Menschen hinter Zäunen

Und egal, wer in diesem Fall vor wem geschützt wird – wir gewöhnen uns dran. An den Universitäten und auch sonst in der Wissenschaft wird der Kolonialismus aufgearbeitet, und wir führen die lausigen Vorstellungen von einer westlichen Überlegenheit über den Rest der Welt weiter fort. Wie können wir endlich zu der Erkenntnis kommen, dass wir alle im gleichen Boot (d.h. auf dem Planeten Erde) leben? Muss es für diese doch eher einfache Einsicht tatsächlich zu spät sein?

Herzensdinge

Im Sommer sind es offensichtlich Obst und Gemüse. – Und dann schaue ich sie an, wenn den ganzen Tag lang alles Mögliche schief geht, und bin platt (und getröstet) ob der Perfektion.

Die Bohne meines Opas

Nein. Die ist aus einem Supermarkt-Tütchen. Aber an einem Abend habe ich meinem Vater am Telefon von meinen drei kleinen Bohnen-Pflänzchen im Blumentopf erzählt. Die jetzt im Hof wachsen. Ach, wachsen ist gar kein Ausdruck: Die schießen im Affenzahn in den Himmel. Wenn ich abends aus dem Büro komme, sind die sichtbar größer. Sowas habe ich selten erlebt (also, bei uns im Hof).

Die Bohnen sind gelb. Eine Sorte, die bei vielen nicht bekannt ist. Wachsbohnen heißen sie auch, sie sind weicher als ihre grünen Brüder und Schwestern. Sie sind das perfekte Gemüse für einen Sommersalat. Ich kenne sie aus meiner Kindheit.

Ja, sagte mein Vater. Dein Opa war ein Bohnenzüchter. Er liebte gelbe Bohnen sehr und hat in seinem Schrebergarten mit ihnen experimentiert. Der Schrebergarten war ziemlich groß. Mein Opa hat ihn sich, seit ich mich erinnern kann, mit meinem Vater geteilt. Kein Schnickschnack, auf beiden Seiten des kleinen Wegelchen: Kartoffeln, gelbe und grüne Bohnen, Möhren, Schwarzwurzeln, Erbsen, dicke Bohnen, Zwiebeln, Kohlrabi, dann saisonale Experimente mit Salat oder Kohl, Pflaumen, Pfirsiche, Erdbeeren, schwarze Johannisbeeren, Walnüsse.

Die Experimente meines Großvaters sind verloren gegangen. Irgendwann war die Pacht des Gartens abgelaufen und wurde nicht verlängert. Heute ist dort eine Neubausiedlung.

 

„Je unmöglicher das Problem

desto poetischer die Möglichkeiten.“

Der schöne Gedanke stammt von Carl Rakosi. Er wusste wahrscheinlich, wovon er sprach, schließlich wurde er 100 Jahre alt.

Und plötzlich ist da auch wieder ganz viel Luft zum atmen…

Im Trüben fischen. Oder: Was belastet mich eigentlich?

Das ist eigentlich keine Frage, die mich treibt. Vieles ist lästig. Oder mehr als das. Aber ich akzeptiere Lasten. Meist zumindest. Zu oft habe ich Überraschungen erlebt. Wie das Schwere plötzlich leicht wurde. Oder wie ich einen Ausweg finden konnte. Oder wie schön es sein kann, wenn alles lästige weggeräumt ist.

Doch so komme ich wahrscheinlich nicht weiter. Mein Körper streikt. Bäume ausreißen ist nicht mehr jede Woche. Berge versetzen auch nicht. Der Abstieg beginnt. So dramatisch scheint mir das zumindest im Moment. Ich weiß, dass ein schwächelndes Herz nicht unbedingt heißt, ich müsse weniger arbeiten. Oder mich schonen. Es bedeutet aber eine sehr genaue Revision aller Selbstverständlichkeiten. Und wahrscheinlich werde ich einige Darlings eiskalt abservieren müssen: Lieblingseitelkeiten, Lieblingsaversionen oder Bequemlichkeiten, die sich eingeschlichen haben.

Dennoch bleibt mir gerade die Frage meiner Ärztin quer im Kopf hängen: Was belastet Sie? – Mich doch nichts! Möchte ich aufgebracht antworten. Ich werde mit allem fertig! Bin doch kein Mädchen…

Ob das schon die Antwort ist?

Burnout

Mit offenen Augen in einer Sackgasse gegen die Wand fahren. Wo ist bloß der Rückwärtsgang?

 

P.S. Die Ärztin hat wenigstens nicht drauf bestanden, den Kaffee zu streichen…

Zufriedenheit

Ich wohne mittlerweile seit fast zwanzig Jahren in derselben kleinen Einzimmerwohnung in Kreuzberg. Als ich einzog, gab es keine Alternative, als die Wohnung einmal durch einen Brand im unteren Stockwerk verwüstet war, stand ich kurz davor, umzuziehen. Das ist auch schon wieder elf Jahre her. Die Lage ist göttlich, die Hausgemeinschaft bestens. Kein Grund, auch nur irgendetwas zu ändern. Dachte ich. Denke ich. Aber gelegentlich piesacken mich Zweifel. Was, wenn ich einfach zu bequem bin? Wenn ich nur denke, das sei hier alles Zucker, nur weil ich mich nicht wage, meine Nase mal wieder in den Wind zu stecken?

Zufriedenheit gilt als eine der Grundfesten für (oder von?) Glück. Ich verstehe das mittlerweile so, dass sie einem die Ruhe gibt, das Leben überhaupt wahrzunehmen. Nur von einer soliden Basis aus, und sei es eine noch so kleine Wohnung, kann ich neugierig sein in alle Richtungen und habe Sicherheit genug, mich vor Unbill, Ungerechtigkeit oder  miesen Wetterlagen (in jeder Hinsicht) zurückzuziehen. Die eigenen vier Wände können eben auch das Bein auf dem Boden sein, das Menschen brauchen, um in der Welt heimisch zu sein (da gibt es natürlich noch ganz andere Beine).

Das Zerrbild der Zufriedenheit ist die Bequemlichkeit. Und wie sehr habe ich in der Provinz (auch wenn das jetzt eine miese Vereinfachung ist) darunter gelitten. Bequem ist die Todfeindin von schön, mutig, lebendig. Die noch häßlichere Seite der Bequemlichkeit ist das Sichgehenlassen. Aber gut, das ist ein anderes Thema. Bequem wollte ich nie werden. Allerdings ahne ich mittlerweile, dass dieser Bequemlichkeitsdrang, den ich vor allem bei meiner Mutter mit Schrecken sah, etwas mit der Kriegserfahrung in ihrer Kindheit zu tun hatte. Alles das Behäbige, das Sich-Einfügen ins Kleinere kam wohl auch aus dieser existentiellen Erfahrung des völligen Ausgeliefertseins.

Zufrieden oder bequem? Natürlich muss ich da selbst hinter kommen. Aber: Wie packt Ihr die Balance? Habt Ihr einen Tipp?