Sprachlos

Über Weite und Stille zu sprechen, fällt mir schwer. Es ist ein überwältigendes Gefühl, in einer solchen Landschaft zu stehen. Ich habe das große Glück, außerhalb der Urlaubssaison unterwegs zu sein. Kein, oder nur hin und wieder eine Handvoll anderer Menschen stehen neben mir, um solche uralten Panoramen zu betrachten. Und auch sie sind stumm vor Überraschung oder versunken in Gedanken, die einem vor so einer Aussicht kommen. Leider bin ich zu kurz hier, um eine Wanderung zu machen, oder mich einfach in der Weite zu vergessen. Immer muss ich die Uhr im Blick halten, um das Ziel am Abend noch zu erreichen. Aber gelegentlich bleibt eben doch eine Stunde, sich einfach hinzusetzen und die Ohren zu spitzen. Denn was sich anfangs als Stille über mich legt, wird beim genauen Hinhören dann eben doch eine Kulisse aus kleinsten Tönen.

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Hier habe ich eine solche Pause gemacht. Wind, Grillen, das Rascheln von Gras und äußerst geschwätzige Vögel waren das Geräusch zu diesem Anblick. Ich hoffe, ich kann mir diese Mischung für eine Weile merken, und in zukünftigen Stresszeiten erinnern. Gestern habe ich den Tag in Phoenix verbracht, und zwei beeindruckende Museen besucht. Leider ein Migräne-Tag, aber in den Museen gab es sehr schöne Cafés (natürlich draußen, mit dem leisen Plätschern von Brunnen), so dass ich mich immer wieder bei starkem Kaffee erholen konnte. Eine schöne Überraschung: Die Installation der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama, die mich für die sensationellen Sternennächte entschädigt, die ich mich nicht in der weiten Landschaft zu verbringen traue.

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Und, doch ja, hier und da gibt es auch lustiges zu sehen, obwohl ich manchmal das Gefühl habe, gar nichts mehr durch die Augen zu bekommen. Es ist eben alles sehr, sehr viel.

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Noch geht es weiter

Aber, und bei dem Gedanken wird mir ganz klamm, die Reise neigt sich dem Ende zu. Einerseits: mein Kopf ist voll. Und das Leben aus dem Koffer so gar nicht meins. Andererseits: Auf eine Art komme ich gerade erst an. Werde geläufiger auf dem fremden Kontinent. Und hätte nicht übel Lust noch zwei Wochen an einem Ort (am Meer) zu bleiben.

Dass es in Santa Fe Schnee gab, war wirklich eine Überraschung. Bei der Weiterfahrt konnte ich auch die sensationelle Riesenwolke sehen, aus der es kalt rieselte. Die Landschaft in New Mexico ist so, wie man sich wohl den Wilden Westen vorstellt. Und – was mich überraschte – es gibt schnellere Wechsel als ich dachte (das gilt allerdings für bislang alle Gegenden, die ich durchfahren habe). Mal eine Weile nicht rausgeschaut: Schon konnte es sein, dass der Boden eine ganz andere Farbe hatte, oder da, wo es eben noch flach wie eine Pizza war, Hügel das Kommando übernommen hatten. Was New Mexiko angeht, haben mich vor allem die Farben begeistert. Wenn die Bäume fehlen, sind es die verschiedenen Sträucher, aber eben auch die Böden, die hier leuchten und von tiefblaue Schatten belebt werden. Ein Traum. Heute geht es in einen versteinerten Wald und von da ins Innere von Arizona. Ich freue mich darauf, dass es wieder wärmer wird. Aber eben. Je weiter ich in Richtung Kalifornien komme, meinem Lieblingsziel auf dieser Reise, desto näher rückt der Abschied.

Na, sowas!

Sollte noch mal jemand Zweifel daran hegen, dass Raumschiffe für Science Fiction Filme ihre Vorbilder in alten amerikanischen Landwirtschaftsmaschinen haben, den oder die schicke ich umgehend nach Elk City, wo ein ganzer Park voll solcher unglaublicher Geräte steht.

Womit die „Kenner/innen“ erkannt haben, dass ich mittlerweile die Route 66 erreicht habe. Schönstes Kleinod darin eine Tankstelle samt Inn, in der auch schon Andy Warhol auf seiner ersten Reise nach Los Angeles (damals noch im Auto) gehalten hat. Steht in Shamrock und hat unglaublich reizende Damen im Shop, denn es gibt zwar kein Inn mehr, aber dafür kostenlosen Kaffee in Strömen.

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Erfreulich, die Route 66 ist um diese Jahreszeit wie leergefegt. Man begegnet hier und da ein paar Leuten, aber nirgends Andrang, die Straßen, sowohl die 66 als auch die Interstate sind frei. Wobei: Eindeutig schöner sind die Landstraßen zu fahren. Sofort wird man vom Land verschlungen, während man auf den Autobahnen geradezu an Amerika vorbeifährt (dabei allerdings schneller vorankommt). Wer zum Beispiel eine Alternative zu McDonalds, Wendy’s oder Starbucks sucht, braucht nur eine Weile über Land zu dümpeln (hier noch vor der Route 66), um eine Mischung aus Grauen und Offenbarung zu finden (ich schwöre, hier habe ich die besten Pommes seit Jahrzehnten gegessen):

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Traurig anzuschauen, aber auch schön, die Autofriedhöfe hier und da:

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Und der hippieske bis esoterische Sound bricht langsam auch durch (so gesehen auf einer Damentoilette in Amarillo):

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Heute Nacht lag mein Kopf auf einem Kopfkissen in Santa Fe. Zum ersten Mal seit der Autoreise habe ich mir hier ein Ausschlafen gegönnt. Jetzt wird es aber Zeit, die Nase mal rauszuhalten. Die Sonne scheint wie aus Eimern, aber hier oben ist es deutlich kälter als gestern noch in Arkansas und Texas. Ich bin schon riesig gespannt.

 

 

 

 

Zwei Seiten

Memphis war für mich bislang die größte Herausforderung, mit den krassesten Gegensätzen (die ich als Touristin überhaupt wahrgenommen habe). Dann die Erinnerungsstätte, d.h. der Ort, an dem Martin Luther King ermordet wurde und – komischerweise – Graceland, das mich unglaublich angerührt hat.

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Go West!

Mittendrin im Land – und das fing in Kentucky an – geht plötzlich der gute Kaffee und das leckere Essen aus. Ein Omelett zum Beispiel, das ich gestern bestellt habe, ist mit einem riesigen Batzen Käse (Schmelzkäse-Scheibletten) gefüllt, der nur mühsam rauszupopeln ist. Das Gesündeste sind Pommes (dann aber ohne Ketchup). Selbst drei harmlose Salatblätter verschwinden unter einer riesigen Ladung Käsecreme-Soße. Auweia!

Großen Spass dagegen machen zahlreiche „Antik-Läden“ überall am Rand der Autobahn, in denen die abgefahrendsten Dinge angeboten werden. Schöner als in so manchem Museum. Ich habe leider wenig Platz im Koffer, bemühe mich aber, hier und da ein Kleinod mitzunehmen. Einen sehr schönen Tag habe ich in dem ehemaligen Shaker-Dorf Pleasant Hill verbracht. Verrückt, diese Shaker-Gemeinde, irgendwie hippieesk, die haben sich den Menschen noch einmal neu buchstabiert, gar nicht so doof, von der religiösen Schlagseite mal abgesehen und der daraus resultierenden Kinderlosigkeit. Aber für Frauen gab es hier durchaus ein alternatives Leben. Ich habe mir dort ein Buch gekauft, und werde noch etwas weiterlesen. Das interessiert mich.

Nachdem ich in Pittsburgh einen Feueralarm verschlafen habe und wir hier in Memphis gestern Abend Zeuge wurden, davon wie jemand einem Motel-Gast die Reifen zerstochen hat, werde ich mir langsam auch der heiklen Seiten meiner Reise bewusst. Es ist hier ein etwas raueres Klima, ich muss aufpassen, in meiner Touristen-Seligkeit nicht zu unvorsichtig zu werden. Ansonsten: Es ist nach wie vor eine tolle Reise, obwohl ich es gerade sehr anstrengend finde. Aber jetzt muss ich die Nase mal aus dem Starbucks halten, in dem ich gerade WIFI free habe. Sonst habe ich von Memphis am Ende nicht viel gesehen…

On the road

Bevor es losging, wurde es nochmal kniffelig: Die Autovermietung finden, die nur eine winzige Tür in einem riesigen Block irgendwo im Nirgendwo hat (dieselbe Autovermietung wäre im Flughafen natürlich leichter zu finden gewesen, aber gleich ein paar hundert Dollar teurer), um dann dort auf steiler Rampe festzuhängen, weil jemandem ausgerechnet vor der Schranke der Sprit ausgegangen ist… Wer eine Reise tut.

Wir (ich habe ab jetzt einen befreundeten Reisebegleiter) sind dann irgendwann doch losgekommen. Bei fantastischem Wetter. So viel Land habe ich selten gesehen. Oder so ordentlich in eine Richtung verlaufende Höhenzüge. Zwischen denen wir eine Weile fuhren. Der Imbiss im Nirgendwo hatte Preise abgesahnt für gutes Essen – nicht zu Unrecht, als nächstes stellte uns der Tankdeckel vor Schwierigkeiten, und die Tatsache, dass für Sprit nur amerikanische Kreditkarten zahlungsberechtigt sind. Haben wir auch geschafft. Die Ankunft in Pittsburgh – natürlich war es nach diesen Verspätungen stockfinster – war spektakulär: Fuhr man immer weiter durch den Wald (laut Ansage sollten wir in 8 Minuten am Hotel sein, draußen nix als Wald), tat sich nach einer Kurve der Blick auf die Skyline der Stadt auf.

In Pittsburgh waren dann das wirklich fulminante Andy Warhol Museum auf dem Programm wie das ebenfalls sensationelle Carnegie Museum (die verbinden in dem riesigen Haus gleich Naturkunde mit Kunst, aber keine Sorge: Beides gleich riesige Abteilungen). Und weil es fast genauso spektakulär regnete, haben wir es weitgehend dabei belassen. Zum Abendessen gab es Brooklyn-Bier und meine erste amerikanische Pizza, die durchaus ging… Später mehr, jetzt muss ich rasch duschen und den Koffer wieder packen, dann schon geht es weiter, diesmal so richtig aufs Land.

Teetrinken in New York

ja. Das bringt einen auch hier zur Ruhe. Ich habe mich mit einem japanischen Künstler getroffen, der hier in New York lebt, und den ich über meine Arbeit für das Allgemeine Künstlerlexikon kennengelernt hatte. Er hat mich zu einer öffentlichen Teezeremonie eingeladen, was sehr schön war. Die schöne Seite von Amerika ist eben die, dass so viele Menschen aus allen möglichen Ländern hier leben. Und auch neugierig aufeinander sind. Ich sitze derweil in einem schnöden Starbucks gleich neben dem Washington Square und warte auf meinen Reisegefährten für den zweiten Teil der Reise. Draussen ist strahlendes Wetter, hier drinnen ist es etwas kalt, aber egal, solange der Kaffee dampft. Wenn ich ehrlich bin: New York war ganz schön anstrengend. Ich hoffe, dass der nächste Teil auf eine Art entspannter wird. Auf jeden Fall freue ich mich nach so viel Großstadt jetzt auch auf Landschaft. Obwohl die nächste Station noch einmal eine Großstadt sein wird: Pittsburgh. Na, aber danach geht es erst mal in die weite, weite Welt…