die hier als ethnologische Schaustücke zu sehen sind, während sie anderswo als Kunst kuratiert und ausgestellt werden. Fazit. Nicht mal naja. Eher: geht gar nicht, auch wenn ich merke, dass mir der Schwung zur Empörung längst verloren gegangen ist.