Neuanfang

Früher war ich von Neuanfängen besessen. Zeugen dieser – übrigens stets vergeblichen – Versuche sind angefangene Hefte, auch Tagebücher, mit denen und in denen ich mich als neue Person definieren und ausmalen wollte. Haha. Meist hat meine schreckliche Handschrift die steilen Entwürfe schnell zum Einsturz gebracht: sah doch alles nur mies aus. Wollte ich weder lesen noch weiterschreiben. Zum Glück kam irgendwann der Computer auf den Schreibtisch und ja – irgendwann habe ich im laufenden Betrieb etwas Neues gemacht. Und nicht immer versucht, „erst mal“ (und was für eine Zeitverschwendung!) Tabula rasa zu machen. Heute kann ich aus jeder Bewegung heraus neu anfangen. Ich muss nicht erst zurück auf Los. Auch nicht ins Gefängnis.

Früher habe ich mich möglicherweise zu sehr mit Fehlern aufgehalten. Ich dachte, die müssen weg, um einen geraden Weg einzuschlagen. Heute arbeite ich die Fehler ein. Ein Neuanfang kann mit jedem Atemzug beginnen. Hier etwas neu anfangen, dort etwas ändern. Ich denke sogar, man (oder zumindest ich) sollte schnell mit Veränderungen sein. Sonst rollt die Routine drüber. Um ehrlich zu sein: Wahrscheinlich bin ich zu alt für einen Neuanfang. Aber ich sehe etwas, was mich noch viel mehr reizt: Das Ausprobieren neuer Facetten. Vielleicht wäre ja ein kurzer Jogging-Spurt durch den Park ein vielversprechender Anfang?

Abitreffen

Wenn ich in meine Schulzeit zurückschaue, sehe ich nur noch sehr vage Umrisse. Blasse Gesichter – häufig schon ohne Namen, kalt gewordene Gefühle (doch, manchmal noch sehr heißer Zorn), sehr viel Enge. Nach dem Abitur war mir alles grau. Der Start ins Leben hatte begonnen – so jedenfalls meine Eltern – und ich wusste nicht mal annähernd, wohin. Nizza, um weg zu kommen, Studium, um die Entfernung zur Familie endgültig groß genug zu machen. Das hieß ganz eindeutig „weg hier!“, aber wohin?

In mancher Hinsicht scheine ich einen inneren Kompass besessen zu haben. Wenn ich zu Hause bin und zufällig alte Aufzeichnungen lese, finde ich Hinweise auf frühe Sehnsüchte, an die ich mich heute nicht mehr erinnere. Und die ich damals ganz bestimmt nicht hätte laut aussprechen können (nicht aus Scham, sondern aus mangelnder Selbstkenntnis). Orte, die ich später aufsuchte, und deren Namen früh schon ins Tagebuch gemalt waren, Vorbilder, die ich bewunderte, Musiken, die ich liebte, bevor ich sie kannte, Berufe, von denen ich tatsächlich nicht wusste, dass es sie gab.

Andererseits: vielleicht gibt es gar kein so enges Band zwischen mir heute und diesem damaligen Selbst. Vielleicht überschätzen wir das Eigene und das Wuchern unseres Egos über die Zeit . Könnte es nicht sein, dass wir viel eher durch die Zeit fließen? Und uns wie Wasserstrudel immer wieder neu bilden. Losgelöst von dem, was wir hinter uns lassen. Und wenn, wäre das wünschenswert? Vielleicht bekomme ich eine Antwort, nächsten Samstag, wenn ich zwischen meinen ehemaligen Mitschülerinnen sitze. Gespannt bin ich auf alle Fälle.

Zu Gast sein

Egal, was wir machen. Wir sind auch nur zu Gast. Das mag einem bei „lebenslänglich“ vielleicht etwas merkwürdig vorkommen. Ist denn diese Welt nicht unser zu Hause?

Doch wenn wir über uns hinausschauen, und begreifen, dass wir in einer Reihe stehen mit denen, die vor uns schon hier waren, wird vielleicht deutlich, dass selbst ein langes Leben auf diesem Planeten nur ein kurzes Gastspiel ist.

Warum also führen wir uns so auf, als wäre unser Leben unsere Privatangelegenheit? Heute ist „Earth Day“ und eine gute Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie wir diese Welt wieder zu einem guten Ort für unsere Kinder und Enkel machen können. Anfangen ist wie bei so vielen anderen Dingen auch hier das Zauberwort. Jetzt.

Selbstverständlichkeiten

Vielleicht ist es so, dass einem beim älter – oder warum auch nicht gleich – alt werden die Selbstverständlichkeiten weg bröckeln. Einerseits will ich denken: endlich! Ist doch blöd, dauernd im Käfig irgendwelcher aufgeschnappter oder selbstgebastelter Regeln zu laufen – möglichst immer noch schön mit einem Sicherheitsabstand zu den Gitterstäben.

Andererseits. Und zum Beispiel. Wie oft habe ich mich dafür gemocht, belastbar zu sein. Tatsächlich. Ich liebe gelegentliche Ochsentouren. Doch neuerdings bleibt die Motivation aus. Auch die Freude, wenn’s mal wieder geschafft ist. Statt dessen sehe ich in meiner Leistungsfähigkeit eben auch die Unfähigkeit, mal nichts zu leisten. Dabei hatte gerade meine Mutter in ihrer Alzheimerzeit für mich diese Erkenntnis so sichtbar gemacht: Jeder Mensch ist alles, auch in allergrößter Reduziertheit. Und dann sitze ich am Abend zu Hause am Schreibtisch und hasse mich dafür, den ganzen Tag lang nichts in Honorar oder Erkenntnis erbracht zu haben.

Ich habe nichts gegen Leistung. Aber es haut einfach nicht hin, sich nur zu mögen, wenn mal wieder alles glatt gelaufen ist (oder sogar noch besser als glatt). Das Selbstbild im schönen Glanz der Leistungsfähigkeit – nein, Leute. Nicht mehr in meinem Alter. Das könnte ich natürlich ausblenden. Aber ich fürchte, ich muss mit dieser unschönen Erkenntnis rumkommen. Und aus der Selbstverständlichkeit ausbrechen. Wohin auch immer.