Sonne satt –

zumindest für die nächste Woche. Die beste Gelegenheit, alle tief im Schrank vergrabenen bunten Sommerkleider, Blusen, Hosen, Röcke, T-Shirts wieder rauszukramen und ins Licht zu halten – ha, und erst die Sandalen! Nach München, Luxemburg und Köln sind die Schwalben jetzt auch in Berlin angekommen: Hurra! Und Herzlich willkommen!

Leerlauf

Wir müssen reden. Einmal mehr über Kunst. Die Journalistin Nicole Zepter hat aus Enttäuschung ein Buch geschrieben, laut Klappentext „eine furiose, klug und witzig formulierte Polemik gegen den Kunstbetrieb“, mit dem Titel „Kunst hassen“ – ein schöner Titel für einen Inlandsflug, ein kleines Bändchen, leicht und nicht allzu teuer.

Vorab: Kunstinteressierte zu ermuntern, die eigenen Gefühle oder Gedanken vor Kunst zuzulassen, ist immer noch eine beste Idee, denn die von Nicole Zepter diagnostizierte Unsicherheit des Publikums vor der musealen (und auch übrigen) Inszenierung hält an. Sogar ich (d.h. ich als Kunsthistorikerin) bin gelegentlich verunsichert, obwohl ich schon mal nicht den oft horrenden (für mein Portemonnaie, nicht für die Häuser, die damit ja ihre Schauen, Depots und Mitarbeiter/innen mitfinanzieren müssen) Eintritt zahlen muss. Auch im luxemburgischen MUDAM (nur als Beispiel), das ich neulich besucht habe, beschlich mich anfangs der Verdacht, in einer riesigen (und fantastisch gestalteten) Garage unterwegs zu sein, in der merkwürdige Gegenstände abgestellt sind.

Hier liegt natürlich schon ein Hase im Pfeffer. Denn letztlich ist es jeder und jedem anheim gestellt, wie sie oder er mit genau diesem Gefühl umgeht. Zu viel Didaktik hilft nie. Wer jetzt sagt: „Liebe Leute, das ist normal. Geht erst mal weiter, und guckt, was passiert“, verletzt tatsächlich schon die wesentliche Respekt-Regel, Leuten auf Augenhöhe zu begegnen (jajaja, auch Kindern). Selbst wenn das vielleicht helfen und zu mehr Neugier anspornen würde. Andererseits wäre vermutlich genau durch solche Sätze mehr gewonnen, als durch viel Lamentieren oder Schuld-Suchen (auch Nicole Zepter macht leider sehr schnell das böse Geld und die wenigen selbsternannten Kunst-Sachverständigen verantwortlich).

Eine eigene Haltung, eine eigene Meinung zu entwickeln – auch wenn das Ergebnis am Ende heißt „ich hasse Kunst“ – oder dieses oder jenes „Meister“-Werk – sei dringend nötig, um den Kunstbetrieb wieder lebendig und auf eine Weise für alle Beteiligten relevant zu machen. Dafür plädiert Frau Zepter, und ich bin unbedingt bei ihr. Aber dann folgt Seitenweise Leerlauf. Ich lese und lese, in der Hoffnung, über den „falschen Respekt“ vor der Kunstwelt mehr zu erfahren, oder Erkenntnisse darüber zu finden, wie ein banal daherkommendes Werk plötzlich Gehalt in meinen Augen bekommt – oder eben gerade nicht. Carsten Höller wird sehr prominent als Beispiel angeführt, auch Bruce Naumann, beides Künstler, mit denen ich immer wieder hadere. Und dann höre ich, was die Ausstellungsmacher dazu zu sagen haben, und bin so schlau wie zuvor. Denn sofort wird Bedeutung und Inhalt serviert, nicht unbedingt das, was laut Zepter für eine Rezeption nötig ist, und mein Kunstgenuss klatscht schon wieder in dieselbe ausgetreten Sackgasse des rationalen Herangehens, wo doch vielleicht eigene Fantasie, eigene Ideen oder auch Kritik angebracht sein könnten.

Eine eigene Meinung zu entwickeln, indem man das Gesehene und Nicht-Verstandene erst mal „Mist“ findet – ja, meinetwegen. Aber schnell wird klar, dass dieser Weg nicht viel weiter führt als die meist reflexhaft gezeigte (oder zumindest versuchte) Affirmation. Es nur machen, weil es sonst niemand (echt jetzt?) macht, weil Kunst ein hierarchisches System ist, weil wir den Geniekult endlich überwinden sollten oder weil wir damit ein Tabu verletzen. Nein. Am Ende ist mir das zuwenig. Ein Museum doof finden, nur weil es schön ist? Leute, es ist ein Angebot! Nicht unbedingt Wellness – oder eben nur dann, wenn ich mich in diesem Ambiente auf Wellness einschwinge. Ich kann hier auch nachdenken, und warum nicht in der Sonne mit einem Kaffee in der Hand? Ein Museum doof finden, nur weil es eine mit viel Geld subventionierte, schwerfällige Institution ist? Auch hier: Sorry, nein. Museen sind nach wie vor die Orte, wo Kunst zu finden ist. Und zwar immer noch mit viel Ruhe und Kontemplation versehen (der „white cube“ mag unmodern geworden sein, oder in seiner Künstlichkeit längst entlarvt. Ist mir aber lieber als alle möglichen lebendigen Inszenierungen, die statt dessen angeboten werden). Man mag sich darüber ärgern, dass Museen dazu mißbraucht werden, zeitgenössische Kunst marktfähig, bzw. teuer zu machen. Aber Missbrauch ist bei Geld nie weit entfernt. Nicht, dass ich es gut finde. Und nicht, dass ich nicht aufschreie, wenn ich den Verdacht habe. Aber deshalb Museen und die dort gezeigte Kunst hassen.

Geschenkt, dass viel Kommerz im Spiel ist. Dass Kunsthistoriker/innen in einen Speech fallen, der – bei Licht besehen – bullshit ist (oder sein kann – ist ja nicht immer der Fall). Dass Betriebsblindheit vorherrscht. Dass Hierarchien immer noch weitergetragen werden. Dass kaum jemand sich traut, ohne „Expertise“ etwas zu sagen. Aber das ist alles nur Vorwand. Kunst solle mutig sein, sagt Nicole Zepter ganz zu Anfang. Ja, ja und nochmal ja. Aber die Kunstbetrachter/in muss eben auch mutig sein. Und das kann uns niemand abnehmen. Entweder ich lasse mich auch auf schlechte Kunst ein, um am Ende zu sagen, „puh, nee, war das kacke“, oder ich missverstehe die Welt.

Nein, ich habe das Buch nicht zu Ende gelesen. Es hat mich enttäuscht. Denn obwohl im Vorwort steht, es gehe nicht um Kulturpessimismus, war mir zu wenig Spass drin. Immer weiter auf den Sack hauen, ist auch kein Programm.

 

Nicole Zepter, Kunst hassen, Stuttgart 2013/17. 8,00 €

Zeit haben

Manchmal reicht schon eine freie Stunde, um etwas zu machen, was man weder geplant noch vorausgesehen hat. Was vielleicht auch richtig zweckfrei ist, aber trotzdem spannend, oder zumindest vergnüglich. So hatte ich gestern plötzlich noch eine Stunde Zeit, bevor es zum Abendessen ging und ich saß auf einer Wiese und neben mir gab es diese lustigen Kiesel und ich fing an, sie zu Mustern zu legen und zu fotografieren.

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Natürlich – pures selbstvergessenes Spiel. Aber danach war ich derart zufrieden, als hätte ich einen tollen Text geschrieben. Oder was-weiß-ich für eine Idee gehabt…

 

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Um ehrlich zu sein, ich bin sogar fünf Minuten zu spät zum Essen gekommen.

Unterwegs

Dieser Monat ist bei mir durchschossen von kurzen Arbeitsreisen. Zwei Tage hier oder da, dazwischen viel Zeit auf Flughäfen oder Bahnhöfen. Viel Zeit, Menschen zu sehen (wieso warten?), oder Stimmen zu hören: so saß gestern eine Frau neben mir, die, wenn sie sprach, zu einer großen Göttin wurde: eine raue, dennoch volle Stimme, dunkel, geheimnisvoll, sanft gleichzeitig und bestimmend. Sie sah eher unspektakulär aus, aber wenn sie sprach, war es großes (Hör-)Kino. Zum Glück kann ich jeweils bei Freunden übernachten, so dass die Termine jenseits der Arbeitszeiten eher vergnüglich sind. Aber auch hier gibt es natürlich die Tücken des Fremdseins: Wie bedient man nochmal diese Kaffeemaschine? Was piepst in der Küche (die übliche Verdächtige = Spülmaschine)? Wo um alles in der Welt haben sie Stifte? (Nö, haben keine. UNGLAUBLICH!!! Bei Freiberuflern liegen immer überall welche rum. Aber hier – pffffff). Aber dafür (tätä) sitze ich auf der Dachterrasse.

Oase

Ein guter Abend, wenn mir so eine Stille gelingt, wie auf dem Foto – das ich genau vor einem Jahr in Kalifornien gemacht habe.

Und dann denke ich, wie irre es ist, wenn man jemanden kennenlernt, dessen Anblick allein das noch vor einem liegende Leben in eine andere Richtung katapultiert. Natürlich in Gedanken. Aber dann eben manchmal doch auch „in echt“.

Gleichzeitigkeit

Alltag ist der Raum, in dem mir immer wieder etwas passiert, was mich – wirklich jedes Mal aufs Neue – völlig umhaut: Das Nebeneinander von guten und miesen Momenten. Das ist so verstörend, weil sich hier der Horizont ins Unendliche öffnet, während dort alles an die Wand gefahren scheint. Schwindelig ist mir davon und ich weiß nicht, wo hin oder her. Aber meistens rettet doch der gute Moment den schlechten. Weil es eben noch schlimmer hätte kommen können. Oder?

Baden gehen

Das hatte ich mir anders vorgestellt. Aber gut. Im Schöneberger Spassbad gelten andere Regeln. Auch wenn es neben Pools, Blubber-, Rutschen- und Nichtschwimmerbecken auch ein Schwimmbecken gibt. Aber dort stehen die Menschen an den Beckenrändern (im Wasser!) und unterhalten sich – versuchen Sie mal, da ein paar Bahnen zu schwimmen… Oder sie springen mal eben von der Seite ins Wasser (Erwachsene). Oder sie schwimmen quer durchs Becken (ebenfalls Erwachsene). Und was sagt der Bademeister? „Nö, da könne man nix machen.“ Vielleicht mal wochentags vormittags vorbeikommen. Und als ich frage, ob das jetzt auch zum Schwimmvergnügen gehöre, wenn junge Männer mit ihren Handys unter Wasser Fotos von den Schwimmer/innen machen – ? Ja, doch, sei erlaubt. Ehrlich, ich hatte mir Spass im Schwimmbad ganz anders vorgestellt.