Kommen lassen oder einfordern?

Als Rheinländerin bin ich mit der Lokalweisheit „et kütt wie et kütt“ großgeworden. Auf englisch heißt das so viel wie „wait and see“, und gehört zu den Lebensregeln im Allgemeinen, nach der, wer zu viel fordert oder zu viel voraussieht, nicht nur zu viel Wind macht, sondern sich möglicherweise auch umsonst verausgabt.

Aber. Natürlich kennt jede Lebensweisheit auch ihr Gegenteil. Wer nämlich nix fordert, kriegt auch nix, oder nur, wer am lautesten ruft, wird gehört. Was also tun?

Im Beruf habe ich gelernt, laut zu rufen, oder zumindest, klare Ansagen zu machen. Vor allem, wenn ich etwas nicht will. Die zuverlässige Bank zu sein, d.h. die Mitarbeiterin, die jede Arbeit ordentlich abliefert, macht einen nicht unbedingt zur beliebtesten Mitarbeiterin. Eine Lektion, die ich allerdings nur mit Mühe begreife. Hier gilt es, sich die Perlen rauszusuchen. Denn nur, wenn meine Name mit Erfolg verbunden ist, strahle ich. Dagegen kommt kein noch so in letzter Minute noch gerettetes Projekt gegen an.

Privat – oder, um es zu präzisieren, in der Liebe – ist es oft anders. Je mehr ich etwas einfordere, desto eher bekomme ich es nicht. Ich habe mir schon überlegt, ob das Maß meiner Enttäuschung auch das Maß meiner falschen (weil zu hohen) Erwartung ist. Aber ich bin mir nicht sicher. Tatsächlich werde ich wahrscheinlich bei weniger Forderungen als stärker wahrgenommen, nicht unbedingt als „pflegeleichter“ wie ich befürchte, wenn ich diese selbstbewussten Zicken vor Augen habe, die von ihren Männern alles bekommen, nach dem sie im genervten Nörgelton verlangen.

Gut. Beruf und Liebesleben sind zwei verschiedene Welten. Dennoch finde ich es in beiden schwierig, das richtige Maß zu finden: Wo bestehe ich auf etwa, wo gebe ich nach oder verkneife mir sogar jede Forderung? Wie still wird noch als kompetent wahrgenommen, wie laut muss ich brüllen, um nicht vergessen oder unterschätzt zu werden? Einmal mehr ein schwieriger Drahtseilakt, und einmal mehr die Erkenntnis, dass eine Antwort alleine wohl nicht genügt. Und jeder Fall seine eigene Antwort fordert.

 

 

Sich unsichtbar essen

Das 2017 in den USA erschienene Buch „Hunger. A Memoire of (my) Body“ von Roxane Gay ist dieses Jahr in deutscher Übersetzung auf den Markt gekommen. Zeitgleich mit „Bad Feminist“, einem Buch, das Gay 2014 veröffentlichte, und das – so zumindest verstehe ich das Rosa auf dem Cover – mit einem Augenzwinkern hier noch einmal zitiert wird (da Gay sich als „schlechte“, weil unangepasste Feministin outet, die Rosa liebt, Hollywood-Kino und vieles Kitschige mehr).

Wer googelt, kann sehen, dass in allen Medien schon weitgehend alles zu diesem Buch geschrieben wurde. Und ich kann mich nur anschließen: Gays Buch ist wichtig, es ist mutig, weil es sehr persönlich ist und sich einem Gefühl widmet, das wir alle kennen und am liebsten meiden. Nicht dem Hunger, sondern der Scham.

Hunger hat zwei Gesichter. Das eine ist existentiell. Das andere auch. Während  Menschen essen, um ihren Körper am Leben zu halten, essen einige auch, um ihre Seele zu retten. Zu viel Hunger katapultiert sie aus der Normalität. Sie werden zu Außenseitern. Unsichtbar und unberührbar auf der einen Seite und skandalös auf der anderen. Wer isst, um sich vor Begehren zu schützen, oder überhaupt vor Erwartungen, wird zum Elefanten in jedem Raum: Riesig und dennoch ein Thema, das von allen gemieden wird. Denn ein dicker Mensch ist die personifizierte (Fremd-)Scham.

Roxanne Gay schreibt über diesen Hunger, sie schreibt über ihren Körper, ihre Scham, ihre Familie, ihr Schwarzsein, die Vergewaltigung und die Odyssee, die danach begann, weil sie eine Getriebene war mit einem Geheimnis, für das niemand Ohren gehabt hätte. Allerdings schreibt sie nicht linear. Und wenn auch vieles dafür spricht, dass sie anfing zu viel zu essen, um alles andere auszublenden und sich gleichzeitig ein Körpergefängnis aus Fett zuzulegen, nimmt sie nicht die Abkürzung einer bloßen Kausalität. Ihr Buch ist eine einzige Kreisbewegung, und es wird schnell klar, dass es nicht nur richtig und falsch, gut und böse, Opfer und Täter gibt. Denn so sehr sie sich ins Abseits bewegt, so aggressiv ist sie auch, so irrational ihre Entscheidungen scheinen, so traumwandlerisch folgt sie ihrer Begabung als Schriftstellerin. Sie stürzt kolossal ab, und macht gleichzeitig Karriere. Zumindest ist sie am Ende des Buches Professorin und Buchautorin – etwas, was Frauen mit deutlich weniger dramatischen Lebensläufen – und weniger Kilos auf den Knochen – nicht unbedingt hinbekommen.

Es geht immer um diesen verflixten Hunger, dem sie nicht beikommt. Sei es, weil sie seine Ablenkung braucht, weil sie ihren dicken Körper als Schutz behalten will oder einfach keine angepasste hübsche „everybodys Darling“-Person sein möchte. Übrigens ein Dilemma, vor dem man auch mit nur zwei oder drei Kilos zu viel steht, und das oft nicht zu lösen ist, weil der Trost eines leckeren Essens uns seit Urzeiten im Körper steckt und jede selbstbewusste Person auch immer mal wieder gerne gemocht wird.

Nein, ich will hier nicht behaupten, dass Roxane Gays Hunger etwas mit meinen kleinen harmlosen Knabberattacken zu tun hat. Ein Körper von über 200 Kilo Gewicht ist etwa, was ich mir bei aller Fantasie nicht vorstellen kann. Und insofern sind die Beschreibungen aus ihrem Alltag für mich wie Berichte aus einem anderen Universum (was um so erschreckender ist, als es sich ja bei ihrer und meiner Realität weitgehend um dieselbe handelt, auch wenn sie eben in Amerika und ich in Europa zu Hause bin).

Es geht um ihre Erfahrungen, um meine und die der anderen Leser/innen. Es geht um die Widersprüchlichkeit des Essens, des Hungerns, des Sich-Anpassens und der Revolte, es geht um Sprachlosigkeit sich selbst und anderen gegenüber, um (fehlende) Liebe, um Erwartungen, um Hass und Gewalt. Und obwohl in den meist nur ein bis zwei Seiten kurzen Kapiteln neben Erfolgen auch viele Rückschritte erzählt werden, hatte ich beim Lesen das Gefühl, dass es langsam doch „bergauf“ gehe. Roxanne hat Erfolg, sie verdient Geld, sie schreibt, sie unterrichtet an der Uni, sie versöhnt sich mit ihren Eltern, hat sympathische Partner/innen, allerdings ohne im Wesentlichen abzunehmen. Sie sagt: Das hier wird keine Erfolgsstory, denn am Ende des Buches werde ich immer noch dick sein. Für mich allerdings ist der entscheidende Moment des Buches weder das Dicksein, noch die Frage, ob oder wie sie es überwindet (und wenn eben nur im Kopf). Der entscheidende Moment ist das finsterste Kapitel des ganzen Buches, Kapitel 84. Hier beschreibt sie, wie sie den Typen, der sie als Kind vergewaltigte, via Internet verfolgt. Im ersten Moment versuche ich es noch mit Verständnis: Warum nicht? Warum nicht nachsehen, was aus dem einstigen Peiniger geworden ist, mit Schadenfreude sehen, dass er als langweiliger Spiesser lebt und ihm dabei die Pest an den Hals wünschen? Aber dann kommt der Satz, der mir beim Lesen den Boden unter den Füßen wegzieht:

„Ich frage mich, was er denken würde, wenn er wüsste, dass ich beim Sex nicht das Geringste empfand, wenn ich nicht an ihn dachte, und wenn ich dann an ihn dachte, war die Lust so intensiv, dass mir der Atem stockte.“ (S. 303)

Hier liegt für mich das Zentrum: Gewalt ist derart irrational, dass wir sie nicht bändigen können. Sie zerreißt und deformiert uns. Roxane Gay wird mir hier unheimlich. Aber keineswegs unsympathisch. Ein solches Geständnis abzulegen ist ungeheuer mutig. Doch obwohl es so intim ist, beschreibt es eine zutiefst menschliche Erfahrung. Die von einer endlosen Verstrickung in Schuld (Roxanne Gay spricht ausdrücklich vom „gordischen Knoten“), die nicht mal die eigene sein muss. Ein schwieriges und verstörendes Buch. Mit keinem Happy End, dafür mit einer versöhnlichen Lektion. Denn auch, wenn es nach Gewalterfahrungen keinen Frieden gibt, es gibt ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit. Zumindest für die, die unangepasst genug sind, auf Konventionen zu pfeifen.

Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

 

Alltägliches wieder neu sehen

Es ist schon verrückt: Kaum habe ich eine neue Kamera, sehe ich die Welt noch einmal neu. Als hätte das Gewicht in meiner Hand – und fast mehr noch das Geräusch des Auslösens selbst eine Magie, Dinge anders zu sehen. Allein die Farben! Und wenn ich jetzt verrate, das ich dieses Foto direkt neben einer mittlerweile wirklich stark befahrenen Straße in Kreuzberg gemacht habe, wird es auch kaum jemand glauben. Aber so – und das hat mich heute Nachmittag bei einem winzigen Pausenspaziergang um den Block wirklich getröstet – ist in jeder Handvoll Alltag im Grunde eine Menge Schönheit dieser Welt. Bestimmt nicht immer. Aber immer wieder.

Dienstreise II (Halle/Saale)

Manche Dienstreisen machen dann aber doch Spass. Vor allem, wenn man vorab schon einmal die Nase in eine im Aufbau befindliche Ausstellung stecken darf. So geschehen kürzlich im Kunstmuseum Moritzburg in Halle, wo gerade die große Sonderausstellung „Bauhaus Meister Moderne. Das Comeback“ eingerichtet wird. Direktor Thomas Bauer-Friedrich freut sich schon, 60 Bilder, die von den Nationalsozialisten verkauft wurden, können für die Dauer der Ausstellung wieder in Halle gezeigt werden, wo sie vor dem 2. Weltkrieg zu einer der drei modernsten öffentlichen Sammlungen in Deutschland gehörten. Eröffnung ist in einem Monat. Ich kann nur raten: Nix wie hin!

Schauen wie gedruckt

Ich hatte hier im Blog schon mal geschrieben, dass mich mit einem Mal (und noch gar nicht so lange her) Schwarz-Weiß-Fotografien interessieren. Nicht, dass ich sie nicht immer schon bei anderen, vor allem bei Profi-Fotograf/innen sensationell gefunden hätte. Aber ich traute mich einfach nie ran. Beziehungsweise: alles, was ich in schwarz-weiß fabrizierte, war ziemlicher Mist. Irgendetwas ändert sich gerade. Nicht, dass meine Fotos plötzlich deutlich besser wären. Aber mir scheint, ich habe jetzt endlich ein eigenes Gefühl für diese doch eher abstrakte Form des Fotografierens (kein Mensch sieht die Welt je in schwarz-weiß!) gefunden. Es ist eben jenes Pendant zu dem: „reden wie gedruckt“, also ein Blick, der etwas (für mich als der Fotografierenden) Wesentliches darstellt. Insofern also keine Schnappschüsse, wie ich sie mag und immerzu mache. Sonder Bilder, die mehr Grundsätzliches zeigen. Na. Mal sehen, was daraus wird. Und ob ich dran bleibe.

Den eigenen Gefühlshaushalt strukturieren

Wer schon seit der Kindheit aus eher konventionellen Beziehungsmodellen ausbrechen wollte, hat mit regelmäßigen Restrukturierungmassnahmen (haha) zu tun. Denn ein Verlassen des Üblichen verlangt unendlich viel Flexibilität: Wo nichts festgelegt ist, muss immer wieder nachjustiert werden. Für jede Gefühlslage braucht es einen neuen Ausdruck, für jeden Freund, jede Freundin eine eigene Balance.

Wobei. Das ist natürlich immer so: Auch in einer Ehe braucht es individuelle Maßstäbe oder Formen des Ausdrucks. Nur ist es natürlich so, dass offenere Modelle immer wieder die Frage erlauben müssen, ob Erotik eine Rolle spielt – oder spielen darf. Oder in welcher Form. Oder mit welcher Intensität.

Ich habe keineswegs ein größere Herz als – sagen wir, Freundinnen, die verheiratet sind. Im Grunde habe ich einen Herzensmenschen. Und im Grunde reicht der mir auch. Aber eben. Ich spüre sehr viel mehr Begehren, Liebe oder Zuneigung zu sehr viel mehr Personen als dieser einen. Es geht dabei gar nicht darum, alles auszuleben. Bei vielen Freunden bin ich extrem vorsichtig mit dem Zeigen meiner Zuneigung. Einfach weil ich denen nicht so ins Leben platzen will. Vor allem diejenigen, die in einer festen Beziehung leben, müssen gar nicht unbedingt von meiner Begeisterung wissen. Das finde ich auch gar nicht schlimm. Umgekehrt bleibt es immer wieder eine Gratwanderung, mit Gesten der Zuneigung oder sogar Zärtlichkeit angemessen umzugehen. Ich will nicht zündeln. Aber ich möchte großzügig sein. Gar nicht so einfach. Dafür aber enorm spannend.