Alltag ist,

wie Ulli schreibt (s. Alltag, eine Idee ), Wiederholung: Tag und Nacht, Ebbe und Flut, Jahreszeiten rauf und runter, meinetwegen auch eine Änderungsschneiderei. Wenn man es hoch hängen will, ist der Alltag die entscheidende Conditio Humana, wobei möglicherweise auch hier am Ende der Fortschritt seine Finger im Spiel hatte: je weniger zivilisiert, desto weniger Alltag. Oder: desto mehr Überraschung und desto mehr Improvisation. Die natürlich am Ende auch wieder Alltag wird. Wenn für den Höhlenmenschen ein Tag in unserem heutigen Alltag ein herzschlagbeschleunigender Abenteuertrip wäre (und erst umgekehrt!), gilt wahrscheinlich doch, dass die Automatisierung uns den Alltag immer bewusster macht. Erst wo wir uns gelegentlich langweilen, weil es mal wieder immer dasselbe ist (während unsere Vorfahren das Immergleiche als konkrete Bewältigung ihres Lebens wahrnahmen), oder uns schmerzlich bewusst wird, dass wir finanziell immer noch nicht in der Lage sind, uns diese Wiederholungsarbeiten von einem Dienstleister namens Putzfrau (usf.) erledigen zu lassen, können wir den Alltag schärfer ins Auge fassen. Deswegen gilt ja bei uns auch, dass Alltag „langweilig“ ist, und nur die Ausbrüche daraus, wie Ferien, Feste oder Reisen, spannend und in einem höheren Maß lebenswert.

In dem Sinn ist Alltag auch immer mehr Frauensache gewesen. Die Männer gingen immerhin auf Jagd, zogen in den Krieg oder zur Erforschung dorthin, wo noch kein Mensch war. Alltag ist in vielen Gesellschaften das Frauending, und insofern auch etwas, wogegen Frauen sich wehren, was ihren Ehrgeiz drückt, was sie zu überwinden wünschen. Aber das Kind bleibt im Bad, der Alltag lässt sich nicht eliminieren, selbst der Crew der Enterprise wird es auf ihrer Fünf-Jahres-Mission gelegentlich langweilig, da ist schon mal der Kaffeefleck auf der Uniform von James T. Kirk das einzige Ereignis an einem Arbeitstag (und nur im Film geht kurz darauf das eigentliche Abenteuer los).

Alltag ist also etwas, was bleibt. Auch wenn wir den Jackpot knacken, und uns – zumindest für ein paar Jahre – in die ewige Party verabschieden. Auch Party kann Alltag werden – sehr schnell sogar. Alltag ist in diesem Sinn eine Perspektive. Sehe ich nur das Immergleiche? Oder sehe ich die täglichen Unterschiede, die Nuancen? Mag ich das Immergleiche, als hilfreiche Basis für das, was sonst noch sein kann, oder macht mich die Wiederholung mürbe, so dass ich mich fühle wie der arglose Hamster, der läuft und läuft, ohne auch nur einen Zentimeter weiter zu kommen?

Alltag ist auch ein Zeitfresser, und zwar gleich in doppelter Hinsicht: Zum einen lassen mir Spülen, Einkaufen, Putzen, Haare waschen, Kochen, etc. weniger Zeit für freie, nicht an das „profane“, mir eigene Dasein gebundene Tätigkeiten (forschen oder feiern zum Beispiel). Zum anderen scheinen ja gerade diese Wiederholungen unsere Wahrnehmung von Zeit zu schrumpfen insofern wir, je älter wir werden, die Zeitspanne von Monaten oder Jahren als viel kürzer empfinden als jüngere Menschen.

Strategien, den unumgänglichen Alltag zu bewältigen, gibt es viele. Für mich ergeben sich darin zwei grundsätzliche Möglichkeiten: stoisch jeden Tag das Unvermeidbare abzureißen oder aber nach dem Besonderen im Gemeinen zu schauen. Die Klunker verpflichten sich dabei auf letzteres, also auf den genauen Blick aufs Einerlei oder (im positiveren Licht) auf die Gewohnheit. Als Trekkie bleiben mir natürlich Zweifel bei binären Lösungen im Sinne von eben genannten James T.: „I want a third answer!“

Nostalgie

wäre noch die harmloseste Deutung, wenn man die neugestaltete Mitte Berlins – von weit weg kommend – deuten wollte. Eine Vision, die in eine Vergangenheit weist, statt – wir reden von einer Hauptstadt – nach vorne zu schauen, einen Stadtraum zu bauen, der den heutigen Bedürfnissen entspricht, und Möglichkeiten für die Zukunft öffnet. Wenn dazu noch das koloniale Kulturerbe in der haargenauen Rekonstruktion eines Hohenzollernschlosses gezeigt wird, läuft im Grunde ein Fass über. Oder explodiert vor lauter verpeilter historischer Bezüge.

Dass es auch anders geht, zeigt die Zentral- und Landesbibliothek Berlin in der Breite Straße. Von Protz keine Spur. Im Gegenteil: Hier wird eine eher karge Bibliothek mit verhältnismäßig wenig Mitteln zu einem Ort gemacht, an dem gelesen, gearbeitet, diskutiert wird. Hier schlafen Menschen, die vermutlich kein Obdach haben neben Leuten, die noch einen Kaffee trinken, bevor sie nach Hause fahren, die Zeitung lesen, Hausaufgaben machen, studieren. Oder sich mit Freunden und Freundinnen unterhalten. Die Räumlichkeiten sind nicht besonders repräsentativ, laden aber zum Verweilen ein. Offenheit wird hier angeboten, ich kann kommen, dasein, machen, was ich machen will, solange ich niemanden belästige.

Natürlich hinkt der Vergleich. Dennoch sind Bibliotheken und Museen nicht so weit voneinander entfernt, was ihr Angebot für die Nutzung durch ein – mehr oder weniger zahlendes – Publikum angeht. Halböffentliche Räume, die Begegnung oder zumindest ein freundliches, entspanntes Mit- oder meinetwegen Nebeneinander ermöglichen. Räume, die Zugang zu Wissen bieten, Räume auch, die Menschen, die keine oder wenig persönliche Ressourcen haben (Arbeitsräume, Netzzugang, Computer), Gelegenheit zu Bildung, Forschung und Beteiligung öffnen. Wir sollten das im Kopf behalten. Kultur ist kein Luxus. Wo Kultur Sache von Wenigen ist, gibt es schneller Konflikte als Han Solo schießen kann.

Wenn ich ehrlich bin. Ich hätte heute heulen können, als ich das „Schloss“ im fast fertigen Zustand gesehen habe. Ich halte es für einen großen Irrtum, und schlimmer, für ein Zeichen, das in die falsche Richtung weist. Und auch, wenn es wirklich ein hinkender Vergleich ist: die Zentral- und Landesbibliothek ist dagegen (und kaum mehr als einen Steinwurf entfernt) ein Hoffnungsschimmer. Immerhin…

Die Idee,

dass nur wir Lebenden an Allerheiligen und Allerseelen Kerzen für unsere Toten anzünden, ist vielleicht ein bisschen einseitig – dachte ich zumindest heute, als ich unterwegs zum Martin-Gropius-Bau war, um gleich zwei sensationelle Ausstellungen zu sehen (aber dazu später). Ein Himmel wie aus Gold.

Totenmonat November

Die Vorstellung von Allerheiligen und Allerseelen als Gedenktage für die Verstorbenen bekundet die Hoffnung, dass die Verbindung zwischen Lebenden und Toten nicht abreißt. Insofern können diese Feste auch mit einer ungeheuren Freude begangen werden. Ich stelle schon mal einen Prosecco auf den Tisch. Schön kalt. Ich möchte mit jeder/m von Euch anstoßen. Enjoy!

„Science-Fiction als Luxus-Gehirnfreiheit“

So formuliert es Dietmar Dath, obwohl – oder gerade weil – das Genre gemeinhin als Trash sowohl in der Literatur als auch (wenn auch weniger) im Film wahrgenommen wird. Science Fiction, war für mich schon als Kind eine Spielwiese für die tollsten Ideen, egal, ob wir sie (schon) realisieren können, oder nicht. Das zeigt, hier sind Kinder und Erwachsene (was selten der Fall ist) gemeinsam angesprochen, was irgendwie schon für sich eine tolle Freiheit ist. Hier kommt Wissenschaft – wie mir scheint – auch eigentlich wieder zu sich, oder zu der Lust an Kreativität und Vision, hier wird nicht nur nach Nützlichkeit und/oder Gewinn geschielt, sondern, indem die Fragen nach Machbarkeit ausgeblendet werden, paradoxerweise gerade über Machbarkeit und andere existentielle Aspekte erzählt, meinetwegen auch fabuliert. Jede/r ist angesprochen, über optimale Lösungen nachzudenken. Was das Genre in machen Fällen sogar zu einem Gegengewicht zur aktuellen Weltuntergangsstimmung macht. Womit ich nicht den Ernst der Lage in Zweifel ziehen will. Doch unsere Denk-Luxus-Freiheit liegt eben auch bei ernsten Fällen in der Fiktion. Was einmal gedacht wurde, hat  – so scheint es mir zumindest – bislang noch immer den Weg in die Realität gefunden.

Die hinreißende Tafel ist beim „vegetarischen Metzger“ in der Bergmannstraße zu sehen.

 

Ste-pha-nie

Wenn er meinen Namen sagt / Bedeutet er plötzlich etwas anderes / Dreisilbig / Als hätte ich ihn noch nie gehört.

P.S. Und so hatte ich meinen Namen bislang auch noch nicht gesehen. Eine Widmung des in New York lebenden japanischen Künstlers Kiyomitsu Saito: Danke!

 

Ein Jahr Genossin

Ein Jahr, das es für mich in sich hatte. Denn Politik ist mir nach wie vor fremd. Ich habe Berührungsängste und werde immer weiter damit konfrontiert, keinen Überblick zu haben, nirgends. Jedes Thema schlägt bislang in ein tiefes Feld von Ahnungslosigkeit ein. Noch kann ich bloß Anwesenheit bieten, wo andere Ideen haben, Diskussionen führen und sich engagieren. Ab und zu mache ich auch Sachen, die mir eigentlich zu viel sind, so dicke Freizeit habe ich nicht, um mich mit Problemen größer als Hochhäuser zu beschäftigen. Im Ernst. War es das, was ich erwartet habe?

Im Grunde schon. Denn ich ahnte, dass Politik – auch an der Basis – anstrengender ist, als gedacht. Frisst Zeit, kostet Nerven, verlangt Geduld. Bietet aber auch eine Menge neuer Gesichter, darunter kluge Köpfe, sympathische Personen allen Alters, ganz neue Perspektiven, mehr Einblicke in große und kleine Zusammenhänge. Es öffnen sich immer wieder Möglichkeiten, Haltung zu zeigen – oder vielleicht erst einmal zu probieren. Über Dinge nachzudenken. Gibt es zum Beispiel Gerechtigkeit? Kann Solidarität helfen? Warum ist es um die Gleichstellung von Frauen nach wie vor so schlecht bestellt?

Ich lerne noch einmal neu, zu diskutieren, ich merke, dass fast alle Lösungen auf fast allen Ebenen unendlich kompliziert sind, bin davon oft wie erschlagen, entmutigt. Ich überlege jetzt eher, ob ich was tun kann, statt mich aufzuregen. An der Stelle hat sich dann doch was verändert, weil ich mich nicht mehr so ohnmächtig fühle. Manchmal gibt es auch Nachrichten, die richtig glücklich machen, heute zum Beispiel:

Die bislang überzogenen Krankenversicherungs-Mindestbeiträge für Selbständige sind gekippt. Das von Krankenkassen bisher veranschlagte – fiktive – Monatseinkommen von 2284 Euro, aus dem sich der ebenfalls monatliche  Beitrag von etwa 400 Euro ergab, ist um die Hälfte gesenkt, und in letzter Minute noch auf den Mindestbemessungssatz von 1038,33 Euro festgelegt worden. Damit liegt der Beitrag jetzt auf bezahlbaren 160 Euro. Hurra!

Kommt spät, und gehört zu den Dingen, bei denen ich mich immer gefragt habe, wie es zu einer so weit an der Realität vorbei rauschenden Regelung kommen konnte. Ist aber jetzt Kaffee von gestern, und auch, wenn ich daran in keinster Weise beteiligt war, freue ich mich, weil damit vieles für viele Leute besser wird.

Olof Palme ist übrigens auch manchmal bei unseren Sitzungen – d.h. bei denen, die im Saal 1.38 stattfinden. Das Foto hat mich umgehauen, obwohl ich Palme weder dringend sympathisch noch dringend schön finde. Eher beeindruckend fremd. Gemacht hat es der Fotograf Joseph Heinrich Darchinger im Jahr 1981.