Die ewige Baustelle

Nein. Ich meine nicht Berlin. Obwohl diese Stadt einen lehrt, dass nu wirklich nix nie fertig ist. Oder auch, dass der beste Plan auf dem Papier gerne Murcks im späteren Dasein verspricht. Womit wohl klar ist, dass ich mal wieder Nabelschau halte, und denke: Was für eine Baustelle ich bin!

Hm.

Hmmmmmmm.

Das Foto immerhin gefällt mir.

Also, —— hm.

Lieber ein Einfamilienhaus, eine Villa gar?

Hm.

Wenn ich die Axt raushole, könnte ich mir aufs Brot schmieren, noch immer nicht zu wissen, was am Ende da mal stehen soll. (Mit der Axt Brote schmieren, hahaha)

Und so lange ich die Baustelle am Laufen halte, könnte es ja auch noch ein Traumhaus werden.

Nee.

Hm. Nee.

So nicht.

Baustellen faszinieren mich, seit ich Kind bin.

Zur Grundschule bin ich jahrelang über eine große Baustelle gelaufen. Das war weit aufregender, als die aufgeräumten Neubaugebiete unserer Kleinstadt drumrum.

Letztes Jahr in London habe ich mich an Baustellen orientiert.

Baustellen leuchten nachts.

Dennoch: Die Baustelle ist noch mit sich beschäftigt.

Erst fertig tut die Konstruktion, für was sie gebaut wurde.

Menschen beherbergen.

Menschen auf den Weg bringen.

Menschen – oder auch nicht.

Reparaturarbeiten.

Vielleicht kann ich mich darauf einigen.

Dazu passen auch die argen Rückenschmerzen, die ich gerade habe.

Und die, wie mir scheinen, auch diesen Eintrag ziemlich zerschossen haben.

Die ewige Baustelle.

Schauen wir mal, wie es hier in zwei Monaten aussieht.

Was vom Fest übrig bleibt

Zu Hause gab es keine Feste. Und wenn, dann wurden daraus Katastrophen. Grund war vermutlich die große Angst meiner Mutter vor Pannen. Sie fing meist zu früh an mit den Vorbereitungen, machte sich dann die wenigste Mühe mit Deko und Essen (vermutlich, um auch da keine Fehler zu machen) und manövrierte alle in einen Zustand hektischer Aktivität bei gleichzeitig dröhnendem Stillstand. Heiterkeit: Fehlanzeige.

Mir selbst geht es ähnlich. (Eigene) Feiern sind für mich große Gespenster. Muss ja nicht. Ich meine, kein Mensch muss feiern, und so habe ich es auch gehalten. Ich mag kleine Runden und Essen mit Freund*innen. Ins Kino gehen oder mal ins Konzert. So kann ein Geburtstag sehr schön werden. Aber dann gibt es Momente, wo ich gerne alle zusammen sehen will. Die Kolleg*innen, die Freund*innen aus allen Himmelsrichtungen, die Nachbar*innen, Freund*innen von Freund*innen. Wer halt Zeit hat und kommen mag.

Kurz, dieses Jahr war ein Feier-Jahr. Ich habe gelernt, und mir Hilfe geholt, um nicht alles alleine stemmen zu müssen. Gemeinsame Vorbereitungen können ja auch ein Spass für sich sein. Und ich hatte zudem Glück: bevor die Heizung in meiner Wohnung ausfiel und das warme Wasser, konnte ich noch duschen. Die Entscheidung fürs Outfit war schwierig, erwies sich dann aber als goldrichtig: ich habe mich wohlgefühlt (was im Januar auch heißt: mir war warm genug), und es kamen Komplimente.

Alles gut. Aber dann war es doch ein bisschen so wie immer: Die Gäste kommen. Es stürzt alles mögliche auf mich ein, ich werde nervös, weil hinter den Kulissen eine Uhr läuft: Ein kleines Konzert ist geplant und muss dann und dann stattfinden, damit die Tanzvorführung danach pünktlich beginnt, weil dort eine Teilnehmerin so schnell wie möglich zu ihrem kranken Mann zurück möchte. Die letzte Probe für den Tanz verläuft chaotisch, weil ich blöderweise mit den ersten Gästen angestoßen habe. Dann ist auch schon das Konzert, ich vertanze mich mehr als einmal und rette das durch Klamauk. Zwischendurch schaue ich nach Gästen, die verloren wirken, ich begrüße alle, versuche, was zu essen und stoße immer weiter an. Dann gehen auch schon die ersten wieder. Irgendwann schaffe ich es, die Geschenke auszupacken. Als fast alle weg sind, kommen noch welche. Wir sitzen in kleiner Runde. Und dann ist es vorbei.

Das Gespenst, so fühlt es sich rückwirkend an, war nicht das Fest, sondern ich. Aus den Rückmeldungen habe ich herausgehört, dass die Gäste mich nicht so verhuscht erinnern. Aber ich war ganz das Kind meiner Mutter und bin eigentlich nur durch die Party gehechelt. Doch und ja: es hat sich gelohnt. Weil ich gesehen habe, dass alle sich kreuz und quer miteinander unterhielten, also wirklich ins Gespräch gekommen sind. Und weil die Musik wirklich toll war. Und weil trotz schlechtestem Wetter so viele gekommen sind. Nächstes Jahr feiere ich nicht. Ich will weit weg fahren, auch weil ein runder Geburtstag ansteht. Was in Erinnerung bleiben wird. Ganz bestimmt dieser hinreißende Fuxi. Der Rest muss sich noch heraus kristallisieren.

Wer in Kreuzberg wohnt,

ach, das wäre eine lange Geschichte. Weil Kreuzberg mit so vielen Vorstellungen verhaftet ist, dass es Absätze bräuchte, um sie aufzuzählen, mit einigen aufzuräumen, andere, eigene Vorstellungen hinzuzufügen. Was mir an dem Stadtteil gefällt: Langweilig wird es nicht. In der langen Coronazeit bin ich hier viel spazieren gegangen. Und dennoch: Die Straßen warten immer wieder mit Überraschungen auf. Auch auf dem täglichen Weg ins Büro. Oder wer kennt schon Dosensport?

Sternschnuppen

So kann es gehen: Ich fahre mit dem Rad zum nächsten Termin, mehr oder weniger im Autopilot, viele Dinge gehen mir durch den Kopf: Was ich bis Ende der Woche noch zu erledigen habe, was ich am Abend kochen möchte, wann ich meinen Vater am besten anrufe und beim Arzt. Und zack! „Denk ma…“ Ich muss so lachen. Weil, ja. Immer dieses Erledigungsgerümpel im Kopf. Nicht dass… – Aber wann hatte ich denn heute an den Liebsten gedacht? Und wirklich liebevoll? Oder doch eher genervt, weil wieder was nicht so ist, wie ich das gerne hätte?

Und schon fühle ich mich besser. Denk ma! Alltag ist doch das Wasser, in dem ich schwimme. Und Liebe das, was ich auf der Welt am Laufen halten kann. Nicht nur mit Schatzi. Bei Patti Smith neulich noch gelesen, dass die Welt nach einer alten Vorstellung so lange besteht, wie das Gute darin ist. So ein Gedanke macht mir den Tag mit einem Mal wieder kostbar und groß. Wie eine Sternschnuppe, die ich zufällig sehe, wie sie in weitem Bogen (oder schnellem Blitz) durch den Nachthimmel saust.

Der Januar

Die Weihnachtslichter sind aus, das Feuerwerk verglüht. Der Alltag liegt wieder vor mir: grau, dunkel, kalt, Januar. Ich stelle ihn mir vor wie einen ungeheizten Vorraum. Ich bin angekommen. Und es gibt eine gewisse Erwartung. Vorfreude sogar auf das, was kommt. Aber erst mal stehe ich da. Weiß vielleicht noch nicht, durch welche Tür ich gehen möchte oder wo ich meinen Mantel aufhängen soll.

Und dann steht auch noch mein Geburtstag als einer der ersten des Jahres im Kalender. Und ich verziehe das Gesicht: Wer will schon im ungeheizten Vorraum feiern? Janus fällt mir ein, der doppelgesichtige Gott der Römer. Der über die Neuanfänge wacht, über Tür und Tor, ein widersprüchlicher, zwiespältiger uralter Geselle. Aber eben auch ein Schutzgott. Anfang und Ende, Zukunft und Vergangenheit, Licht und Dunkel treffen sich in seinem Monat, sein Fest wurde in der Antike am 9. Januar gefeiert. Interessant, dass es in der griechischen Mythologie keine Entsprechung gibt (vielleicht haben sie weiter südlich einfach nicht so ein krasses Januarwetter?)

Oft im Leben sind mir Widersprüche begegnet. Mir scheint gar, es werden mit den Lebensjahren mehr. Und wo ich mich oft plage, weil diese Widersprüche sich so gar nicht bändigen lassen, schon gar nicht bei lieben Menschen (oder bei mir selbst), denke ich gerade, dass vielleicht das mal ein Vorzeichen sein kann, kein ganz so düsteres, sondern im Grunde eine super spannende Angelegenheit. Widersprüche lassen sich nicht zähmen. Sie machen selbst in Würde gealterte Leute wild und unvorhersehbar. Wo Dunkel ist, ist auch Licht. War so auch schön am Sonntag (dem Geburtstag von David Bowie) auf der Autobahn nach Berlin zu sehen. Insofern: Willkommen!

Neues Jahr, los geht’s

Und wenn es wirklich neu sein soll, erst mal das Herz lüften. So gilt es zumindest für mich. Und weil ich erst nächsten Montag wieder im Büro starte, lüfte ich, was das Zeug hält. Der Wind draußen tut einiges dazu, und siehe da, langsam wehen auch die ersten Ideen rein. Wie schön.

Vorfreude

Vielleicht ist es auch eine Frage von halb voll und halb leer, wenn wir uns auf der Kippe zu einem neuen Jahr befinden. Für einige ist es der Rückblick, für andere die Vorfreude, die bewegt. Die letzten Jahre habe ich mir Zeit genommen, um das gerade vergangene Jahr Revue passieren zu lassen. Dieses Mal mag ich nicht. Und auch die Vorsätze, für die ich mir sonst mindestens einen Nachmittag einräume, sind schon gefasst: Mehr schwimmen, mehr lesen. Fertig. Und doch ja, wie immer: netter sein. Wobei nett wirklich nett meint. Also von Herzen.

Was ich wohl stets von neuen Jahren erwarte, sind Antworten. Vermutlich habe ich die auch immer bekommen. Nicht selten übrigens als Enttäuschungen. Und wo mir hier und da doch Momente aus dem letzten Jahr in der Erinnerung aufflackern, würde ich sagen, ich bin in den letzten Monaten ein bisschen weiter gekommen in meiner Menschwerdung. Nicht als besserer Mensch, aber doch als einer, der und die sich der eigenen Grenzen (aber damit natürlich auch der eigenen Möglichkeiten) umfassender bewusst geworden ist. Ein Zustand des Selbst-Bewusstseins, der die Wahrnehmung von Welt leichter macht (allerdings vielleicht auch mehr Schubladen bereit hält, aber ich möchte nicht gleich wieder mäkeln, wenn etwas leichter und greifbarer wird).

Ansonsten ist ja noch Zeit für einen Rückblick, falls es mich heute oder morgen doch noch packt. Und für weitere Vorsätze. Zum Beispiel auch den, der mir gerade noch einfällt: Wieder öfters mit meiner Kamera, und damit bewusster, zu fotografieren, als schnell eine Aufnahme mit dem Handy zu machen. Denn tatsächlich sind viele Klunker erst gar nicht geschrieben worden, weil das Bild fehlte. Schade eigentlich.

Mein alter Schreibtisch

Richtig schön sieht er aus, im neuen Umfeld einer anderen Wohnung. Tatsächlich habe ich ihn lange nicht gesehen (er fristete ein paar Jahre auseinander gebaut auf dem Dachboden), und noch länger, denn in meiner eigenen kleinen Wohnung stand er am Ende fast nur noch im Weg und war ein schwarzes Ungeheuer aus der Vergangenheit. Davor hatte er seine eigene Holzfarbe und war Arbeitsplatz in der Firma, in der mein Vater arbeitete. Vielleicht war es sogar sein Schreibtisch. Das muss ich ihn nochmal fragen. Ich habe den Tisch dann schwarz lackiert, die Eichenholzfassung war mir viel zu spießig. Ich überlege, welches Wissen ich mir an dem Tisch angeeignet habe, ich kann mich nicht an Inhalte erinnern, mehr an das beklemmende Gefühl, das ganze an der Uni angebotene und abgefragte Wissen niemals bewältigen zu können. Wie anders erscheint es mir heute, wo schon Erstsemerster Essays schreiben (dürfen), in denen ihre Ansichten gefragt sind, nicht nur das Wiederkäuen von Fakten. Kurz dachte ich, meine Möglichkeiten an dem Schreibtisch nicht genutzt zu haben. Doch so stimmt es nicht. Am Ende war dieser Tisch die Rakete, die mich aus dem provinziellen Dasein nach Berlin schoss. Und das ist nun mal nicht der schlechteste Ort auf dieser Welt.

Licht!

Kerzen sind, verglichen mit elektrischen Lichtquellen, zwar nicht so helligkeitseffizient, aber dafür beruhigend fürs Gemüt. Ich habe dieses Jahr öfters zum Streichholz gegriffen als den Lichtschalter betätigt, und das waren andere Abende, ruhiger, leiser auch, weil weder Filme noch Stereoanlage für mich ins Kerzenlicht passen mögen. Die großen Kältefelder konnte ich mir vorstellen, die natürliche Dunkelheit des Winters in unseren Gegenden, die Angst davor und die Verlassenheit darin. Alte Gefühle unserer Eltern und Großeltern, die in mir geistern. Tatsächlich ist die tödliche Bedrohung einer unwirtlichen Natur in unseren Alltagen keinen Gedanken mehr wert. Aber sie ist nicht weg. Dafür müssen wir nicht mal an den Krieg denken. Von hier aus, dachte ich (im Warmen) vor meiner Kerze, wäre die Klimakrise eigentlich eine andere. Weil es ja nicht ums (für uns) optimale Funktionieren von Wetter etc. geht, sondern um die Akzeptanz einer bedrohlichen Welt. Beruhigend fürs Gemüt? Fast schon. Denn die an die Klima-Sorge gekoppelte Weltuntergangsstimmung wirkt auf mich bedrohlicher, als die Tatsache einer nicht als Wohlfühloase gedachten Natur. Was für mich nicht heißt, dass wir uns einfach weiter gehen lassen sollten. Bei Kerzenschein besehen, gingen Lösungsgedanken vielleicht wieder mehr in die Dunkelheit und in eine Veränderung der durch die Globalisierung und weltweiten Vernetzung stattgefundene Nivellierung von Tages- bzw. Nachtzeiten. Nicht, um die Uhr zurück zu drehen. Sondern um einen Rhythmus zu finden jenseits des aktuellen Grundrauschens, das Tage und Nächte zu aussterbenden Begriffen werden lässt.

Der Teilnehmer ist besetzt

Manchmal frage ich mich. Oder denke, das gute alte Besetztzeichen beim Telefon hat es eigentlich auch ganz gut getan.

Woanders ist Winter. Von dort auch das schöne Bild. Hier in Berlin ist es weitgehend grau und grau und sehr grau. Und kalt.

Ich bin traurig, dass Wolf Erlbruch gestorben ist. Was gefühlt noch mehr grau bedeutet.

Draußen hüpfen die Spatzen von Ast zu Ästchen ganz so, als wenn nix wäre (und vor allem nix Winter). Ob die nicht kalte Krallen haben? Aber schön, dass wenigstens einige völlig unbeeindruckt bleiben. Vielleicht der Hinweis, doch noch einen kleinen Spaziergang zu wagen. Oder zumindest eine Kerze anzuzünden.