Grünkohl

oder auch: Kreuzberger Palmen (müssen allerdings noch an ihrer Größe arbeiten). – Und was bekomme ich nach dem letzten Eintrag prompt per E-Mail geschickt? Parship meldet sich: 150 Euro sparen – jetzt anmelden & verlieben! Hm. Sparen finde ich eigentlich immer gut. Aber auf Anmeldung hin verlieben? Ich mag’s immer noch nicht glauben, obwohl ich neulich einen Artikel gelesen habe, dass Menschen (damit entlastet sich unser Gehirn) weitgehend das hören, was sie erwarten. Vielleicht klappt das natürlich beim Verlieben auch: was ich erwarte, ereignet sich auch. Es gibt indigene Gemeinschaften, die Verliebtheit für eine Krankheit halten. Ich habe auch erst gelacht, finde die Idee mittlerweile jedoch sehr, nun zumindest bodenständig…

P.S. Und gerade lese ich, es gibt eine App, mit der ich meine Umgebung noch einmal mit neuen Augen sehen kann. Weil ja gerade coronabedingt nicht so viel Auslauf möglich ist wie sonst. Also auf Knopfdruck verlieben und Die Welt mit neuen Augen sehen, jetzt wackele ich erst recht mit den Ohren.

Malin Lindroth: Ungebunden

Schon als Kind war ich eine notorische Tagträumerin. Dennoch habe ich mich gelegentlich bemüht, meiner Lebenswirklichkeit scharf ins Auge zu blicken. Und weil Silvester und mein Geburtstag nur etwas mehr als zwei Wochen auseinanderliegen, ist es meist der Januar, in dem ich meinen Blick auf „Klarsicht“ stelle. 

Ungebunden, ledig, Single, das ist mein Familienstand. Mit acht Jahren habe ich mir geschworen, nie zu heiraten. Meine Eltern und alle verwandten Paare waren in derart desolaten Beziehungen, dass ich den Sinn einer Partnerschaft nicht erkennen konnte. Dass ich mir treu geblieben bin, rechne ich mir hoch an. Allerdings hätte ich im Laufe meines Lebens gegenläufige Beobachtungen ernster nehmen können. Das heißt: irgendwann hätte ich eine Kurskorrektur vornehmen können. Aber vielleicht eben auch nicht, Fahrradkette!

Als Single, und damit als gesellschaftliche Randfigur – bin ich mit mir im Reinen. Trotzdem hat mich Die „alte Jungfer“ im Untertitel von Malin Lindroths Buch interessiert: Könnte es sein, dass ich doch etwas übersehe? Aktuell hat die Amtseinführung Bidens und die sensationelle Amanda Gorman eine meiner Überzeugungen bestätigt: Wer am Rand steht, sieht – nun vielleicht nicht mehr, aber auf jeden Fall etwas anderes. Kaum jemand steht anfangs dort gerne: Alle Stotterer oder Singles dieser Welt können davon Lieder singen. Doch hat die Position der Randständigen auch Vorteile, denn am Rand gibt es nicht nur viel zu sehen, sondern auch eine Freiheit, die ich sehr schätze. Aber endlich zum Buch:

Wer als erwachsene Frau keine Familie hat, muss in der Öffentlichkeit meist trotzdem so tun. Denn in fast jeder Kommunikation wird erst mal angenommen – und das beschreibt Malin Lindroth sehr plastisch – dass sie (eine Frau um die 50) Ehefrau, Partnerin oder Mutter ist. Das ist auch meine Erfahrung. Ich werde selbstverständlich als verpartnert (und wenn nicht, dann getrennt oder verwitwet) wahrgenommen. Und ich spüre, wie oft ich etwas nicht sage, nur um nicht in die stets unangenehme Situation zu kommen, mich als alleinlebend zu offenbaren. Wie übergriffig (und natürlich überflüssig) dieses Vorurteil ist, macht Lindroth klipp und klar. Und das ist für mich auch schon der entscheidende Plus-Punkt ihres Buches.

Beim Rest, nämlich der Übriggebliebenen, der Ungewollten und Sitzengelassenen bin ich mir nicht so sicher, denn hier spielt mir die Idee von romantischer Zweisamkeit zu sehr mit. Nicht, dass ich Partnerschaften als bloßes Chichi abtun möchte. Zwei sehen mehr als eine/r und ein kluges, zugewandtes Gegenüber zu haben, ist ein Vorteil, den ich oft vermisse. Aber in meiner Generation wurde der Ehe-Mann (an Ehe-Frauen war lange noch kein Denken) fast automatisch zum Bremsklotz des weiblichen Lebens. Das ändert sich. Aber für mich war die Gefahr, mit einer Heirat in der Sackgasse des eigenen Daseins zu landen, enorm groß. Und das hat fürs Erste weder etwas mit Ablehnung noch mit Übrigbleiben zu tun.

Lindroth jedoch blickt unverstellt auf die vielen Ablehnungen, die sie in ihrem Leben hinnehmen musste. Ich finde ihre Offenheit befreiend, gleichzeitig befremdet mich ihre Haltung. Aus eigenen Erfahrungen würde ich sagen, dass Beziehungen, die trotz des tiefen Wunsches einer oder eines Beteiligten nicht zustande kommen, sehr wahrscheinlich scheitern würden. Weil eben nicht nur eine Seite „schuld“ ist, sondern weil es nicht passt. 

Das würde ich ihr wirklich gerne zurufen. Aber damit würde vielleicht etwas von der Sprengkraft des Begriffs der „Alten Jungfer“ verloren gehen, der ihr wichtig ist, um endlich mit dieser weitverbreiteten Selbstoptimierung aufzuhören, bei der es darum geht, die richtigen Knöpfe zu drücken, um endlich den oder die langersehnte/n Partner/in zu finden. 

Ein Leben kann in vielerlei Hinsicht unvollständig bleiben. Auch hier gab es bei der Vereidigung vorgestern zwei Beispiele: Bernie Sanders und Hillary Clinton. Aber „alte Jungfern“ im politischen Sinn sind beide nicht. Sie haben ihr Wunsch-Amt nicht bekommen, doch haben sie ihre Würde behalten und sind – obgleich von den Wählerinnen und Wählern abgewiesen – sicher nicht für ihren weiteren Lebensweg unglücklich geworden. Was übrigens für Trump noch zu beweisen wäre.

Sensationell!

Diese junge Frau war für mich heute eine Offenbarung. Biden sprach von „Hope“. Sie ist ihre Inkarnation! Und für mich ein Vorbild (schon allein wegen des Mantels!)…

Wenn schon ein Geburtstag

ohne Party, dachte ich gestern, dann doch wenigstens Geschenke! Also bin ich ins Dunkle gefahren, um mir selbst welche zu kaufen. Eigene Geschenke sind schließlich auch die, über die ich mich richtig freue, doch – überrascht war ich sogar auch, denn die Idee kam plötzlich.

Also, eine Leselampe kommt sowieso schon, aber per Post den langen Weg aus München: das dauert. Passend gab es erst mal vier schmale Bändchen aus dem Buchladen, ja, doch, obwohl wegen Regalüberfüllung seit Jahren ein Kaufstopp für Bücher gilt.

Und dann zu Hause aufs Sofa, und die Neuzugänge alle mal anlesen. Was soll ich sagen? Großer Spass, und wenn ich die Tage Zeit und Nerven habe, berichte ich gerne hier und da noch ausführlich.

Dietmar Dath, 100 Seiten Hegel, Ditzingen 2020. Eigentlich mehr eine flankierende Lektüre für mein kleines Hölderlin-Buch, das gerade zum 3 Korrekturlesen auf meinem Schreibtisch liegt. Aber dann: gleich vollstes Vergnügen.

Louise Glück, Faithfull and Virtuos Night, New York 2014, um endlich auch was von der letztjährigen Literatur-Nobelpreisträgerin zu lesen. Fürs Erste kann ich berichten, dass ich ihre Sprache verstehe, im ersten Text kommt gleich der Heilige Franziskus vor, gefällt mir, aber das Buch habe ich eigentlich wegen des Covers gekauft: weite Industriebrache an einem Fluss mit Sternenhimmel (erinnerte mich an Esther Kinskys sehr schönes Buch „Am Fluss“)

Iris Marion Young, Werfen wie ein Mädchen, Ditzingen 2020 (der Originaltext stammt aus dem Jahr 1980). Ein Essay, von dem ich mir Einsicht über meinen unüberwindbaren Sport-Verdruss erhoffe, denn er fängt eben mit jenen Ermahnungen an, die ich als Kind ständig zu hören bekam: „Mach dich nicht schmutzig!“ oder: „Komm da weg, das ist zu gefährlich!“

Malin Lindroth, Ungebunden, München 2020. Das Bekenntnis einer „alten Jungfer“, aber anders, als vielleicht vermutet. Sehr mutig, sehr offensiv, aber auch traurig und mit viel Spielraum, den eigenen Lebensstil noch einmal zu überdenken.

Das Foto zeigt einen Hasen. Womit ich – hoffentlich hinreichend beweisen kann – dass ich diesen von einem Kaninchen zu unterscheiden weiß. Schließlich bin ich ja selbst einer. Im chinesischen Kalender zumindest.

Regentage

Stimmt schon: Regen und Kälte sind keine besonders tolle Kombination. Meine Mundwinkel jedenfalls fallen erst mal runter, wenn ich sie samt grauem Himmel morgens hinterm Fenster sehe. Aber dann erinnere ich mich erstens daran, wie sanft ein Sommerregen sein kann und zweitens, dass der trockene Boden wahrscheinlich gar nicht zwischen warm und kalt unterscheidet und Wasser einfach nur nötig hat. Lass es also regnen. Ich lache schon wieder und nehme den Schirm mit.

Diese sehr schöne „Wandmalerei“ ist in Kreuzberg auf der Gneisenaustraße zu sehen.

„Halte meine Augen davon ab,

nach Nichtigem zu schauen.“ Psalm 119,37

Aber was ist nichtig?

Alle paar Jahre besorge ich mir die „Losungen“ der Herrenhuter Brüdergemeinde. Es sind kurze Zitate aus der Bibel, kombiniert mit aktuellen Aussagen, für jeden Tag des Jahres ein oder zwei, die einem Anlass geben können, einen Augenblick innezuhalten, und über sich und die Welt nachzudenken, bevor der einen Alltag weitertreibt.

Zu viele Bilder. Diese Diagnose ist ein alter Zopf und aktueller denn je zuvor. Wie kann ich die Balance halten, zwischen den beiden Polen das Weltgeschehen beobachten zu wollen (und, als Zeitgenossin auch zu müssen) und meinen Blick auf das Notwendige meines Lebens zu richten, um mich nicht von eigenen Verantwortlichkeiten davonzustehlen?

Oder: Wie viel Weltgeschehen passt in einen einzigen Kopf?

Die Bilderflut abzustellen, nur weil es mir zu viel wird, geht gar nicht. Wohl eher, immer wieder ein Gleichgewicht zu suchen, zwischen dem, was an Ungeheuerlichkeiten reinkommt, und was ich – möglichst zum Besseren hin – ändern kann. Goliath und David fallen mir ein. Nicht, dass mir die beiden gerade viel Mut machen würden…

Einer hat immer Geburtstag,

heute sogar zwei: Elvis Presley und David Bowie.

Das Foto stammt aus Memphis. Ob Elvis auf einem dieser Stühle saß, ist nicht überliefert. David Bowie – da kann man nie ganz sicher sein…

Kaum ist das Sofa weg

wirkt die Wohnung wie eine fremde Landschaft. Eigentlich ganz schön. Ich saß heute eine Stunde auf einem Lesesessel, den ich mindestens ein Jahr nicht mehr – zumindest nicht zum Lesen – genutzt habe. Auch scheint mit mehr Platz auch mehr Ruhe eingekehrt zu sein (aber das bilde ich mir jetzt sicher nur ein). Tatsächlich fühle ich mich gerade fast wie zu Besuch in der eigenen Wohnung. Es ist, als müsse ich mir längst Gewohntes noch einmal neu auffalten. Ein witziges Gefühl. Wenn nur nicht diese entsetzlichen Nachrichten aus Washington kämen.

Erstens, zweitens, Fuxi!

Am Ende war es dann dort ein gelungener Wochenstart. Meine Nächte sind nach wie vor kurz, auch wenn es meinem Rücken besser geht, habe ich noch Schmerzen, vor allem wenn ich im Bett liege. Der heraufdämmernde Montag war dann auch ein Prachtexemplar seiner Art: Graues Wetter, kalter Kaffee, endloses To-Do. Aber dann packte mich doch die Neugier: Die Neue Nationalgalerie ist (erstens) fertig renoviert und steht wieder da ohne Gerüst und andere Verhüllung. Außerdem (zweitens) sind die Nachmittage schon wieder heller als letztes Jahr noch. Also raus und ja, dann siehst Du ein Kind, das wie angewurzelt da steht und auf das Feld hinter dem Zaun starrt. Genau! Da lohnt es sich fast immer, auch mal stehen zu bleiben. Und siehe, ein Fuxi. Verwackelt in der Dämmerung, aber doch so flauschig und rot, dass die Tristesse das nasskalte Weite sucht. Willkommen 2021!