Awesome Blogger Award

Und gleich vorab: Die hinreißende Zeichnung stammt von Jette von Bodecker!

Als ich mit dem Bloggen anfing, wurden gerade „Stöckchen“ geworfen. Jede/r der oder die eins bekam, gab ebenfalls fünf weiter, so dass Blogleser/innen von ihren Lieblingsblogger/innen Anregung bekamen, auch mal woanders zu stöbern. Eine tolle Idee, die natürlich auch Zeit kostet, und irgendwann möglicherweise auszuufern droht. Der Awesome Blogger Award funktioniert nach dem gleichen Prinzip, ich habe ihn von Juliane alias „Carlie“ https://waskannmanmachen.wordpress.com bekommen und freue mich. Einmal, weil ich so gerne Fragen beantworte (und auch stelle), zum anderen, weil ich gerne noch mal auf meine Blog-Weggefährt/innen hinweisen möchte, die mir im Laufe der Jahre ans Herz gewachsen sind. Natürlich sind es weit mehr als fünf. 

Bevor ich sie nenne, noch einen herzlichen Gruß an „Carlie“: Ihr Blog ist sehr erfrischend, gerade auch sprachlich, was mir mehr als gut gefällt. Die Idee von der „Inneren Erwachsenen“ hat mich laut lachen lassen, Ihr Lieblingsgegenüber (stimmt das?) als „Du“ zu benennen, macht die Texte auf eine Art luftig, und damit größer, dass es ein bester Kniff ist, vielleicht auch für sich selbst Situationen mit dem/der Liebsten zu klären oder einfach mal zu beschreiben. Liebe „Carlie“, auch wenn Dich das möglicherweise überrascht, aber ich denke, Du bist schon längst „groß“, sogar „sehr groß“… 

Über den Award:

Der Awsome Blogger Award ist „eine Auszeichnung für die absolut wundervollen Schriftsteller auf der ganzen Welt des Bloggens. Sie haben hinreißende und wunderschöne Blogs, sind bezaubernd und liebenswürdig und finden immer einen Weg, dem Leben ihrer Leser Glück und Lachen zu verleihen. Das ist es, was einen großartigen Blogger wirklich ausmacht.“

Dazu noch eine Anmerkung von Carlie, die ich so weitergebe: „Ich habe versucht herauszufinden, wer den Award ins Leben gerufen hat. Auf einem anderen Blog wurde ein*e Blogger*in (?) namens Dreaming of Guatemala als Urheber*in genannt – ich konnte aber kein Blog dazu finden. Weiß jemand was?“

Regeln, um Teil des „Awesome Blogger Award“ zu sein:

– Danke der Person, die Dich nominiert hat.
– Kennzeichne den Beitrag mit #awesomebloggeraward.
– Beantworte die Fragen, die Dir gestellt wurden.
– Nominiere mindestens 5 Blogger und informiere diese über ihre Nominierung.
– Gib ihnen 10 neue Fragen zur Beantwortung.

  1. In welchem Moment warst du zuletzt abartig stolz auf dich?

Ich bin katholisch erzogen, dass Stolz zu meiden ist wie der Teufel, ist mir in Fleisch und Blut übergegangen… – „abartig stolz“ gehört also nicht wirklich in mein Repertoire. Davon abgesehen bin ich natürlich auch immer wieder unangemessen stolz auf mich. Zum Beispiel, als ich mir einen Kalender mit Collagen gebastelt habe. Der Kalender hängt jetzt für alle Besucher/innen sichtbar in meinem Zimmer. Bemerkungen dazu gab es noch keine. Ich nehme also an, dass mein Stolz und die Qualität der Collagen nicht wirklich in Balance sind… – ach, und gerade neulich, als mir das Foto vom Fuchs gelungen ist. Nicht „abartig“, aber doch sehr stolz bin ich, dass ich eine Kündigung Anfang des Jahres mit viel mehr Auftraggebern auffangen konnte. Da spielte Glück eine große Rolle, aber auch meine Hartnäckigkeit, etwas Besseres zu finden. 

  • Was sind die schönsten Dinge, die dir jemals gesagt wurden?

Kommt noch.

  • Was ist dein stärkstes Körperteil und warum?

Im wörtlichen Sinn stark ist an meinem Körper nix. Ich bin zäh und ausdauernd, aber nicht wirklich stark. Ich mag meine Hände besonders gerne, vielleicht, weil ich mit denen am meisten realisieren kann, (Füße dito, ich bin eine große Läuferin).

  • Wenn du unter Wasser leben würdest, welche Temperatur hätte das Wasser?

Ach, das müsste warm sein. Ich friere ja selbst im Schwimmbad manchmal beim Schwimmen. Das heißt, ich wäre eher im lichten Teil der Unterwasserwelt unterwegs, da wo die Sonne noch Wärme abgibt. Weiter runter, in die geheimnisvollen Tiefen käme ich nie. Dafür hätte ich viel zu gucken, denn da, wo es warm ist, ist auch mehr los…

  • Was für ein Gebäude wärst du, mit welcher Funktion und mit welchen Eigenschaften (groß, klein, einstöckig, turmhoch, prunkvoll, modern, schlicht, große Fenster, verwinkelt, weitläufig, unterirdisch, trutzig…)?

Ich wäre eine Haus am Meer. Oder genauer: ein Haus am Pazifik. Größe und Luxus sind eigentlich egal. Es müsste ein Haus sein mit großen Fenstern, am besten an einem Hügel gelegen, wo der Blick frei über den Ozean schweifen kann – und mit Garten. Meine Bewohner/innen müssten sich geborgen und ganz bei sich selbst fühlen, alle Besucher/innen willkommen und mit dem Gefühl, hier ganz ohne Wenn und Aber glücklich sein zu dürfen.

  • Wenn noch nichts auf der Welt entdeckt worden wäre, was würdest du gerne entdecken – und wie?

Das große Alter der Erde. Wie Darwin: Durch Beobachten und scharfes Kombinieren.

  • Was würde dein Teenager-Ich an deinem heutigen Ich bewundern – und umgekehrt?

Dass ich in Berlin ein gutes Leben führe – das hätte ich mir als Teenager nicht träumen lassen. Und dass ich mit Schreiben mein Geld verdiene. Umgekehrt? Dass ich die Schule so unbeschadet überstanden habe.

  • Was ist dein liebster Gegenstand und warum?

Einen liebsten Gegenstand habe ich nicht, besonders lieb sind mir Erinnerungsstücke, die ich von Reisen mitbringe und ein Ölbild, das ich völlig überraschend von einem Freund geschenkt bekommen habe.

  • Ein außerirdisches Wesen materialisiert sich in deinem Zimmer. Reagierst du mit einem Frontalangriff, einem Friedensgeschenk oder ganz anders?

Im Fall von Mister Spock reagiere ich mit hysterischer Begeisterung. Im Fall unbekannter Lebensformen sicher eher mit gebotener Vorsicht und großer Neugier: ich würde versuchen, mit dem Wesen Kontakt aufzunehmen. Unbedingt friedlich, auch wenn das mein Ende wäre. Ich wäre irre aufgeregt und auch ängstlich, würde die Begegnung aber auch als großes Erlebnis schätzen.

  1. Was löst dieses Bild in dir aus? https://artsandculture.google.com/asset/while-you-are-sleeping/-gG-5sCY0gbDZg

Im Moment träume ich viel und vor allem heftig. In der Figur sehe ich diesen Augenblick sich nach dem Hinlegen gleich schon wieder in eine Traumwelt aufzumachen. Schlafen als eine Tätigkeit, nicht so sehr als Pause, auch wenn wir meistens sehr erholt aus dem Schlaf zurückkehren. Die Skulptur löst also in mir das Gefühl aus, dass ich verstanden werde in meinen nächtlichen Exkursionen. Dass es mindestens einem Menschen genauso geht. Schön!

Die von mir Nominierten:

„Manni“, von https://mannigfaltiges.wordpress.com, der mir vor allem als „Knipser“, wie er sich selbst nennt, große Freude macht – In wirklicher Wahrheit heißt er übrigens Erich… 

Maren von https://orteundmenschen.wordpress.com  zeigt mir seit Jahren, wie groß die Welt ist, vor der eigenen Tür und gaaaanz weit weg…

https://hicemusic.wordpress.com ist für mich die tollste und vor allem abwechslungsreichste Musik-Plattform.

Auf https://karotinasblog.wordpress.com  werde ich mit Einsichten aus dem Schrebergarten-Universum versorgt – gibt es bitte irgendwo ein Wurmloch?

Bei https://bloghuettenalm.wordpress.com von Mallibeau Mauswohn und dem schreibenden Kollektiv von der Alm kann ich einfach hemmungslos lachen: Wie schön!

Meine Fragen: 

  1. Ein Leben ohne Blog: Vorstellbar? Beziehungsweise, was würde Dir fehlen?
  2. Wie unterscheidet sich Dein zu Hause von dem Deiner Freund/innen?
  3. Hast Du während des Lockdowns neue Seiten an Dir entdeckt?
  4. Was würdest Du sofort lernen, wenn Du genug Zeit oder Geld hättest?
  5. Welcher Mensch hat Dich am meisten geprägt – oder waren es mehrere?
  6. Was siehst Du als erstes, wenn Du zu Hause aus dem Fenster schaust?
  7. Hast Du oft Fernweh? Und wenn ja, wohin?
  8. Worauf freust Du Dich im Sommer?
  9. Wofür gibst Du gerne Geld aus?
  10. Hättest Du gerne (noch) ein Kunstwerk in Deiner Wohnung oder in Deinem Garten? Und wann ja, welches?

Die Nominierten werde ich im Laufe der nächsten Tage benachrichtigen – Jetzt muss ich nämlich schnell, schnell ins Büro. Keine/r muss antworten – aber natürlich wäre ich riesig gespannt…

Ende der legalen Sexarbeit

Grundsätzlich habe ich zur Zeit keine Befürchtungen. Ich sehe weder Demokratie noch den sie sichernden Rechtsstaat in Gefahr. Zumindest nicht in Deutschland. Dennoch hat mich der Vorstoß einiger Bundestagsabgeordnete (Männer und Frauen, parteiübergreifend) unangenehm überrascht, die im Anschluss an die Corona-Einschränkungen ein generelles Sex-Kaufverbot fordern. Sexarbeit ist zur Zeit wie andere Gewerbe stark eingeschränkt. Drastischer jedoch als in anderen Gewerben scheint die Zahl der Übertretungen zu sein.

Ich bin kein Fan von Prostitution. Aber ich sehe, wie mühsam eine halbwegs sichere soziale und vor allem gesundheitliche Versorgung für die Menschen geschaffen wurde, die in diesem und angrenzenden Metiers arbeiten. Das so genannte „nordische Modell“, auf das sich die an dem Brief beteiligten Abgeordneten beziehen, gilt u.a. in Schweden. Dass die Prostitution dort seitdem verschwunden sei – naja, kann man sich denken: sie ist an die Grenzen des Landes gerutscht, ansonsten sind Sexarbeiter/innen in die Illegalität getaucht.

Das Thema wird spätestens 2022 wieder eins, da werden die aktuellen Maßnamen auf den Prüfstand kommen. Es ist eine Angelegenheit, die polarisiert. Was denkt Ihr zu dem Thema?

Dornröschenschlaf

Tatsächlich bin ich in diesem Jahr steckengeblieben. Gefühlt ist gerade erst Ende März. Die Zeit des Lockdowns scheine ich mental verschlafen zu haben – leider schleichen sich hartnäckig Alpträume ein, einer davon wiederholt sich in endlosen Variationen: ich bin fast blind, und versuche mit größter Anstrengung die Augen zu öffnen in eine meist fantastische Umgebung. Eine ähnliche Traumfolge, die mich seit Jahren begleitet: Ich versuche Fotos zu machen, doch die Kamera funktioniert nicht und liefert nur schwarze Bilder.

Wach und mit offenen Augen muss ich feststellen, dass nächste Woche schon das halbe Jahr 2020 vorbei ist. Hmpf. Was mache ich denn damit? Vielleicht sind meine Vorhaben zu groß – oder zu viele. Oder ich hänge zu tief im Alltag und verpasse es, gelegentlich auf einen kleinen Berg (zum Beispiel einen freien Sonntag) zu steigen, um die Übersicht zu gewinnen. Das Glas, soviel ist klar, ist gerade halb leer und halb voll. Eine gute Gelegenheit, für das, was geht, ein paar Gedanken zu investieren…

Da isser!

Seit zweieinhalb Wochen gehe ich abends spazieren. Um diesen süssen Mr. Foxy zu treffen. Heute hat er mir endlich eine Audienz gegeben. Im Rosengarten. War das schön!

Thomas Mann und Agnes Meyer – eine deutsch-amerikanische Brieffreundschaft

Um es gleich vorwegzunehmen: diese Lektüre hat es in sich. Denn Thomas Mann und Agnes Meyer, der deutsche Schriftsteller und die amerikanische Journalistin, verband eine komplizierte und intellektuelle Freundschaft in schwierigen Zeiten. Thomas Mann lernte Meyer 1937 bei einem Interview in New York kennen. Als er im Februar 1938 endgültig in die USA ins Exil ging, half sie ihm mehr als einmal aus existentiellen Schwierigkeiten. Dass sie Deutsch sprach und schrieb, war ebenfalls förderlich, denn sie unterstützte ihn bei öffentlichen Auftritten und übersetzte für ihn. Thomas Mann profitierte, aber auch Agnes Meyer zog ihren Nutzen aus der Freundschaft: Sie besetzte als profunde Kennerin seines Werkes und seiner Person den Posten der ersten Mann-Kritikerin in den USA, und auch wenn das Buch, das sie über ihn plante, nie fertig wurde, wurde sie als versierte Kennerin über die Landesgrenzen hinweg anerkannt.

Ob unter diesen Bedingungen – finanzielle Abhängigkeit (zumindest in der ersten Exilzeit) Manns, schwärmerische Begeisterung Meyers – eine Freundschaft auf Augenhöhe hätte entstehen können, ist fraglich. Tatsächlich distanziert sich Thomas Mann immer wieder von seiner Gönnerin, auch wenn er ihr Interesse, ihre Bildung und natürlich auch ihre Unterstützung schätzt. Doch man merkt, dass er bei aller Offenheit, was seine Arbeit angeht, sowohl die politische als auch die schriftstellerische, stets das Visier heruntergeklappt hält: Persönliche Töne sind kaum zu vernehmen.

Entsprechend trocken wirken die Briefe. Dennoch entfalten sie im Laufe der Lektüre ihre ganz eigene Wirkung: Denn besser als jede Dokumentation jener Jahre zeichnen sie das kulturelle und politische Klima der damaligen Zeit nach. Auch, und gerade aus den gegensätzlichen Perspektiven eines Europäers und einer US-Amerikanerin (wenn auch eine Tochter deutscher Einwanderer). In dieser Hinsicht ist ein großer Gewinn, dass der Hörverlag Auszüge aus dem Briefwechsel als Hörbuch veröffentlicht hat. Die Schauspieler Dagmar Manzel und Udo Wachtveitl lesen die Briefe, Jesko von Schwichow gibt in Zwischentexten kurze Zusammenfassungen über die jeweils neusten Ereignisse. Auch wenn die meisten Briefe eher kurz sind, sollte man sich Zeit zum Hören nehmen. Denn die Themen wechseln schnell und es braucht eine Weile, bis man sich in die verschiedenen Nuancen der Botschaften einfuchst. Eine überraschende, weil aktuelle Bemerkung stammt von Agnes Meyer, die für die Nachkriegszeit in Europa eine „ärmere“ und womöglich „bessere“ Welt heraufziehen sieht. Wie sehr wünschen auch jetzt wieder Optimisten, dass diese bessere Welt nach der Corona-Pandemie Wirklichkeit wird…

„Sie zu lieben, mein Freund, ist eine hohe Kunst…“ – Thomas Mann, Agnes E. Meyer. Der Briefwechsel. Gelesen von Udo Wachtfeitl und Dagmar Manzel. Der Hörverlag 2017.

Ich danke Random-House für das Rezensions-Exemplar.

Berlin, ick liebe Dir

Ja. Zeit für eine weitere Liebeserklärung. Ich bin 1989 nach Berlin gezogen. Gar nicht mal ganz freiwillig. Aber weder München noch Hamburg waren für mich Alternativen. Und dann dieses Wetter: Kontinentalklima, was damals bedeutete: eisige Winter. Nee, war das nix für mich! Schnell wollte ich wieder weg.

Aber die Stadt hat sich in mein Herz geschlichen. Erst, weil es hier an vielen Stellen noch so viel altmodischer war, als im Westen – und weil gleichzeitig viel los war. Berlin ist eben immer direkt vor der Tür (oder fällt mit derselben auch schon mal ins Leben): Menschen aus allen Himmelsrichtungen, schöne und auch sehr häßliche Relikte aus der Vergangenheit, tolle Himmel und eine so weite Umgebung, mit allem, was mein Flachland-Herzi sich wünschen konnte. Heute will ich – wen wundert’s – nicht mehr weg. Und gerade, wo ich – eher unfreiwillig – so viele Spaziergänge durch die nächste Umgebung unternehme, bin ich immer noch und immer wieder überrascht über die vielen Gesichter der Stadt. Was für ein Fest!

„Zu sein, zu leben, das ist genug“

Als im März klar wurde, dass für mich beruflich kein Stein auf dem anderen bleibt, habe ich mich entschieden, eines meiner Traum-Projekte an den Start zu bringen. Wenn schon nichts mehr geht, dann vielleicht das Unmögliche, dachte ich, oder vielleicht dachte ich auch gar nichts, aber ich schrieb ein Exposé und schickte es ab.

Noch ist nichts in völlig trockenen Tüchern, es muss noch Geld bewilligt werden und das bewilligte Geld auf die nötigen Arbeitsschritte verteilt werden, so dass jede/r genug verdient. Eine kniffelige Aufgabe. Aber es gibt schon eine Auftraggeberin, und so kann ich zumindest die ersten Schritte wagen:

Ein Buch in Leichter Sprache über Friedrich Hölderlin und – wichtiger – über einige seiner Gedichte. Für viele ist Leichte Sprache eher ein Witz. Denen rate ich, die gelegentlich auf zeit-online gestellten Beiträge aus Brand Eins in Leichter Sprache mal zu lesen. Ansonsten muss man es ja auch nicht wichtig finden. Für mich ist sie eine Offenbarung: Eine Sprache – die übrigens mehr noch als das Schreiben für Kinder – auf das Wesentliche zwingt.

Und also beschäftige ich mich mit Hölderlin, von dem übrigens das Zitat im heutigen Titel stammt. Was für ein passendes Vergnügen in Zeiten der Isolation: Ein Dichter, der 36 Jahre im Turm verbringt! Es wird ja zur Zeit viel darüber diskutiert, ob Rückzug und Alleinsein die Kreativität erhöht oder eher zur Verzweiflung zwingt. Das ist vermutlich wirklich Typ-Sache. Die Konzentration, das Öffnen von vorher gar nicht wahrgenommenen Räumen, das erlebe ich gerade und staune nicht schlecht.

Da dieses Jahr Hölderlin-Jubiläum ist, sind einige wirklich kluge und lesenswerte Bücher erschienen, darunter das von Christoph Quarch, in dem er Hölderlin aus seiner Dichtung heraus vorstellt und von dem ich den Titel geliehen habe:

Christoph Quarch, Zu sein, zu leben, das ist genug – Warum wir Hölderlin brauchen, Daun 2020.

Auf und Ab

Um den Tiefpunkt gleich vorweg zu nennen: Beim Stolperstein-Putzen am 8. Mai blieb die Rose, die ich auf den blitzblanken Stein zur Erinnerung an meine Vormieterin Paulina, die als „behindert“ Anfang 1945 von den Nazis ermordet wurde gelegt hatte, exakt 2 Minuten liegen. Nachdem ich schnell in die Wohnung gegangen war, um den Fotoapparat zu holen, war die Rose schon weg – obwohl ich sie (mehr symbolisch) – mit Tesa angeklebt hatte.

Wie muss man eigentlich drauf sein? Und wie schaffe ich es, mich nicht in Wut und Enttäuschung zu verrennen?

Und dann diese Ratlosigkeit, dass die meisten wohl beschlossen haben, jetzt sei mal Schluss mit Corona. Überall ein Gewusel, als wenn es niemanden mehr was angehe. Ich bin zwar dringend dafür, dass jede und jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt und abwägt. Aber Nachlässigkeit vieler bedroht eben die Vorsicht anderer. Auch hier kämpfe ich mit Unverständnis und ja, auch mit Ärger.

Eine schöne Überraschung dagegen ist, dass die Hunde, die ich hier neulich gezeigt habe, tatsächlich meine Nachbar/innen sind – und nicht bloß zu Besuch waren. Die werde ich also jetzt öfters sehen, wie süß. Und ein schöner Abend mit Gitarrenmusik im Hof gestern war wie eine erste Sommernacht in diesem Jahr. Die Schwalben sind jetzt auch da und bauen unter der Dachrinne Nester. Dazu Muttertag ohne Mutter, deren Geburtstag in vier Tagen ist.

„Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit.

Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ist’s,

Nun schlafe, wo unendlich ferne

Ziehen vorüber der Völker Jahre.“

So schreibt Hölderlin in einem ersten Vers über Jean-Jacques Rousseau. Und auch ich staune einmal mehr über die Zeit, die so schnell zieht, und so unsichtbar.