Mein Favorit

für den diesjährigen Deutschen Buchpreis steht schon fest. Auch wenn ich gar keine Zeit hatte, auch nur einen der in der Shortlist angelangten Bücher zu lesen. Ich war heute Nachmittag im Aufbauhaus und habe in der dortigen Buchhandlung diesen tollen Reader (UMSONST!!!) gesehen. Mir schnell noch einen Kaffee besorgt und dann tatsächlich Zeit gehabt, in alle Texte reinzulesen. Ein großes Vergnügen. Und, ach so, ja, mein Favorit ist Bov Bierg: Serpentinen. Und Ihr so?

Leben ist Utopie

Dieser Gedanke ist für mich in verfahrenen Situationen der Ansporn, nach vorne zu denken, mir auch unbequeme oder unkonventionelle Lösungen zu erlauben. Georges Perros schreibt:

„Alors, l’utopie, c’est de se prendre ein main, de se vouloir libre.“

Sich selbst an die Hand nehmen, sich selbst frei wünschen (und dorthin führen).

Georges Perron: papiers collés III, Paris 1978.

Das sieht exotischer aus,

als… – oder wer erwartet solche Reisefotos aus Tübingen?

Ich habe drei schöne Tage in der kleinen Stadt am Neckar verbracht, um „meinen“ Hölderlin, ein Buch über den Dichter und einige seiner Gedichte in Einfacher Sprache, dort vorzustellen.

Was mich wirklich angerührt hat, dass der letzte Teil meiner Lesung in Hölderlins Turmzimmer stattfand. Was für ein Geschenk!

Na toll …

Zur nicht funktionierenden Waschmaschine gesellt sich seit gestern Abend der Ausfall von warmem Wasser. Hinter meinem Rücken höre ich ein fast schon infernalisches Gekicher:

Diese Großstädterinnen… fangen zu flennen an, wenn keine Waschmaschine und …

Hör‘ mal, ich flenne nicht! Ich merke nur, wie schnell ich ausgebremst werde, wenn nicht alles so funktioniert, wie vorgesehen.

Das sollte gleich mal öfters passieren. Findest Du nicht?

Hm. Theoretisch schon. Praktisch, och nö. Ist so, als wenn plötzlich die Farbe weg ist.

Weichei!

Besserwisser!

hihihihii

Dann gehe ich jetzt eben laufen. Wenn mir heiß ist, kann mir eine kalte Dusche nix mehr anhaben.

Na also!

Ruhe jetzt! Geht woanders weiter kichern. Man, man, man…

Dornröschen

Eine Schönheit ist sie nicht – unsere Hofmauer, die seit mehr als einem Jahrzehnt wieder ans Licht gekommen ist. Aber, seufz, sie ist wieder da!

Ich kann mich noch – wenn auch nicht wirklich gut – an den Tag erinnern, als Handwerker in den Hof kamen und gelbstichige Holzpaneelen vor die Backsteinmauer schraubten. Ich dachte, ich traue meinen Augen nicht. Da stand eine Mauer, und plötzlich war da eine abwaschbare Oberfläche. Wer braucht das denn? Vor allem: Auf eine Skala von 0 (prima) bis 10 (abscheulich) war die neue Lösung mindestens eine 14. Und das Schlimmste: Nix zu machen. Das Ding war dran, bevor man irgendwen von der Hausverwaltung auch nur ans Telefon bekam.

Ich musste mich arrangieren. Morgens fiel mein erster Blick auf senfgelb. Und wenn es sehr sonnig war, blendete diese glänzende Oberfläche ganz schön. Das Grauen hatte ein Ende. Ohne dass ich wirklich nochmal damit gerechnet habe. Den gelben Bauschaum knibbele ich in meinen Arbeitspausen ab. Eine Stahlbürste habe ich auch schon besorgt. Was soll ich sagen – ich freu mich!

Da staunt der Nachbarshund

und ich erst. Niemals würde ich joggen gehen. Dieser Satz gehörte bis vor kurzem zu meinem persönlichen Identifikations-Baukasten. Ich laufe nicht. Das stimmte auch. Ich sagte das in einem Ton zwischen Trotz und Resignation. Denn ich konnte es wirklich nicht. Zu laufen, war, als müsse ich mich durch eine Welt bewegen, in der die Luft plötzlich fest geworden war. Ging ich, war alles luftig. Aber sobald ich zum Laufen ansetzte, wurde nicht nur mein Körper schwer und schwerer. Sondern die Luft zu so etwas wie Pudding: Kaum durchzukommen. Es hatte also keinen Zweck. Nicht, dass ich es nicht hin und wieder versucht hätte. Wie konnte etwas so schwierig sein, was andere scheinbar mit Leichtigkeit hinbekamen? Ich habe mir sogar vor vier Jahren Laufschuhe gekauft. Aber auch mit denen wurde das Unterfangen nicht einfacher. Letztes Jahr gab es dann eine Überraschung. Am endlos langen Strand vor Los Angeles. Die Luft war klar und es ging ein kühler Wind. Die Sonne schien. Und ich ging an der Wasserlinie des Ozeans, da wo die Wellen auslaufen und die kleinen Wasserläufer ihrem Tagesgeschäft nachgehen. Wer weiß, ob es die Vögelchen waren? Ich begann zu laufen. Und es geschah etwas Unvorhergesehenes: Mein Körper wurde nicht schwerer. Die Luft blieb luftig. Ich lief. 100 Meter, 200 Meter, 300 Meter, ich blieb mal vorsichtig stehen: Träume ich? Ich lief weiter. Immer noch keine Schwere. Nanu! Ich bin ein vorsichtiger Mensch. Ich wollte mir die Illusion nicht nehmen. Nach einem zögerlichen zweiten Versuch zurück in Berlin – es ging ganz o.k., aber längst nicht so einfach, wie am Pazifik, ließ ich die Sache auf sich beruhen. Dass ich trotzdem jetzt mit dem Joggen angefangen habe, liegt daran, dass die Schwimmbäder nicht, und dann nur sehr beschränkt geöffnet hatten. Und dass sich daran vermutlich in der nächsten Zeit nichts ändern wird. Ich brauchte also dringend eine Alternative. So viel: Eine geborene Läuferin bin ich nicht. Aber drei Kilometer am Morgen bekomme ich leidlich hin. Und ja, langsam fange ich sogar an, diese Läufe zu genießen…

Da sitzen sie nun

Der Baum vor meinem Fenster wurde vorgestern gefällt. Schlimm genug – obwohl ich die Entscheidung verstehe: Er wurzelte in einer sehr schmalen Mauer, sehr kippelig, und wuchs, wie gesunde Bäume das nun mal tun. Die Gefahr, dass er bei einem der zukünftigen Stürme in den Hof stürzen könnte, war zumindest gegeben. Besonders mochte ich sein „Winken“. Er hatte so lange Rispen-Blätter, die sich zum Sommer hin wie Palmwedel auswuchsen. Und jede leichte Brise wurde mit einem huldvollen Fächeln beantwortet. Auf diese Weise hatte ich tagsüber bewegte Lichtspiele in meiner Wohnung. Jetzt knallt die Sonne. Doch, die Helligkeit ist für mich schon ein Vorteil. Ich habe also ein lachendes Auge. Aber die Spatzen, die am Abend nach dem Abtransport des Baumes ratlos auf dem Zaun saßen, ach… zum Glück wohne ich gleich vor einem Park. Sie werden also eine neue Wohnung finden.