Optimismus

Mein Vater wird dieses Jahr 91. Er hat sich gerade ein neues Auto gekauft (das alte ist ihm in den letzten 20 Jahren – gebraucht gekauft) unterm Hintern weggerostet. Ja. Es gibt eine Menge Einwände. Dennoch. Ich begreife, dass er für mich doch noch ein Vorbild sein kann: Sich nicht unterkriegen lassen. Boldly go.

Fluchtwege

Lesen bildet nicht nur. Es erlaubt, sich vom Acker zu machen, wenn man feststeckt. Neue Kontinente zu bereisen, Universen sowieso. Auch wenn dieses Jahr die Leipziger Buchmesse geschlossen bleibt. Hoch lebe das Lesen!

Aus allen Wolken fallen

bedeutet nicht, zumindest nicht sofort, auf dem harten Boden der Realität aufzuschlagen. Es scheint vielmehr, als müsse man erst einmal in ein Zwischenreich mit viel Nebel und noch mehr Orientierungslosigkeit. Denn das, was man für „gesetzt“ hielt, erweist sich als Irrtum, der Kompass dreht durch, die Welt steht Kopf.

Komischerweise fiel mir zu diesem Herunterfallen der Begriff des „Fegefeuers“ ein. Die Vorstellung stammt aus der christlichen, d.h. vor allem aus der katholischen Tradition. Hier ist das Feuer so eine Art Läuterungsort, den Tote durchlaufen, bevor sie in den Himmel kommen.

Auch in anderen Religionen gibt es Zwischenreiche – Gegenden, die nicht unbedingt besonders heiß sind, dafür aber unübersichtlich und öd. Man hängt dort fest, bis man in einen anderen Zustand versetzt wird. Es gibt zum Beispiel das Bild von einem Fluss aus geschmolzenem Blei, der durchquert werden muss, eins, das mir gerade sehr plausibel erscheint.

Wer aus den Wolken fällt, ist natürlich nicht sofort tot. Aber es fühlt sich so an, weil nichts so ist, wie zuvor. Man rudert planlos in etwas, das weder Land noch Wasser ist, alles hat sich verändert, wo eben noch ein Stuhl stand, ist – geschmolzenes Blei. Natürlich gerät man schnell in Panik. Aber wie so oft, ist Panik kein guter Ratgeber. Ich denke an Taucher, die sich mutig in den Fluss aus Blei fallen und treiben lassen. Die christliche Idee der Läuterung bedeutet in diesem Fall, sich von falschen Vorstellungen zu verabschieden, und sich damit gewissermaßen selbst zu läutern. Also gut: Fallen lassen. Ich bin relativ sicher, dass der Aufschlag dann gar nicht so hart ausfallen wird. Vielleicht wird es sogar ein freudiges Wiedererkennen.

Richtungswechsel

Erst dachte ich, es sei ein Geburtstag wie viele andere zuvor. Aber jetzt, so im Abstand von einem Monat merke ich, dass mich diese eine Jahr mehr doch sehr ins Grübeln bringt. Ich laufe – zumindest was die Zahlen angeht – auf den Rentner-Status zu. Gut, es gibt noch einen Puffer von mindestens einem Jahrzehnt, aber die Richtung ist nicht mehr zu übersehen. Geschenkt, dass ich mich lange nicht so fühle, ich bin vermutlich sogar fitter als vor 10 oder 15 Jahren, allein schon, weil ich viel seltener Migräne habe und mich deutlich mehr bewege, und, auch das kann ich mittlerweile so deutlich sagen, glücklicher bin.

Der Perspektivwechsel ist allgegenwärtig. Neulich ist mir aufgefallen, dass es längst nicht mehr ältere Menschen sind, die mir vorbildlich erscheinen. Ich sehe junge Leute, von denen ich mir unbedingt eine Scheibe abschneiden möchte (oh nee, bloß nicht wörtlich!). Und damit meine ich keineswegs deren Jugendlichkeit. Damit meine ich nicht, dass ich mich von meiner Rolle als „alter Hase“ verabschieden möchte. Wer älter wird, hat – zumindest verstehe ich das so – eine gewisse Verantwortung jüngeren Kolleg/innen, Nachbar/innen, Freund/innen gegenüber. Was nicht Besserwissen heißen soll, sondern Aufmerksamkeit oder die Bereitschaft, Erfahrungen weiterzugeben.

Jetzt also jüngere Vorbilder. Fühlt sich gut an. Um nicht zu sagen: richtig gut!