Panik

Gelegentlich packt sie auch mich, die Panik. Gerne beim Einschlafen, aus heiterem Himmel, obwohl Pan eigentlich in lauen Lüftchen während der Siesta auftaucht, aber wo keine lauen Lüftchen, fackelt er offensichtlich nicht lange. Immerhin: Der Moment des Einschlafens ist ein heikler. Wir lassen langsam los, die Kontrolle fährt runter, wir gleiten in den Schlaf und – ZACK! Der Schreck steht einem mannshoch vor Augen.

Ich habe solche Momente zu oft erlebt, um mich nachhaltig zu erschrecken. Allerdings ist es mühsam, wenn dieses Gefühl sich durch die ganze Nacht schleicht und alle Träume begleitet, wie oft ich auch wach werde und die die bedrohlichen Gedanken beiseite schiebe.

Dennoch weiß ich: Die Panik ist vor allem eins: Panikmache. Sie ist möglicherweise ein Indikator dafür, dass etwas schief läuft. Aber sie ist keineswegs schon ein Beweis dafür. Mir fällt ein, was ich letzte Woche erlebt habe, als ich bei einer Alzheimer-Gruppe zu Mittag gegessen habe (das ist die Gruppe, in der auch meine Mutter betreut wurde, mein Vater hält nach wie vor freundschaftlichen Kontakt zu den Mitarbeiter/innen):

Neben mir saß eine Frau, die schon sehr weit in der Krankheit versunken war. Sie konnte gerade noch mit der Gabel essen, zerfledderte jedoch die meiste Zeit ihre Serviette, was ich von meiner Mutter noch zu gut kannte. Plötzlich erstarrte sie. Sie fragte, warum ihr Mann sie nicht abholen komme. Die Betreuerin antwortete ihr, dass es noch zu früh sei, ihr Mann aber sicher schon auf dem Weg. Ich konnte regelrecht sehen, wie sich die Panik in dieser Frau festsetzte: Mein Mann hat mich vergessen, lautete ihre Botschaft. Die Frau hörte auf zu essen und saß apathisch am Tisch. Auch als ihr Mann kam, rührte sie sich nicht. Es schien sogar, dass sie ihn gar nicht erkannte. So sehr war sie in ihre Panik verstrickt.

So schrecklich dieser Moment war, so klar steht mir vor Augen, was Panik tatsächlich ist. Etwas, das in mir entsteht – und nicht das, was tatsächlich ist. Das macht die Sache nicht angenehmer. Bewahrt mich aber hoffentlich vor überhasteten Schritten…

 

Ich sehe was… – nicht

Ich erwarte von Blockbustern eigentlich keine großen Erkenntnisse, zumal, wenn ich sie schon das dritte oder vierte Mal ansehe. Zum 20jährigen Jubiläum habe ich mir gestern noch einmal den Film „Matrix“ angeschaut. Ich mag ihn und denke, er hat die Zeit trotz fortgeschrittener Technik gut überstanden. Der eigentliche Punkt lag dann auch nicht in dem, was dort gesagt oder getan wird, es war viel erstaunlicher: Ich hatte offensichtlich den Film nie wirklich gesehen.

Es gab nicht nur ganze Passagen, die ich wirklich gar nicht erinnern konnte, sondern auch Zusammenhänge, die – ich muss das betonen – im Film laut und deutlich ausgesprochen werden, die ich vollkommen überhört haben muss. Drei oder vier Mal!

Keine Ahnung. Ein Erklärungsversuch: Möglicherweise habe ich den Film stets mit Untertitelung gesehen und war mit Lesen beschäftigt, wo ich hätte zuhören sollen. Das ist sogar relativ plausibel, weil zumindest die DVD noch auf Untertitelung eingestellt war, die ich dann ausgeschaltet habe.

Aber mir wurde mit einem Schlag auch klar, dass bei Filmen offensichtlich etwas ähnliches passiert, wie beim Lesen von Romanen: man liest, sieht, versteht nur das, was einen gerade dringend interessiert. Und das kann sich bekanntlich im Laufe des Lebens ändern. Das Ulkige an der Sache: Ich war fast schon euphorisch. Es war so, als würde ich eine Lektion bekommen, die sonst eher theoretisch daherkommt: Leben bedeutet Erfahrung. Der Blick ändert sich. Ich ändere mich. Und es gibt – zumindest hier und da – einen Zuwachs. Hipp Hipp Hurra!

 

Gartenarbeit

Wer eine Reise tut – selbst wenn es nur eine Reise in die eigene Kindheit ist – sieht die eigene Alltagswelt – wenn auch vielleicht nur ein, zwei Tage – mit anderen Augen. Wie klar ist mir zum Beispiel geworden, dass ich keinen Garten habe, beziehungsweise, dass ich wahnsinnig gerne einen hätte.

Das Foto zeigt den Ausschnitt des ehemaligen Rasens in meinem Eltern-Garten. Wo einst Gras war, sind heute vor allem Moos und – Sensation! – Veilchen. Die eigentliche Arbeit jedoch liegt braun dazwischen: Bucheckern vom letzten Herbst und Tannen-Samen, die aussehen, wie präzise designte Flugapparate (mit sacht nach unten gebogenen Flugflächen).

Und falls noch jemand nicht begriffen hat, wozu die Natur den Aufwand treibt, versuche mal, die Bucheckernhüllen und die Tannensamen aus dem Gras zu klauben. Die Dinger krallen sich regelrecht fest. Wer ordentlich arbeiten will, muss sie per Hand aus dem Grün pflücken. Und ja, obwohl das mühsam ist und der Rücken schreit, macht mir das Spass. Weit bin ich nicht gekommen, ich hatte zwischen verschiedenen Terminen immer nur eine Stunde Zeit oder zwei. Aber doch, ja, einen Garten würde ich mir doch wünschen. Mal sehen, vielleicht ergibt sich ja was…

Klar sehen

Wenn ich in meine Kindheits-Heimat fahre, bleiben Erinnerungen nicht aus – um es vorsichtig zu formulieren: Tatsächlich werde ich von alten Bildern, Geschichten, Gerüchen geradezu bombardiert.

Die lange Bahnfahrt zurück gab mir gestern Gelegenheit, über einige davon nachzudenken. Ich kam an den Punkt, an dem ich mich – mit 18 oder 19 gegen ein „konventionelles“ Leben, also das mit Familie und eigenem Besitz, entschieden habe. Und mir steht wieder vor Augen, was ich lange, lange völlig vergessen hatte. Die Alternative hieß: Kunst.

Die einen

sehen drei Barock-Damen im Park (mit Schloss im Hintergrund), die anderen sehen drei Eierwärmer… – und am Ende haben alle ihren Spass!