Karfreitag

Die Diskussion fing schon vor ein paar Tagen an. Ob man denn jetzt tanzen dürfe – oder nicht. Wer Karfreitag tanzen will, warum, wer nicht, warum nicht, und was noch alles.

Als Todestag Christi wird der Freitag vor Ostern als Feiertag begangen, als stiller Feiertag, wie zum Beispiel auch der Totensonntag im November. Gesetzlich geregelt sind einige Verbote, das betrifft Discotheken, Clubs oder Kinos, weil auch bestimmte Filme nicht gezeigt werden dürfen. Warum gibt es diese Verbote? Wer bestimmt sie in einer Demokratie? Warum soll etwas für alle gelten, wenn längst nicht alle glauben? Und warum wird ausgerechnet Tanzen verteufelt, dieser Ausdruck größter Lebensfreude?

Aber vielleicht sitzen wir einem Missverständnis auf. Vielleicht bietet ein stiller Feiertag nicht Verzicht, sondern Freiheit, einmal aus dem Alltags- – und/oder Freizeittrott – auszusteigen?

Nein, es geht mir nicht darum, Medizin mit Honig zu versüßen. Aber mir ist der Tag heute wie eine sagenhafte Erholung vorgekommen: Mir die Zeit „pur“ vergehen zu lassen, ohne mich abzulenken. Gedanken zuzulassen, die sonst nicht an die Oberfläche kommen. Mehr zu sehen, und nach einer Weile auch mehr zu hören. Und plötzlich Erinnerungen zu haben, oder Bilder im Kopf von glücklichen Momenten. Sogar der Liebste schoss durch mein Herz wie ein bitzelnder Kometenstrahl.

 

Aufblühen

Das können Tulpen wirklich nur, wenn sie mit ihren Wurzeln noch in der Erde stecken: die Blütenblätter so weit strecken, dass sie waagerecht stehen und das Innere eine zweite Farbe preisgibt. „Mehr Hingabe“ hat jemand auf den Eingang des Friedhofs gesprüht, auf dem diese Tulpe ein Familiengrab ziert. Man hat den Eindruck, dass sie zumindest sich alle Mühe gibt.

Verlust

Weil wir (auch) in der Kunst die größten Dinge schaffen, die uns möglich sind, wiegt der Verlust (oder auch nur der teilweise Verlust) einer Kathedrale schwer. Dass vermutlich niemand bei dem Brand von Notre Dame sterben musste, ist ein wahnsinniges Glück, wenn man bedenkt, was dort jeden Tag los ist. Aber die Zerstörung ist endgültig. Natürlich kann man alles wieder rekonstruieren (ich würde mich wahrscheinlich wundern, was vom Kölner Dom alles nicht „echt“ – nicht mal aus dem 19. Jahrhundert – ist). Und auch früher sind – nein, gerade früher sind – etliche Kirchen abgebrannt und wieder neu aufgebaut worden. Doch gerade an einem Gebäude, an dem so viele Generationen ihr Bestes gegeben haben, wird spürbar, dass nicht nur altes Holz in Flammen aufgeht. Ein so altes Gebäude ist ein gemeinsames Projekt über Jahrhunderte hinweg. Stets von neuem haben sich Menschen dafür entschieden, diese Kirche nicht aufzugeben, abzureißen, zu vergessen. Insofern geht auch ein Stück sichtbarer Zeit verloren. Es ist so, als würde ein Anker gelichtet. Und wir treiben weiter.

Ans Meer denken

hilft mir auch an grauen Tagen, wieder ins Gleichgewicht zu kommen. Schon verrückt, wenn man denkt, dass es einfach nur salziges Wasser ist. Aber es ist so viel Wasser, dass man schon wieder ins tiefe Staunen versinkt. Überhaupt: Wasser. Und was für ein merkwürdiger Ort für so unterschiedliche und oft ebenfalls merkwürdige Lebewesen.

Ich fühle mich im Wasser zu Hause. Auch wenn ich nicht besonders gut schwimmen kann. Und keineswegs so mutig bin, an jedem Strand ins Meer zu gehen. Ist es, weil ich das Meer so liebe, oder umgekehrt, weil ich zu denjenigen gehöre, die ihre unendlich weit zurückliegende Herkunft aus dem Wasser nicht vergessen haben (wo auch immer in meinem Körper diese Erinnerung gespeichert ist).

Im Wasser bewege ich mich mit dem ganzen Körper. Was sich besser anfühlt, als alles, was ich an Land mache. Natürlich stimmt das so nicht. Ich gehe schließlich auch mit dem gesamten Körper. Aber im Wasser habe ich alle Richtungen zur Verfügung (zumindest unter Wasser), ich fühle mich wendiger, auch wenn ich im Schwimmbecken am Ende meist nur in eine Richtung schwimme. Ich hatte mal angefangen, eine Kindergeschichte zu schreiben, in der plötzlich eine Stadt unter Wasser steht, und die Menschen dort fortan ihren Alltag schwimmend bewältigen. Wie geht man zum Beispiel ins Bett, ohne im Schlaf weg zu driften? Oder wie frühstückt man gemütlich Toastbrot mit Nutella? Vielleicht ist ja Ostern endlich mal Zeit, diese Fragen zu beantworten. Bis dahin wünsche ich mir und allen eine schöne kurze Woche!

Mit den Augen eines/einer anderen

Vielleicht sind Fotografien, Filme, aber auch gemalte Bilder deshalb so spannend (und immer und immer wieder), weil sie uns eine Ahnung davon geben, wie andere die Welt sehen.

Andererseits: Wenn wir von früh an lernen würden, dass das, was wir sehen, keineswegs das ist, was ist, und dass jede/r andere etwas anderes sieht, wäre die Welt dann friedlicher (oder besser: wären wir dann friedlicher)?

 

Lernen

Als Freie Autorin werde ich hin und wieder von Schulbuchverlagen angefragt, ob ein Text von mir in einem Lehrbuch erscheinen könne. Ich muss jedes Mal lachen, weil ich als Schülerin in Deutsch oft nicht so gute Noten hatte… (allerdings ist ein Text mindestens in einem Sozialkundeheft erschienen). Ich freue mich auch, denn ich habe keine eigenen Kinder und denke, dass ich auf diese Weise hier oder da Gedanken in Kinderköpfen bewegen kann.

Aber erst Mal gilt es sich an Erwachsenen-Köpfen zu stoßen: die von erwachsenen Didaktikern (nicht mit Diktatoren zu verwechseln…), die solche Lehrbücher gestalten (Achtung! Dirk ist hier ausdrücklich ausgenommen!!!). Denn Ach und Weh! Könnte es nicht sein, dass ein Schulkind einen Satz nicht versteht. Und dann frustriert ist, das Handtuch wirft oder schlimmer noch, die Hausaufgaben verweigert und was noch!?

Liebe Leute, möchte ich dann beruhigend – und wahrscheinlich ebenso didaktisch (wie diktatorisch) – antworten: Lernen bedeutet Nicht-Verstehen. Denn was könnte gelernt werden, wenn wir alles schon vorher wissen oder verstehen? Das Lernen beginnt da, wo sich ein großes Fragezeichen in unser Denken bohrt: Wie bitte? Was? Echt jetzt? Nicht-Verstehen ist insofern keine Störung, sondern unabdingbar, wenn ein Lernprozess in Gang gesetzt werden soll. Ja, klar, man kann auch auf bereits Gewusstem aufbauen. So, wie wenn man allmählich einen Horizont öffnet. Aber nach meiner eigenen Erfahrung fängt Lernen bei Widersprüchen an, bei eigenen Denkfehlern, beim Entdecken von Unbekanntem, Sperrigen.

Ich würde mir wünschen, dass Erwachsene, die über den Lernstoff für Kinder entscheiden, diesen Aspekt wieder stärker im Blick hätten. Und damit auch mehr Vertrauen in die Kinder setzen könnten, denn, da bin ich sicher, Kinder sind viel weniger schnell vom Nicht-Verstehen abgeschreckt, als Erwachsene sich vorstellen, vor allem, wenn Kinder merken, dass sie für Voll genommen werden, und wir ihnen zutrauen, auch schwierige Zusammenhänge zu begreifen. Auch wenn das jetzt etwas weit hergeholt erscheint, aber die „Fridays for Future“ beweisen doch genau das – oder?