Die eigenen Schätze heben

Das Interessante an kniffeligen Situationen ist: Wie gehe ich damit um? Statt: Wie komme ich da wieder raus? (Das ist meist erst der zweite oder dritte Schritt).

Momentan schaue ich mich um. Es ist so irre viel da, was getan, gedacht und meinetwegen auch verschlafen werden kann, ich habe das Gefühl, je mehr ich runter schalte, desto mehr stürmt auf mich ein. Oder anders formuliert: Ich hatte selten kürzere Tage als gerade jetzt. Wie geht es Euch?

Licht und Schatten

Aktuell ist Schwarz-Weiß-Sehen vielleicht eine der größten Gefahren neben der Ansteckung mit dem Virus selbst. Wer besorgt ist, neigt zu kräftigen Schattierungen beim Denken. Besonders schön ist es dann natürlich, wenn plötzlich mehr Licht ist.

Ich sitze also gestern am Schreibtisch, drehe meinen Kopf ca. 45° nach links und schaue – blinzele (es ist sehr sonnenhell) – schaue – greife zur Brille: Nanu. Wo früher mal ein Schuppen war – d.h. ein eher hässlicher tannendunkelgrünverwitterter extrem fetter – Schuppen, war jetzt – nichts. Oder besser: blauer Himmel. Ab hier kürze ich ab: Ich dachte nämlich tatsächlich erst, ich hätte Homeoffice-Halluzinationen. Tatsächlich ist die blöde Butze aber weg. Das allerbeste daran: ich habe sie selbst weggeschnippt (nee, den Abriss mussten zum Glück andere machen). Ich habe nämlich seit einigen Monaten eine feuchte Wand. Die Hausverwaltung sah die Ursache in besagtem Schuppen, der meiner Ansicht nach überhaupt nichts mit dem Wasserfleck neben meinem Fenster zu tun hat, aber tatsächlich nach Bauverordnungsregeln zu nah an unserem Haus steht. Manchmal kommt es eben anders. Aber wenn ich gesagt hätte, dass der Schuppen mir Licht nimmt und die Sicht aus meinem Fenster zu jäh enden lässt, wäre sicher nie, nie, nie etwas passiert. Bleibt der Fleck. Aber den bekomme ich auch noch weg.

Jetzt habe ich also tolle Lichtspiele in meiner Küche. Die gehen aber nur mit sorgfältig geputzten Töpfen… – Ich muss ans Bauhaus denken, dort hatten sie die Idee, fortan keine Bilder mehr an die Wände zu hängen, sondern Lichtspiele zu organisieren. Ist abends natürlich weg (also, bei mir). Trotzdem schön.

Die Zeit nutzen

Ach ja, das sieht uns ähnlich. Kaum sitzen wir fest, überlegen wir, wie wir die viele Zeit nutzen können. Baumärkte erleben einen Ansturm, neue Hobbys werden erprobt, Sport auf engstem Raum organisiert, Stundenpläne aufgestellt, um bloß nicht – ja, was eigentlich?

Muss man angesichts der eigenen Nichtsnutzigkeit wirklich gleich in Depressionen verfallen? Könnte es nicht auch eine Lektion in Demut werden, während einer Pandemie mal das Steuer loszulassen. Aus dem Aktions-Modus in Passivität zu verfallen? Hilflosigkeit – und sei sie nur kurzfristig – auszuhalten?

Tatsächlich sehe ich an mir, wie verdammt schwer es ist, passiv zu sein. Wir sind auf Aktivität geeicht, gerade Freiberufler/innen fühlen sich angehalten, dauernd „goldene Eier“ zu legen. Vielleicht jedoch fordern ungewohnte Zeiten auch ungewohnte Reaktionen? Etwa mal nicht möglichst schnell zu reagieren, sondern annehmen, was da kommt, innehalten. Viele Freund/innen sind gerade irritiert, dass ihnen die Motivation fehlt, die Ideen ausgehen, sie nicht sofort Liegengebliebenes abarbeiten. Das könnte ja auch mal kein Manko sein, sondern eine angemessene Reaktion. Ohne Arbeit oder Fleiß zu diskreditieren, wäre es möglich, sich auch nach ein paar Stunden „verplemperter“ Zeit richtig gut zu fühlen? Welche Erfahrungen macht Ihr?

Business as usual

Nein. Es geht mir hier nicht um Verharmlosung. Ich gehöre zu den Freiberufler/innen, die gerade eine unglaubliche Bruchlandung zu überstehen haben. Ich weiß nicht, wie ich die nächsten Monate organisieren soll. Ich prüfe meine Möglichkeiten, spreche mit Kolleg/innen, fahre alles zurück, was nicht unbedingt nötig ist (gerade nicht wirklich schwierig), überlege.

Mein Alltag ist darüber hinaus merkwürdig unberührt. Das liegt zum einen daran, dass ich (noch) gesund bin. Außer einer Migräne die letzten Tage fühle ich mich fit, erstaunlich eigentlich, wo ich die letzten Winter jedesmal eine fette Erkältung zu überstehen hatte. Zum anderen ist der Alltag schreibender Freier tatsächlich ein enorm einsames Geschäft, wie mir gerade jetzt klar wird: In engen Zeiten, wenn ich viel (und das heißt oft: viel auf einmal) fertig bekommen muss, bleibe ich eh zu Hause und schotte mich komplett ab. Wenn es hart auf hart kommt, mehrere Wochen. Die Tage fangen dann am Schreibtisch an und hören dort auch wieder auf.

Spazieren gehen können wir noch in Berlin und das mache ich auch, das Wetter ist sensationell und über die ungewohnte Stille kann ich mich freuen. Mein Vater ist zum Glück noch nicht in ein Heim gezogen und weiß sich sehr gut alleine zu helfen. Auch wenn er gelegentlich zu Depressionen neigt, ist er gerade gut drauf. Etwas, das ich schon öfters bei ihm beobachtet habe: Wenn es ernst wird, ist er enorm cool. Er jammert lieber, wenn es gar nichts zu jammern gibt. Das ist jetzt ein super Vorteil… In Deutschland zu leben, empfinde ich gerade auch als einen super Vorteil. Aller Unkenrufe zum Trotz fühle ich mich nicht nur gut informiert, sondern auch gut versorgt. Der Ausbruch einer noch unbekannten Krankheit ist kein planbarer Fall. Und die Verantwortung liegt jetzt auch bei uns. Das macht ja eine Demokratie auch aus: Das wir jetzt alle dran sind. Kein Grund, Angst zu haben.

Blick in die Vergangenheit

Als Historikerin schaue ich wahrscheinlich häufiger in die Vergangenheit als viele meiner Freund/innen und Bekannten. Ich kenne so einige Welt-Vorstellungen früherer Zeiten, ohne jedoch wirklich mit ihnen vertraut zu sein. Geschichte schien mir eine Zeit lang (vor allem während des Studiums) eher langweilig (Zahlen, Zahlen, Zahlen). Mittlerweile habe ich allerdings den Schatz dieses Wissens (oder zumindest der Kenntnis) begriffen: Was andere vielleicht auf Reisen erlebt habe, konnte ich in diesen Zeitreisen lernen: Nichts ist in Marmor gemeißelt, die Dinge ändern sich. Sogar scheinbar unumstößlichste Wahrheiten.

Gleichzeitig bemerke ich eine Art Verschiebung. Die Antike scheint mir insgesamt näher zu rücken, gerade auch unter dem Stichwort Demokratie oder dem Untergang von Großreichen – um dort Parallelen zur aktuellen Lage zu finden. Das Mittelalter hingegen, mit seinem ausdrücklichen Gottesglauben und der steilen Hierarchie einer Feudalgesellschaft wird uns fremd. Das geht soweit, dass das Mittelalter – ich glaube vor ein oder zwei Jahren – als Gegenstand im Schulunterricht gestrichen oder zumindest extrem zusammengekürzt werden sollte – wie der aktuelle Stand ist, weiß ich nicht.

Eine gefährliche Idee (die Streichung ganzer Epochen aus der Geschichte, und sei es nur in der Schule), weil ja gerade die Verschiedenheit von Weltsichten eins beweist: Sie haben alle funktioniert. Und wir müssen vorsichtig sein. Natürlich erscheint das Mittelalter als dunkel, roh und wüst. Aber unsere vermeintliche Überlegenheit beweist sich ja nicht darin, dass wir offensichtliche Ungerechtigkeiten erkennen. Wir verstehen sie meist nicht wirklich, weil wir uns selten die Mühe machen, die damaligen Rechtssysteme oder sozialen Wirklichkeiten genau zu studieren. Ich will nicht behaupten, dass es im Mittelalter super korrekt zuging und alle glücklich waren, aber schon hier läge ein Missverständnis vor: Glück war damals keine Größe, schon gar kein individuelles Glück. Die Erkenntnis, wie schlimm oder ungerecht es damals war, vernebelt uns vielleicht eher die Sicht auf gegenwärtiges Unrecht und auf Missstände. Die aktuellen Rückblick auf Pest-Epidemien und den Umgang mit ihnen zeigt ja, wie ähnlich die Menschen damals reagierten, vor allem, was ihre (und unsere) Ängste angeht. Geschichte nicht als eine Erzählung des Fortschritts, sondern als Modell verschiedener Sozial- und Kultursysteme zu begreifen, und damit für gegenwärtige Aufgaben zu nutzen, scheint mir der sinnvollere Weg. Es wird Zeit, dass wir unsere Vorfahren aus dem Mittelalter nicht mehr bloß als ungebildete Deppen – meinetwegen mit vielen Muskeln und wilder Gesinnung – sehen, sondern auf Augenhöhe. Das würde, so meine Vermutung, auch einiges an der gegenwärtigen Überheblichkeit gegenüber scheinbar weniger entwickelten Zivilisationen ändern.