Aus Kindern werden Leute

sagt man so. Und es stimmt ja auch. Ich kann mich noch erinnern, wie der Sohn meiner Freude geboren wurde. Oder sogar an den Tag, an dem ich mit dem Vater bei einem Frühstück mit Sekt angestoßen habe, weil gerade klar geworden war, dass ein zweites Kind unterwegs war.

Die Affenbegeisterung habe ich ebenso – wenn natürlich auch mehr so am Rand mitbekommen – wie die vielen großen und kleinen Schritte, die wir machen, um erwachsen zu werden.

Und jetzt dieses Bild (hier nur ein Ausschnitt). Den das Baby von neulich (wie es mir vorkommt) bewirbt sich auf einen Studienplatz. Es macht mich wehmütig, weil – jaja, die Zeit – gleichzeitig auch sowas von froh: Ich meine, wer hätte das gedacht!

Und bloß nicht gleich alle Kuscheltiere wegwerfen!

Sich sehen

Ja. Ich bin immer noch mit meiner Reise beschäftigt. Denn ich merke, wie sehr sie mich aus meinem Schneckenhaus katapultiert hat. Oder andersherum: Wie tief ich mich ins Schneckenhaus verkrochen habe. Keine Bange. Die Seite heißt weiterhin „Klunker des Alltags“, das heißt, ich werde den Alltag weiter feiern und nicht mit dem Verteufeln anfangen. Aber ich habe gespürt, wie schnell Routinen die Sicht auf die Welt verstellen können. Und natürlich auch nix gegen Routinen.

Sich in der Kunstwerken zu spiegeln, ist eine alte Technik. Die wir immer wieder vergessen, weil wir meinen, Bewerten oder Einordnen würde schon reichen. Gilt genauso fürs Lesen. Und wer sagt denn, dass ein Museumsbesuch mitten in der Woche verboten ist? Klar. Arbeit ist Arbeit. Aber wenn ich es heute oder morgen nicht schaffe – den Plan kann ich ja in der Hinterhand halten. Wenn doch plötzlich Zeit ist. Ach ja, noch etwas. Wer sich in Kunstwerken spiegeln will, muss sich wenigstens ein bisschen mögen. Womit klar wird: Sich mögen, ist kein Privileg der Jungen, Schönen, Erfolgreichen. Es ist eine Lebensnotwendigkeit.

Take your pleasure seriously

Wer im westlichen Wohlstand lebt, mag damit ein Problem haben. Wir können, selbst als Kreuzberger Prekariat, mit den Fingern schnippen, und uns etwas Gutes tun. Quasi jeden Moment unseres Lebens. Und wenn wir nur das Licht anschalten oder den Wasserhahn aufdrehen.

Der Krieg in der Ukraine hat mich gerade auf diese – vermeintlich kleinen – Dinge wieder aufmerksam gemacht. Aber – und das ist schon der erste Punkt: „pleasure“ muss nicht unbedingt etwas mit Konsum zu tun haben.

Ich frage mich eigentlich schon immer, wie ich ein Leben zwischen Pflichten und Vergnügungen organisiert bekomme. Ich gehöre zur westdeutschen Nachkriegsgeneration, die mit dem unsichtbaren, weil nie offen besprochenen Kriegstrauma groß wurde, und „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“ verinnerlicht hat. Ich habe gar nix gegen Pflichten oder Arbeit. Mir schwant nur, dass diese Gegenüberstellung falsch ist. Pflicht ist Pflicht. Vergnügen ist Vergnügen.

Wir haben aber gelernt, dass Vergnügen Ablenkung ist. Dazu egoistisch. Wer ans Vergnügen denkt, denkt nur an sich selbst. Ist das wirklich so?

Vergnügen ist Horizonterweiterung. Genau wie Lernen. Zum Beispiel. Vergnügen lässt sich teilen. Mit Freund*innen und mit Leuten, die zufällig gerade auch da sind. Vergnügen macht glücklich. Und Glück ist leicht weiterzugeben. Vergnügen schenkt uns Ruhe und Kraft. Vergnügen öffnet zu Stein gewordene Herzen: Wer lacht, kann gar nicht missmutig sein.

Auf meiner Reise habe ich mich vergnügt erlebt. Von morgens bis abends. Und ich wurde kein Ungeheuer. Im Gegenteil. Zurück zu Hause liegt viel Arbeit vor mir. Die kann ich nicht des Vergnügens wegen einfach mal zur Seite schieben. Aber ich kann sie vergnügter angehen. Und weiter?

Ich weiß es noch nicht. Was mir von der Reise bleibt, ist der Aufruf „Take your pleasure seriously“. Auch wenn er nur die Reklame für ein Restaurant ist. Denn wenn „pleasure“ vielleicht nicht so nötig ist wie die Luft zum Atmen, dann doch sicher so wichtig wie der Sonnenschein, ohne den ich vermutlich eingehen würde, wie eine empfindliche Primel.

Trauern

Natürlich heule ich. Dachte ich. Ich meine, natürlich heule ich. Aber das ist noch nicht Trauern. Als ich die paar Tage in London war, wurde mir plötzlich klar, wie gepanzert ich durch die Welt gehe. Wenn es schwierig wird, schalte ich sofort auf optimistischen Angriff um. Komplett. Mein ganzer Organismus ist dann im Kampfmodus. Wenn es sein muss, über Wochen und Monaten.

Mehr aus Neugier habe ich neulich in der Bibliothek zu Oskar Seyferts Buch gegriffen. Seyfert ist gerade 15 und hat über die Alzheimer-Erkrankung seines Vaters geschrieben. Auch nachdem meine Mutter jetzt schon seit sechs Jahren tot ist, interessiert mich das Thema noch. Das Wort „Privileg“ im Buchtitel hatte mich zudem angesprochen. Denn bei allem Elend, was die Erkrankung meiner Mutter mit sich brachte, habe ich ihre Demenz auch immer als eine existentielle Herausforderung begriffen, die mich zu Erkenntnissen zwang.

Beim Lesen wurde mir klar, wie sehr ich die Situation damals „im Griff“ behalten wollte. Meine Mutter litt, mein Vater rastete regelmäßig aus. Eine musste ja den Verstand behalten. Ich mache mir das auch nicht zum Vorwurf. Aber ich drängte meine Gefühle immer zur Seite, um handlungsfähig zu bleiben. Selbst als meine Mutter starb, blieb ich weitgehend vernünftig. Ich war traurig, ich war auch froh, über die schöne Beerdigung. Aber mehr so an der Oberfläche.

Was mir bei diesem Buch ebenfalls auffällt: ich vertraue mich jetzt öfters jungen Menschen an. Für mich ist 2007 das Jahr dieses Wechsels: Damals hatte ich zum ersten Mal wesentlich jüngere Projektleiter in einem Job. Ich war mit einem Schlag die ältere Häsin. Das belustigte mich zunächst, wurde aber in den folgenden Jahren zur neuen Realität. Mittlerweile gucke ich mir so einiges bei Jüngeren ab. Und bin froh, dass ich mir das erlaube. Deshalb auch ein dickes Danke an Oskar Seyfert. Er zeigt mir in seinem Buch, wie weit ich mich von meiner Traurigkeit entfernt hatte.

Unterwegs sein

Der Alltag ist mir wie eine zweite, dritte oder meinetwegen auch vierte Haut. Ich bewege mich geschmeidig in ihm, und wenn es mal zwickt oder zwackt, werde ich ungehalten, weil mir gefühlt in meiner Selbstverständlichkeit etwas dazwischen kommt. Auf Reisen ist das sofort anders: Dazwischenkommen wird zum Programm. Weil ich immer mal wieder auf den Stadtplan gucken muss, weil ich – zumindest wenn ich irgendwo zum ersten Mal bin – nie weiß, was um der nächsten Ecke lauert (oder auch bloß zu sehen ist), weil alles ein wenig anders schmeckt, riecht und klingt. An solchen Tagen wird mir bewusst, wie oft meine Gedanken zu Hause im Leerlauf kreisen und sich im Grübeln festfahren.

Ich kann nicht immer unterwegs sein. Und es war für mich nicht nur prima. Zurück aus London hatte ich erst mal drei Tage lang Migräne, die ich zum Glück nicht als Bestrafung empfunden habe, sondern als faire Währung. Die Reise hat mich, bei allem, was ich sehen konnte, im Grunde wieder zu mir gebracht. Und ich glaube, das war auch genau das, was ich mir erhofft habe. In der Fremde war ich mir näher, als die letzten Monate zu Hause. Wobei ich ausdrücklich sagen möchte, dass ich eine angenehme Reise gemacht habe und keinerlei existentielle Ängste haben musste, nicht mal, als ich am ersten Abend (erst mal) nicht ins Hotel kam. Es war gerade genug, um zu erkennen, wie trügerisch Alltag sein kann. Er tut so, als wäre er das Leben. Dabei…

Törtchenparadies

Das ist vermutlich nicht das Erste, was den meisten zum Londoner Victoria & Albert Museum einfällt, aber ich schwöre: Es gibt fantastische Kuchen! Und im ältesten Museumscafé der Welt schmecken sie nochmal so gut. Was soll ich sagen? Die Reise war von der ersten Minute an (nein, erst von der ersten Minute jenseits des BER) ein Glücksfall und wirklich das Beste, was mir seit Monaten eingefallen war. Einfach mal weg. Das sagt sich leicht, und lässt sich noch leichter wieder beiseite schieben. Dann aber doch den Mumm haben, zu buchen und zu fahren. Und das Schreibtischchaos einfach mal Schreibtischchaos sein zu lassen, fiel mir zumindest nicht so leicht. Wurde aber belohnt. Mit tollen Eindrücken, aber auch – einmal mehr – mit neuen Facetten, die ich an mir entdeckt habe. Und jetzt scheint endlich auch in Berlin die Sonne, wir haben heute unseren mittäglichen Kaffeetreff im Hof wieder eröffnet, und die Arbeit ist zwar nicht weniger geworden, geht mir aber deutlich leichter von der Hand.

Reißleine ziehen

Die Welt ist peu à peu in meinen Alltag gekracht. Nein. Ich beklage mich nicht. Ich versuche eine Richtung einzuschlagen, und dabei nicht zu weit vom Weg abzukommen. Gleichzeitig mache ich etwas, was ich mich noch nie getraut habe: die Reißleine ziehen. Ich werde für 4 Tage verreisen und nicht erreichbar sein. Ich möchte Abstand und Ruhe und Ablenkung in einem. Es geht nicht mal mehr darum, ob das eine gute Idee ist. Mir fällt einfach nix anderes mehr ein.

„Theure Schwester“

Wer mag, kann im neuen Band „Aus dem Archiv geholt“ des Tübinger Hölderlinturms über den Brief lesen, den Hölderlin am 23. Februar 1801, kurz nach seiner Ankunft in der Schweiz an seine Schwester schrieb. Ich habe den Recherche-Teil übernommen, Via Lewandowsky hat eine Art Drehbuch geschrieben über Momente, die so hätten stattfinden können. Viel Vergnügen.

https://hoelderlinturm.de/aus-dem-archiv-geholt/band-06-theure-schwester/

Wie der Brief gefaltet war, zeigt ein Papiermodell meiner Freundin Wiebke Müller. Das Foto stammt von Wolfgang Pfauder.

Paradox im Krieg

Wir gehen arbeiten, einkaufen, nach Hause, der Frühling fährt mit vorsichtigen Fingern über die Gärten und Wiesen, Coronainfektionen steigen und werden gefühlt trotzdem weniger, Alltag halt. Gleichzeitig sind die Medienkanäle voll von Kriegsnachrichten, wer Freund*innen oder Verwandte in der Ukraine hat, bekommt direkte Nachrichten, wir sind wütend über die Russen oder bekommen nur noch das kalte Grausen. Und genau an dem Punkt entsteht ein Paradox: Uns geht es wie immer, dort, im Krieg ist gleichzeitig der aus der Normalität kaum denkbare Ernstfall. Aber genau von dort kommt die Hoffnung. Katja Petrowskaja hat dieses Phänomen in einem Bericht für „Die Zeit“ gerade beschrieben. Ich denke: Natürlich können und müssen wir aus Deutschland helfen. Aber die eigentlich Stärke, der Mut, kommt paradoxerweise von der anderen Seite. Der folgende Absatz ist ein Zitat Katjas aus dem Zeit-Artikel:

Meine Freunde melden sich aus den Luftschutzkellern, aus verbarrikadierten Wohnungen, aus U-Bahn-Stationen verschiedener Bezirke: „Hallo! Hallo! – Am Leben!“ – „Bei uns war alles still.“ – „Vögel, die Vögel singen!“ – „Ich habe mich noch nie so über Sonnenlicht gefreut.“ – „Bei uns miaut es und schnarcht es!“ – „Meldung aus dem Nordosten: Bei uns taut es. Das Wetter ist sonnig.“ Wie kurze Funksprüche per Facebook. Manchmal posten Menschen nur ein Herz oder eine Umarmung. Alle versuchen einander aufzumuntern, zu scherzen. Die Solidarität unter den Menschen ist sagenhaft, wie in einem Epos. Niemals zuvor habe ich so viel Liebe, Zusammenhalt und Stärke gesehen. Ich schaue auf die Facebook-Seite meines Bezirks – „Festung Russaniwka“, einer Halbinsel im Dnipro, auf der hunderttausend Menschen leben. Ein unendlicher Strom von Nachrichten. Da meldet sich eine Tierärztin: Sie geht von Keller zu Keller, um kostenlos Tiere zu versorgen. Ich freue mich, meine Stimmung schwankt die ganze Zeit, aber diese Menschen in Kiew muntern mich auf.“