Geduld

gehört zu den Fähigkeiten, die ich in einer nur sehr kleinen Portion mitbekommen habe. Wenn ich eine Lösung vor mir sehe, muss sie JETZT umgesetzt werden.

Umgekehrt: Ohne Geduld kommt man nicht weit. Alles abbrechen, was nicht bei Drei erledigt ist? Und wenn man in einer Sackgasse landet, flennen und Rückwärtsgang einschalten? Keine erfolgsversprechende Aussicht.

Also beiße ich mir einmal mehr die Zähne an Geduld aus. Wobei: Schon das Bild sagt es: Geduld ist besser zu lutschen als zu kauen. Jedenfalls wenn eine die Zähne behalten will.

reminder

So gesehen auf (ja) dem Berliner Bahnhof Südkreuz. Für meinen Geschmack noch ein bisschen versteckt. Würden wir öfter dran denken, hach, das könnte fast wie Urlaub im Alltag werden. Dreimal weniger Streit. Mindestens. Einen herzlichen Dank an den Himmel – der den perfekten Hintergrund gezaubert hat.

Wie schreibt man jemandem,

der nicht gestört werden will?… Vielleicht mit fast durchsichtiger Tinte – damit die Buchstaben nicht so laut aufs Papier knallen?

Fast durchsichtig? Das kann doch kein Mensch lesen –  das ist viel zu umständlich …

Lesen ist immer umständlich. Zumindest was die Zeit angeht, die zu verwenden ist. Es müsste einen Buchstabenduft geben. Oder einen knackigen Wort-Salat. Als Snack zwischendurch oder als feines Aroma, das die Nase kitzelt und die Sinne weckt.

„All mein Gedanken…“

Verblüfft stelle ich fest, dass gerade die Liebe mir mein Alleinsein auf der Welt besonders deutlich macht. Denn wenn „Du“ mein Innigstes bist auf dieser Welt, bleibst du eben doch mein Gegenüber, immer wieder der andere, auf den ich zwar setze, aber – eben.

Insofern dreht sich mir gerade die Richtung. Bislang dachte ich, man könne den Liebsten sozusagen in Liebe baden, ihn darin einbetten, ihm im Überfluss davon abgeben. Vielleicht ist es aber auch so, dass ich die Liebe in mir hüte. Wie ein Feuer, an das er kommen kann. Und natürlich auch umgekehrt. Dass es ein gegenseitiges Tun ist, keineswegs ein gemeinsames Projekt. Sondern ein immer erneuertes Versprechen, von dem eben auch schon alte Liebeslieder erzählen: „…von dir will ich nicht wenken“.

Stärke

Früher – und das heißt eigentlich: bis gestern – dachte ich, stark sei man, wenn es einem nichts ausmacht. Heute weiß ich: Stark bin ich, wenn es mir etwas ausmacht, ich aber trotzdem stehen bleibe. Und weiter meine Angelegenheiten verfolge, trotz schlafloser Nacht oder zu Beton erstarrter Gedanken.

Das Unbewusste guckt mit

Das ist ja eigentlich der größte blinde Fleck in meiner Zunft, nicht daran zu denken, dass alles Gesehene auch unbewusst wahrgenommen, gefühlt und gedeutet wird. Wenn ich als Kunsthistorikerin ein Bild betrachte und beschreibe, kann ich zwar nach allen Regeln vorgehen und sorgfältig alles, was ich sehe nennen, zueinander in Beziehung setzen, deuten (oder auch daran scheitern), aber mein Unbewusstes wird längst die Sache auf den Punkt gebracht haben, ohne dass ich die leiseste Ahnung habe. Denn natürlich gibt es Bilder, vor denen dieses Unbewusste zum Beispiel Angst hat. Oder solche, die Ekel erregen oder Lust sogar. Und wer schreibt sowas? Wir sind immer alleine vor Bildern in dem Sinn, in dem jede*r etwas anderes sieht – sehen kann.

Dennoch ist gerade das wiederum das große Verbindende: Weil wir vor Bildern nicht einverstanden sein müssen. Was uns jedoch verloren geht, ist diese Kultur der Bildbetrachtung. Oder – nein, ich weiß nicht wirklich, ob sie verloren geht, weil ich nicht weiß, ob es sie je gegeben hat. Was ich merke: Kaum ein Mensch ist in der Lage, Bilder zu beschreiben. Ich erinnere mich selbst nur sehr vage daran, es ein einziges Mal im Deutsch-Unterricht gelernt zu haben. Nicht viel für ein so kniffeliges Tun. Im Studium war Bildbeschreibung natürlich Pflicht. Aber auch nur noch bei den älteren Professoren (nein, keine Frauen). Es ist ja eigentlich ein ziemlich großer Spass – wer erinnert sich nicht gerne an das Spiel „Ich sehe was, was du nicht siehst“ – und von wegen „Kinderspiel“. Es ist ein so großes Vergnügen, Dinge zu erkennen und zu benennen. Und wer an die „Kippbilder“ denkt, in denen man zwei unterschiedliche Dinge erkennen kann, ist auch wieder nah am Unbewussten, was uns Dinge erkennen lässt und andere eben gerade nicht. Vielleicht ist der kommende Herbst eine Zeit, sich das eine oder andere Bild anzuschauen und – am besten mit Freund*innen – mal zu beschreiben. Aber erst kommt noch mal der Sommer zurück: 27°C! Die schreien geradezu nach Badesachen und „ab zum Wannsee“!

Spätsommer

Der Wetterfrosch tiriliert sozusagen, wenn es um die Spitzenwerte in der nächsten Woche geht: 27°C! Also noch ein Sommerkleid im Schrank lassen! Wer aber heute aus dem Fenster schaut, sieht einen schönen Spätsommertag heraufziehen. Zeit für melancholische Gefühle.

Die Träume drehen sich sowieso schon wieder seit ein, zwei Wochen. Nach ruhigen Nächten kommen morgens regelmäßig Albträume. Die mich wie nach einer langen Flucht aufwachen lassen: erleichtert, erschrocken, erschöpft. Irgendein inneres Warnsystem ist angesprungen. Jetzt ist es an mir, die Ursache zu finden. – Noch tappe ich im Dunkeln.

Spätsommerlich ist für mich auch die ABBA-Wiedervereinigung. Als ginge eine Tür zu meiner Kindheit wieder auf: „Hallo, weißt du noch!?“ Bittersüß, weil ich natürlich noch weiß, aber nicht mehr zurück kann. Oder das Lob meines Friseurs letzte Woche, dass meine Haare im Alter immer schöner werden, weil sie mittlerweile enorm viele verschiedene Farben haben, so in sich, quasi jedes Haar eine andere, was wirklich toll aussieht. Und mich (zumindest gefühlt) für die jahrelange Langeweilerfarbe „rheinisch blond“ (was so etwas wie ein unentschiedener Ton zwischen Blond und Grau-Grün bedeutet) entschädigt.

Und dann war ich seit langer Zeit wieder am Grab meines Freundes und wieder erschüttert wie das erste Mal. Tod verjährt nicht.

Himmel und Hölle

Und die Einsicht – je älter ich werde – dass (zumindest zu Lebzeiten) beides gleichzeitig ist, sich also keineswegs die Frage von „entweder/oder“ stellt.

Daraus ergibt sich einiges. Früher war es klar: sobald etwas schief ging, oder auch nur eine Unpässlichkeit meinen Alltag trübte, ging es nicht gut oder gleich schon schlecht. Die Einstellung dahinter: Wenn es gut gehen soll, muss alles stimmen. Heute lächele ich müde darüber.

Warum sich das geändert hat – und ob das bloß Ernüchterungen des Altwerdens sind? Vielleicht (und das wäre so etwas wie eine Hoffnung) hat es auch damit zu tun, nicht immer vom Leben etwas zu erwarten. Roger Willemsen fragt einmal über Rückblicke ins eigene Werden: „Wann wurde man nicht, der man hätte sein können?“ Eine erschreckende Frage, die, oft (oder auch früh) genug gestellt aber auch dazu beitragen kann, Himmel und Hölle nicht überzubewerten. Vielleicht.