Zurück zur Natur?

Wir Menschen in den Großstädten stehen am bisherigen Ende einer Entwicklung, die Fortschritt heißt, und die uns weiter und weiter in Richtung Zivilisation hat gehen lassen. Vielleicht ist das Bild, das Chamisso im Peter Schlemihl verwendet, nämlich den Verkauf des Schattens, dafür eine gute Illustration. Wir haben auf Vernunft und Rationalität gesetzt, wir haben unsere Vergangenheit, unser Un- und Unterbewusstes, kurz, unsere Schatten nun, nicht verkauft, sondern aufs Spiel gesetzt oder entsorgt.

Aber auch wenn ein Schatten ein dunkles und luftiges Ding ist, hält es uns auf seine Schattenart am Boden fest. Wer einen Schatten wirft, ist da. Zumindest für die kurze Zeit eines Lebens. Dumm nur, dass lange Zeit Schatten als schmutzig galten, als überflüssig. Ohne Schatten ist man nicht mehr von dieser Welt. Und das ist auf dieser Welt tatsächlich ein Handicap.

Worauf ich hinauswill? Es gibt immer wieder Menschen, die vermeintlich rückständig leben, oft despektierlich „Einheimische“ genannt, oder „Ureinwohner“, die ihre Schatten ins 21. Jahrhundert gerettet haben. So verkürzt geschrieben, klingt das auch schon wieder falsch und vor allem etwas „von oben herab“. Dennoch habe ich den Eindruck, dass wir in den hoch zivilisierten Ländern unsere Hoffnung auf andere Lebensentwürfe setzen sollten. Um unsere eigenen Schatten wieder zurück zu gewinnen.

Das wird aber nicht durch ein wie auch immer geartetes „zurück“ gelingen. Sondern durch Schritte nach vorn. Ich denke, eine Verwandlung ins Neue mit unseren alten Schatten wäre eine Option. Wie wenn wir uns etwas zurückgewinnen um damit in die Zukunft zu starten. Alles ein bisschen verwirrend? Ich hatte gestern die Gelegenheit, eine kleine, feine Ausstellung des australischen Künstlers Christian Thompson zu sehen, sie läuft noch bis Ende des Monats in der Berliner Dependance der Michael Reid Galerie. Videos sowie andere Arbeiten (Performance, Fotografie) von Christian Thompson sind überdies zahlreich im Netz zu finden. Tatsächlich – und auch wenn es pathetisch klingt oder ist – hier sehe ich Hoffnung.

Den Drachen satteln

Heute ist nicht nur Montag. Heute habe ich einen Berg zu besteigen. Die wachsen gelegentlich auch aus dem Kreuzberger Alltag heraus und wollen bezwungen werden. Aloa! sagt meine Freundin Antje dann gern. Und: Euch allen einen guten Start in die neue Woche!

Darauf muss man erst mal kommen:

Orkan Handel.

Da sehen sie beim Geoengineering schon alt aus. Ich meine: Gibt’s alles schon. Gestern war in Berlin so eine Panik vor dem Wettereinbruch, dass es gegen 19:00 keine Taxen mehr gab – dabei regnete es nicht mal…

Ansonsten: Das Foto als Erinnerung an den gigantischen Sommer. Willkommen Herbst!

 

 

Werden, wer man ist

Es mag altmodisch klingen, was eine alte Dame zu sagen hat, es mag sich unseren Vorstellungen von Autonomie und Ego entgegenstellen oder – schlimmer noch – moralisch klingen. Aber was Ágnes Heller sagt, speist sich nicht nur aus einem langen Leben. Sie ist Philosophin und politisch wach, sie musste mehrfach vor unerträglichen Umständen in Europa (und schließlich aus Europa) fliehen, und legt ihre Aufmerksamkeit mittlerweile auf die Gefühle, denen sie eine größere Macht zuschreibt als dem Intellekt (wenn ich das in dem anderthalbstündigen Podiumsgespräch – aber hallo! Die Frau ist 90 – richtig verstanden habe).

„Werden, wer man ist“, für Heller die kurze und bündige Beschreibung von menschlichem Glück. Und dann sagt sie etwas vermeintlich simples, nämlich dass wir uns bei schwierigen Entscheidungen mit guten Freunden beraten sollen. Nicht weil sie das besser wissen. Sondern? Menschen brauchen Menschen. Und wer sich aus dieser Notwendigkeit ausklinkt, aus manchmal noch so verständlichen Gründen, droht sich in eine Unmenschlichkeit zu verabschieden. ACHTUNG! Das ist gerade sehr vereinfacht geschrieben. Doch weil wir uns selbst in vielen Punkten unsichtbar bleiben, ist es wichtig, raus zu gehen, Gedanken zu vergleichen und auf den Prüfstand zu stellen. Sonst bleibe ich in mir selbst eingeschlossen. Philosophie ist nichts anderes als Diskussion. Warum sollten wir nicht alle ein bisschen mehr Philosoph/innen werden?

Aufstand der Sticker/innen

„Created in the USA“ – klar, so eine verrückte Idee kann ja wohl nur aus Amerika kommen! Mit Nadel und Faden die Welt verbessern? Wo ich seit der Schulzeit nie mehr gestickt habe??? Um das vorwegzunehmen: Meine Handarbeit sah – wie schon zu Schulzeiten – gewöhnungsbedürftig aus. Aber natürlich fanden das alle „Great“ und ich habe mich trotzdem gefreut, auch wenn das Lob doch sehr weit an der Realität vorbeiging… Worum es geht?

Kleine Stoffstücke besticken. Vorgedruckt sind entweder die ganze Welt oder eines der vielen Länder dieser Erde. Es geht um Wünsche oder Visionen, wie ein friedlicheres Miteinander gelingen kann, ein Leben ohne Rassismus oder Unterdrückung, ohne Verachtung und Ausgrenzung, oder zumindest mit einem wachen Willen, immer wieder gegen Gewalt und Hass aufzustehen. Und dann sticken? Kam mir irgendwie erst mal auch albern und ein bisschen zu „hugge“. Aber die Stimmung war nett und ich habe mich zu den anderen an einen Tisch gesetzt, jaja, da stickten auch Männer.

Und beim Sticken habe ich anderen zugehört und mir Gedanken über das gemacht, was ich für eine gute Welt tun kann. Schon bald kam ich ins Gespräch mit zwei jungen Frauen, die gerade ihren Master-Abschluss machen und nebenher in Gedenkstätten arbeiten. Es war interessant, wie sie die augenblickliche gesellschaftliche Situation einschätzen, umgekehrt konnte ich ein paar Erinnerungen auspacken, denn eine der beiden schreibt ihre Abschlussarbeit über Klassenreisen aus dem Westen in die damalige DDR. Ich war zwar nicht mit der Schule, dafür aber mit den Pfadfinderinnen in West-Berlin inklusive eines Tagesausflugs nach Ost-Berlin. Ich hatte ewig nicht mehr daran gedacht.

Vielleicht ist es am Ende eben „nur“ das: Mit „Fremden“ ins Gespräch kommen. Von den drei netten Amis auf dem Foto habe ich erfahren, dass die kleinen Stoffstücke zu einer großen Flagge zusammengenäht und im Frühjahr u.a. auch in Los Angeles, im Atelier der ideengebenden Künstlerin gezeigt werden. Was soll ich sagen? Ich fahre nächstes Frühjahr nach Los Angeles – eine schöne Gelegenheit, in dem Atelier mal vorbeizugehen. Und schon lerne ich wieder Menschen am anderen Ende der Welt kennen. Ist es nicht das, was so dringend nötig ist? Und so – befreiend?

Neugierig: Bis morgen noch vor der AGB auf dem Blücherplatz: Mend the World. http://www.BLDG61.org

Erwarte das Unerwartete!

Gesellschaftliche Probleme haben oft so viele Aspekte, dass man gar nicht weiß, wo mit den Verbesserungen anfangen. Eine wesentliche – und bislang, wenn auch nicht grundsätzlich, so doch immer wieder unterschätzte – Rolle spielen dabei die öffentlichen Räume in Städten.

Jeden Sommer aufs Neue kommen die Freibäder auf die Titelseiten der Berliner Tageszeitungen: Es gibt zu wenige, sie sind oft zu teuer, und dabei extrem wichtig für die Menschen, die in Berlin leben. Tempelhofer Feld und andere Parks dito, und seit ein paar Jahren auch und endlich – wenn auch nicht bloß als Sommerthema – : unsere Stadtbibliotheken.

Wer hätte das gedacht? In meiner Jugend waren Stadtbibliotheken die schnarchigen Bücherdepots, wo man – ja, was eigentlich? Für die Uni ging ich nur in die Institutsbibliotheken plus Staatsbibliothek, in Stadtbibliotheken verschlug es mich höchstens für Hörbücher oder „guilty pleasures“, Romane, die ich nie und nimmer gekauft hätte, vielleicht auch mal für ein Kochbuch oder einen Reiseführer.

Als ich nach Kreuzberg zog, lernte ich die Amerika Gedenkbibliothek kennen. Und so langsam begriff ich, was eine Stadtbibliothek sein kann. Allem voran ein Ort, wo man Menschen treffen kann, sei es, weil man sich dort verabredet, sei es, weil man einfach auf Leute trifft und mit ihnen ins Gespräch kommt.

Als Wissenschaftlerin war ich angetan von dem enormen Bücherschatz, der hier lagert und für die Berliner/innen zugänglich gemacht wird. Fachbücher und Fachzeitschriften sind in ebenso großer Anzahl greifbar, wie Literatur aus allen möglichen Ländern, viel Original-Texte, aber natürlich auch Übersetzungen. Privat freue ich mich über eine wirklich gut sortierte Abteilung für klassische Musik (andere Genres kann ich nicht beurteilen), es gibt eine ebenso überraschend umfängliche DVD-Abteilung und eine Kinderbibliothek vom Feinsten. Dazu beherbergt das Haus eine Artothek mit Werken zeitgenössischer Künstler/innen, hier leihe ich mir immer wieder Grafiken oder kleine Plastiken für meine Wohnung aus: Was für ein Luxus! Es gibt darüber hinaus zahlreiche Computer-Plätze mit WLAN-Anschluss, mittlerweile eine Cafeteria mit tollem Kaffee und wirklich guten Snacks und nicht zuletzt ein fachkundiges Personal, das hilft, wo immer ich Fragen habe.

Etwas, was man nicht direkt zum Angebot dieser (und anderer) Bibliothek/en zählen kann, was das Haus aber auszeichnet ist die freundliche Atmosphäre. Hier zu sein, egal, ob ich arbeiten muss oder bloß in Regalen stöbern oder eine Zeitschrift lesen will, ist so nett, wie ein Lieblingscafé zu besuchen oder einen schönen Park. Wie oft bin ich im Winter hier, einfach um unter Leute zu kommen oder mich mit Freund/innen zu treffen! Und was mir von der AGB aus selbstverständlich wurde, suche ich mittlerweile auch, wenn ich andere Städte besuche: In München habe ich eine fantastische Stadtbibliothek vorgefunden (im Gasteig), in Göteborg und in Montreal habe ich mich regelrecht in die jeweiligen Bibliotheken verliebt, selbst im kleinen Brühl, meinem Geburtsort, habe ich wieder einen Bibliotheksausweis, und ja, doch: selbst hier gibt es ungeahnte Schätze, zum Beispiel die gesamte Schwarze Reihe von Star Trek!

Lange Rede, kurzer Sinn: Bibliotheken sind öffentliche Räume ersten Rangs und Orte, die wir dringender brauchen denn je. Die „Next Library Conference“, die schon seit Jahren auf die enormen Chancen von Stadtbibliotheken aufmerksam macht und diese Orte zu öffentlichen Zentren für engagiertes – oder auch „nur“ entspanntes – Miteinander machen wollen, fand dieses Jahr in Berlin statt und endet leider schon heute (ich bin dummerweise zu spät darauf aufmerksam geworden). Dafür beginnt aber heute Nachmittag auf dem Blücherplatz gleich vor der AGB da Berliner Bibliotheks-Festival. 20 Jahre VÖBB wird gefeiert und jajaja, HINGEHEN, ich bin sicher, dass es hier wirklich Unerwartetes zu entdecken gibt.

 

Berliner Bibliotheks-Festival, Samstag ab 13:00 auf dem Blücherplatz: Umsonst, draussen und drinnen, und: Für alle!