Selbstverständlichkeiten

Vielleicht ist es so, dass einem beim älter – oder warum auch nicht gleich – alt werden die Selbstverständlichkeiten weg bröckeln. Einerseits will ich denken: endlich! Ist doch blöd, dauernd im Käfig irgendwelcher aufgeschnappter oder selbstgebastelter Regeln zu laufen – möglichst immer noch schön mit einem Sicherheitsabstand zu den Gitterstäben.

Andererseits. Und zum Beispiel. Wie oft habe ich mich dafür gemocht, belastbar zu sein. Tatsächlich. Ich liebe gelegentliche Ochsentouren. Doch neuerdings bleibt die Motivation aus. Auch die Freude, wenn’s mal wieder geschafft ist. Statt dessen sehe ich in meiner Leistungsfähigkeit eben auch die Unfähigkeit, mal nichts zu leisten. Dabei hatte gerade meine Mutter in ihrer Alzheimerzeit für mich diese Erkenntnis so sichtbar gemacht: Jeder Mensch ist alles, auch in allergrößter Reduziertheit. Und dann sitze ich am Abend zu Hause am Schreibtisch und hasse mich dafür, den ganzen Tag lang nichts in Honorar oder Erkenntnis erbracht zu haben.

Ich habe nichts gegen Leistung. Aber es haut einfach nicht hin, sich nur zu mögen, wenn mal wieder alles glatt gelaufen ist (oder sogar noch besser als glatt). Das Selbstbild im schönen Glanz der Leistungsfähigkeit – nein, Leute. Nicht mehr in meinem Alter. Das könnte ich natürlich ausblenden. Aber ich fürchte, ich muss mit dieser unschönen Erkenntnis rumkommen. Und aus der Selbstverständlichkeit ausbrechen. Wohin auch immer.

Unbezahlbar

Manchmal ist es das Kaputte und Improvisierte, was den größten Zauber auslöst. Warum bloß sind wir meist auf Perfektion aus?

Auf dem Friedhof

Vor Trauer kaum Luft bekommen. Blumen gießen, Gräser zupfen, Blätter sammeln. Feuerkäfer beim Herumlaufen beobachten: Sind die jetzt schädlich. Und wenn, für wen? Kein Wort für Emanuel. Obwohl ich nur an ihn denke. Wo ist er, wenn ich ihn um Verzeihung bitte, weil ich auf sein Grab trete. Gäbe es etwas, worüber er sich mehr freuen würde als über mein Gegärtnere? Ich könnte ihm über meinen Liebsten erzählen. Emanuel (bis heute mein bester Freund ever) hat immer daran geglaubt, dass ich noch einmal Glück in der Liebe finden würde. Und er hat mir die ultimative Begegnung mit einem Mann im karierten Hemd vorausgesagt. Bis heute muss ich darüber lachen: Das Emanuel-Orakel nenne ich es für mich (Nein, der Liebste trägt keine Karo-Hemden). Wie verbringe ich Zeit mit einem, der schon tot ist? Träume gibt es. Oder Erinnerungen. Und eine Trauer, deren Wucht mich fast ersticken lässt.

Entscheidung

Je älter ich werde, desto unsicherer bin ich. Ist Glück wirklich wünschenswert? Und steht man in seinem Leben ganz so wie der antike Held Herkules eines Tages (oder gleich öfters) am Scheideweg und muss sich für eine Richtung entscheiden. Sagen wir, Glück oder Wahrheit. Party oder Tugend. Überfluss oder Kargheit – ?

Glück wird mir suspekt. Zumindest Glück als Lebensgefühl. Glückliche Wendungen, doch ja, wahrscheinlich ist jede/r auf solche Zufälle angewiesen. Oder zumindest hoffe ich gelegentlich darauf, weil ich mit meinen Planungen nicht weiterkomme. Tatsächlich gibt es ja hier und da Überraschungen, ganz so, als würde sich plötzlich ein Türchen auftun, wo vorher keins war, und neue Richtungen möglich machen. In diesem Sinn bleibe ich sicher auf der Glückssuche. Aber was den glücklichen Dauerzustand angeht, bin ich skeptischer denn je. Denn glückliche Menschen, bzw. die, die sich selbst dafür halten oder ausgeben, sind mir unsympathisch. Neid? Ich glaube nicht. Ich beneide eher mutige Menschen. Oder Menschen, die frei in jeglicher Hinsicht sind. Ob glückliche Menschen frei sein können?

Mit der Hand schreiben – und ein Plädoyer fürs Tippen

Als Kind war für mich die Sache noch klar: Schreiben bedeutete einen Stift halten und über Papier führen. Tippen war etwas anderes. Ein Beruf für Frauen – oder hießen die nicht Tippsen? Steno war natürlich wieder was anderes, und ich dafür voller Bewunderung (übrigens bis heute). Steno ging auch nur mit Stift und Papier.

Heute heißt für mich Schreiben „texten“. Das hat mir meinem Beruf zu tun. Den Beruf wiederum führe ich ausschließlich am Computer aus. Nein, halt! Das stimmt nicht ganz. Es gibt Vorarbeiten zu den Texten, die ich mit dem Stift erledige: exzerpieren (meistens), Interviews mitschreiben (oft auch, wenn das Band läuft), Ideen notieren (nicht durchgängig, mache ich auch am Rechner).

Meine Handschrift hat sich im Laufe meines Lebens dramatisch verändert. Früher war sie lesbar. Heute ist sie eine Zumutung (auch für mich). Völlig zerrüttet wurde sie während des Studiums, als ich im Exzerpieren fast erstickt wäre. Ich bin darüber nicht froh. Wenn meine Handschrift tatsächlich meinen Charakter zeigt: Auweia! Mein Großvater war, nachdem er seinen Beruf als Konditor an den Nagel gehängt hatte (er hatte den Krieg als Koch an der Front überlebt), in einer Firma als Schönschreiber für die ausgehende Post angestellt (das war zumindest ein Teil seiner Arbeit). Er schrieb mit gleichmäßigen Bögen ganz so wie er meine Geburtstagsbuttercremetorte mit hinreißenden Kringeln versah.

Erst vor zwei, drei Jahren wurde mir bewusst, dass Kinder heute nicht mehr so schreiben lernen, wie ich das getan habe. Da erzählte mir ein Nachbar, dass seine Kinder nur noch Druckbuchstaben lernen, und es brauchte eine ganze Weile, bis ich überhaupt verstand, was er meinte. Dass Schulkinder heute mehr wischen und tippen, als mit der Hand schreiben, habe ich mittlerweile gesehen, ihre Schrift ist tatsächlich schon früh so, wie meine nach der Verwüstung des Studiums. Und echt jetzt – das soll schaden?

Es gibt bei mir merkwürdige Befunde: Früher habe ich mich nur vertippt. Heute verschreibe ich mich tatsächlich manchmal. Ich notiere mir Gedanken aus Büchern oder Vorträgen mit der Hand. Ich schreibe nie auch nur einen einzigen Text-Satz auf Papier. Ich schreibe schon gar keinen Brief mehr mit der Hand. Könnte keiner lesen. Und mir würde vor allem nichts einfallen. So sehr ich das Geräusch liebe, das ein über Papier gezogener Bleistift macht – mein Sound fürs Schreiben ist die Tastatur. Ach ja, und vor allem: ich war schon immer neidisch auf alle Menschen, die mit der Hand schreiben können – d.h. die eine lesbare (vielleicht sogar schöne) Schrift hinbekommen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass sich jemand etwas Gehörtes besser merken kann, wenn er oder sie mitschreibt statt mittippt. Ich weiß jedoch aus eigener Erfahrung, dass Ideenkreativität + Satzbau nicht in der Griffelhand lokalisiert sind. Das können alle 10 Finger in koordiniertem Selbstverständnis. Denn eins ist sicher: auch wer tippt oder wischt, tut dies gemeinhin mit den Händen. Ist es also wichtig, die Handschrift zu pflegen? Oder kommen durch die Nutzung von Computern – oder anderer Geräte – neue Fähigkeiten hinzu, die unser Gehirn ebenso trainieren, wie einst das manuelle Auffädeln von Buchstaben in einer langen Reihe.

Eine schöne Handschrift ist und bleibt etwas Besonderes. Ich denke auch, dass wir unseren Kindern diese Technik weitervermitteln sollten. Allein schon, weil die Übergänge vom Schreiben zum Zeichnen so vielfältig und voller Überraschungen sind. Ich weiß nicht, ob wir mit der Handschrift mehr verlieren, als wir durch neue Lese- oder Schreibgewohnheiten gewinnen. Natürlich verlieren wir etwas. So wie wir längst viele handwerkliche Fähigkeiten verloren haben, die unseren Großeltern (ja sogar Eltern) noch geläufig waren – ich denke gerade an so etwas simples, wie Sauerkraut selber machen… Ich kann zum Beispiel sagen, dass ich noch immer wahnsinnig gerne tippe. Und je neuer die Tastatur (flacher, und leichtgängiger), desto lieber. Ich mag es, dass die linke Hand auch was zu tun bekommt. Ist das am Ende nicht auch eine Emanzipation? Wer tippt, ist zumindest weder Links- noch Rechtshänder/in.