Oasen schaffen

Was zählt im Leben? Eine Frage, so hartnäckig wie eine Fliege. Zumindest in meinem Leben. Zumindest in den letzten Monaten, wo der Alltag weit und öd ist wie eine wüste Ebene.

Genug Sendungsbewusstsein, die Menschheit zu retten, fehlt mir. Oder vielleicht einfach auch nur die rettende Idee.

Ordentlich durchkommen? Eine Vorstellung, die mächtig am Ego kratzt, aber möglicherweise die Richtung weist. Wobei „ordentlich“ ja auch einen gewissen Spielraum lässt. Aber dann denke ich an den Fürsten Pückler, mit dem ich mich gerade beruflich beschäftige. Eigentlich ein ziemlicher Egomane, und bestimmt kein Vorbild für eine Frau im 21. Jahrhundert. Aber – er war, bei allen Macken ein großartiger Gastgeber. Er liebte (gute) Gespräche und brachte die Leute liebend gerne zusammen. Natürlich spielte da auch Eitelkeit eine Rolle, Könige oder Königinnen sollte mindestens in der Gästeliste sein. Aber dann konnte er auch den Lehrer aus Cottbus oder sogar seinen eigenen Hausangestellten Billy mit an die Tafel bitten. Und seinen Park in Branitz öffnete er von Anfang an fürs Publikum: eintrittsfrei. Oasen schaffen, so nannte er als älterer Herr sein Lebensziel, und auch wenn ich sicher nicht die Gelegenheit finden werde, wie Pückler große Parks zu gestalten, die Idee hat was:

Oasen schaffen! Wäre das nicht eine gute Idee?

Autodidakt/in sein

Meine Freundin möchte demnächst in der VHS unterrichten. Sie rief mich halb lachend halb fassungslos an, denn 16 Dokumente sind dafür auszufüllen, dazu Magistra- und (ja wirklich!) Abiturzeugnis abzuliefern. Ich habe mitgelacht. Und gedacht, klar, wir sind hier in Deutschland… und Professionalität bemisst sich nach Zeugnissen und möglichst guten Noten.

Dabei. Oder: Gleichzeitig. Wer einen frischen Blick auf Dinge hat, sieht manchmal mehr. Eigentlich wissen das alle, aber kaum jemand traut sich oder anderen das so richtig zu. Ich habe als Quereinsteigerin häufig in gewissen Grauzonen gearbeitet und war froh, dass meine Auftraggeber/innen nicht so genau nachgefragt haben. Denn ich war blutige Anfängerin. Leider habe ich mich da oft zu sehr nach dem, „wie man es richtig macht“ orientiert, um wirklich originell zu sein. Aber gut. So habe ich zumindest einiges gelernt.

Die Idee, dass weniger zu wissen ein Vorteil sein kann, ist befreiend. Nicht, um fortan nix mehr zu lernen. Sondern um sich selber zu versichern. Erfahrung, Witz, Neugier können zu besseren Ergebnissen führen als das Einhalten von Regeln und anderen To Do’s. „Ich kann das nicht“ – doch. Der Satz bleibt natürlich trotzdem gültig. Weil auch Autodidakt/innen das Recht haben, Nein zu sagen. Oder nicht zu wollen. Ich muss schließlich nicht alles können.

Etwas zurück geben

Eben habe ich einen Artikel über Frank Gehry gelesen, der Architekt ist mittlerweile 92 und offensichtlich rege wie immer. Seine Gebäude überraschen – er hat das Guggenheim in Bilbao entworfen oder die Disney Hall (Philharmonie) in Los Angeles – und denkt längst nicht ans aufhören. Natürlich sind Menschen, die ihre, sagen wir „Traumberufe“ gefunden haben, gut dran. Dennoch, Arbeit ist und bleibt Arbeit. Er entwirft mittlerweile auch für soziale Einrichtungen, zum Beispiel ein Obdachlosenheim am Wilshire Boulevard, und ich musste wirklich lachen: alle die reichen Bonzen, die von einer Gehry-Villa träumen und dann: hahahaha!

Die Idee, in Rente zu gehen und das Alter soweit es geht ohne Arbeit zu genießen ist sicher nicht schlecht. Und es gibt vielen den Raum, überhaupt erst einmal das zu tun, was ihnen liegt. Oder eine Herzensangelegenheit ist. Selbst Nichtstun, die freien Stunden genießen, ist ja Leben genug. Aber die Idee, gerade im Alter die Gelegenheit zu nutzen, etwas zurückzugeben von dem, was man bekommen hat, erscheint mir befreiend: als eine Großzügigkeit, die man sich herausnimmt, ganz ohne Grund oder Zwang.

Man kann auch einfach mal so großzügig die Stadt verschönern, wie auf dem Foto aus Berlin zu sehen. Und, noch viel toller als die Bauten von Gehry sind seine Entwürfe: sie sehen auf den ersten Blick aus wie ein ulkig zusammengesteckter Abfall. Aber dann!

Beauty of the night

Für mich sind Frühjahrsblumen immer mit einem strahlenden Himmel verbunden. Wie verblüfft ich gestern Abend war: Diese kräftigen Farben vor tiefem Nachtschwarz. Ich hatte offensichtlich wirklich gedacht, Frühblüher gäbe es nur tagsüber…

Alles fließt

Je nach Stimmung mag einen diese Aussage erleichtern oder erschrecken. Nichts bleibt. Der Wind treibt alles (und alle) vor sich her, mal in diese mal in jene Richtung. Manchmal sehe ich mich wieder als Kind beim Versuch im kleinen Bach gleich neben dem Schrebergarten meines Vaters kleine Stauseen anzulegen oder das Wasser in bestimmte Richtungen zu leiten. Alles auszuprobieren hat Spass gemacht. Noch mehr, wenn es geklappt hat. Und selbst wenn kurze Zeit später alles wieder überschwemmt wurde. Der Bach war stärker. Und das hat mich in keinster Weise beunruhigt.

Wie kam die Idee in meinen erwachsenen Kopf, dass ich Dinge nachhaltig beeinflussen soll? Natürlich will ich mein Leben führen. Und vor allem nicht bloß eine Art „Mit-Schwimmerin“ sein. Ein Freund von mir hat neulich am Telefon von der Fähigkeit (oder sogar Freude?) des Nachgebens gesprochen. Es ging um (lange) Ehen und ich habe erleichtert gelacht. Ja. Hier steckt was: Zu denken, der Erfolg besteht nur darin, sich durchzusetzen. Nachgeben bedeutet nicht automatisch Phlegma oder Desinteresse. Nachgeben kann ein Zeichen von Souveränität sein, und Ich-Vergessenheit. Mal sehen, was ich damit jetzt mache – oder auch sein lasse…

Für mich das schönste Lied der Welt

Ich will hier bei dir stehen; 
Verachte mich doch nicht! 
Von dir will ich nicht gehen, 
Wenn dir dein Herze bricht. 
Wenn dein Herz wird erblassen 
Im letzten Todesstoss, 
Alsdenn will ich dich fassen 
In meinen Arm und Schoss. 

Die größte Verzweiflung und der größte Trost.

Trostlosigkeit (III)

Das ist so die deutsche Variante von trostlos, dachte ich, als ich Anfang der Woche im Zug saß, und an dieser Szenerie vorbeikam. Oder wie es wäre, dort zu wohnen. Oder wie gut ich es habe (das war mir noch nie in den Sinn gekommen), genau da zu wohnen, wo ich auch wohnen möchte (na gut, von Kalifornien mal abgesehen, aber man muss ja auch noch Träume haben, oder?)

Trostlos fand ich auch diese schmierige Bräsigkeit einiger meiner Mitreisenden, die sofort, nachdem sie in der Bahn Platz genommen hatten, ihren Mundschutz abnahmen, um die nächsten anderthalb Stunden an einem Brötchen zu lutschen.

Oder dass es weder ein Glas Wasser, geschweige denn eine Tasse Kaffee gab, nachdem ich zu einem Arbeitsgespräch beim Kunden endlich ankam. Echt jetzt?

Können Bäume flüstern?

Seit vorgestern würde ich JA sagen. Ich ging still durch den Branitzer Park. Die Sonne schien und ich war alleine in diesem von Fürst Pückler angelegten Gartenparadies. Was für ein toller Mittagsspaziergang! Und als ich gerade unter diesem Baum war, flüsterte etwas, ich schaute nach oben, von wo die Stimme zu kommen schien und sah diesen fantastischen Baum, der gerade seine flauschigen Kätzchen austreibt. Bäume können ganz bestimmt keine Selfies machen. Aber ich bin mir sicher, dass dieses alte stolze Holz gerufen hat, um fotografiert zu werden. Et voilà: ein tolles Foto – oder?