Verantwortung

Die meiste meiner beruflichen Zeit bin ich Dienstleistern. Ich schreibe Texte für Auftraggeber/innen. Immer wieder stresst mich diese Arbeit. Ja, es ist viel. Ja, es muss fast immer sehr schnell gehen. Aber das ist es nicht. Gestern hatte ich einen Geistesblitz – und dann: Mir fehlt – zumindest in diesen Aufträgen – die Verantwortung. Denn auch das gehört zum „nachhaltigen“ Arbeiten, über das ich seit einiger Zeit nachdenke. Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Eine Erkenntnis. Natürlich noch keine Lösung. Immerhin.

Noch so eine Überraschung

Ja, haha, die New Yorker Erdnusstüte war in Santa Fe aufgeblasen wie ein kleiner Luftballon, so sehr hatte der Höhenunterschied auf die Luft in der Verpackung gewirkt. Aber was noch überraschender war: obwohl ich dauernd Törtchen gegessen habe und anderes süße und fettige Zeug, habe ich kein Gramm zugenommen. Und nein: bewegt habe ich mich nicht besonders viel. Die Reise fand ja hauptsächlich im Auto statt.

Nanu. Irgendwas muss ich anders gemacht haben. Der einzige Unterschied, der mir einfällt: Ich war die ganze Zeit abgelenkt. Obwohl ich an fast jedem Törtchen stehen geblieben bin. Ich hatte sehr viel anderes im Kopf. Ich war begeistert, neugierig, ich habe nicht gegessen, um die nächsten zwei Stunden am Schreibtisch zu überstehen. Ich war gut gelaunt. Ob das so einen Unterschied macht? Offensichtlich. Denn in stressigen Arbeitszeiten habe ich ständig das Gefühl, mir Essen versagen zu müssen, um dann doch zuzunehmen. Auf der Reise hatte ich den umgekehrten Eindruck: Ich habe mir gegönnt, was ich haben wollte. Und zwar immer. Und – eben.

Wäre das also wirklich ein springender Punkt. Dass Hunger in diesem starken Maß gefühlt ist. Als Überdruss und Langeweile? Ich ahne, dass das sein könnte. Jetzt brauche ich einen Plan für die kommenden Stress-Zeiten. Mal sehen. Eins jedenfalls merke ich mir: Nicht das süße Törtchen ist „böse“. Das ist doch ein vielversprechender Anfang!

Ankommen

Das war noch so eine Überraschung bei meiner Reise. So leicht ich an dem Anreisetag in New York reingerutscht bin (trotz Migräne), so lange – nämlich drei Wochen – habe ich gebraucht, zurück in Berlin wieder Fuß zu fassen. Ich kam einfach nicht an. Ich wusste nachts nicht, wo ich bin (während ich in allen Hotels und Motels auf der Reise immer sofort – also noch vor dem eigentlichen Aufwachen – kapiert habe, wo ich bin), ich konnte nicht am Stück schlafen, und habe kurzerhand meine Arbeitszeiten in den sehr frühen Morgen (so von drei bis sechs) verlegt. Ich war zwar klar im Kopf (anders als oft auf der Reise), aber nicht da. Als wenn ich nur scheibchenweise wieder über den Atlantik zurückkomme, so fühlte sich das an. Schade, weil der November einer meiner Lieblingsmonate ist.

Gestern war es soweit. Ich bin wieder da. Ich habe am Freitag meinen ersten Auftrag fertig gestellt, meine Wohnung endlich geputzt und mir darauf einen freien Samstag gegönnt. Vielleicht ist es ja nur das: Sich immer mal wieder durch die eigene Stadt treiben zu lassen. Zu entdecken gab es Menzel im Kupferstichkabinett: Mein lieber Scholli! Der hätte vermutlich sensationelle Kinofilme gedreht! Das Nachmittagslicht einer der späten Novembertage und der leider schon morgen wieder verschwindende Künstlergarten „Das dritte Land“ der koreanischen Künstler Han Seok Hyun und Kim Leung Hwoe (s. Foto). Vielleicht ist es auch so, dass sich jetzt eine Haut um die Erinnerungen an die Reise geschlossen hat. Es fühlt sich zumindest so an, als hätte ich einen sehr großen Raum in mir, in dem die Stille, die Weite und das Licht Amerikas ihren Platz gefunden haben.

Disziplin

Es gibt ein Missverständnis. Menschen, die ihre Arbeit ohne Sinn und Verstand durchknüppeln, damit sie termingerecht fertig wird, gelten als diszipliniert. Wenn sie das regelmäßig machen, gelten sie als super diszipliniert. Echt jetzt?

Disziplin wird im Deutschen gerne mit „eisern“ kombiniert. Das bedeutet dann: „hart gegen sich selbst“ oder „willensstark“ sein. Disziplin ist jedoch – Vorsicht! – nicht die Zwillingsschwester von Effizienz. Allenfalls eine Halbschwester. Und auch das nicht immer.

Disziplin heißt für mich zumindest auch Distanz. Über den Tag hinaus, meistens aber über den Termin hinaus zu denken. Disziplin ist am Ende nicht das eine Duracell-Häschen, das durchdreht. Eher ein ganzes Räderwerk, das – eher unauffällig – am Laufen bleibt. Disziplin heißt zum Beispiel auch, im richtigen Moment aufzuhören. Um noch genug Power für den nächsten, den übernächsten und den überübernächsten Arbeitstag zu haben. Oder: genug zu schlafen. Oder: genug zu lachen. Eisern? Nein. Eher selbstbewusst. Wäre das was?

 

Es geht vielleicht auch anders herum?

Eine glückliche Kindheit ist das Fundament eines guten Lebens. Soweit die einhellige Meinung. Ich hatte keine glatt glückliche Kindheit. Solange ich mich erinnern kann, wollte ich erwachsen werden, um der Kindheit zu entkommen. Ich bin mittlerweile erwachsen. Mir kommen Zweifel.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich möchte jedes einzelne Kind auf dieser Welt glücklich sehen. Das ist nicht der Punkt. Ich möchte auch nicht für eine strengere Erziehung einstehen. Aber ich sehe (bei mir, bei anderen, keineswegs bei allen): Wer keinen Grund hat, sich an eine rosige Kindheit zu erinnern, ist ab einem gewissen Alter weniger nostalgisch. Keine Hits aus den 80ern oder 90ern, um ein sehr banales Beispiel zu nehmen, sondern aktuelle Musik oder eben Jazz oder Klassik oder. Die Wachheit in der Gegenwart bleibt, ebenso die Neugier auf die Zukunft. Aus dem Gefühl heraus: Das Beste kommt noch. Keine Enttäuschung beim Erwachsenwerden, keine Trennung kann – je nachdem – so schlimm sein, wie das, was in der Kindheit war. Das Klischee, ältere Leute (also die in meinem Alter) würden eher zurück- als nach vorne schauen, wäre an dieser Stelle scharf zu überdenken.

Was ich meine: Die glückliche Kindheit wird nicht überbewertet. Dafür aber die unglückliche. Ich spreche ausdrücklich nicht über traumatische Erlebnisse, fürchterliche Bedingungen. Sie sind die Hölle. Aber sie haben Aspekte, die wir übersehen: Wer eine schlimme Kindheit hatte, kann sie zumindest hinter sich lassen. Und: weil er oder sie weiß, wie schlimm es werden kann (glückliche Menschen kennen viele Abgründe ja erst mal gar nicht), ist die Angst vor dem Absturz nicht irreal. Und es gibt möglicherweise das Bewusstsein, Schlimmes überstehen zu können. Und die Sehnsucht nach etwas Besserem (als den Tod zum Beispiel). Wir sehen Menschen mit unglücklicher Kindheit gerne als geschwächt und damit als vorbestimmte Verlierer. Aber es gibt zumindest diesen Aspekt, dass sie sehr, sehr stark oder zumindest sehr widerstandsfähig sein können. Das ist ein Pfund, mit dem ich heute wuchern kann. Ich bin keine Verliererin und war es nie. Ich habe sehr früh in Abgründe geschaut. Eine enorme Überforderung. Ein schmerzhafter Prozess. Aber heute, in meiner erwachsenen Welt auch ein Pluspunkt. Wäre das der Anfang einer neuen Erzählung über Glück und Unglück. Und über vermeintlich ungerechte Verteilungen?

 

 

 

 

Ach so!

Reisen bildet. Geschenkt. Aber man muss den Reisen auch eine Chance geben. Ich habe die letzten beiden Wochen versucht, beim Sortieren der Urlaubsfotos oder dem „Eingemeinden“ meiner Mitbringsel noch einmal genauer hinzuschauen. Gleichzeitig beschäftige ich mich beruflich gerade mit Hölderlin. Wie schon bei Winckelmann hat mich auch bei ihm anfangs diese Antikenbegeisterung so irritiert. Mir ist das immer gleich so kopflastig. Bis ich kapiert habe: Weder Hölderlin noch Winckelmann wussten, wie alt die Welt wirklich ist. Zu ihrer Zeit hielt man die Antike (und man dachte sie ja tatsächlich auch schon historisch) weitgehend für den Beginn des menschlichen Lebens auf dem Planeten. Alles, was es da an „Natürlichkeit“ gibt, also als Leben in der Natur und ohne „Zivilisation“ war für beide das wohl ursprünglichste, was man sich vorstellen konnte. Eine nackte Wüste ohne menschliches Leben, mit Dinosauriern gar, war damals nicht denkbar, sie dämmerte Naturwissenschaftlern zu jener Zeit gerade erst. Ach so! Sofort verstehe ich diese Antikensicht und die mich oft so irritierende Freude an der „Einfachheit“ neu. Sie hielten damals die Antike für eine Art „naive“, ursprüngliche Kunst, obwohl sie sehr wohl sahen, dass es sich um erstklassige Arbeit handelt. Insofern ist natürlich Winckelmanns Beschäftigung mit italienischer Frühgeschichte so wichtig. Denn hier sah er Alternativen zur Hochkunst der Griechen. Gestern Abend hatte ich plötzlich diese Erkenntnis, und habe mich gefreut. Ganz so, als wäre sie noch ein weiteres Reise-Souvenir.