Köln

als ich gestern mit dem Zug in den Kölner Bahnhof einfuhr, dachte ich: Das heilige Köln: Viel hat sich seit dem Mittelalter geändert, andererseits, die Schiffe auf dem Rhein, die Bahnen auf den Brücken, eben Verkehr und Handel und trübes Wetter… – das hätten die Männer und Frauen von damals sicher wiedererkannt. Aber dieser Anblick: ein wahnsinniges Zukunfts-Szenario, wenn man es mal aus dem 12. oder 13. Jahrhundert aus betrachtet…

Was wiegt ein Menschenleben?

Ich sitze im Zug nach Köln. Jedes Jahr um diese Zeit fahre ich nach Hause, mein Vater hat heute Geburtstag. Ich habe in den letzten Monaten wenig an meine Eltern gedacht – zu viel kam (wie sagt man?) von vorne (?) – viel Arbeit, Termine, das übliche Alltagszeugs halt. Ich erinnere mich an viele Reisen von Berlin ins Rheinland, wie oft ich unglücklich war, mit dem Gefühl, Zeit zu verschwenden und, schlimmer noch, nur Ärger zu kassieren, für Dinge zur Rechenschaft gezogen zu werden, die ich eh nie würde erklären können. Meine Mutter war mir gerade in der Zeit, in der ich nach Berlin gegangen war, eher fremd. Sie lag auf dem Sofa, guckte Fernsehen. Und sonst? Ehrlich gesagt, keine Ahnung. Sie ärgerte sich über ihre Eltern, über ihre Geschwister, über den Chef, über Kolleginnen, später über Nachbarn oder es war ihr alles egal, oder was weiß ich. Wir hatten keine Gemeinsamkeiten und deshalb auch keine Themen. Als sie krank wurde, änderte sich das Szenario. Ich wurde gebraucht. Insofern waren die Rechtfertigungsorgien kürzer, fielen irgendwann ganz weg. Ich hatte zu tun, musste mich kümmern, eigentlich keine schlechte Zeit. Davon abgesehen, dass gerade der Beginn einer Alzheimer-Erkrankung fürchterlich für alle Beteiligten ist und eine Unordnung und ein riesiges Unbehagen in den gemeinsamen Umgang mit sich bringt. Heute denke ich, meine Mutter war im Leben, sagen wir – so lala – aber mit der Krankheit ist sie eine wirkliche Heldin geworden. Ich habe das schon öfters hier geschrieben, aber es überrascht mich doch jedesmal wieder, wenn ich mir die Wandlung vor Augen führe. Ich habe Glück gehabt. Und ich bin froh, dass meine Mutter die Gelegenheit hatte, sich noch einmal so ganz anders zu zeigen. Ob es wichtig ist? Ob sie dadurch „wertvoller“ wird? Und: darf man das überhaupt fragen? Sie ist mir auf ihre alten Tage ein Vorbild geworden, das ist eine tolle Erfahrung.

Müssen wollen

Es macht nie großen Spass, eine Pflicht zu erfüllen. Wir machen wahrscheinlich alle lieber Dinge freiwillig und nicht, weil sie von uns erwartet werden, schon gar nicht zu dem und dem Zeitpunkt. Aber natürlich gibt es Ausnahmen. Ich fürchte, die diesjährige Bundestagswahl ist so eine Ausnahme. Mag das Wetter noch so schön sein, oder ich bis zur letzten Minute unentschieden. Bei dieser Wahl haben wir viel zu verlieren. Es darf einfach nicht der Eindruck entstehen, wir würden sehenden Auges unsere Demokratie aufs Spiel setzen. Viele von uns sind in diesem Land groß geworden, viele von uns haben nie einen Krieg erlebt. Wir haben die Schule besuchen dürfen, wir können die Berufe wählen, die wir uns aussuchen. Wir haben Reisefreiheit und was mehr zählt: Wir haben Meinungsfreiheit. Niemand wird wegen seines Glaubens oder seiner sexuellen Was-auch-immer verfolgt. Wir leben in einem Staat mit unabhängiger Justiz. Wir haben es verdammt gut. Auch, wenn wir knapp mit dem Geld sind, wenn wir Träume nicht verwirklichen können, wenn wir uns das Kino verkneifen müssen oder den Hund, den wir so gerne hätten. Wir leben in einem der reichsten Länder der Welt. Wir haben alle privaten Freiheiten, die wir uns nur wünschen können. Wir haben sicher nicht die beste aller Gesellschaften. Es gibt viele unsinnige Regeln und grandiose Ungerechtigkeiten. Aber Demokratie und Freiheit können deshalb nicht zur Debatte stehen. Wenn wir uns an diesem Punkt beschneiden, sind wir schneller mundtot als wir gucken können. Deshalb denke ich, dass es so verdammt wichtig ist, wählen zu gehen. Und auch deshalb hoffe ich noch, dass die vorhergesagten 12% für die AfD doch noch – wie sagt man im Amtsdeutsch so schön – nach unten korrigiert werden können.

Heute?

Im Traum habe ich einen verlorenen Geliebten wiedergesehen, und gehörig geküsst. Dann schien die Sonne und ich dachte mich 3000 Jahre zurück in das Leben und Sterben der Etrusker. Später erzählte mir Lázló Krasznahorkai in eigenen Worten und – gelegentlich – mit der (sorry, ich kann einfach nicht anders) umwerfenden Stimme von Frank Arnold seine Spazierwege durch New York, und beim Ablaufen dieser Wege von der Geduld, die es braucht, Genies zu entdecken. Mit Dietmar Dath flog ich ins All und aus der Kurve. Immerhin weiß ich jetzt, dass ich mich nicht mehr fürs Science-Fiction-Mögen schäme. Der Rückweg führte in einen Ex-Kaisers und durchs Nachtleben am Nollendorfplatz. Ich war kaum in Berlin angekommen, Anfang der 90er Jahre und hatte Knieschmerzen wie eine Fünfzigjährige. Was, dachte ich, als ich eben die Wohnungstür aufschloss, was bedeutet schon Gegenwart?

Lesen

Es gibt Fragen, die immer wieder auftauchen. Eine davon ist die nach den Möglichkeiten und Grenzen, die ich als bloggende und damit als kritische Leserin habe. Denn so viel ist klar: Wer ein Buch liest, ganz egal ob Kritiker/in oder nicht: Ein Urteil entsteht fast immer – auch wenn es bloß ein jähes Desinteresse nach Seite zwanzig ist. Und: Als Leserin habe ich durchaus – wenn auch nicht immer – Lust, mein Urteil, oder zumindest mein Leseerlebnis mitzuteilen.

Geschenkt, es ist eine Frage der Relevanz. Wenn ich meine Einschätzung in meinem Blog schreibe, ist es an sich schon eine fast private Äußerung. Dennoch bleibt die Frage: Was kann ich als „bloße“ Leserin von einer Lektüre weitergeben, was ein/e Kritiker/in nicht besser könnte – oder sogar gar nicht.

Wer Lesen als ein Stelldichein mit Kunst versteht, könnte zumindest das mit Lebenserfahrung durchsetzte Erlebnis der Lektüre ins Feld führen. Natürlich erwarte ich genau das auch von Kritiker/innen. Allerdings – hier liegt vielleicht schon der Unterschied: professionelle Leser/innen stützen sich auf ihr Fachwissen. Sie haben die Literaturen der Welt studiert, von Kindesbeinen an gelesen und sich so einen riesigen Kanon an Vergleichsmaterial geschaffen und gleichzeitig nach allen möglichen Regeln der Kunst das Analysieren, gegen den Strich lesen und was nicht alles gelernt. Als Leserin einer Kritik profitiere ich von diesem Wissen und diesen Kenntnissen.

Mir scheint, die Sehnsucht nach „anderen“ als professionellen Kritiken entspringt dem Wunsch, einmal Statements von Nicht-Kenner/innen zu bekommen. Was, und das interessiert mich tatsächlich auch, was denkt denn ein „einfacher“ Leser oder eine „fachfremde“ Leserin von diesem oder jenem Buch? Wie spiegelt sich ein Buch in anderen Leseerfahrungen als meinen, die eben auch durch ein Studium geprägt sind und damit denen von professionellen Literaturkritiker/innen doch sehr ähneln.

Oder, um eine andere Erwartung zu nennen: Könnten „unprofessionelle“ Leser/innen andere Dinge hervorheben, vielleicht sogar unabhängiger urteilen. Es ist die Hoffnung auf eine Laien-Kritik, die möglicherweise lebendiger ist und sich nicht von der Literaturszene beeinflusst zeigt.

Vielleicht ist es schlicht und ergreifend der Wunsch nach mehr Diversität. Wer die relevanten fünf bis sechs Rezensionen zu einem Buch gelesen hat, mag Lust haben, noch etwas – möglichst – anderes zu erfahren. Vielleicht ist es auch die Sehnsucht nach bloß anderes geschriebenen Kritiker-Texten, die „schmackiger“ oder weniger blutleer daher kommen, als Rezensionen, die oft schnell formuliert werden müssen, weil im professionellen Bereich leider auch immer großer Zeitdruck herrscht.

Lesen ist vor allem auch Erleben. Dieser Teil hat in einer professionellen Kritik oft nicht so viel Raum. Erleben findet zwar auch hier statt, doch die Kritiker/innen sind geschult, persönliche Aspekte zu objektivieren. Zu Recht. Aber dann interessiert es mich eben doch, wie jemand von einem Buch getroffen oder kalt gelassen wird. Wahrscheinlich ist die Frage dabei weniger, ob ein/e Kritiker/in schreibt oder ein anderer Mensch. Es geht hier wie da um spannende Fragen, Entdeckungen, um Neugier, gewagte Assoziationen oder andere Gedankensprünge. Also um kluge Köpfe.

Doch, es könnte ein größerer Wagemut sein, den ich bei nicht-professionellen Kritiker/innen erhoffe. Oder die Sehnsucht, dass Leser/innen direkt auf das Gelesene reagieren und nicht gleich mit Vergleichen und Wertungen kommen. Der Wunsch nach einer anderen Nachdenklichkeit, der Wunsch nach einem – vielleicht auch fragmentierten – Dialog mit dem Text, der Wunsch nach einem (ja, doch) direkteren Zugang. Einem direkten Face-to-Face: Autor/in-Leser/in mit nicht dazwischengeschaltetem/r Kenner/in oder Vermittler/in. Oder eben mit nicht dazwischen geschaltetem aufklärerischem Impetus.

Ob diese Erlebnisberichte am Ende etwas über die gelesenen Texte aussagen – vielleicht ist das gar nicht so wichtig. Mir scheint, ich habe Lust auf das Erlebnis des Lesens und ich möchte von Leuten hören, die sich diesem Abenteuer verschreiben.

 

 

Herbst

Heute ist nicht mal Freitag, aber das Wetter gibt volle Kante für einen 13. des Monats. Der Herbstanfang steht an. Gut. Verstanden. Nicht gut. Gar nicht gut. Ich sehne mich nach Sonne.