Brüste

sind wahrscheinlich eines der Themen, über die fast nur subjektiv gesprochen und geschrieben werden kann. Entweder man hat sie oder nicht – übrigens, ohne gefragt zu werden und ohne Vorbereitung: Kaum ein Teil des Körpers wird nach wie vor mehr tabuisiert und gleichzeitig bis zum Übermaß gezeigt. Es gibt – soweit ich das sehe – eine regelrechte Besessenheit und ein ebenso heftiges Verdrängen – wer spricht schon über seine Brüste (außer vielleicht im Vergleich)? Was denn auch (von Brustkrebs hier mal ganz abgesehen)? Oder – mit wem?

Brüste gehören zu den „sekundären“ Geschlechtsmerkmale und sind zur Zeit wohl eher auch die einzigen, da Haare an welchen Körperstellen außer dem Kopf auch immer, ziemlich am Verschwinden sind. Brüste = Frau, so die verkürzte Gleichung – und eine heikle: für alle Betroffenen (Männer eingeschlossen).

Als Mädchen wusste ich bald, dass ich eines Tages welche haben würde. Es galt auch als ausgemacht, wie sie zu sein hätten, um als schön durchzugehen. Wie das vor sich gehen würde, wann sie kommen und wann sie „fertig“ sein würden, wusste ich nicht. Vergleiche waren trotz großer Freizügigkeit im Fernsehen und in der Werbung kaum möglich. Zu viel Scham damals noch und selbst meine Mutter wusste mir nur beizubringen, gepolsterte BHs zu tragen, weil kleine Brüste in ihren Augen minderwertig waren.

Ich weiß noch, wie ich als Mädchen den Reflex, meine Brüste in der Öffentlichkeit zu bedecken, erst erlernen musste. Wie überflüssig mir das vorkam. Wie nötig ich es heute finde, zumindest im beruflichen Kontext, weil mich Starren aufs Dekolleté nicht froh macht, sondern ärgerlich. Ich weiß natürlich nicht, welches Begehren ihr Anblick auslöst, dass sie meist isoliert betrachtet werden, gehört zu den Rätseln, die ich nicht lösen kann.

Ich hatte lange gar keine Beziehung zu ihnen. Sie waren halt da und waren weitgehend unproblematisch. Kein Thema. Wohl auch, weil ich keine Kinder habe. Auch heute fühle ich mich mit ihnen nicht weiblicher. Attraktiver vielleicht in einem grundsätzlicheren Sinn, denn sie haben sich gut gehalten – ein Vorteil des Kleinseins, den ich meiner Mutter leider nicht mehr mitteilen kann (ich glaube, sie hat sehr unter ihrer kleinen „Oberweite“ gelitten). Würden sie mir fehlen, wenn es zu einer Totaloperation kommen würde? Und fänden mich Männer ohne wirklich unattraktiver? Das sind natürlich nur Schattenfragen, auf die es von mir nur Schattenantworten geben kann. Andererseits kann ich mich sehr genau daran erinnern, wie wütend ich war, als während eines Trennungsstreits mein damaliger Freund nur auf meine Brüste schaute, statt in mein verärgertes Gesicht. Das war eine echte Demütigung.

Dass es mittlerweile BHs mit verschiedenen Körbchengrößen gibt, nehme ich – obwohl das doch selbstverständlich sein müsste – fast schon belustigt zur Kenntnis. Es wirkt neben allem Idealisieren und Optimieren wahnsinnig gut gemeint, und damit irgendwie putzig ehrlich (wie gesagt, es gehört „normal“, wirkt halt nur gar nicht so). Welche Erfahrungen habt Ihr? Und wie ist es möglich, über Brüste zu schreiben, ohne ins sexistische abzurutschen?

Kochen

Heute fand ich mich gleich nach dem Aufwachen in einen inneren Dialog übers Kochen verstrickt (keine Ahnung, was ich geträumt habe, noch weniger Ahnung, wann dieser Dialog anfing). Wie wichtig mir Kochen im Alltag ist, dass ich zum großen Glück da kein traditionelles Rollenbild in meiner Familie vorfand, aber wie mir das erst mit der Zeit überhaupt wichtig wurde. Der Reihe nach:

Meine Mutter konnte kaum kochen. Und auch ihre Mutter hatte sich in ihrem Leben (sie war tatsächlich berufstätig – und sogar, für eine Kleinstadt fast schon eine Sensation – im der benachbarten Großstadt, in Köln) vom Herd weitgehend – und tatsächlich erfolgreich – ferngehalten. Die Legende geht, dass das erste Essen, das meine Mutter meinem Vater vorsetzte, ein Haufen Nudeln war, die ihr aus dem Topf gequollen waren. Für Soße war in der Panik – wieso wird aus einer Handvoll Nudeln plötzlich ein Berg? – keine Zeit gewesen. Ihre Mutter wiederum soll täglich zu spät in die Küche gerannt sein, um den Kindern wenigstens irgendwas auf den Mittagstisch zu stellen. Wenn bei uns jemand kochte, war es mein Vater. Allerdings nur am Wochenende.

In der Schule war ich hochnäsig gegenüber den Mitschülerinnen, die sich fürs Kochenlernen entschieden hatten. Ich wählte als zweite Fremdsprache (Latein zählte irgendwie nicht als Sprache…) Französisch. Und obwohl meine Mutter nicht gerne kochte, durfte ich nicht in die Küche. Ihre Angst vor Unordnung war einfach zu groß. Auch während meiner Au-Pair-Zeit habe ich wenig gelernt, ich war nur ein sehr knappes halbes Jahr weg und durfte lediglich für die Kinder etwas zubereiten. Dennoch fielen hier meine ersten „eigenen“ Rezepte ab.

Im Studium lernte ich dann nebenher kochen. Das Mensaessen war mir meist zu salzig, außerdem lagen die Gebäude meines Hauptfaches ziemlich weit entfernt vom Campus, so dass es meist beim mittäglichen Butterbrot blieb (ach ja, in meiner ersten Zeit in Bonn hatte ich einfach zu wenig Geld).

Aber so richtig wichtig wurde mir das Zubereiten von Essen eigentlich erst, als ich (meist ältere) Frauen kennenlernte, die wie nebenher zu kochen schienen. Die in selbstverständlichen und präzisen Handgriffen die Zutaten vorbereiteten, alles ohne Hektik, aber zügig in die Töpfe und Pfannen brachten, die nötige Zeit im Kopf und in den Händen hatten, und nebenher diskutieren, lachen und auch noch spülen und den Tisch decken konnten. Das fand ich erwachsen. Und ziemlich cool. Vor allem, weil das fertige Essen gut bis sehr gut war.

Ich entwickelte keinen Ehrgeiz, blieb aber dran. Schließlich wollte ich einmal am Tag ein zubereitetes Essen und auch mein Geld blieb knapp, so dass ich selbst nach dem Studium das tägliche Mittagessen nicht zahlen konnte. Ich koche abends, und fast immer noch gerne, weil ich hier vom Kopf zurück in die Hände finde. Die Verwandlung von Zutaten in ein Gericht ist bis heute eine Überraschung, auch wenn ich mittlerweile viele Tricks kenne, und zum Glück meistens auch essbare Ergebnisse auf dem Tisch landen.

In die Welt kommen – das war das tägliche Kochen für mich. Keineswegs eine typische Frauenrolle oder eine Dienstleistung an Mann und Familie. Insofern habe ich Glück (sogar großes Glück) gehabt. Eine besonders gute Köchin bin ich nicht geworden, dafür aber solide und vor allem schnell. Und auch, wenn ich meist nur für mich alleine oder für zwei koche, kann ich Mengen gut abschätzen und vor allem die Zeit, die nötig ist, pünktlich fertig zu werden.

Kochen ist Teil meines Lebens geworden. Ein wichtiger Teil. Wenn ich nicht mehr kochen könnte, würde mir tatsächlich etwas fehlen. Gerade in harten Stresszeiten. Denn in der Küche komme ich immer wieder runter. Und beim Schnippeln, Garen oder Spülen sind mir schon beste Ideen in den Kopf geschossen. Und wenn die Lust mal unterirdisch ist, bleibt die Küche halt kalt. Wie damals, bei meiner Oma.

Alltag im Januar

Das neue Jahr, die Vorsätze, eine geputzte Wohnung, ein zartes Licht, das es so nur im Aufbruch gibt, den Kalender schon seit Urzeiten an den Beginn der heller werdenden Tage gelegt haben: Ein neues Jahr, ein neues Glück. Obwohl wir es wahrscheinlich alle besser wissen.

Ich habe im Januar Geburtstag. Deshalb doppelt sich für mich der Aufbruch. Auch wenn ich es hier einmal mehr besser weiß. Aber Zahlen spielen eine Rolle, wenn vielleicht nur eine symbolische. Ein Jahr älter zu werden ist ein Maß für gemachte Erfahrungen. Das ist das Jahr, in dem ich, du, er, wir… In diesem Sinn sind Jahre in etwa die Kilometerzahl des Lebens: hört mal, das alles habe ich schon erlebt.

Neujahr ist für mich also so ein Tag, wo – spätestens – die Frage im Raum steht: Geburtstag feiern oder nicht? Wer eine kleine Wohnung hat und im Januar geboren ist, muss strategisch denken. 10 Wollmäntel oder Anoraks sind bereits eine logistische Herausforderung. Auch wenn man längst ein Improvisationsprofi geworden ist. Also, wie dieses Mal und wo? Klar, ohne Feiern geht es natürlich auch, den 50sten habe ich mir auf Reisen gegönnt. Es gab auch schon Geburtstage, die ich allein in Berlin verbracht habe. Ist jedoch nicht so mein Ding. Wozu habe ich Freund/innen?

Und obwohl der Dezember zu meinen Hauptarbeitsmonaten gehört, der Januar hat es meist auch ganz schön in sich. Ich klebe weitgehend am Schreibtisch und werde blass und blasser, da halfen bislang noch keine guten Vorsätze. Doch, gelegentlich mache ich mich schon auf den Weg, auf die Pirsch sozusagen, denn ich bin eine notorische Schnäppchenjägerin. Und auch wenn es offiziell keinen Winterschlussverkauf mehr gibt, ab dem 1. Januar purzeln die Preise, und ich habe immer einen großen Rucksack dabei. Nein. Nicht alles. Haushaltswaren und natürlich das diesjährige Geburtstagsoutfit. Ich shoppe gerne. Und die gute Laune hält gerade im Januar länger an, als Konsumforscher/innen sich das vorstellen können.

Der Januar ist der Monat der Pläne: ein leerer Kalender hängt an der Küchentür, ich überlege, was ich schon immer mal machen wollte, was getan werden muss, wo die festen Termine liegen, Feiertage meist, Todestage oder Geburtstage von Freund/innen. Komischerweise assoziiere ich den Januar weniger als Wintermonat. Das liegt vielleicht daran, dass der Winter hier in Berlin meist erst im Februar richtig loslegt. Im Januar regnet es, grau ist die durchgängigste Wetterfarbe, dennoch würde ich „Licht am Horizont“ als Schlagwort für meine Tage im Januar wählen. Ansonsten? Viel Kaffee, dicke Socken, ebenso dicke Pullover, Handschuhe. Viel heißes Essen aus dem Backofen. Bratäpfel, Bratäpfel, Bratäpfel. Eine dicke Kiste Sekt von meinen Winzerverwandten an der Nahe. Wenn schon auf das neue Lebensjahr anstoßen, dann doch bitte mit dem eigenen Namen auf dem Etikett (haha). Geschenke bekommen!!! In Ausstellungen gehen (im Januar fällt mir meist wieder auf, wie viel Berliner Museen zu bieten haben). Fahrrad generalüberholen lassen. Doch, es ist eine generelle Freude, in die nächste Runde zu kommen. Was im Grunde an jedem einzelnen Tag des Jahres der Fall ist.

Hier noch der Link zu Ulli, von der die Idee stammt, am ersten Wochenende des Monats über das so merkwürdige und gleichzeitig menschentypische Phänomen des Alltags nachzudenken: https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/01/05/alltag-3/

An einen Freund

Ein junger Autor ist ein Novize, nicht unbedingt ein junger Mann. Er ist neugierig, fahrig, manchmal nervös vor weißem Papier, spitzohrig. Lesen kann er. Auch laut. Denn Texte sind seine Lieder, deren Melodien er folgt, mit leisem Atem und zarter Zunge. Was denn? Ein Genießer!? Muss er nicht hartnäckig sein, mit Schwielen an den inneren Stirnwänden und Tränensäcken unter den müden Augen? Ein junger Autor ist alles und nichts, gerade mal ein Hauch, wer sich umdreht wird vielleicht Baustadtrat oder Rentner. Von jungen Autorinnen ganz zu schweigen, denn er ist sie und sie ist vielleicht überhaupt kein Mensch auf dieser Erde, es braucht Lässigkeit, Präzision und einen weiten Blick und noch dies und das – lege er sich einmal in Decken gewickelt ins weiße Zimmer und träume 30 Stunden einen Satz (nicht unbedingt den ersten). Er darf vor allem keinen Lieblingsbuchstaben haben. 

Als Novize läuft er nachts gegen die Wand. Und es ist oft Nacht. Er möchte alles richtig machen oder schlimmer noch, anders. Er zählt viel. Weil, was ist Erzählen anderes als über die Klippen springen, die Luft anhalten, fertig los! Er beschaut seine Finger, er streicht über das Papier. Wie schön und ohne Zukunft. Was könnte er wem abschauen? Haben denn Bäume je Bücher geschrieben? Und wie sitzt er richtig im Zug, als junger Dichter, oder im Park auf der Bank bei den Rosen? Braucht es Notizen? Skizzen vielleicht. Oder sammelt man Material wie leere Dosen nirgendwo hin, nur um Lärm zu machen. Alles, was du gesehen hast, es reicht nicht. Du musst zählen, balancieren, unermüdlich von dir absehen, blind werden. Jeden Tag dein Leben ändern, mindestens. Niemals vergleichen. Dennoch abschauen. Niemals wollen, aber festen Willen zeigen, Sehnsucht (die schmiegsame Schwester der Neugier) und Geduld, fest und lange genug zu schweigen. 

Ein neues Jahr

Noch ist es für mich jedes Mal mit einer gewissen Vorfreude und Neugier verbunden. Ein leerer Kalender liegt vor mir und möchte mit Ereignissen und späteren Erinnerungen befüllt werden. Mein Geburtstag, Karneval, Ostern, die Ferien, 52 Wochenenden, Sommeranfang, die Geburtstage meiner Freunde und Freundinnen, Konzerte (eine Karte für Ende Juni habe ich schon), Büro- und Hauspartys. Es wird auch schwierige Tage geben, der 10. Todestag meines Freundes Emanuel, der mich schon am Neujahrstag fassungslos machte. Am Horizont lauernde Arzttermine und andere Dinge, die man sich nicht gerne ausmalt, die aber im Paket mit drin sind.

Das Foto habe ich gestern im Büro gemacht. Da sieht es mittlerweile auch eher aus wie in einer Biosphäre als in einem Arbeitsraum. Der Kuchen war übrigens köstlich. Auch ohne Sahne…

Ich brauche jetzt mal gar nix

Wenn Alexander von Schönburg über Tugenden schreibt, ist klar, dass das Christentum dabei eine Rolle spielt. In diesem Kontext C.S. Lewis wieder zu begegnen war voraussehbar, hat mich dennoch überrascht und gefreut. Die Geschichten aus Narnia waren mein erstes Lektüreerlebnis: unsere Klassenlehrerin erzählte sie (ja, erzählen, nicht vorlesen) in meinem ersten Jahr am Gymnasium immer Mittwochs in der 6. Stunde. Und auch, wenn jetzt vielleicht ein großes Aufstöhnen folgt: die meisten Tugenden verdanken wir unserer Christianisierung. Also vielleicht nix für Leute, die stolz erzählen, dass sie keine Kirchensteuer zahlen…

Maß halten bedeutet die Wahl haben, und insofern Freiheit (wenn auch nur die kleine persönliche). Dabei geht es weniger um bloßen Verzicht. Die Balance zwischen gelegentlichen Exzessen und dem generellen Verzicht darauf, darin besteht die Kunst. Oder um es ganz simpel zu formulieren: Nie Kuchen ist auch keine Option. Der Punkt ist, und hier kommt Lewis ins Spiel, die falschen Freunde, die Obsessionen im eigenen Leben ausfindig zu machen: Wenn ich denke, etwas zu brauchen, den Liebsten, die jährlichen Ferien, das Glas Wein am Abend oder regelmäßig ein Kleid, ein Törtchen, ein was nicht noch, bin ich unmäßig in dem Sinn, dass ich meine Freiheit verliere. Ich hänge einer Sache, einer Person, einem Hund, einer lieb gewordenen Gewohnheit an, statt frei zu sein. Und das hat auch nichts mit Identität zu tun (ich bin die, mit dem Mann, dem Hund, der Gewohnheit), es ist schlicht eine falsche Idee vom guten, eigenen Leben.

Genießen, ohne den Genuss sofort für sich zu reklamieren oder eine Gewohnheit daraus zu machen. So würde ich das formulieren. Thomas von Aquin, um mit von Schönburg gleich noch einen Kirchenmann zu zitieren, hielt das Maßhalten-Können für den Kern einer gelungenen Lebensführung, für die, wie er es schön formuliert, „Entscheidungsmitte des Menschen“. Der theologische Hintergrund ist der, sich von der Liebe und damit dem Vertrauen zu Gott zu verabschieden, und lieber für sich selbst zu sorgen. Hier beginnt eine fatale Entkopplung des Einzelnen aus der Welt und damit das Ungleichgewicht, das ein egoistisches oder vielleicht nur auf Individualität geeichtes Leben ausmacht. Gott können alle streichen, die mit diesem Konzept nichts anfangen können. Wenn wir „Universum“ oder „Umwelt“ oder was auch immer hier einsetzen, ist es genauso wahr.

Soviel Wort zum Sonntag, in diesem Sinn zum Neuen Jahr oder auch Kommentar zu den guten Vorsätzen für 2019. Ich backe jetzt erst mal einen Kuchen…