Wieder von vorne beginnen

Ich habe eben einen überraschenden Satz in einem Video über das Erstlingswerk von Bernardo Bertolucci gehört, das, wie die Videostimme sagte, ein Meisterwerk sei, vermutlich, weil der Regisseur noch nicht von zu viel Erfahrungswissen beschwert gewesen sei.

Das war für mich ein regelrechtes Aha-Erlebnis. Da ich mich gerade auf den Weg mache, noch einmal etwas Neues zu probieren. Die ganze Zeit sitzt mir so eine nörgelige Stimme im Ohr, die unüberhörbar und unablässig wiederholt: „Das hast Du doch noch nie gemacht. Das kannst Du doch gar nicht.“

Eine andere Stimme hält dagegen: „Das wird ein Abenteuer. Da kannst du Dinge ausprobieren, die Dich schon immer interessiert haben. Da kommt so viel von dem zusammen, was Du sonst nur in weit auseinander liegenden Aufträgen erledigen kannst, Du wirst es lieben. Und vielleicht Dinge realisieren, die Du Dir doch zutraust, aber die nicht einfach vom Himmel fallen.“

Und dann dieser Satz, den ich, wenn ich mutig und stark bin, durchaus schon selbst buchstabiert habe: „Etwas zum ersten Mal zu machen, ist Erfahrung genug.“

Paradox der Versöhnung

Vielleicht ist es keine „goldene Regel“, aber sicher eine Option: Nicht darauf zu bestehen, dass der/die andere doch bitte versteht, dass er/sie Unrecht hat. Oder wie verletzend sein/ihr Verhalten ist. Denn, so meine Erfahrung, die Versöhnung liegt fast nie beim Gegenüber, sondern bei mir.

Ich hatte über Ostern Zeit, vergangene Kräche und Versöhnungen zu rekapitulieren. Das erstaunliche Fazit war, dass ich mich angegriffen, ja vernichtet gefühlt habe, während ich auf der anderen Seite als extrem souverän wahrgenommen wurde. Dass sich der/die andere klein fühlte, und mir gar nicht unbedingt das Gefühl geben wollte, klein zu sein, sondern eher, mir endlich auch mal einen Kratzer im Lack zu verpassen. Also aus einer Unter-, und keineswegs einer Überlegenheit heraus. Oder dass sich jemand extrem abhängig von mir fühlt, weil er oder sie mich gerne mag. Und sich vor sich selbst souveräner fühlen möchte, statt – wie ich das missverstanden habe – mir Desinteresse zu signalisieren.

Das sind natürlich nur Beispiele. Und es geht mir gar nicht darum, gemeine, fiese Menschen zu verstehen. Denen kann man nur aus dem Weg gehen. Versöhnung ist jedoch für mich immer die erste Option bei Freund/innen und Verwandten oder Kolleg/innen. Und sie ist auch nötig, damit die eigenen Verletzungen heilen. Menschen können schließlich auch an emotionalen Blutvergiftungen elend zugrunde gehen.

 

Letzte Sätze

Nein, es geht nicht ums Sterben. Auch wenn ich diese Nacht vom Tod geträumt habe. Es geht um den letzten Satz vor dem Aufwachen. Den man aus seinem Traum mitnimmt, wenn man morgens die Augen aufschlägt. Ich habe das selten. Seltsam sind auch die Sätze, die ich aus dem Schlaf mitnehme. Heute war es: „Du wirst eine gute Kunsthistorikerin werden.“

Nanu. Diese Ankündigung klingt in etwa so irre wie die in der Bibel, die an Sarah ging, sie werde als Greisin noch ein Kind bekommen. Ich bin zu alt, um, sagen wir „streng beruflich“ noch was zu werden (damit will ich keine Einzelerfolge ausschließen, aber das, was gemeinhin unter „Karriere“ läuft). Schon gar nicht Kunsthistorikerin, denn ich arbeite nicht in den angestammten Berufen – eher am Rand.

Dennoch hat mich diese „Prophezeiung“ sehr angerührt. Zumal mir in Kindheit und Jugend niemand auch nur irgendwas zugetraut hat: „Du wirst noch in der Gosse enden“, so lautete die Prognose, mehr war für mich nicht zu haben. Ich weiß, dass das viele aus meiner Generation gehört haben. Hier sprach die Angst, die viele aus unserer Elterngeneration aus dem Krieg mitbekommen haben, direkt und laut. Verletzend war es natürlich trotzdem. Niemand sein – oder eventuell ein Star. Wahrscheinlich habe ich mich schon sehr früh für ersteres entschieden, allerdings ohne die Gosse. Jetzt überlege ich, was überhaupt eine „gute Kunsthistorikerin“ ausmacht, ob ich eine werden möchte – und wie das gehen könnte, Sarah hat schließlich auch noch einen Sohn bekommen. Und sonst? Die Sonne scheint: Was für ein Fest!

Karfreitag

Die Diskussion fing schon vor ein paar Tagen an. Ob man denn jetzt tanzen dürfe – oder nicht. Wer Karfreitag tanzen will, warum, wer nicht, warum nicht, und was noch alles.

Als Todestag Christi wird der Freitag vor Ostern als Feiertag begangen, als stiller Feiertag, wie zum Beispiel auch der Totensonntag im November. Gesetzlich geregelt sind einige Verbote, das betrifft Discotheken, Clubs oder Kinos, weil auch bestimmte Filme nicht gezeigt werden dürfen. Warum gibt es diese Verbote? Wer bestimmt sie in einer Demokratie? Warum soll etwas für alle gelten, wenn längst nicht alle glauben? Und warum wird ausgerechnet Tanzen verteufelt, dieser Ausdruck größter Lebensfreude?

Aber vielleicht sitzen wir einem Missverständnis auf. Vielleicht bietet ein stiller Feiertag nicht Verzicht, sondern Freiheit, einmal aus dem Alltags- – und/oder Freizeittrott – auszusteigen?

Nein, es geht mir nicht darum, Medizin mit Honig zu versüßen. Aber mir ist der Tag heute wie eine sagenhafte Erholung vorgekommen: Mir die Zeit „pur“ vergehen zu lassen, ohne mich abzulenken. Gedanken zuzulassen, die sonst nicht an die Oberfläche kommen. Mehr zu sehen, und nach einer Weile auch mehr zu hören. Und plötzlich Erinnerungen zu haben, oder Bilder im Kopf von glücklichen Momenten. Sogar der Liebste schoss durch mein Herz wie ein bitzelnder Kometenstrahl.

 

Aufblühen

Das können Tulpen wirklich nur, wenn sie mit ihren Wurzeln noch in der Erde stecken: die Blütenblätter so weit strecken, dass sie waagerecht stehen und das Innere eine zweite Farbe preisgibt. „Mehr Hingabe“ hat jemand auf den Eingang des Friedhofs gesprüht, auf dem diese Tulpe ein Familiengrab ziert. Man hat den Eindruck, dass sie zumindest sich alle Mühe gibt.

Verlust

Weil wir (auch) in der Kunst die größten Dinge schaffen, die uns möglich sind, wiegt der Verlust (oder auch nur der teilweise Verlust) einer Kathedrale schwer. Dass vermutlich niemand bei dem Brand von Notre Dame sterben musste, ist ein wahnsinniges Glück, wenn man bedenkt, was dort jeden Tag los ist. Aber die Zerstörung ist endgültig. Natürlich kann man alles wieder rekonstruieren (ich würde mich wahrscheinlich wundern, was vom Kölner Dom alles nicht „echt“ – nicht mal aus dem 19. Jahrhundert – ist). Und auch früher sind – nein, gerade früher sind – etliche Kirchen abgebrannt und wieder neu aufgebaut worden. Doch gerade an einem Gebäude, an dem so viele Generationen ihr Bestes gegeben haben, wird spürbar, dass nicht nur altes Holz in Flammen aufgeht. Ein so altes Gebäude ist ein gemeinsames Projekt über Jahrhunderte hinweg. Stets von neuem haben sich Menschen dafür entschieden, diese Kirche nicht aufzugeben, abzureißen, zu vergessen. Insofern geht auch ein Stück sichtbarer Zeit verloren. Es ist so, als würde ein Anker gelichtet. Und wir treiben weiter.