My own private Halloween

Es gibt so Wochen. Wo kein Stein auf dem anderen bleibt. Dinge, die lange in der Schwebe waren, knicken ein, Dissonanzen eskalieren, Unkenntnis weist den falschen Weg.

Die letzten Tage waren so wie schlimmste Träume: Ich irre durch verbaute enge Gänge, stehe vor unüberwindbaren Hindernissen – obwohl ich im Traum auch schon mal mühelos an Wänden hoch krabbeln und fliegen kann, wenn nötig – habe keine Orientierung, weiß nicht mal das Ziel, vermisse das Tageslicht und andere Menschen, die mir helfen, oder zumindest Auskunft geben könnten.

Bei Tag waren es natürlich keine engen Gänge, durch die ich lief. Eher graues Wetter, was so ein Gefühl der Enge gab und Hindernisse unterschiedlichster Art, die zu überwinden waren. Ich gehöre zu den Menschen, die nicht gut arbeiten können, wenn hinter oder neben ihnen ein Haufen unerledigter Probleme liegt. Die Migräne war dann schon das lauteste Alarmzeichen, aber wo Alarm, ist leider oft noch nicht die Lösung.

Aber es ist wie so oft: Kaum kann ich ein Problem beim Schopf packen, lösen sich auch die anderen Schwierigkeiten. Es ist eine Art Domino-Effekt: Geht eins, gehen plötzlich alle. Jetzt bin ich unausgeschlafen, aber froh.

Ach, trotz Panik habe ich den „Gesang der Fledermäuse“ von Olga Tokarczuk gelesen. Auch ein sehr enges, fast hermetisches Buch, gruselig auf seine Art, aber seeeeehr gut.

Verschiedene Arten von Stille

Die letzte Woche war für mich sehr anstrengend. Das Wochenende ein einziger Migräneanfall. Jetzt genieße ich die Stille eines grauen Novembertags. Und wenn ich genau hinhöre, ist sie überall verschieden: In der Küche, im Bad, draußen im Hof, im Park. Nicht zuletzt auf dem Sofa, auf dem ich sitze, um die Überforderungen der letzten Tage abtropfen zu lassen.

Warten können

ob, oder wie gut man das könne, wurde gestern auf Spiegel-online in Bezug auf die langwierige Stimmenauszählung in den USA gefragt.

Ganz schlecht. Zumindest wenn es um wichtige Weichenstellungen oder Entscheidungen geht. Die berüchtigten Warteschlangen im Supermarkt machen mir nicht viel aus. Schlimmer wird es in Wartezimmern beim Arzt. Bei Behörden geht es komischerweise besser – !? Bei wichtigen Entscheidungen oder beim Weihnachtsmann wird es manchmal richtig schwierig. Ich versuche mich dann von innen frei zu schwimmen: Neue Gedanken zu finden, neue Ideen, wenn es irgendwie möglich, etwas anderes zu tun. Bloß nicht im Warten festbacken.

Hm, ja. Vielleicht ist es schon das. Im Warten zu erstarren. Nur noch auf das eine Ereignis zu starren, wo doch alle Minute lang auch was anderes los ist oder sein könnte.

Doch. Als ich eben den Rechner aufgeschlagen habe, und noch immer kein Ergebnis aus den USA feststand, war ich – oh nein! Aber jetzt werde ich erst mal meine Arbeit machen. Irgendwann gibt es ein Ergebnis – und hoffentlich das Bessere von den Beiden möglichen.

Patt

Seit Wochen beobachte ich mit Sorgen die US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Demokratische Wahlen – so scheint es mir zumindest – gewähren keine Demokratie mehr, geschweige denn, faire politische Diskussionen. Mit Schrecken kam mir die Idee, dass sich vielleicht in China die regierende Partei locker halten könnte, würde frei gewählt.

Was passiert? Und warum sind urdemokratische Mittel plötzlich keine Garanten mehr für Demokratien? Sind die Länder zu groß für ein solches individuelles Wahlprozedere? Die Menschen zu abgestumpft? Die Gesellschaften zu weit schon auseinandergefallen?

Mir fällt ein, dass in Griechenland, wo die Demokratie „erfunden“ (oder zumindest auch) erfunden wurde, nur freie Menschen wählen konnten. Männer könnten wir hier auch schreiben. Natürlich ist das heute undenkbar und nach unserer Vorstellung völlig undemokratisch. Aber es zeigt etwas, was mir bedenkenswert erscheint: Menschen, die mit Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen, sind in ihren politischen Ansichten leicht zu beeinflussen. Schließlich geht es bei ihren Entscheidungen meist gleich ans Eingemachte. —- Hier muss ich mir aus Zeitgründen mit Gedankenstrichen behelfen. —- Ich habe natürlich keine Antwort. —- Eventuell ist die Frage auch schief. —- Es geht vor allem nicht darum, die Wählerstimmen zu beschränken. — Aber erklärt die Beobachtung etwas? Oder gäbe es von hier aus einen Weg, die Demokratie für die Zukunft zu stärken?

Schwarz, weiß, Plus, Minus,

Hin und her gehen gerade meine Gedanken samt daran hängender Gefühle. Gestern zum Beispiel konnte ich mich riesig über den Büchner-Preis für Elke Erb freuen, oder darüber, dass die weißen Vorstadtfrauen in den USA offensichtlich klüger geworden sind in den letzten vier Jahren, und nicht mehr für Trump stimmen wollen. Laut grölende Feier-Gruppen am späten Abend rissen mir das Lächeln wieder aus dem Gesicht. Das Erdbeben in der Türkei, die entsetzlichen Attentate in Frankreich – die Liste lässt sich verlängern.

Weit weg würde ich gerade gern fahren. Aber um was? Dem eigenen Wohlsein noch eins draufzusetzen? Aber auch wirklich gar nichts mehr mit meinem Alltag zu tun zu haben? Und hilft es wem, wenn ich hier bleibe, und mich der schlechten Laune hingebe, die in allen Zimmerecken lauert?

Ein Monat Rückzug

steht uns bevor. Wie schon Anfang des Jahres bin ich eher sorglos. Allerdings macht mir die Dunkelheit und das langsam doch einknickende Wetter grummelige Laune. Gerade die sonnigen Tage im Frühjahr hatten dazu beigetragen, mir sämtliche Einschränkungen verschönen. Ich konnte rausgehen, manchmal nur auf den Hof, um vor der herabfallenden Decke in meinem Zimmer in Deckung zu gehen.

Plätzchen backen steht auf dem Programm. Ein Stapel ungelesener Bücher liegt neben dem Bett. Gitarre üben ist ein weiterer Plan. Joggen geht auch bei schlechtem Wetter. Ich will mal wieder Sounds basteln, vielleicht wären selbst gemachte Weihnachtskarten auch was. Oder konsequentes Nichtstun. Ich bin gespannt, denn ich weiß, dass ich bei weniger Ablenkung oft auf lange Vergessenes oder gar auf etwas Neues stoße. Wie gestern Nacht, als ich das Fenster weit aufgemacht habe, um dem Regen zuzuhören. Und tatsächlich: Nachts klingt Regen anders als über Tag. Ich schwöre!

Monika Maron

Um es vorweg zu sagen: Ich weiß es nicht. Aber die Vorwürfe, die lauter wurden, und schließlich im Rauswurf Marons beim S. Fischer Verlag endeten (bislang), haben mich verunsichert. Monika Maron gehörte zu den deutschen Autor/innen, die ich regelmäßig seit Ende der 1980er Jahre lese. Vielleicht nicht mit der allergrößten Begeisterung, aber doch immer neugierig. „Pawels Briefe“ waren für mich das schönste Buch überhaupt, danach – so kam es mir vor – wurden die Geschichten schwerfälliger. Ich bin keine Literaturkritikerin. Ich schreibe dies auch gerade, ohne es noch einmal überprüft zu haben. Nach „Pawels Briefen“ habe ich hier und da ein Buch ausgelassen. Das letzte, das ich auf dem Nachttisch hatte war „Munin oder Chaos im Kopf“. Auch dieses Buch fand ich im Anfang zäh. Damals war auch schon Gerede zu hören. Aber ich las es durch, und fand es – tröstlich.

Vielleicht ist (und jetzt schaue ich in „Munin“) die explizite Ich-Perspektive, aus der das Leben der Protagonistin ausgeleuchtet wird, für beides verantwortlich: Dass Leser/innen immer wieder auf die Fährte gelockt werden, hier schreibe Monika Maron (sie nutzt diese Perspektive häufig) über sich selbst, und, dass es zum Lesen doch ein zähes Stück Text geworden ist (für mich eben gerade, sagen wir, im ersten Drittel). Zudem ist es eine zeitgenössische Geschichte: Es wird aus der direkten Gegenwart erzählt. Und durch die Perspektive der erzählenden Hauptperson auch kommentiert. An der Stelle macht sich vielleicht auch mein persönliches Lese-Unbehagen fest: Mir ist das zu langwierig. Alle – sagen wir mal – „Probleme“ oder Missstände, von denen erzählt wird – und ich werde hier nur den Nachbarschaftsstreit herausnehmen – passieren in meinem Leben wirklich 1:1, und damit genau so.

Eine Nachbarin, offensichtlich mit dem eigenen Leben überfordert oder von ihm weitgehend distanziert, singt stundenlang auf ihrem Balkon – mehr schlecht als recht – Arien und anderes und vor allem laut. Erst ist es skurril, dann ist es traurig, dann lustig, dann nur noch nervig. Wenn die Balkon-Sängerin sich an feste Zeiten hält, fühlt sich die Buchprotagonistin als unbeabsichtigte Zuhörerin in der Zeitfalle gefangen, wenn nicht, fällt sie unangekündigt in die akustische Geiselhaft. Beides ist auf die Dauer eklig. Das zu lesen, war für mich – wie schon geschrieben, quälend. Wobei der Höhepunkt für mich der Diskussionsabend war, zu dem eine Nachbarin in dem Buch geladen hat, und in dem die Meinungen der dort Betroffenen und Vorschläge zum weiteren Vorgehen besprochen werden:

Diese Passage ist sensationell und unangenehm zugleich, weil Monika Maron seismographisch genau viele Nuancen menschlicher Denke vorträgt. Es ist auf manchen Seiten gar nicht auszuhalten, wie heuchlerisch, selbstgerecht, plump und dämlich da argumentiert wird, vor der Hand natürlich im guten Glauben, man versuche hier gemeinsam ein Problem zu lösen. Ich habe es beim Lesen tatsächlich fast nicht ausgehalten. Und das Schlimme dabei: Viele dort vorgetragenen Positionen fand ich zuerst auch plausibel. Dieser Diskussionsabend jedenfalls hat sich für mich als schonungslose Beschreibung einer selbst organisierten Nachbar/innen-Versammlung herauskristallisiert.

Hier haben wir also mal ganz ungefiltert „Volkes Stimme“, es gibt später noch andere Passagen, in denen die Protagonistin Nachbar/innen zuhört, und sich über das Gehörte so ihre Gedanken macht. Was ich wesentlich finde: Auch wenn wir da viel Hetze zu hören bekommen, vor allem zum Thema gesellschaftliche Ausgrenzung, es wird zu keinem Zeitpunkt als „richtige“ Option dargestellt. Und auch die Protagonistin, die sich zurückgezogen in ihrer Wohnung vieler von außen auf sie einstürmender Unannehmlichkeiten erwehren muss, und defensiv, manchmal weinerlich, auf ausgrenzende Gedanken kommt, steht nicht als Wahrheitsverkünderin da, eher als eine abgedrehte ältere Frau, die meint, Krähen könnten sprechen – und schlimmer noch: Die Welt erklären.

Das Buch hat mich getröstet. Weil auch ich eine abgedrehte ältere Frau bin, die mit Tieren redet. Die sich immer wieder versucht, die Welt zu erklären – und meist sogar noch, sie sich etwas schöner zu reden, als sie, zumindest augenblicklich, ist. Es hat mich getröstet, weil auch ich jeden Strohhalm zur Hilfe nehme, mich aus unangenehmen Lebenssituationen zu winden, jeden Strohhalm, um die vielleicht fällige Entscheidung nicht treffen zu müssen, „einfach“ zu verschwinden. Wer sesshaft ist, macht sich angreifbar. Wer sesshaft ist, wird möglicherweise schnell ungerecht. Weil er oder sie anfängt, Territorien zu verteidigen. Das schreibt Monika Maron nicht. Das lese ich aus ihrem Buch „Munin“, und es gibt mir ganz schön was zu denken.

Deshalb bin ich aus allen Wolken gefallen, als ich von den Vorwürfen, Monika Maron liebäugele mit rechten Tendenzen, gehört habe, Rausschmiss inbegriffen. Ich habe nach „Munin“ keinen weiteren Text von ihr gelesen. Und ich weiß, dass man schnell im Denken (noch schneller im Fühlen) die Richtung wechseln kann. Aber mir fällt es sehr schwer, den Vorwürfen Glauben zu schenken. Ich will hier nicht unbedingt eine Diskussion eröffnen, es würde mich trotzdem interessieren, ob Ihr eine Meinung habt – oder mehr oder etwas anders wisst.

P.S. Ich merke schon jetzt, nach ein, zwei Stunden, wie schwierig es ist, darüber im Blog zu diskutieren. Es ist so komplex, ich antworte dann nur an einem Faden entlang, und das greift sofort zu kurz. Also vielleicht einfach nur Eure Kommentare. Ich halte mich mal zurück.