Ich sehe was

Je älter ich werde, desto mühsamer wird es mir, in Ausstellungen zu gehen. Das wäre nicht weiter schlimm, wäre ich nicht Kunsthistorikerin. Aber klar, als ältere Kunsthistorikerin weiß ich auch, Dinge ändern sich – manchmal sogar zum besseren hin.

Um doch in Ausstellungen zu gehen, erlaube ich mir, auf alles Vorwissen zu verzichten, wenn es geht, nicht mal den Flyer zu lesen, keine Raumpläne, keine Beschriftungen. Einfach nur gehen und schauen.

Klappt nicht so oft. Die Beschriftungen in Museen scheinen immer größer zu werden, oder sich anderweitig immer breiter zu machen. Ich arbeite selbst in dem Geschäft, will also nicht zu laut meckern, aber ja, da steht man dann im Wald und sieht Bäume. Oder gar nix. Selten, dass mal auf Beschriftungen verzichtet wird, wie neulich in der Lübecker Petri-Kirche. Wo es mir dann prompt gut gefiel.

Und dann sehe ich was.

Die geziemende Größe von Gedanken

Oder wie meine Sportlehrerin gerne sagte: Erst denken, dann reden… Und wenn man sich Sprache als etwas vorstellt, dass den Angesprochenen einen kleinen Schubs gibt, also etwas bewirkt, sollte man sich vielleicht doch mal wieder über die Größe des Gesagten Gedanken machen (darüber gedacht und geschrieben hat Alexander Gottlieb Baumgarten im 18. Jahrhundert).

Beim Beschreiben von Kunst, aber auch von Erlebnissen, ist Größe, oder zumindest Präzision und Genauigkeit gefragt. Heute neigen wir vielleicht eher dazu, eine knappe Beschreibung, quasi als Vermessung des Gegenstandes, zu geben, um dann, in einem zweiten Schritt Größe zu produzieren. Also das Gesehene, Erlebte in etwas Erwähnenswertes zu transformieren. Wir fragen: Was sehe ich? und dann: Ist das, was ich sehe, schön, groß oder abscheulich?

Ich denke gerade, wer liebt, möchte immerzu Größe erzeugen. Oder vielleicht eher: Überfluss. Überfluss dieses Mal nicht als Verschwendung, sondern als Ausnahmezustand (+ Freude an der Fülle) der Existenz.

Mit Anlauf ins Stadtschloss

wobei Stadtschloss ja schon halb gelogen ist, aber Humboldt-Forum will ich auch nicht sagen: Die armen Jungs!

Also, nach einer dicken Portion Eis mit noch mehr Sahne in der warmen Berliner Oktober-Sonne bin ich dann endlich mal rein. Autsch, autsch, autsch. Wobei, doch, das Personal da macht volle und tolle Arbeit. Sie stehen alle paar Meter im Foyer und fangen verwirrte Ankömmlinge auf, um sie in die vorgesehenen Richtungen zu schieben. Ohne wäre ich wahrscheinlich sofort umgekehrt.

Zur gediegenen Hässlichkeit des Ganzen will ich eigentlich nix schreiben, außer dass es innen an vielen Ecken auch noch urst billig aussieht. Ich war dann nur in der Ethnologischen Sammlung – doch um die Verhältnisse sofort zu klären: Die enorme Warteschlange stand vor den Fahrstühlen zur Dachterrasse (umsonst und draußen und mit dem enormen Vorteil, dass von da das Schloss gar nicht zu sehen ist…)

In der Sammlung macht es sich vor allem durch Überdimensionierung bemerkbar. Die Ausstellungseinrichter*innen haben deshalb (wie ich vermute) viele Räume wieder eingehaust, also Räume in Räume gebaut, damit man nicht so verloren im gestaltlosen Hellgrau rumsteht. Der Rest ist mit Vitrinen eingerichtet, manche groß wie Schaufenster, mit dem Nachteil, dass sich dahinter kein Laden befindet, in dem die Schönheiten aus der Auslage zu kaufen sind.

Ich fühlte mich wie im Bahnhof, die ganze Atmosphäre hat mir nicht gefallen. Ich werde sicher noch einmal hingehen, und mir in Ruhe alles anschauen. Um ein besseres Urteil zu finden. Ich erinnere mich allerdings noch lebhaft an die Präsentation in Dahlem. Dort standen die Exponate sicher auch nicht optimal, aber wenn ich dort war, tauchte ich in eine Stille, eine Versunkenheit, die sich wie ein langer Schneewittchentraum anfühlte. Erst der Geruch (so ein bisschen nach Schwimmbad)! Für mich war das eine Reise in eine ferne Welt (wenn auch irgendwie nur im Einmachglas).

Dass es wenig Tageslicht in den Räumen gibt, ist vermutlich den Exponaten geschuldet, macht es aber auch nicht besser. Die Mischung aus Erklärungen zur Debatte über die von Europäern entweder kommentarlos oder schlecht bezahlt mitgenommenen Kunstwerke aus den damaligen Kolonien samt einiger, meist ebenfalls in diese Richtung engagierter zeitgenössischer Kunst war mir nix. Allerdings hat für mich die Idee von der Mischung der dort gezeigten Objekte mit Kunst durchaus Potential. Dachte ich vor allem vor den sensationellen Bildern australischer Aborigines, die hier als ethnologische Schaustücke zu sehen sind, während sie anderswo als Kunst kuratiert und ausgestellt werden. Fazit. Nicht mal naja. Eher: geht gar nicht, auch wenn ich merke, dass mir der Schwung zur Empörung längst verloren gegangen ist.

Nachhaltigkeit

als Kunsthistorikerin beschäftige ich mich immer wieder mit der Frage des Selbstverständnisses von Künstler*innen, was natürlich am Ende nichts anderes ist, als das Selbstverständnis per se, mit dem sich Menschen über die Jahrtausende hinweg betrachteten.

Indigene Künstler*innen (und damit vermutlich auch die anderen Menschen ihrer Kultur) haben bis heute ein viel größeres Ich, was nicht mit einem größeren Ego verwechselt werden darf, sondern allein der Tatsache geschuldet ist, dass sie sich als eine Art Recycling ihrer Vorfahr*innen verstehen.

Der Unterschied ist verblüffend: Im Westen sehen wir uns auf den Schultern derjenigen, die vor uns lebten. Anderswo auf der Welt verstehen sich Menschen als Patchwork derjenigen, die vorher da waren, als immer neue Mischungen, und damit als etwas Neues, aber immer auch in die Vergangenheit hineinreichendes. Ich dachte: Im Sinne der Nachhaltigkeit sind sie eindeutig die langlebigeren Modelle…

Bernard Haitink

der mutig und neugierig blieb im Alter und wuchs und wuchs, während er gleichzeitig wackeliger wurde. Ein großer Mensch, ein größter Musiker, der mich das Hinhören lehrte, damit Geduld und Atem-Anhalten, wenn es sein muss. Demut.

Er schenkte mir einen sensationellen Vorabend meines 50. Geburtstag mit der 9. Sinfonie Mahlers, ein Ereignis, das ich nie vergessen werde. Er ist am Donnerstag mit 92 Jahren gestorben, obwohl, wie mir Freunde erzählten, sein Terminkalender noch bis in die nächsten Jahre voll war. Auch das ist mir an ihm erinnernswert.

Vor dem Sturm

Ich hatte Glück, meine Züge fuhren alle, als ich am Donnerstag aus Lübeck zurück nach Berlin fuhr. Wie viele da schon gestrandet waren, konnte ich am Hamburger Bahnhof sehen, der gepackt voll mit Reisenden stand.

Später am Abend lag ich trotz Müdigkeit noch etwas länger wach – wer eine Reise tut, erlebt halt was, und das ging mir durch den Kopf. Je älter ich werde, desto eher neige ich zu der Einschätzung, dass mir Reisen die eigenen Vorurteile vor Augen führen. Denn entweder, ich finde alles, wie ich es mir vorgestellt habe – oder es ist eben doch ganz anders. Letzteres ist natürlich manchmal etwas kränkend (hätte ich das nicht ahnen können?), aber viel spannender.

Meine persönlich größte Überraschung? Dass ich mich zu einer Thomas-Mann-Lektüre habe überzeugen lassen. Thomas Mann war mir immer der große Buh-Mann (höhö) neben Goethe in der deutschen Literatur. Ich habe zwar sein sehr schönes Haus in Kalifornien besucht, danach auch einige Tagebücher gelesen (die ich sehr mochte), aber ans literarische Werk wollte ich dann doch nicht ran. In der Hamburger Bahnhofsbuchhandlung habe ich dann zum „Zauberberg“ gegriffen. Was soll ich sagen: Schon die ersten Seiten haben mich begeistert. Fazit: Wie gut, in Lübeck gewesen zu sein!

Gedanken kreisen,

denn wo ich über Zeit nachdenke, ist das Thema Warten auch nicht fern. Auf meinem Rückweg aus dem Büro dachte ich gestern, dass Warten möglicherweise ein Missverständnis ist. Das daraus entsteht, dass wir uns plötzlich auf einen einzigen Moment in dem gesamten sich im Fluss befindlichen Alltag konzentrieren. Klar. Wer wartet, hat das Gefühl, ins Stocken zu geraten, vergisst aber oft, dass gleichzeitig andere Dinge weiterlaufen, denen man sich während des Wartens zuwenden kann. Wer im Stau steht, und fürchten muss, den Flug zu verpassen – geschenkt… Obwohl entspannte Menschen, die sich nicht so aufs Warten konzentrieren, oder aufs augenblickliche Steckenbleiben, möglicherweise auch diese stressige Zeit noch für sich oder die Organisation des nächstmöglichen Fluges behalten und nicht an Angst oder Panik verschenken.

Worauf ich hinaus will: Wenn ich auf ein Ergebnis warte, auf einen Auftrag, auf einen Auftritt (doch, ja, Lampenfieber ist ja auch eine Art des Wartens), auf die Rückkehr eines Freundes, nehme ich dieses Ereignis heraus, stelle es höher als die anderen und konzentriere mich auf diesen zukünftigen Moment. Wenn ich gar anfange, die Tage bis dahin zu zählen – doch ja, ich merke, dass ich das mittlerweile als Verschwendung meiner Tage empfinde. Auch wenn ich mich aus den Klauen des Wartens nicht wirklich befreien kann.