Gebrauchsanweisung fürs Ungerade

Biografien sind und bleiben für mich die großen Anreger in der Literatur. Romane versetzen mich in andere Zeiten oder Gegenden, und es ist ein Spass, mich unter fremden Sonnen oder Monden wiederzufinden. Sachbücher erweitern meinen Horizont (soweit ich sie verstehe), Biografien lese ich seltener, aber auch mit dem Wunsch, einzutauchen, mich in andere Zeiten oder Gegenden hinein zu versetzen.

Ende letzten Jahres ist die Biografie von David Lynch mit dem Titel „Traum Welten“ erschienen. Bislang habe ich noch keinen einzigen Film von Lynch gesehen. Gerade mal ein Interview, das es insofern in sich hatte, als ich Lynch sofort „interessant“ fand (offensichtlich etwas – wie ich in dem Buch lesen kann – was sehr häufig passiert). Das Buch an sich: Papier, Format (vor allem die Fotos) und die Überschriften begeisterten mich ebenfalls, kurz, ich habe es mir besorgt und (nein, noch nicht zu Ende) gelesen.

Die Idee zu dem Buch ist grandios einfach und auf eine Art auch filmisch gedacht: Denn erzählt wird aus zwei Perspektiven. Kristine McKenna, eine Journalistin und Freundin von Lynch, und David Lynch selbst wechseln sich beim Schreiben ab: Zunächst recherchiert McKenna, spricht mit Freund/innen, Verwandten, später mit Mitarbeiter/innen, Nachbar/innen, was-nicht-alles, und liefert ein spannendes, gut lesbares Kapitel über eine bestimmte Zeit in Lynchs Leben. Danach ist David Lynch dran. Er liest McKennas Text und kommentiert ihn. Nicht „flächendeckend“, sondern spontan: Er nimmt eine Bemerkung auf, ein Zitat, und erzählt noch einmal neu, aus der eigenen Perspektive. So entsteht ein leicht verschobenes Bild, wie bei einer stereoskopischen Fotografie oder einem 3D-Film.

Was mich bei der Lebensgeschichte an sich fasziniert, ist dieser Ehrgeiz von Lynch, etwas zu machen, und zwar genauso, wie er es sich vorstellt, und gleichzeitig seine Fähigkeit, Dinge auf sich zukommen zu lassen. Traurigkeit, Melancholie, Verzweiflung spielen eine wichtige Rolle und scheinen tatsächlich auch ein Motor für Lynchs Arbeit zu sein, dennoch bekommen sie keinen zusätzlichen Raum in seinem Leben: Sie sind da, kommen und gehen, werden aber nicht analysiert oder als Erklärungen bzw. Entschuldigungen instrumentalisiert. Mich begeistern seine handwerklichen Fähigkeiten und sein Wille, die Filme in allen Aspekten genau so zu machen, wie er sie haben will – Gleichzeitig jedoch den Mitarbeiter/innen, seien sie vor oder hinter der Kamera, viel Raum zu lassen, ihr eigenes Ding zu entwickeln.

Irre ist auch, wie leicht es in den 1970ern noch war, in Hollywood ein Haus oder ein Auto zu kaufen. Es war nicht leicht, im Filmbusiness Fuß zu fassen, und Lynch hat lange und hartnäckig an seiner Vision (man mag es tatsächlich nicht Karriere nennen) gearbeitet. Heute erscheint vieles nicht mehr so offen, viel enger, mit weniger Durchlässen, hierarchischer, abgeschottet regelrecht. Geordnet im Vergleich zu damals, was aus heutiger Sicht tatsächlich noch wie der „Wilde Westen“ erscheint. Dennoch würde ich die Erinnerungen nicht an die einer „guten, alten Zeit“ missverstehen wollen, sondern als Ansporn für ein eigenes, unkonventionelles Leben, auch – und gerade – heute.

Vergnüglich an Biografien von Stars oder anderen Berühmtheiten ist – zumindest für mich – aus jenen Zeiten zu lesen, in denen sie noch keine Stars oder Berühmtheiten waren. Wie sie ihr Leben sahen, lebten, wie sie nach und nach andere Berühmtheiten kennenlernten, ganz so, wie ich meine Freund/innen kennenlerne und manchmal eben doch ganz anders. Immer wieder zeigt sich, wie Familie, Herkunft, Zufälle ihre Lebenswege prägen, wie sie aus ihren Erfahrungen Schlüsse ziehen, sich verändern, etwas Neues probieren und unentwegt – übrigens natürlich genauso wie alle anderen auch – ihre Lebensgeschichte spinnen. Bei Lynch ist es zum Beispiel dieser genaue Blick, diese irren Fantasien, die ihn zunächst zur Malerei, aber dann sehr schnell zur Inszenierung und eben zum Film bringen. Er lässt sich nicht beirren, arbeitet dauernd, wenn nicht an den Filmen, dann anderswo, um Geld zu verdienen, und hat sehr früh schon eine eigene Familie, die er jedoch gelegentlich erneuert oder austauscht (je nach Blickwinkel).

Ein großer Spass des Buches ist die gute Aufteilung in Kapitel. Vor der Hand geht es chronologisch vor sich, die Biografie wird „ordentlich“, d.h. von der Kindheit bis heute erzählt, dennoch ergeben sich Schwerpunkte, Perspektiven, die – je weiter man liest, desto mehr Raum schaffen, wie ein Kaleidoskop, das man so oder so halten kann, um verschiedene Bilder zu erhalten. Deutlich wird das bei Themen, die mir suspekt sind: Lynchs Engagement für die Transzendentale Meditation zum Beispiel. Er schreibt darüber, er ist begeistert, er glaubt daran, aber dennoch bleibt für mich genug Platz, ihm dort nicht zu folgen, skeptisch zu bleiben, manchmal sogar fassungslos. Auch die Leichtigkeit, mit der es sich von seiner ersten Frau samt Kind trennt (wobei hier natürlich nur eine Leichtigkeit sichtbar ist, tatsächliche Krisen, Kämpfe oder andere Dramen werden nicht thematisiert – dankbarerweise…), verstören mich. Hier scheint ein Motiv auf in seinem Leben: Menschen kommen und gehen. Und Lynch bleibt merkwürdig unbeeindruckt oder eher: er erzählt von den guten Seiten, während die nicht so guten verschwinden. Das ist an sich eine durchaus positive Haltung. Warum sollte man nicht die guten Erinnerungen halten und über die schlechten den Mantel des Vergessens breiten? Ich sehe darin eine Haltung und einen verdammt guten Willen. Komischerweise kommt es für mich nicht hin. Nicht, dass ich gerne schmutzige Wäsche ausgebreitet sehen würde. Nicht, dass ich es nicht bewundere, wie jemand bei den guten Erinnerungen bleibt. Aber irgendwas an der Sache steht für mich schief.

Ich bin, wie ich oben erwähnt habe, noch nicht am Ende des – immerhin 760 Seiten starken – Buches angekommen. Nicht aus erlahmenden Interesse, sondern weil so viel passiert und ich gelegentlich eine Pause machen muss, um wieder in mein eigenes Leben einzusteigen. David Lynch ist ein fantastischer Erzähler, auch, wenn er schreibt. Und obwohl sich viele Dinge ob der doppelten Erzählung von McKenna und Lynch wiederholen, ist die Biografie an keiner Stelle langweilig (vielleicht, wenn es um filmische Details geht, etwas kleinteilig, aber da kann man ja auch mal weiterspringen). Ein Interesse am Leben im Amerika der 1950er Jahre bis heute sollte vielleicht da sein, um Freude an der Lektüre zu haben. Wer Lynch mag, wird die Biografie sicher lieben. Aber auch für Menschen, die den Regisseur nicht besonders kennen, fällt vieles ab, vor allem, wenn man Lebenswege mag, die nicht besonders gradlinig daherkommen. Mich beeindruckt, dass Lynch an keiner Stelle versucht, sich zu rechtfertigen. Oder mich als Leserin in seine Welt oder die des Transzendentalen Meditierens herein zu ziehen. Insofern kann ich das Buch nur empfehlen. Genug Regentage für einen dicken Schmöker haben wir ja Mitte März noch vor uns.

 

David Lynch/Kristine McKenna: Traumwelten. Heyne-Encore München 2018. Gebundenes Buch 25,00 €. Ich danke Random House für das Rezensionsexemplar.

 

 

Nach Hause schwimmen

Jedesmal staune ich wieder: kaum bin ich zwei, drei Tage weg, sieht meine Wohnung anders aus – oder fühlt sich anders an. Oder: ich fühle mich anders an in meinem zu Hause. Der Kopf ist weiter. Ich packe Dinge an, die lange liegen geblieben sind, Routinen verschwinden wenigstens für ein, zwei Tage, ich spüre mehr Raum um mich, um Pläne zu machen oder weiter auszuholen. Als käme ich mit einem neu justierten Kompass im Kopf nach Hause und würde die eigenen vier Wände aus anderen Himmelsrichtungen sehen.

Über Land fahren

Wer aus der Großstadt kommt, mag schon eine Autofahrt genießen, die von einer Provinzstadt in die andere führt. Vor allem, wenn sich das Wetter entschlossen hat, alles in strahlendes Frühlingslicht zu tauchen. Geschenkt, dass es, einmal angekommen, wieder geregnet hat. Immerhin gab es ein sensationelles Café, mit Torten, die ich seit meiner Kindheit so nicht mehr gesehen habe (geschweige denn, gegessen). Und wer aus der Großstadt kommt, mag es nicht fassen, wie ruhig es am Rand eines Waldes sein kann. Die Vögel zwitschern – und das wars auch schon. Wo sich die Stadtgeräusche an schlimmen Tagen in die Ohren bohrt, senkt sich die Stille tatsächlich sacht über einen. Wie ein ganz leichter Schnee…

Andere froh machen

Sich das vorzunehmen, hat oft verheerende Folgen. Dennoch – könnte ich mir diesen Auftrag nicht öfter auf die „To Do“-Liste schreiben? Als Kind, und daran erinnere ich mich noch gut, gehörte das zu den täglichen Aufgaben. Allerdings, wie ich damals schon vermutete, (wahrscheinlich) nur für Mädchen. Mir kam die Aufgabe albern vor. Unnütz. Und mal wieder von elterlicher Didaktik so spürbar durchwirkt, dass ich schon aus Trotz keine Lust hatte. Heute sehe ich das anders. Gute Tage sind die, an denen mir so etwas gelingt. Nach Feierabend, in einer Umkleidekabine sah ich mal wieder ziemlich alt und gerädert im Spiegel aus. Dennoch musste ich lachen, weil ich genau das dachte: Froh machen geht immer!

Berliner Begegnungszonen

Man mag es kaum glauben. Aber Begegnung scheint dem Bezirk wichtig. Wir sprechen von Kreuzberg, damit kein Missverständnis aufkommt. Die Bergmannstraße ist eng. Jahrzehntelang lag sie im Schatten der Mauer. Selten, dass Autos vorbeikamen, Lieferfahrzeuge schon, Anwohner. Ansonsten führte es hier nicht mehr weit. Dass der Bergmannkiez nach dem Fall der Mauer zu einem Trendbezirk wurde, hat viel mit alter Bausubstanz und der günstigen Lage zu tun. Der Platz wird seitdem knapper, mehr Menschen tummeln sich, auf der kleinen Straße ist vor allem zu Stoßzeiten die Hölle los. Eine Idee sollte her (mehr Begegnung!). Seit 2009 gibt es eine kontrovers geführte Diskussion, und herausgekommen sind solche spielplatzartigen Konstrukte (im Fachsprech auch „Parklets“ genannt), die in eher kurzen Abständen zwischen den Parkplätzen aus dem Bürgersteig auf die Fahrbahn ragen. Herausgekommen – allerdings nur probehalber. Weil den Verantwortlichen vielleicht selbst klar wurde, dass das nicht funktioniert. Ca. 800.000 € sind bereits ausgegeben. Und jetzt? Ich frage mich, wie die Planung so an der Realität vorbei gehen konnte. Wo ist die an sich gute Idee, eine zu voll gewordene Einkaufsstraße zu beruhigen, schief abgebogen (vielleicht wirklich bei dem Anspruch, hier sollten Leute noch ausdrücklich zum begegnen animiert werden)?. Wahrscheinlich lässt sich das nur verfolgen, wenn man selbst an der Diskussion teilnimmt. Das werde ich ab Sommer auch machen, wenn Die Testphase vorzeitig beendet wird und die Karten (hoffentlich) noch einmal neu gemischt werden.

Jahrestage

Übernächste Woche ist es drei Jahre her, dass meine Mutter gestorben ist. Bislang hatte ich immer ihren Geburtstag als Anlass genommen, nach Hause ins Rheinland zu fahren. Dieses Mal habe ich mich für diesen Tag entschieden, und merke, dass es einen Unterschied macht.

Das Leben vom Tod her betrachten, einen Menschen von seinem Ende her sehen, ist eine Perspektive, die mehr zu bieten hat, als Trauer. Im Verlust zum Beispiel habe ich oft erst positive Dinge gesehen, die ich vorher nicht auf dem Schirm hatte. Bei meiner Mutter ist es zum Beispiel immer wieder die Alzheimer-Erkrankung, die mir nicht nur meine Mutter im Alter wieder näher gebracht hat, sondern die mich auch einiges über „das Leben“ gelehrt hat.

Eine merkwürdige Koinzidenz ist mir heute klar geworden: Menschen, die an Alzheimer erkrankt sind, werden rastlos. Sie sind oft desorientiert, wissen nicht, wo sie sich aufhalten, oder wie sie in die augenblickliche Situation gekommen sind. Das hat oft zur Folge, dass sie immer weiter wollen. Schnell weg, irgendwo hin, vielleicht, um nicht auf Rätsel zu stoßen, wer die Leute jetzt schon wieder sind, die da rumsitzen oder stehen, um keine Fragen beantworten zu müssen, oder um in der Bewegung das (gute) Gefühl haben, noch alles zu kontrollieren, die Welt zu beherrschen (oder zumindest, in ihr zu Hause zu sein). Die Rastlosigkeit ist hier ein deutliches Zeichen für das Wegbrechen des Kerns. Des Verlustes des eigenen Selbst.

Die Parallele, die mir plötzlich vor Augen stand: Dass ich Menschen, die immerzu keine Zeit haben, mehr und mehr meide. Natürlich haben diese Menschen oft andere Gründe. Aber an der Oberfläche sieht es gleich aus: Sie haben für mich keinen sichtbaren Kern mehr. Vielleicht wollen sie nicht, dass ich mehr von ihnen sehe (oder im Moment nicht mehr von ihnen sehe). Vielleicht rennen sie gerade vor sich selbst davon. Vielleicht wollen Sie sich einfach nur ein bisschen wichtig tun (ist voll o.k.) oder mir zu verstehen geben, dass ich eine lahme Ente bin (ja, auch o.k.). Aber der Verlust von Substanz, zumindest für mich als Gegenüber, ist gleich – und für mich gleich unangenehm.

Allerdings, wo „Gesunde“ hetzen, weil sie sich (vielleicht) nicht zeigen – oder zu lange aufhalten – wollen, sind Alzheimer-Betroffene am Ende natürlich die ehrlicheren Häute. Sie laufen nicht vor mir weg. Sondern (verständlicherweise) vor der Krankheit. Und dann gibt es – zumindest bei meiner Mutter war das so – noch eine überraschende Erkenntnis: Auch wenn Alzheimer-Betroffene am Ende alles verloren haben – sie behalten trotz allem ein rudimentäres, unverkennbares Selbst. Vielleicht ist es das, was wir uns unter dem Abstraktum „die Würde des Menschen“ vorstellen können. Und die ist, bei allem Schrecken dieser Krankheit tatsächlich nicht antastbar.