Wenn etwas Neues gelingt

im Alltag (beim Nobelpreis bin ich immer noch nicht angekommen). Und sogar an einem Tag, an dem ich gnadenlos zu versacken drohte. Denn auch das gibt es heute immer noch – schreibt nur kaum noch jemand drüber.

Ich bin gerade in meiner Heimatstadt im Rheinland. Immer eine Herausforderung, denn hier scheinen alle Kindheitsgespenster noch sehr lebendig (und auf Krawall gebürstet) herumzuziehen. Dieses Mal verordneten sie mir als Erstes Schlaflosigkeit, ach ja.

Mein Tag begann im Regengrau unter einer Betondecke aus Müdigkeit. Und weil ich mich mittlerweile zumindest ganz gut kenne, wusste ich, dass es nur hilft, etwas zu tun, aber vor allem: wenig. Ich ging also einkaufen und, weil sich das Wetter auflockerte, anschließend im Schlosspark spazieren.

Und hier fing ich an, zu fotografieren. Erst war mir nur der vollgekaufte Rucksack zu schwer. Aber als ich die Kamera in der Hand hielt – na, dann kann man ja auch mal rum gucken! Ich hätte schnell müde und schlecht gelaunt wieder aufhören können. Denn alles in diesem Park ist von mir und von vielen anderen schon tot fotografiert. Natürlich ging jeder Foto-Kurs als erstes in den Park. Und auch sonst schien damals nicht viel im Kaff fotoverdächtig. Es gab schließlich noch Rollfilme.

Das war also die Challenge: Kannst du etwas knipsen, was Du so noch nicht – ? Und plötzlich ging was. Denn erst fiel mir ein, dass ich für ein Kinderbuch, das ich gerade vorbereite, Walddickicht brauchte. Etwas, was ich bis dahin wirklich noch nicht auf dem Schirm hatte. Die Gegensätze des aufwändig gepflegten Barock-Parterres und des umgebenden Parks hatte ich oft fotografiert. Aber einfach nur Gebüsch. Und, hoho: gar nicht so einfach!

Weil ich mit der Kamera in der Hand rumlief, fiel mir irgendwann auch das sensationelle Abendlicht auf, das den langsam verwelkenden Barockgarten in ein fast surreales Licht tauchte. Was soll ich sagen? Plötzlich wurde ich hellwach, und war wieder bei mir. Das Foto, das ich hier poste, gibt es so ungefähr aus den 60er Jahren auf alten Postkarten. Aber eben: nur ungefähr. Was zu meinem merkwürdigen Zustand gut passt, dass ich noch als Vierjährige durch den Park tapse und gleichzeitig schon eine Oma bin.

Ich hatte mit einem Mal die dichte Zeit, die sich (so scheint es mir zumindest) im Schlosspark verfängt, als Bild vor mir. Es war wie ein Aha-Moment bei der Arbeit. Und ein zutiefst beglückender Moment. Ätsch, ihr alten Gespenster! Für dieses Mal habe ich euch ausgetrickst! Und neue Fotos für meine Fotokiste habe ich auch.

Ann Carson

Ich kann nicht behaupten, dass ich ihre Bücher „verstehe“. Aber ich liebe sie. Die kurzen (die meist super-kurz sind) begreife ich meist knapp. Das über den Klang der Stimme zum Beispiel oder das über Prousts „Recherche“. Andere, wie das Roman-Gedicht „Rot“ sind eher zum Neben-Dem-Bett-Liegen, um immer wieder reinzuschauen, einzelne Passagen zu lesen und mich vollkommen frei (wenn auch oft irritiert) zu fühlen (aber vielleicht gehört das ja zusammen). Ich freue mich über diesen Literaturnobelpreis. Ach schön, dass er an eine kanadische Autorin geht.

Eine tolle Überraschung

Gestern war es wärmer als erwartet. Und weil ich Zeit hatte, bin ich aufs Tempelhofer Feld gefahren. Um das jetzt gleich nochmal laut zu schreiben: Dieses Feld ist ein großes Geschenk. Mittlerweile sind einige Areale so schön zugewachsen, dass man nix mehr von der Stadt sieht. Und diese Momente, die ich als Großstädterin kaum noch erinnere: an einer großen Rosenhecke (nein: riesigen Rosenhecke) vorbeizukommen, in der es zwitschert. Also murmelnd zwitschert. Und beim genauen Hinsehen: Stare! Die ganze Hecke voll.

Ich hatte eine Tüte Walnüsse gekauft. Ich bin ja mittlerweile Krähen-Fan. Und wollte denen vom Feld was mitbringen. Das hat schon mal gut geklappt. Sobald ich auf einer Bank sitze und sehe, dass eine guckt, hole ich die Tüte raus, nehme eine Nuss und halte sie hoch. Die Krähe legt den Kopf schief. Guter Anfang! Dann werfe ich die Nuss in Richtung Krähe. Die fliegt erst mal weg, guckt aber. Und kapiert: Die Nuss ist für mich! Kommt vorsichtig, holt sich die Beute und fliegt damit auf die Rollbahn, um sie zu knacken.

Jetzt kommt der komplizierte Teil. Ich hatte mir nämlich folgendes ausgedacht: Ich werfe den Krähen Nüsse zu. Und dann sammele ich vor deren Augen Kronkorken aus der Wiese. Die sind ja schlau. Und Kronkorken kennen die, da verwette ich meinen Kopf. Mein Deal: Ihr bekommt Nüsse und helft mir bei den Kronkorken… Naja. Schon klar, dass sowas Monate, vielleicht Jahre dauern könnte. Aber eben. Warum nicht mal probieren? Und dann die Überraschung:

(Fast) keine Kronkorken! Ich war letzte Woche unterwegs, um welche zu sammeln. Und es war derer kein Ende. Ich hätte Stunden weitermachen können, hatte mir aber die Wade gezerrt und bald humpelnd das Feld verlassen. Und gestern? Alles picobello! Ich habe mich gewundert, gefreut und laut gelacht: Das Feld wird regelmäßig gereinigt und ich hatte es bislang noch nicht mal gemerkt. Danke Berlin! Und eben: Natürlich rege ich mich weiter auf, dass viele Leute ihren Müll sehr gedankenlos einfach weg werfen. Aber weil ich endlich mal selbst den Arsch hochbekommen habe, konnte ich überhaupt erst bemerken, dass mehr getan wird, als ich dachte. War das schön.

Der Splitter im Auge des Anderen

Wenn ich mir die aktuellen Wahlplakate anschaue, fällt mir auf, dass es fast nur noch darum geht, Menschen ins jeweilige Wir (bzw. „Wir-sind-die-Richtigen“) zu ziehen. Es geht kaum noch um Ideen, um Pläne, ja, sagen wir doch ruhig „Utopien“. Wahltaktiken werden herausgegeben, es geht darum, Schlimmes oder gleich Allerschlimmstes zu verhindern. Es wird gewählt, als wären wir in einem Bruder-und Schwesternkrieg aller gegen alle.

Die aktuellen Aufgaben auch unseres Landes (Staat wagt man sich ja kaum noch zu schreiben) sind aberwitzig groß. Es geht um nichts weniger, als ums Überleben. Wir haben mit unseren Technologien so viel auf diesem Planeten vermasselt. Und wir kapieren noch immer nicht, wie heikel unsere Existenz geworden ist. Um das klar zu sagen: Ich habe keine Angst. Ich. weiß, dass wir alle miteinander klüger sein können, besonnen, optimistisch und vorausschauend. Nur gerade scheint es mir so, dass wir uns in Grabenkämpfe verheddern, statt uns auf unsere gemeinsame Existenzsicherung für die kommenden Jahre zu konzentrieren. (Klar, auch hier ist natürlich Ablenkung angenehmer, als der Blick auf das, was wirklich ansteht). Ich denke öfters an die mittelalterlichen Bilder von Narrenschiffen, in denen alle im selben Boot sitzen, sich aber nicht auf Kurs oder Sitzordnung einigen können, und so dem Spiel der Wellen ausgesetzt sind und im schlimmsten Fall das Schiff zum Kentern bringen.

Was bringt es denn, meine Benachteiligungen aufzuzählen, dazu alles, was mir vermeintlich zusteht, und den Splitter im Vorschlag der Anderen groß herausarbeite, während mir nicht auffällt, wie egoistisch meine Weltsicht ist, und wie groß der Balken in der Eigenen Wohlfühlblase auf andere lastet. Wir kommen auf eine Erde, auf der uns schon mal gar nichts zusteht. Natürlich gelten Menschenrechte und Gesetze, die weitgehend dafür sorgen, dass uns kein Schaden entsteht. Das ist, wenn wir historisch zurückschauen, unendlich mehr, als hunderte von Generationen vor uns hatten.

Wir als Menschheit haben im 20. Jahrhundert eine Menge falscher Entscheidungen getroffen. Das sage ich nicht aus Überheblichkeit. Menschen machen Fehler. Das wird sich auch nicht ändern. Aber wir haben uns damit in große Gefahr gebracht. Das gilt für das grundsätzliche Überleben. Aber auch für unsere kurzsichtige Vorstellung, nur die Richtigen hätten recht und eine Gemeinschaft Verschiedener sei unzumutbar.

Manchmal denke ich, ist es ganz einfach. Hinsetzen, tief Luft holen. Und den ganzen Groll geben alle Idiot*innen der Welt ausatmen. Daran denken, wie kurz ein Menschenleben dauert. Und daran, was hilft, die Welt einen besseren Ort zu machen.

Ziel erreicht

Das Interessante beim Ankommen ist der Abgleich: Ist es wirklich so, wie ich es mir vorgestellt habe? Das ist bei Urlaubsreisen nicht anders als bei persönlichen Zielen. Mein erster Gedanke heute morgen war, dass ich vermutlich auch deshalb Freiberuflerin geworden bin, weil ich nicht in Rente gehen wollte.

Tatsächlich war mein Vater Frührentner. Er ging mit 60 in den Ruhestand – im Zorn. Er hatte jüngere Vorgesetzte bekommen, fühlte sich nicht mehr geschätzt, am Ende verlor er sein Büro mit einem Lieblingskollegen. Das hat ihn so aufgebracht, dass er erst krank wurde (ja, wirklich: so ein Ärger kann ziemliche Schmerzen hervorbringen), und dann ging.

Ich war damals junge Studentin. Und erlebte, wie mein Vater schlecht gelaunt zu Hause rumhing und meine Mutter, die ja noch arbeitete, und mich, die ich quasi gerade anfing zu arbeiten, zu tyrannisieren.

Ich denke, ich habe damals dieses Gefühl, das mein Vater hatte, zum alten Eisen zu gehören, aufgesogen habe. Das wollte ich auf keinen Fall erleben: Eine Stelle zu haben, die man einfach ausknipsen kann. Auch sah ich, wie hilflos mein Vater angesichts seines Verlusts war. Nicht, dass er seinen Job je gerne gemacht hätte. Er war das perfekte Beispiel für jemanden, der nur arbeitete, um Geld zu verdienen. Aber dieses Geld machte ihn natürlich auch aus. Als Rentner fühlte er sich noch mehr als altes Eisen.

Ich bin mittlerweile älter als mein Vater bei seinem Rentenantritt. Für mich wären als Angestellte noch ein paar Jahre Berufstätigkeit drin, die Zeiten haben sich geändert. Aber ich bin da, wo ich zu Beginn des Studiums kaum hinschauen konnte. Im Alter. Und wie ist es?

Erwartbar: Ich bin älter, als ich mir das je vorstellen konnte. Die Erschöpfungen kommen häufiger, vor allem die Knochen und Gelenke tun weh. Und wenn ich keine Lust habe, ist wirklich nichts mehr zu machen. Auf der anderen Seite bin ich schneller denn je. Ich habe viel gelernt während der letzten Jahrzehnte. Und weil ich – auch wenn es sehr schwierig war – immer bei meiner eigentlichen Arbeit geblieben bin, habe ich mich weiterentwickelt. Das ist, prekäre Lebenssituation hin oder her, doch ein echtes Plus. Außerdem kommen mittlerweile Aufträge, von denen ich lange geträumt habe.

Was für mich hinkommt: Ich habe nicht das Gefühl, „aufhören zu müssen“. Ich brauche auch keine neue Ausrichtung. Ich mache einfach, was ich immer schon gemacht habe. Aber. Ich muss eben auch arbeiten, weil es sonst zum Leben nicht reicht. Und meine Müdigkeit spricht eine sehr deutliche Sprache. Es scheint, als gehe mein Ursprungskonzept weitgehend auf. Allerdings fürchte ich mittlerweile mehr das Älterwerden. Es ist ja längst so, dass ich nicht nur arbeite, sondern auch damit beschäftigt bin, meine „Karosse“ geschmeidig zu halten. Quasi als Nebenjob…

Zwischenstand jetzt: Ja, ja – hm. Im Grunde habe ich mich als junge Frau für meine Bedürfnisse passend entschieden. Was ich nicht abschätzen konnte – aber es waren damals auch wirklich noch ganz andere Zeiten – dass die Freiberuflichkeit so hart sein würde. Und dass es nie reicht, gut zu sein, sondern dass es darum geht, Auftraggeber*innen zu finden, die einen schätzen.

Der kleine Hofgarten

Eigentlich hat er sich selbst eingenistet. Hin und wieder stellten Nachbarinnen und Nachbarn ihre sterbenden Topfpflanzen in den Hof. Dann kam mal eine edle Rose als Liebesgabe für eine Angebetete, dann ein paar Tulpen. Und immer mal wieder Töpfe, die keine Verwendung fanden, aber für die Mülltonnen einfach zu schade waren.

Ich habe keinen grünen Daumen. Aber zum Glück ist die Natur ziemlich robust. Langsam wurde es grüner im Hof. Und auch, wenn die Fläche nach wie vor sehr klein ist, vielleicht 4 Quadratmeter plus drei kleine Hochbeete, hat in diesem Sommer die Sonne nicht ihre volle Kraft durchsetzen können. Die grünen Geister waren fleißig am Schattenspenden. Und zum ersten Mal eigentlich wurde mir klar, dass die kleine Oase nicht nur was für die Augen ist (auch wenn sie wild und struppig sicher keine Gärtnermedaille gewinnen könnte).

Die eigentliche Überraschung kam vorletztes Wochenende. Ich bin mit meinem Handy mal durchs Dickicht gekrochen und habe mir unbekannte Gewächse per App identifiziert: Am Ende hatte ich 12 Gäste ausgemacht, die ich sicher nicht angesiedelt habe. Und die wahrscheinlich von den Vögeln oder Eichhörnchen angeschleppt wurden:

Das Zimbelkraut (sehr hübsch), das behaarte Knopfkraut (naja), die Kohl-Gänssedistel (die Bienen freuen sich), der Purpurstorchenschnabel (so schön!), eine Sal-Weide (nanu!?), das Feinstrahl-Berufkraut (schöne Deko für Kuchen), das Klettenlabkraut (gegen Ohrenschmerzen, hab ich aber sehr selten), der Echte Hopfen (prost!), die gerippte Schwammgurke (???), die gewöhnliche Waldrebe, Schöllkraut und Flohknöterich (auch wirklich hübsch).

Die größte Freude hat mir jedoch der kleine Feigenbaum gemacht, den ich im Winter habe erfrieren lassen. Er ist wieder da! Ich schwöre, ich passe die nächsten Monate besser auf ihn auf.

Augenübung

Wie kann ich jeden Tag etwas anderes in meinem Umfeld sehen? Was wie ein etwas tüdeliges Kreativ-Konzept klingen mag, ist nichts anderes als die Möglichkeit, sich im Alltag freizuschwimmen. Willkommen in der neuen Woche!

Sommer in Berlin

Nein. Es ist keine heile Welt in der Großstadt. Der Anschlag auf die CSD-Parade zeigt, wie gefährdet Freiheit auch bei uns ist. Angst kann keine Antwort sein. Rausgehen, freundlich sein, Mensch bleiben.