Sommer und Prost!

Jedes Jahr ist es wieder soweit: Sommeranfang! Und auch, wenn ich eine bekennende „Herbstmögerin“ bin, gibt es keine Jahreszeit, die mich so euphorisch macht, wie der Sommer. Und dann heute bei spiegel-online noch eine fantastische Nachricht: Vergesslichkeit wird rehabilitiert, bzw. endlich, endlich darf ich als Vergessliche aufatmen. Denn Philipp Kienzl erklärt in seinem Artikel in, auf, bei ze.tt, dass Vergesslichkeit ein höchst nützlicher und also positiver Vorgang ist. Haha. Wer zuletzt lacht, möchte ich denken, und denke ich auch, aber – die Nachricht ist auch ohne ätsch und bätsch schon toll genug.

„Vergessen ist ein aktiver Vorgang“ – das habe ich in der Schule gelernt und immerhin nicht vergessen. Machte die Sache aber nicht besser. Ich verlege zwar nichts, weil ich alle wichtigen Dinge am festen Platz – oder zumindest in einer bestimmten Ecke im Raum – aufbewahre, aber der Rest raschelt durch mein Gehirn wie Laub am Ende des Sommers von den Bäumen. Und jetzt das: „Deine Vergesslichkeit hilft dir, klügere Entscheidungen zu treffen“ (so der Titel des Artikels). Denn, so lese ich, es hilft, die brauchbarsten Informationen herauszufiltern, um damit später kluge Entscheidungen zu treffen. Beispiel (auch aus dem Artikel): Wenn die Bushaltestelle plötzlich ein paar Straßen weiter verlegt wird, ist es leichter, sich daran zu gewöhnen, wenn ich die alte Haltestelle schneller vergesse.

Tatsächlich gab es einen krassen Vergesslichkeitsbeweis nach meiner letzten Reise: ich habe fast alle Passwörter vergessen, bzw. ich wusste nicht einmal, was, wo abgefragt wurde (Geburtsdatum, Namenskürzel, Zahlenkombination aus der Ausweisnummer, etc.). Scheint also ein guter Urlaub gewesen zu sein. Und mit meinem Gehirn ist soweit noch alles in Ordnung. Prost! Oder noch schöner: Enjoy!

Wetter

Sobald sich Wetter in Unwetter verwandelt, wird es auch für uns moderne Stadtmenschen wieder sichtbar. Was habe ich gestern über den Himmel gestaunt, wo sich die Wolken zu so bisher noch nie Gesehenem stauchten, falteten, auseinanderzogen, und zu so irrealen Farben, dass mir mein höchstens zwei Kilometer kurzer Rückweg auf dem Fahrrad wie eine große Mutprobe erschien.

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Mein Vater ist auf dem Rückweg von der Ostsee irgendwo gestrandet, ich denke, er sitzt – oder saß – in Hamburg fest. Da er zwar ein Handy hat, es aber nicht anschaltet, bin ich gerade noch etwas unsicher, aber nicht wirklich alarmiert. Auch im Urlaub wird das Wetter zum Gesprächs- und Gedankenthema Nummer Eins. Ich hatte Glück, aber die kurze Nachricht gestern, dass es in Kalifornien eine – wenn auch falsche – Erdbebenwarnung gab, hat mir dieses Glück noch Mal doppelt wertvoll gemacht. Wenn Erdbeben überhaupt „Wetter“ sind. Oder wie sagt man zu Naturkatastrophen? Und für das Wetter am nächsten Wochenende wird in vielen Haushalten schon gebetet: Meine Freundin feiert ihre Silberhochzeit in einem Garten. Wer will da schon im Regen stehen?

Der Modeschöpfer Karl Lagerfeld hasst Gespräche über das Wetter. Nick Cave, ich habe hier schon einmal darüber geschrieben, führte jahrelang ein Wettertagebuch. Ich bin wetterfühlig. Kaum ändern sich die Temperaturen um mehr als 10 °C, bekomme ich Migräne. Es gibt Ärtzt/innen, die solche Empfindlichkeiten als pure Fiktion abtun. Ich kann dazu nur sagen: Schmerzen sind Schmerzen. Dennoch liebe ich das Wetter. Ich verbringe viel Zeit damit, in den Himmel zu schauen, Prognosen zu versuchen (ich liege meistens falsch), das jeweilige Licht zu analysieren. Selbst der Winter, den ich nicht besonders mag (und von dem ich in jedem Sommer beklemmende Alpträume habe), bietet oft wunderschöne Himmel.

Wetter ist das Fluidum, in dem wir leben. Insofern ist es sicher kein Verlegenheitsthema für Small Talk. Dennoch reden wir oft nur sehr beiläufig davon. Schade eigentlich.

In eigener Sache

Nach 15 Monaten Arbeit: Der neue „Kimmo“ ist da! Nicht mehr alleine, denn ab dieser dritten Folge hat er Saki an seiner Seite, eine Klassenkameradin aus Japan, die erst seit ein paar Monaten in Berlin lebt, aber schon mit größter Selbstverständlichkeit die Klasse aufmischt. Wegen ihr unternehmen die Kinder mit ihrer Lehrerin eine Reise zum Meeresforschungsinstitut GEOMAR in Kiel. Wer Kimmo schon kennt, weiß, dass es nicht bei einem Institutsrundgang bleibt. Zusammen mit dem Geist Alexander von Humboldts (seit ihrer Begegnung im Berliner Museum für Naturkunde sind Kimmo und er unterschiedliche, aber beste Freunde) und Saki geht es erst – und eher versehentlich – mit dem Forschungsschiff Meteor vor die Kanarischen Inseln, und von dort in die weite Unterwasserwelt.

Zugegeben, Fakten mischen sich ganz gewaltig mit Fiktion, aber was ist schon Wahrheit? Es geht um unser Leben auf der Erde und um unsere Zukunft. Seit es Menschen gibt, scheint sich das natürliche Gleichgewicht langsam aus den Angeln zu lösen. Allerspätestens Kimmos und Sakis Generation muss eine Lösung finden, damit der Planet für unsere Spezies bewohnbar bleibt. Dass die Meere dabei eine Schlüsselrolle spielen, verrät schon der Titel. Ab heute ist die CD im Buchhandel und bei Amazon erhältlich.

Zufall (Nachtrag)

In dem Film „One more time with feeling“ (Regie: Andrew Dominik) redet Nick Cave davon, dass Kunst von Zufällen lebt, und dass diese möglicherweise der direkte Draht zu den Göttern sind. Er präzisiert: Zufälle seien der falsche Begriff, es gehe eher um einen Raum, einen Raum, in dem man gar nichts mehr weiß.

Der ganze Film scheint wie ein Versuch, diesen Raum für Zufälle einzufangen. Es passiert eigentlich nichts weiter. Musiker/innen, Techniker, Filmleute sind bei der Arbeit in einem Studio zu sehen. Alle scheinen vor sich hin zu werkeln, aber wer genauer schaut, merkt, dass alle aufeinander achten, dass größtmögliche Konzentration herrscht, dass jede/r bereit ist, sofort in die gemeinsame Arbeit einzusteigen. Sie arbeiten nicht im konventionellen Sinn. Sie schaffen eine Situation, in der Dinge möglich werden. Sie machen Gelegenheiten.

Vor allem bei der Zusammenarbeit von Nick Cave und Warren Ellis entsteht ein solcher, leerer und gleichzeitig vor Energie berstender Raum. Nick Cave singt. In langen Schleifen, oft mit endlosen Wiederholungen, scheinbar nebenher, scheinbar irgendwas, bis man auf einmal eine Textzeile erkennt, eine Tonfolge, die verzerrt ist bis zum vermeintlich falschen Ton. Ich singe etwas, was ich nicht kenne, sagt Nick Cave. Un bei dem Lied „Girl in Amber“ denke ich tatsächlich ein paar Momente lang, er wisse nicht, was er tue. Er singt scheinbar falsch und noch falscher, Ellis begleitet ihn, hört zu, fummelt an elektronischen Geräten rum, ist vor allem da. Aus dem Durcheinander schält sich hier und da etwas heraus. Und wenn dann die Aufnahme läuft, klingt alles frisch und neu und präzise. Es sieht so aus, als sei es genau das: Ein Raum, um eine Melodie, einen Rhythmus, Textzeilen so weit in alle Richtungen zu dehnen, zu stauchen und endlos zu wiederholen, bis sich etwas daraus ergibt. Zufall, Inspiration, göttliche Fügung? Vor allem, wie mir scheint, höchste Konzentration und Geduld. Und großes Vertrauen darein, gemeinsam etwas zu gestalten.

Das Foto ist ein Still aus dem oben genannten Film „One more time with feeling“ (Copyright Bad Seed Ltd.).

 

Zufall

Der Zufall, so sagt es das Wörterbuch, widerfährt uns. Klar, was nicht geplant ist, passiert  einfach, fällt uns zu. Zufall ist der Gegenspieler von Ordnung und Plan. Er ist gleichermaßen gefürchtet und ersehnt. Zufälle sind das Salz in der Suppe, und sicher nicht zufällig erzählen die mittelalterlichen Hanswurstiaden gerade davon: wie eine unvorhergesehene Wendung die Geschichte auf eine ganz andere Spur bringt. Es scheint auch Menschen zu geben, die Zufälle anziehen. Ich habe den Verdacht, dass für mich rückwirkend viele Zufälle unsichtbar werden, dass mir das Zufällige folgerichtig erscheint, und eben gar nicht mehr zufällig. So fällt mir kein einziger Zufall mehr aus der letzten Woche ein, obwohl ich sicher bin, dass es mehr als einen gab. Was heißt, ich halte mal die Augen auf, vielleicht begegnet mir ja bald schon einer.

Untertauchen

Nein, verschwinden will ich eigentlich nicht, aber manchmal einfach unter die Oberfläche sinken. Keine Wellen machen, sanft nach unten gleiten, die Augen offen, die Sinne wach, aber alle Kommunikationskanäle gekappt (wenn möglich auch die zum eigenen Hirn). – Vielleicht, so dachte ich heute, ist eine solche Form des Verlorengehens auch eine Art Schutz vor Alzheimer? Die Kontrolle verlieren, nicht mehr wissen, wo man ist (oder warum), und das mitten im Alltag?

Eskapismus? Oder doch das Antrainieren einer Selbstverständlichkeit? Jedenfalls erscheint mir rückwirkend der verzweifelte Kampf meiner dementen Mutter um Normalität eine irrwitzige Verschwendung von Zeit und Kraft. Vielleicht macht es umgekehrt mehr Sinn. Nicht, um sich passiv in eine schlechte Zukunft zu fügen. Sondern um im Verlorengehen sicher zu werden. Wer akzeptieren kann, keine Peilung mehr zu haben, ist möglicherweise gar nicht so hilflos, wie das von außen erscheint. Wenn wir träumen, lassen wir uns schließlich auch auf eine unbekannte Welt ein. Und das immerhin jede Nacht.

 

 

Café d’oro

Wer in eine Großstadt zieht, mag Friedhöfe schon früh als ruhige Inseln im Alltagsrummel entdecken. Wer älter wird, kommt vielleicht öfter vorbei, um mehr und mehr eigene Tote zu besuchen. So geht es mir mittlerweile. Wenn es schön ist, mache ich mich auf den Weg, komme an, stehe vor dem Grab und, ja eigentlich – eigentlich wäre ein Kaffee jetzt genau das Richtige. Schließlich trinkt man auch mit Freunden und Verwandten gerne ein Tässchen, wenn man sich trifft und plaudern mag.

Auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof ist das jetzt möglich. Nein, es gibt kein „to-go-service“ für den Kaffee am Grab, aber es gibt ein lauschiges Plätzchen gleich neben der Kapelle, wo Tische in der Sonne und im Schatten auf Gäste warten.

„Wir haben absichtlich kein Schild an der Straße aufgestellt“, sagt Sabine Maaß, die seit Anfang des Monats das Café betreibt. „Es soll ein Ort der Ruhe bleiben, kein weiterer Hotspot im Tourismusbetrieb der Stadt.“ Noch ist es tatsächlich ruhig. Gäste kommen eher versehentlich um die Ecke und bleiben auf eine Holunderschorle oder eben auf Kaffee und köstlichen Kuchen. Eine Frau liest Zeitung, eine andere schreibt, eine dritte hat sich von den an der Theke ausgelegten Büchern eins mit an den Tisch genommen.

Denn an einem Ort, an dem so viele Schriftstellerinnen und Schriftsteller beerdigt sind, soll es an Büchern nicht fehlen. Nina Nedelykov und Pedro Moreira, die beiden Architekten, die die Renovierung der Kapelle unternommen und sie als perfekten Raum für die Lichtinstallation des US-amerikanischen Künstlers James Turrell eingerichtet haben, kamen auf die Idee mit dem Café und den Büchern. Wer komme, um das Grab von Bertold Brecht zu besuchen, von Heiner Müller, Christa Wolf oder Wolfgang Herrndorf, so der Gedanke, habe vielleicht Lust, ihre Texte zu lesen, wiederzulesen, neu zu entdecken. Eine kleine Bibliothek ist im Aufbau, selbstredend fehlen auch andere berühmte Tote nicht, es gibt Kataloge der hier beerdigten Maler/innen und bald gibt es noch viel mehr. Dass die Kinder nicht vergessen wurden, gefällt mir besonders. Sie werden noch nicht mit den großen Geistern bekannt gemacht, dafür mit dem Tod selbst, der Angst, die wir vor ihm haben und den Hoffnungen, die er für einige von uns bereit hält.

Sonntags um 14:00 startet vor dem Café D’oro eine Friedhofsführung mit Dr. Ronald B. Smith. Er führt ehrenamtlich, mit größter Kenntnis und sichtlichem Vergnügen. Er hält die Toten lebendig, und ihre Gedanken blitzen zwischen den Blumen und Bäumen wie gerade vom Himmel gefallen. Wer weiß. Meine Lieblingsdichterin werde ich sicher in diesem Sommer noch öfter besuchen. Und meinen Lieblingsgrabstein, den von Herbert Marcuse. Wer neugierig geworden ist: Die Kapelle ist nächsten Sonntag (25.06.) ab 17:30 geöffnet. Turrells Lichteinrichtung kommt allerdings erst in der Dämmerung ab 20:30 zur Geltung. Geöffnet ist das Café am Wochenende von Freitag bis Sonntag ab 12:30.