Im Krater stehen

Es heißt, Perspektivwechsel seien die halbe Miete beim Bedenken von Problemen.

Sogar das Selbstbild wechselt mit anderen, ungewohnten Blickwinkeln. Ich hatte jedenfalls eine überraschend andere Selbstwahrnehmung, als ich am Samstag im Krater eines erloschenen Eifel-Vulkans stand.

Ich will damit nicht den Eindruck erwecken, ich sei mir ein Problem. Aber ich bin halt tagaus tagein mit meinem Erhalt beschäftigt… In einem ca. 10.000 Jahre alten Krater zu stehen, verschiebt die alltägliche Terminhetzerei bis zur Unkenntlichkeit. Was für eine – zumindest kurzfristige – Erleichterung!

Nicht hier, nicht da

Wer in das Haus seiner Kindheit reist, ohne dass noch Familie dort wohnt, macht eine Erfahrung, die – vor allem kurz vor dem Einschlafen – eine merkwürdige Verschiebung nach sich zieht. Erinnerungen, alte Gewohnheiten mischen sich mit der Gegenwart, ein altes Ich wird plötzlich geweckt, es befreit sich aus dem Chor der Vergangenen Stimmen und macht sich lauter bemerkbar. Es ist wie früher, aber es ist heute. Zudem hat dieses Früher viele Lücken, Erinnerung ist weiß Gott nicht kohärent.

Und es ist auch nicht dieses nostalgische „weißt du noch?“. Es ist eher ein Anschlag, entweder als Verlust oder als mühsam abgeschüttelte Fessel. Aber es gibt auch echte Lichtblicke. Denn mehr noch als in Berlin entstehen hier in der Provinz Lösungen spontan. Man sieht sich, spricht, jemand kenn noch jemand anderen, und schon gibt es einen Plan. Wie ungeheuer erleichternd! Hier reichen drei Tage, wo ich in Berlin Wochen beschäftigt bin. Was für eine tolle Überraschung!

Hamsterrad oder Kreislauf des Lebens

Die erste Woche des neuen Jahres ist um und hatte für mich schon wieder alles dabei, was mich jahraus, jahrein beschäftigt.

Ich war guten Mutes gestartet – und am Donnerstag war die Luft schon wieder raus. Im Kopf ging das Warnzeichen an: „Red alert! Red alert? What went wrong?“

Heute kann ich schmunzeln. Warum ich gleich denke, etwas gehe falsch, wenn es nicht meinen Vorstellungen entspricht? Armes kleines Menschenkind: Schon wieder sortiere ich mein Leben nach Leistung und Scheitern. Ich hake To-Do-Listen ab und bin stolz auf noch mehr Häkchen an jedem Abend. Wehe, es werden weniger. Geht’s denn noch???

Na gut. Etwas ist dran am Abhaken. Denn ich mache nun mal Termin-Arbeit, da sind Häkchen ein guter Anzeiger für pünktliches Erscheinen. Und natürlich habe ich alte Häsin genug Puffer. Die Alarmanlage geht aber schon an, wenn nicht jeden Tag mehr, oder zumindest gleichviel abzuhaken ist. Hier stolpert mein System.

Ohne Pause keine Leistung. Ohne Scheitern kein Leben. Ohne Geduld kein langfristiger Plan. Ohne Zuversicht gar nichts.

Aber wenn das nur ein noch perfekteres Hamsterrad ist?

Vermutlich muss ich noch einmal neu tarieren. Und verstehen, dass Arbeit und Freizeit nicht die Gegensätze sind. Sondern Geldverdienen eine Notwendigkeit, die sich aus mehreren Fähigkeiten zusammensetzt (eben auch, sagen wir, sparen, sorgsam mit Ressourcen umgehen, sich umschauen), während Arbeit auch Lebensinhalt ist, und nicht nur in bare Münze umzurechnen.

Immer und immer wieder dreht sich dieses Rad neu. Ist ja gut, wenn ich gleich im Januar die Betriebseinstellung neu justiere. Insofern: Ahoi! Allen einen guten Start in die Woche!

Ach ja, und noch was: Es darf auch mal eine Weile alles richtig schön schief gehen: Herzlich Willkommen!

Anders sein

ist vielleicht die größte Sehnsucht heutiger Menschen. Wir verstehen das „Andere“ in diesem Sinn als das „Eigene“, rechnen es unserer Identität an, unserem eigenen, unverwechselbaren Fingerabdruck.

Aber: Alles ist immer anders. Jeder, jede und jedes. Warum darauf „Eigenes“ bauen?

Deleuze weist darauf hin, dass wir, indem wir diese Unterscheidungen formulieren, unsere Identitäten schaffen. Nicht die Unterschiede selbst sind demnach Identität, sondern das Benennen des Unterschieds.

Identitäten zielen auf Hierarchien. Vielheit hingegen hat weder Zentrum noch Ursprung. In diesem Sinn: Ein frohes Neues Jahr!

Nächster Halt: Neues Jahr

Jetzt ist es wieder fast soweit, die Lebensreise nähert sich der nächsten Station: 2026. Sachen zusammensuchen, schnell noch den Müll wegbringen, Krönchen richten, Mantel anziehen. Die Karte ist gelöst: Alle aussteigen.

Jedes Jahr um diese Zeit befällt mich um diese Zeit eine merkwürdige Mischung aus Melancholie und Aufbruchsstimmung wider aller Müdigkeit. Wäre doch gelacht! Das nächste Jahr wird besser, unbedingt. Denn wozu alle diese Umwege machen, Fehler, Versehen, wenn ich nicht beim nächsten Lauf ein paar mehr Erkenntnisse und Erfahrungen aus dem Ärmel ziehen könnte? Wozu leben, wenn nicht ( – und es schaudert mich die Vorstellung, dass die Aufbruchsstimmung schwinden könnte).

Drei Blätter Papier liegen auf meinem aufgeräumten Tisch. Auf das eine kommen die Höhepunkte, auf das andere die Tiefpunkte des vergangenen Jahres. Das Dritte kriegt alles, was mir Neues über den Weg gelaufen ist. Zeugen sind alle Fotos, die ich im Laufe des Jahres gemacht habe. Und dann? Ein Plan.

Nein, kein Masterplan, keine Gebrauchsanweisung. Aber genau drei Wegweiser: Was werde ich anders machen, was werde ich gar nicht mehr machen und was werde ich schlicht und ergreifend beibehalten? Ich bin gespannt, was am 1. Januar auf den entsprechenden Zetteln stehen wird!

Wenn ich

mir vorstelle, dass ich nicht nur die bin, die ich bin, sondern auch die, die ich sein kann (nee, ganz ohne Optimierungsfantasie, nur so in Bezug auf Möglichkeiten), werde ich zuversichtlich. Vielleicht kann das auch eine Hoffnung in dunklen Zeiten sein: Die Welt ist immer auch mehr, als sie gerade ist.

Frohe Weihnachten an alle!

Einfach?

Was ist schon einfach? Nun. Seit es Versuche gibt, eine deutsche Erwachsenensprache so zu vereinfachen, dass Menschen damit zurecht kommen, die Deutsch noch lernen wie auch Menschen mit kognitiven Einschränkungen, liegt die Frage auch auf meinem Schreibtisch.

Die trostlose Erkenntnis: Die grundlegende Vorstellung besteht darin, die Texte so zu vereinfachen, dass sie ungefähr auf Erstklässler-Niveau sind. Die Idee: Wenn ich die Grammatik einer Textstruktur auf die Basics zurückfahre, wird es schon verständlich sein. Der Haken: Texte transportieren AUCH Inhalte. Es sind nicht bloß Strukturen.

Der andere Haken – den man vielleicht als „Luxus-Haken“ abtun könnte, der aber eine ebenso zentrale Rolle wie Inhalte spielt: Auf ein Struktur-Minimum heruntergefahrene Texte werden automatisch monoton. Als Hörtexte sind sie kaum mehr verständlich. Eine Stimme, die gleichförmige Sätze – l a n g s a m – artikuliert, wird leiernd und einschläfernd. Hässlich ist dafür gar kein Ausdruck.

„Einfach“ bedeutet in der Sprache nie schlicht, sondern relevant. Es geht nicht darum „Dummköpfen“ oder „Schlichten Gemütern“ etwas beizubiegen. Es geht darum, das zu sagen, was Wesentlich ist.

Und hier fallen fast alle Texte in „Einfacher Sprache“ durch. Sie sind durch die vermeintliche Vereinfachung inhaltlich häufig falsch. Oder noch unverständlicher als in „ausgeschriebener“ Erwachsenensprache. Sie sind fast immer eine Beleidigung für Augen und Ohren, was unverständlich ist, geht es doch darum, Menschen ans Lesen und Verstehen heranzuführen. Und es ist geradezu niederschmetternd, wenn wir uns überlegen, welches bizarre Menschenbild dahinter steht.

Um so schöner, wenn es auch mal einen schönen Text zu lesen oder zu hören gibt. Und die frohe Nachricht: Wir können an guten Beispielen lernen! Advent, Advent!

Depressionen?

Gerade im Winter wird ja gerne die Diagnose „Winterblues“ oder „Winterdepression“ hervorgeholt. Es gibt Menschen, und ich gehöre leider auch dazu, die einen grauen Himmel plus Regen oder kalte Temperaturen als echten Stimmungskiller erleben. Dazu muss ich sagen, dass ich graue Himmel im Grunde sehr gerne haben, und zum Beispiel bei über 20C° richtig liebe. Aber im Berliner Winter können sie mir schon ganz schön zu schaffen machen: Die Aussicht auf einen grauen Tag bei Temperaturen um die 0 C°: Auweia! Wirklich aufstehen???

Keine Sorge! Ich habe eine sensationelle Deckenlampe, die eingeschaltet, mein Zimmer wie mit Sonnenlicht flutet. Insofern bin ich da schnell raus. Dennoch kenne ich das Gefühl, morgens schwer und mutlos zu sein, und den Wunsch zu haben, die Augen einfach wieder zu schließen. Und natürlich dachte ich lange an depressive Episoden, wenn es mir mal wieder so ging.

Gerade lese ich von Helene Bracht „Das Lieben danach“. Es geht in diesem Buch um eine Missbrauchserfahrung in der Kindheit, und die Frage, wie es nach einem großen Vertrauensbruch in frühen Jahren überhaupt möglich ist, ein solides Leben zu führen. Missbrauch ist ein weiteres Feld als sexuelle Übergriffe. Viele Kinder so genannter „Kriegs-Kinder“ haben Erfahrungen mit kalten, abwertenden Eltern. Wer zum Beispiel immer getadelt wurde, weil einfach nichts gut genug in den Augen von Vater oder Mutter war, mag als Erwachsene*r vor Herausforderungen eher in die Knie gehen, statt voller Tatendrang eine Lösung zu suchen. Helene Bracht formuliert das so:

An Vertrauen (auch in sich selbst, S.J.) kommt keiner vorbei. Auch die nicht, die Kontrolle für besser halten. Vertrauen ist als Investition in ein gedeihliches Miteinander unvermeidbar. Kein Handeln, keine Interaktion ohne Risiko. Wir müssen früh lernen, was wir wagen können und wovon wir lieber Abstand nehmen sollten. (S. 162)

Und sie beschreibt, wie so ein Vertrauensbruch als Defekt weiterlebt, oft nicht als gesteigertes Misstrauen, sondern als Vertrauen in immer wieder solche Menschen, die das in sie gesetzte Vertrauen verraten. In diesem Zusammenhan zitiert sie auch Niklas Luhmann, der gesagt hat, wir könnten ohne Vertrauen morgens nicht einmal das Bett verlassen (S. 161).

Genau hier hatte ich ein Aha-Erlebnis. Denn mit den psychologischen Einschätzungen ist man beim Winter-Blues bei einer Einschränkung: Du hast eine depressive Episode, das heißt, du bist nicht ganz auf der Höhe deiner Möglichkeiten. Wenn ich mit Bracht/Luhmann auf das gleiche Phänomen schaue, heißt es etwas anderes: Du hast eine schlechte Erfahrung in früher Kindheit gemacht. Es ist ganz folgerichtig, dass dich hier der Mut verlässt. Bingo? Denn in diesem Moment kann ich mich sofort anders entscheiden. Ich bin nicht defizitär, sondern in einer Perspektive, die ich ändern kann.

Nein. Ich möchte kein Psycholog*innen-Bashing betreiben. Ich verstehe aber, dass ich Diagnosen von Handlungen zu ungenau finde, um damit überhaupt umgehen zu können. Ich kann mir besser vorstellen, mit einem Vertrauensbruch fertig zu werden, als mit dem für mich am Ende zu abstrakten Begriff einer Depression. Wie geht es Euch damit?