Löcher der Erinnerung

Ich war letztes Wochenende in meiner Heimatstadt. Wie schon das Mal davor, ist ein Faden gerissen. Klar, ich kenne die Stadt nach wie vor, fühle mich sogar auf eine Art und Weise dort immer noch zu Hause. Aber die Selbstverständlichkeit, dort zu sein, die sich über Jahrzehnte noch erhalten hatte, ist futsch. Dieses Mal gab es plötzliche Momente des Erinnerns, die sich tatsächlich wie Löcher anfühlten, in die ich hinein fiel. So wie Wurmlöcher, mit denen man in der Zeit reist. In dem Fall in die Vergangenheit, oder besser – in einen Ort der nichtlinearen Zeit, denn ich hatte das Gefühl, nicht wieder Kind zu sein, sondern gleichzeitig (sorry, kann ich nicht besser beschreiben). Es war ein merkwürdiger Zustand (jajajaja, es war auch heiß,…), von dem ich dachte, ich altere nicht mehr, sondern bin jetzt erst auf der Erde angekommen. O.K. klingt arg nach Wunschdenken (denn natürlich altere ich). Aber es hatte so etwas enorm erleichterndes, an dem ich erst noch einmal festhalten möchte. Der Eindruck, der linearen Zeit – wenn auch nur kurz – entkommen zu sein.

Sightseeing in Kassel

Es war anders als die letzten Male. Nicht mal schlecht. Das Sommerwetter spielte mit: schauen, essen abhängen. Selbst die Häßlichkeit Kassels hatte ihre Momente. Vielleicht spielte es auch eine Rolle, dass ich nicht alleine dorthin gereist war. Ich hatte zumindest nicht diese plötzlichen Momente der Verwirrung mit der immer gleichen Frage: „Was mache ich eigentlich hier?“ Ich fühlte mich einfach wie auf Reisen. Sightseeing.

Dass es die documenta 15 war, fifteen, (wir sind schließlich globalisiert), machte sich vorrangig dadurch bemerkbar, dass wir an manchen Orten unsere Eintritts-Codes hochhalten mussten. Ob ich Kunst gesehen habe? Wohl eher nicht. Kreativität sicher. Den Rest habe ich noch nicht für mich durchbuchstabiert, obwohl die Rückreise in der Bahn eine Extra-Stunde Verspätung für mich bereitgehalten hat. Habe ich etwas verstanden? Zumindest dies: Es ist komplexer als ein generelle Antisemitismus-Verdacht. Es ist eine große Veränderung, deren Umfang ich nur ahne, wie wenn man kleine Zipfel einer riesigen Decke zu fassen bekommt, deren Ausmaß über den eigenen Blickhorizont hinausgeht. Der Boden hat gewackelt in Kassel. Und das war echt: kein bloßer Touri-Erlebnis-Effekt. Insofern war es vielleicht doch etwas mehr als Sightseeing.

Und wenn er kommt, dann laufen wir

Das Thema Flucht geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Es ist, als wenn ich einen Schlüssel in der Hand halte. Ich kenne ihn, weiß aber beim besten Willen nicht, wo das passende Schloss ist. Es ist komisch zu denken, dass ich ein Mensch auf der Flucht bin. Fast schon lächerlich angesichts aller Menschen, die Todesangst erleben, weil sie aus ihrer Heimat in Länder fliehen, in denen sie nicht erwünscht sind. Warum bergen wir uns nicht, geben uns Heimat. Angesichts der viel größeren Gefahren, die wir – einerseits selbst verursachen, andererseits – nun ja, leben ist nun mal – wie es so launisch heißt – lebensgefährlich. Und unser Planet quasi nur eine Nussschale im Universum. Vielleicht ist Flucht allerdings auch ein Teil jeglichen Lebens. Wenn wir uns anschauen, wie gefährlich Tiere leben, dann haben wir vielleicht auch eine falsche Idee von Sicherheit, die uns zusteht.

Und wenn er kommt, dann laufen wir. Manchmal ist die Angst übermächtig. Fast alle Nächte verbringe ich im Niemandsland einer endlosen Odyssee. „Normale“ Träume von Menschen, die ich kenne, oder von Erlebnissen des Tages kommen nicht vor. Die brennenden Städte aus den Albträumen meiner Kindheit erinnere ich wie reale Erlebnisse. Ich weiß, wie privilegiert mein Leben ist. Dennoch denke ich, Dass diese ständige Flucht echt ist. Dass sie zu „knacken“ ist. Nicht nur für mich, sondern für meine und die nachfolgenden Generationen. Ob man etwas aus der Geschichte lernen kann, bezweifele ich mittlerweile. Aber vielleicht kann man Erfahrungen weitergeben. Ich werde weiter nach dem Schloss suchen.

Gesund werden

kann auch schon mal ziemlich lange dauern. Das passt so gar nicht in unsere schnelllebige Zeit. Und verlangt einem eine dicke Portion Geduld ab. Mir geht es langsam besser. Heute gehe ich zur Ärztin und hoffe, dass sie mir sagen kann, dass ich ganz bald (vielleicht schon Ende der Woche) wieder gesund bin. Bis dahin schaue ich dem Leben noch etwas beim Weiterrennen zu und schlafe, was das Zeug hält.

Gestört sein

Meine Eltern waren als Kinder, bzw. Teenager im Zweiten Weltkrieg auf der Flucht. Meine Mutter kehrte beim Vorankommen der russischen Soldaten im Osten des Landes mit dem großen Flüchtlingsstrom zurück ins Rheinland. Mein Vater desertierte als Flugschüler des Regimes mit seinem unglaublich mutigen und klugen Lehrer aus Leipzig über Ungarn und Österreich ebenfalls zurück nach Köln.

Seit ich denken kann, träume ich von Zügen (meist), Bussen oder Flugzeugen, die ich verpasse. Ich renne und renne durch unbekannte Gegenden, meist Städte oder Unorte am Stadtrand, es kommen mir dauernd komischste Dinge dazwischen und dann gibt es diesen Moment, und ich bin jedes Mal zu Tode erschrocken, in dem ich meine Reisegelegenheit verpasst habe. Der andere Traum findet quasi einige Stunden vorher statt: Ich packe Unmengen von Zeug in viel zu kleine Koffer. Je mehr ich mich beeile, desto mehr Zeug quillt hervor und lässt sich nirgends mehr unterbringen. Es ist Stress pur.

Mir waren die Träume lange rätselhaft. Weil ich in meinem Leben kaum je Busse, Bahnen oder Flugzeuge verpasse, und meine Reisegarderobe stets so übersichtlich ist, dass sie garantiert in den Koffer passt. – ? Warum diese hartnäckigen Träume?

Dass Eltern, die eine Flucht im Krieg erlebt haben, es zum Beispiel bedrohlich finden, wenn ihr Kind ganz gedankenversunken spielt. Oder gar schläft. – Das hatte ich natürlich nicht auf dem Schirm. Gerade meine Mutter trieb mich, sobald sie es bemerkte, aus allen stillen oder konzentrierten Momenten. Mit 13 hatte ich eine handfeste Schlafstörung und war bis 25 tablettenabhängig. Ich hatte alle Konzentrationsstörungen, die man sich nur denken kann. Ich war in meinem eigenen Leben immer auf der Suche, nach einem ruhigen Platz, an dem ich arbeiten, schlafen, ja einfach nur sein durfte. Ich war – und bin es heute noch häufig – auf der Flucht.

Eine entsetzliche Kindheit. Für meine Eltern und für mich. Schuld? Wohl kaum. Aber großes Leid.

Am Ende,

und als es dunkel wurde, habe ich mich doch getraut: Eine Runde schwimmen, während die Partygäste an ihren von Kerzen beleuchteten Tischen saßen und von mir beim besten Willen keine Notiz nahmen. Trotzdem: ich war die einzige Erwachsene, die sich getraut hat. Die Kinder hatten natürlich überhaupt keine Bedenken (und zum Glück). Happy End? Ja. Allerdings mit fetter Erkältung. Aber die nehme ich klaglos….

Marionette sein

Freiheit geht anders: Ich schäme mich. Mal wieder für meinen Körper. Der alt wird. Was denn sonst? Am Wochenende ist Party. Man könnte da jetzt auch in den Pool. Aber die Vorstellung, vor geladenen Gästen zu baden: Auweia! Schwimmbad geht. Aber Gäste? Geht gar nicht!

Das muss man sich mal durch den Kopf gehen lassen… Ich bin geradezu fassungslos. Dachte ich wäre weiter. Mal wieder. Ich schäme mich für etwas, was normal ist. Nicht wirklich schlimm, aber genug, um den Badeanzug eben nicht mitzunehmen. Dieses quälende Gefühl, mich Blicken auszusetzen. Dabei könnte ich Wieland lesen, von dem Arno Schmidt sagt, er gehöre sowieso zu den Größten. Aber nein, erst mal eine Runde schämen.

Das gleiche mit der Kette, die ich neulich geschenkt bekam. Ich schäme mich, sie zu tragen. Muss man mal in den Kopf kriegen. Aber Hugo, unser Hausmodell, ist entspannt. Er sieht auch ziemlich gut aus, allerdings auch immer ein bisschen blass…

Was machen wir zusammen?

Reden natürlich, essen, tanzen, Sport, Ausflüge. Das fällt mir als Erstes ein, wenn ich an Dinge denke, die ich mit Freund*innen mache. Reisen, wenn man enger befreundet ist, ins Kino gehen, ins Theater, ins Konzert. Alles schön. Dennoch denke ich manchmal: zu wenig. Warum? Weil vieles von dem mit Konsum zu tun hat. Und kein gemeinsames Tun ist. Gut, wer mit Freund*innen zusammen isst, kocht gelegentlich auch gemeinsam. Ausflüge sind weitgehend aktiv, Sport natürlich auch. Aber wie ist es mit gemeinsamen Entdeckungen, echten Abenteuern oder gemeinsamen Aufgaben? Auch langfristig geführte Gespräche sind etwas anderes als bloß reden. Gemeinsam Konzerte, Theater oder Museen zu besuchen, führt manchmal solche Gespräche fort. Aber packen wir auch mal was gemeinsam an?

Mir fällt auf, wie ich mich verändere, wenn ich mit guten Freund*innen zusammen bin. Ich fühle mich gelöst, frei, neugierig, offen. Alles Zustände, die mehr möglich machen. Aber da ist dann meist ganz schnell Schluss. Vielleicht wäre es auch eine komplette Überforderung. Und ich fühle diese Gelöstheit nur, weil ich weiß, dass aus diesen Treffen nichts weiter erwächst. Aber mir kommen immer wieder auch Zweifel. Wie ist es bei Euch? Sehnsucht nach mehr?