Heiliger Dionysius, hilf!

Katholik/innen haben eine eigene Hausapotheke: 14 Nothelfer/innen, die man anwählen kann (junge Menschen mögen sich das wie eine App vorstellen), um Hilfe zu bekommen.

Ich habe gerade Kontakt zu Dionysius aufgenommen, kein Säufer, wie man vielleicht aufs Geratewohl raten mag, sondern ein Cephalophor – was wiederum kein Dinosaurier ist, sondern ein sogenannter „Kopfträger“, insofern eine Besonderheit, weil er seinen Kopf nicht nur auf dem Hals trug, sondern, als selbiger abgeschlagen wurde (Dionysius ist ein Märtyrer, also einer, der für seinen Glauben an den christlichen Gott starb), ihn in die Hände nahm und vor seinem Körper trug (nicht lange, soweit überliefert).

Der heilige Dionysius hilft gegen Kopfschmerzen, Tollwut, Gewissensbisse und Seelenleiden. Ihr könnt gerne raten… Er ist, was sicher wenige wissen, der Schutzheilige Frankreichs und Städtepatron von Paris und – olala – Krefeld.

Am Montag bin ich die Treppe runtergefallen, seitdem habe ich Kopfschmerzen. Ganz schön lästig bei der Hitze. Und langsam frage ich mich, ob man auch eine (leichte) Gehirnerschütterung kriegen kann, wenn man nicht auf den Kopf fällt – hat jemand von Euch damit Erfahrung? Obwohl – auf dem Sofa zu liegen und von Dionysius kalte Wickel um den Kopf gelegt zu bekommen – ist irgendwie auch schön…

Lesenächte

Als ich die diesjährige Longlist des Buchhandels sah, packte mich unversehens die Leselust. Passt, dachte ich, denn meine Nächte sind still und frei. Ich kenne noch kein einziges Buch auf dieser Liste, einige machen mich neugieriger als andere. Gerne würde ich Olivia Wenzels „1000 Serpentinen Angst“ lesen und – da habe ich fast das Gefühl, mindestens ein gutes Drittel meiner eigenen Kindheit und Jugend wiederzufinden: Frank Witzels „Inniger Schiffbruch“. „Annette, ein Heldinnenepos“ von Anne Weber ist wohl was für mein Historikerinnenherz. Und danach mal schauen. Wie geht es Euch? Schon Favoriten?

Abendlicher Besuch

Ein Alien könnte nicht rätselhafter aussehen. Und – nein, im Glas war die Heuschrecke (ja?) nur, um den Weg aus der Wohnung zu machen. Was die jetzt wohl sieht, dachte ich, die kleine Wohnung muss für sie ja wie ein riesiges Feld aussehen. Und Zeit, sich meine Wohnung noch mal genauer anzusehen. Oder darüber nachzudenken, dass Füxe nur schwarz-weiß sehen (gehört zu den Dingen, die ich mir nie gut vorstellen kann – wahrscheinlich weil ich denke, „aber die Welt ist doch bunt“ – Da bekäme ich aber von vielen Tieren mitleidige Blicke!) Und schon sitzt ein Menschenkind wieder da und denkt: Was um alles in der Welt ist die Wirklichkeit!?

Sieht übrigens aus, als wenn die Heuschrecke winkt – so schade, dass wir uns nicht verstehen.

Schon lange nicht mehr…

juppieeee! Ja. Die Amerika-Gedenk-Bibliothek bleibt einfach meine Favoritin unter den öffentlichen Bibliotheken. Statt Corona zu bejammern, haben die Mitarbeiter/innen Liegestühle ausgepackt und auf die Wiese gestellt. Ich hatte da eine ruhige Stunde mit Hölderlin. Ganz ohne in Urlaub zu fahren – das kleine Café in der Bibliothek ist übrigens richtig, richtig gut, es gibt ein tolles, frisches Angebot und auf der Wiese wird es ein Picknick.

Foolish drawings

Kiyomitsu Saito lebt in New York. Ich habe ihn im Internet kennengelernt, wo ich seine „Foolish drawings“ sah, und dann immer wieder anschaute. Auch, wenn ich – sagen wir – nicht unbedingt entzückt war, von dem was ich sah (Saito zeichnet besonders gerne Schaben und Buchstaben), die Zeichnungen prägten sich mir sofort ein. Komischerweise weniger als Zeichnungen, denn als Bildschirmgeflimmer – aber das mag daran liegen, dass ich sie am Computer entdeckte.

Saito hat diese Serie vor Jahren schon begonnen. In sturer Kontinuität fährt er fort, Buchstabenbilder zu zeichnen, kleine Gegenstände, einzelne Körperteile oder Figuren (nicht zuletzt Schaben), die wie durcheinander gewirbelt oder aber (sehr) zufällig angeordnet erscheinen. Ein Mix manchmal wie in einer Schneekugel, dann wieder eine eher karge, dabei wie beiläufige Anordnung, ganz so, als habe Saito beim Telefonieren gezeichnet, oder sonst irgendwie nebenher.

Doch sind seine „Foolish drawings“ mehr, als irgendein Nebenher. Auch, wenn sie so nicht konzipiert sind, könnte man sie als gezeichnete Tagebucheinträge lesen, in denen Saito über die Jahre hin das Großstadtgewimmel dokumentiert. Mit der Ungerührtheit eines innerlich unbeteiligten Forschers, dessen Besessenheit und Distanz zu einem gnadenlosen Blick auf das Gesehene führen. Den Zeichner Saito als Forscher zu verstehen, bietet sich auch deshalb an, weil er wie in einer strengen Versuchsanordnung mit den immer gleichen Elementen arbeitet. Ganz so, als seinen seine „Versuchskaninchen“ (die Buchstaben, Figuren, Gegenstände) stets neuen Situationen ausgesetzt, bzw. bei verschiedenen Tages- oder Nachtzeiten von ihm zeichnerisch festgehalten.

Dabei wird nicht klar, ob das, was wir sehen „foolish“, d.hl dumm, einfältig oder tölpelhaft ist, oder der Zeichner selbst, der nicht anderes kann, als die immer gleichen Bilder zu produzieren. „Foolish“ mag aber auch „naiv“ bedeuten, in dem Sinn, dass der Künstler sich gar keine Mühe gibt, das Gesehene kunstvoll zu arrangieren, weil er uns auf die Banalität – und damit letztlich auf die Trostlosigkeit und zugleich Komik – des Szenarios hinweisen will. Er selbst spricht von einer kindlichen Haltung, die er sich verordnet, um damit die Welt gleichzeitig unvoreingenommen und aus der eigenen Erinnerung heraus zu verstehen. Zu dem Bild schreibt er:

„In my childhood and now, the Hero of justice is a good looking and also it is my longing. I want to deny the common sense concept of adults and create the work with free ideas like children.“

Üben üben

Das ist auch mal eine Überraschung. Kaum habe ich meine alte Gitarre wieder bei mir und beginne zum – ich würde mal grob schätzen – fünften Mal, Musizieren zu üben (Blockflöte, Gitarre, Chorgesang, Klavier, Improvisation, Gitarre), da fällt mir etwas auf: Auch üben muss gelernt sein…

Naja. Sagen wir so: Es gibt vermutlich viele Menschen, die das ganz von alleine können. Die nehmen sich ein Instrument (oder vor selbigem Platz) und fangen an, Töne zu produzieren, die sie am Ende einer gelungenen Session in der vorgegebenen Ordnung spielen können. Dabei ist natürlich Geduld angesagt, Konzentration und möglicherweise kluge Strategien, die Fehlerteufel hinters Licht zu führen oder peu à peu aus der Performance zu verbannen.

Natürlich gehört mehr dazu. Ein Gefühl fürs Instrument, das über das Hören hinausgeht. Vielleicht eine Art Haltung. Und natürlich Freude am Ausprobieren und vor allem: an Umwegen.

Die Überraschung ist genau da, wo es dieses Mal anders ist. Früher war das Üben so in etwa wie Hausaufgaben – musste halt gemacht werden. Und so, dass beim nächsten Unterricht die Sache irgendwie lief. Nicht, dass ich keinen Spass gehabt hätte. Aber – so würde ich das heute beschreiben – ich kam nie wirklich bei meinem Instrument an. Die neue Erfahrung ist, dass mir das Üben eher wie eine Unterhaltung vorkommt. Ich „sage“ was, das Instrument antwortet.

Vielleicht liegt das daran, dass ich mittlerweile sehr viel geschulter bin im Hören von Musik und Geräusch. Wahrscheinlich spielt es auch eine Rolle, dass ich in keinen Unterricht eingespannt bin, und deshalb auch nicht jede Woche Ergebnisse liefern muss. Aber überraschend ist es schon. So, als wäre ich jahrzehntelang auf einer Art Holzweg unterwegs gewesen.

Wer klug ist,

sieht (vielleicht) die Schönheit nicht.

Ich bin wieder bei Hölderlin. Nicht dass er Klugheit gegen die Liebe zur Schönheit ausgespielt hätte. Aber mir scheint, er habe die Schönheit mit allen Widersprüchen und Ungreifbarkeiten am Ende vorgezogen. Er war ja nicht klug, sondern verrückt.

Oder ich denke an Parsifal. Der naiv sein musste, um klug zu werden.

Auf dem Foto sind keine Glühwürmchen zu sehen, sondern Mücken.

Gnadenbrot oder Qual

Am Zoo scheiden sich viele Geister. Meistens meide ich Tiergärten. Nicht, dass mich Tiere nicht interessieren. Aber sie wie im Schaufenster zu betrachten, ist nicht so meins. Obwohl ich mich begeistern kann, gerate ich – meist zufällig – dorthin.

Natürlich kenne ich die Argumente. Anfangs waren Zoos mehr noch Forschungseinrichtungen denn Freizeitparks (oder zumindest beides gleichermaßen). Und auch heute wird dort vieles erkannt, was in freier Wildbahn verborgen bleibt. Wobei ich die Frage, warum wir Wissen über alles und jedes so selbstverständlich als unser Recht erachten, nicht beantworten kann. Denn zum Nutzen von wem setzen wir dieses Wissen ein? Und warum wollen wir unbedingt mehr wissen als andere Kreaturen?

Klar, ein alter Löwe wie dieser, den ich im Zoo von Aschersleben fotografiert habe, wäre in „freier Wildbahn“ – wie es so schön heißt (als könnten Wildtiere überhaupt noch irgendwo frei ihre Bahnen ziehen), längst tot. Hier kann er in der deutschen Sonne dösen, bis der Winter ihn in seinen Käfig mit Fußbodenheizung treibt, und nein, wahrscheinlich unterscheidet sich sein Gemütszustand nicht wesentlich von dem eines alten Löwen in Afrika.

Der Unterschied: Ich durfte den Löwen sehen. Und ich muss sagen, ich war von seiner Schönheit überwältigt. Aber ist das ein Argument? Dass ich in meiner Heimat Tiere sehe, die ich in ihrem eigenen Lebensraum niemals vor die eigenen Augen bekäme? Neben dem, dass wir die Kinder und Kindeskinder dieses Löwen einst vielleicht retten, weil wir ihre natürlichen Ambiente nachbauen können, nachdem wir die Originale zerstört haben?

Aus Wissen erwächst Verantwortung. Mir scheint, wir wissen längst mehr, als wir stemmen können. Was machen wir damit? Weiß jemand eine Antwort?

In die Tiefe steigen

Wer in Berlin lebt, gräbt im Sandkasten. So zumindest fühlt es sich an, wenn man Spuren aus der Tiefe der Zeit sucht. Schnell ist Schluss – Monumente der mittelalterlichen Vergangenheit sind rar, das meiste modert im nassen Sand (der im Übrigen wie Hölle stinkt, wenn er an die Luft kommt).

Großartige mittelalterliche Zeugnisse dagegen gibt es im Tagesreisen-Radius in großer Fülle – der diesjährige Trend zum „Heimaturlaub“ wird für die eine oder den anderen die Jagd nach Reise-Geheimtipps in die nächste Umgebung führen. Ein Must-See auf dieser Suche ist die Konradsburg (drei Kilometer südlich von Ermsleben), und dort ganz besonders der Rest der ehemaligen Klosterkirche. Heute ist nur noch der Chor und die darunter liegende Krypta erhalten: Pure Schönheit, die sich in großer Stille genießen lässt. Denn wer geht schon zu einer halben, weit ab gelegenen Kirche, wenn… – Um 1200 gebaut ist dieses Relikt ein architektonisches Meisterwerk ohne Wenn und Aber, das eindrücklich zeigt, dass unsere Welt eine ganz andere ist als vor 1000 Jahren, und wir uns vielleicht doch angewöhnen sollten, auf Vergessenes zu hören, statt nur nach vorne zu schauen und zu denken, wir wüssten sowieso alles – oder zumindest genug.

Gottvertrauen

Wer unsicher ist, kennt das Gefühl: Panik bitzelt plötzlich auf angesichts neuer oder unangenehmer Aufgaben. Der Kopf vernebelt, die Knie werden weich, im Bauch fühlt sich alles flau an. Und alle Erinnerungen laufen zu Situationen, die einst ungut ausgegangen sind. Nix zu machen. Die Angst ist da.

So wird das natürlich nix. Und auch dieser Gedanke (mit Angst wird es schon gar nix) schlägt wie ein Knüppel auf einen ein. Und jetzt?

Gottvertrauen war etwas, was ich mir als Kind nicht vorstellen konnte. Ein Wort für Erwachsene. Mittlerweile weiß ich mehr. Und das gilt mit oder ohne Gott: der Ausgang einer Sache liegt nicht allein bei mir.

Natürlich ist das nichts Neues unter der Sonne. Aber es gibt mir meine Leichtigkeit zurück. Ich tue meinen Teil. Und der Rest ist der Rest. – Das Sahnehäubchen (eventuell nur für Gläubige): So, wie es ausgeht, wird es gut sein. Im Guten wie im Schlechten. Allen einen besten Start in die Woche!