Sommerloch

Dieses Jahr mache ich endlich das, was ich schon 10 Jahre (mindestens) vorhatte: Eine Reha. Irgendwann zu Beginn des Jahres nahm meine Müdigkeit dermaßen Überhand, dass mir klar wurde: jetzt oder nie! Eine Woche habe ich schon hinter mir. Dazu noch vier Tage in Helsinki, die ich sehr genießen konnte, weil ich mich ratzfatz in die Stadt verliebt habe. Allein der Himmel über Helsinki ist von ganz eigener Klasse. Dazu das Meer und Kunst ohne Ende (es war Biennale).

Die Reha beschert mir neue Gesichter, und ich staune immer wieder, wie sehr ich, obwohl ich freiberuflich unterwegs bin, in einer Bubble stecke. Ganz andere Geschichten. Dazu der gemeinsame Wunsch, sich aus etwas zu befreien, was uns allen das Leben schwer und mühsam macht. Interessant für mich auch, ein eng getaktetes Leben zu führen, ohne zu arbeiten. Das ergibt ein sehr anderes Lebensgefühl. Die Reha ist ambulant, das bedeutet, ich starte meine Tage von zu Hause aus und bin auch am Wochenende in meiner gewohnten Umgebung. Was mir gut gefällt. Vermutlich werde ich also die nächste Zeit hier weniger einstellen. Was dann eben nicht bedeutet, dass es mir keinen Spass mehr macht. Euch wünsche ich auf jeden Fall gute Sommertage, was angesichts der Hitze eben auch der Wunsch ist, dass ihr gesund durch die Tage kommt.

Svealena Kutschke: Gespensterfische

Ich bin hingerissen. Obwohl ich erst vier Kapitel gelesen habe. Und Achtung! Wer Angst vor der Psychiatrie hat und dem, was sich da so abspielt, sollte die Finger vom Buch lassen. Obgleich es eigentlich ums Leben an sich geht. Und in der Psychiatrie vielleicht nur die Bruchstellen im Vordergrund stehen. Denn Risse haben wir alle, nur knicken wir an unterschiedlichen Stellen ein – oder gar nicht. Wie sagte Andy Warhol: „Leben ist Arbeit genug“, und eben, wer „Life-Work-Balance“ denkt oder gar „Freizeit“, hat sowieso schon verloren. Es geht also ums Leben, und um seine Schönheit. Auch in Existenzen, die wir gemeinhin als Verliererinnen sehen. Und noch einmal Achtung! Svealena Kutschke redet nichts schön, romantisiert nicht, federt absolut gar nichts ab. Sie schaut sehr genau hin, horcht, nimmt sich Zeit, sucht keinen Plot, und schreibt mit einer Präzision, Schärfe und gleichzeitigen Leichtigkeit, dass es mich atemlos lässt (ich muss immer wieder Lesepausen einlegen, sonst habe ich zu schnell eine Art Überdosis). Für mich schreibt Kutschke auch über das Schreiben selbst, was mich gerade sehr beschäftigt. Und auch damit ist es mir ein Herzensbuch.

Zugegeben, das ist gar keine Rezension. Aber der begeisterte – und leider durch Zeitknappheit extrem kurze – Versuch, Euch das Buch nahezulegen.

Schön, dass Sie anrufen.

Was? Wie? Nein, die Sendung (20stellige Sendungsnummer) wird heute nicht geliefert. Warum, können wir Ihnen nicht sagen. Ich werde eine Beschwerde verfassen. Haben Sie noch eine Frage?

Ordnung und Intuition

Ich bin unordentlich. Das ist eine Familienangelegenheit: mütterlicher- und väterlicherseits gab es Messies, zum Glück nicht bis zur völligen Verrottung, aber doch chaotisch genug, um das Leben in den jeweiligen Häusern oder Wohnungen zu bestimmen. Meine Wohnung ist nicht nur begehbar, sie ist im umfassenden Wortsinn wohnlich. Aber wo immer freie Flächen sind, stapelt sich Zeug. Und das, obwohl ich mittlerweile einen Keller habe.

Klar. Es gibt die Ordentlichen und die Unordentlichen. Und die oft gezogene Parallele zwischen kreativ und unordentlich geht nur in Teilen auf. Dennoch dachte ich neulich: Auf Kunst zu schauen, bedarf einer gewissen Ordnungsliebe, oder zumindest eines Wunsches oder Bedürfnisses, Strukturen zu erkennen.

Unordnung ist für mich – zumindest bis zu einem gewissen Grad – Freiheit und Abenteuer. Ich möchte mich nicht einer wie auch immer gearteten Ordnungsinstanz unterordnen. Gleichzeitig macht aber auch Unordnung nur Sinn, wenn der Rahmen die Ordnung ist. Völlig vermüllt ist für mich einfach nicht mehr schön, keine Steigerung von Freiheit oder Abenteuer, sondern nur noch einschränkend.

Könnte ich meine Unordnung als „intuitive Ordnung“ verstehen? Nicht, um mich besser zu machen, als ich nun mal bin. Sondern weil reine Unordnung meine Situation nicht richtig trifft. Denn es gibt einen großen Ordnungssinn in mir. Wehe, wenn etwas an der falschen Stelle ist. Oder, und das bringt mich, wenn ich es bemerke, jedes Mal zum Lachen: Das Bild an der Wohnzimmerwand meiner Nachbarn: Es hängt schief! So schlimm, dass ich fast schon rübergegangen wäre…

Will sagen. Meine Ordnung ist nicht ordentlich, sondern intuitiv. Sie entspricht meinen persönlichen Vorstellungen und kann deshalb mit dem Ordnungssinn anderer kollidieren. Als Gast oder im Zusammensein mit anderen bemühe ich mich daher um einen ordentlichen Ordnungsstil. „Intuitive Ordnung“ – ja klar, da können jetzt alle mal laut lachen (ich höre meine Mutter…). Dennoch habe ich den Eindruck, das mir diese Bezeichnung hilft, Vorurteile gegen mich selbst aufzugeben…

Absolute Beginner…

Tatsächlich schreibe ich gerade meinen ersten „seriösen“ Beitrag mit Hilfe der KI. Ich bin keine Freundin von Abkürzungen. Bislang war mir die Praxis künstlich generierter Texte einfach zu blöd. Ich kann schreiben, ich weiß (meistens), was ich sagen will, und wenn nicht, hilft mir eigentlich nur das Schreiben selbst, herauszufinden, was es sein könnte. Einmal, gebe ich zu, habe ich bei einem Auftrag die Schreibhilfe angenommen, es war ein völlig kunstfremdes Thema, mir fehlten – eben auch weil es vom Kunden kaum Basis-Material gab – einfach Begriffe und Zusammenhänge.

Aber natürlich geht das Leben weiter. Und die Praxis, dass Aufträge immer schneller fertiggestellt werden müssen, bringt Texterinnen und Texter an Grenzen. Manchmal geht es ganz einfach nur darum, einen Idee auf ihre Stichhaltigkeit zu prüfen oder einen Gedanken bis zum Ende durchzuspielen. Dann füttere ich ChatGPT mit einer Frage. Die auf eine Art gründlich und irgendwie auch possierlich beantwortet wird. Genau genug, um mir Halt zu geben, und meinen Text fortzuführen.

Das heißt, es geht in erster Linie nicht darum, dass die KI meinen Text übernimmt, sondern dass sie eine Art virtuelle Gesprächspartnerin wird, die mir hier und da ein paar kluge Hinweise steckt. Das macht sogar Spass. Und es erleichtert meine Recherche. Nein, die eigene Suche nach Ideen, das Überprüfen von Fakten oder das Entwickeln eigener Thesen steht – zumindest bei mir – nicht zur Disposition. Es ist ein gutes Gefühl. Weil es eben auch wieder meine Neugier weckt. Bis hierher bin ich erst mal sehr positiv überrascht. Mal sehen, wie es weiter geht.

Erik Satie

ist vor genau 100 Jahren in Paris gestorben. Ein schwieriger Mensch mit überbordender Fantasie. Vielleicht passt „Unikum“ gut, ihn zu beschreiben, eine Melange von vergnügtem Unikat und einsamen Monstrum, von jemanden, der schief in der Welt stand, um es freundlich zu formulieren.

Mein Freund Tomas Bächli hat neulich ein Konzert vor Freund*innen ausprobiert, in dem er Stücke von Satie mit Kompositionen anderer Musiker*innen (ja, doch, es gab auch Ruth Crawford-Seeger) mischt. Ein sehr erhellendes Verfahren, das für meinen Geschmack zu selten in der Aufführungspraxis angewendet wird.

Tomas hat auch ein Buch über Satie geschrieben, deshalb bin ich, als Nicht-Musikerin, in Gesprächen, aber auch immer wieder in Konzerten mit Saties Musik über die Jahre vertraut geworden. Eine Arbeit mag ich besonders, die „Sports et divertissements“, ein Zyklus von 21 enorm kurzen Klavierstücken, die Satie zwischen März und Mai 1914 komponierte.

Von Satie sind zahlreiche Bonmots bekannt, oft geht es darum, dass er vor allem nicht als Musiker bekannt sein möchte: er sei nun mal alles andere, als ein Komponist. Einmal nennt er sich Meister der „Phonometrie“, was in etwa einem Forscher menschlicher Sprachlaute entspricht. Nonsense und Ernst in einem, denn Satie erforschte Laute, wandelte sie in Töne, suchte nach deren Mitte, d.h. einem Ton ohne aufgesetzte Expression.

Beim Durchblättern der Partitur zu den „Sports et divertissements“ stand mir eine Parallele vor Augen, die keine neue Deutung nach sich zieht, aber vielleicht die Intention Saties bei einigen Stücken neu beleuchtet. Ich meine die Nähe zum damaligen Stummfilm. Dabei geht es mir weniger um die Tatsache, dass die Filme, die ab den 1895er Jahren entstanden, zunächst mit dazugehöriger Musik gezeigt wurden. Denn dass sich Saties Kompositionen enorm gut für Filme eignen, und in mittlerweile über 100 Kinofilmen zu hören sind, steht noch einmal auf einem anderen Blatt.

Mir geht es hier um die Struktur: In frühen Filmen sehen wir oft kurze Szenen, kleine und große Eskapaden, die von – eingeblendeten – Überschriften getrennt hintereinander gezeigt werden. Diese Filme sind so etwas wie Potpourris menschlicher oder tierischer Slapsticks, die keine übergreifende Handlung zeigen, sondern die tragikomische Seite irdischer Existenz. Genau so scheint mir Satie die „Sports et divertissements“ angelegt zu haben. In der Partitur sind die kleinen Musikeskapaden von Zeichnungen des Modezeichners Charles Martin unterbrochen, die die Stelle der Überschriften im Film einnehmen. Stets geht es um kurze Episoden, die Satie tatsächlich nicht nur musikalisch, sondern auch mit kleinen Texten erzählt. Hier wurde vielleicht wegen Saties späteren Nähe zu den Surrealisten zu viel Gewicht auf ihre surreale, traumartige Szenerie gelegt. Tatsächlich sind sie Komik und Nonsens verpflichtet, zwei Aspekte, die Satie immer wieder zur Hilfe nahm, um der „ernsten“ Musik ihre Schwere und ihre oft altmodische Wucht zu nehmen.

Also, vielleicht nahm Satie die Anregung des neuen Mediums Film auf und suchte hier nach Möglichkeiten, die E-Musik zeitgemäß zu fassen. Vielleicht ist das aber auch zu weit hergeholt. Hier noch die (dilettantische) Übersetzung des Stücks auf dem Foto:

Der Krake

Der Krake ist in seiner Höhle.

Er vergnügt sich mit einer Krabbe.

Er verfolgt sie.

Er hat sie quer verschluckt.

Verschwinde, er läuft auf seinen acht Füßen,

trinkt einen Schluck salziges Wasser, um sich zu erfrischen.

Dieses Getränk tut ihm sehr gut, es bringt ihn auf andere Ideen.

Erik Satie, 17. März 1914″

Das Buch von Tomas Bächli heißt: „Ich heiße Erik Satie wie alle anderen auch.“ Es ist 2016 im Berliner Verbrecher Verlag erschienen.

Freund*innen

Geschmäht und geliebt, immer wieder als Ersatz (oder eben nicht) für Partner*innen beschworen, Lebensmenschen, Phantomschmerzen (bei Verlust), Geschenk und Fluch in einem.

Sie fallen einem meist zu, wer sie halten kann, wer nicht, steht auf anderen, meist noch ungeschriebenen Blättern. Ob es eine Begabung zur Freundschaft gibt, ist umstritten, jede und jeder kann jetzt und immer wieder entscheiden, wie wichtig ein Freund oder eine Freundin ist.

Manche gehen im Laufe des Lebens verloren, manche bleiben, das ist nicht unbedingt eine Frage des mehr oder weniger. Alle bringen andere Saiten zum Klingen, Ich mit Freund*innen ist ein paar mehr. Vielleicht.

Oft sind es Gemeinsamkeiten, die Freund*innen verbindet. Aber es gibt auch jene Freundschaften, die mich in eine andere Welt blicken lassen. Musiker*innen zum Beispiel, die mir Erfahrungen erlauben, die ich in meinem Leben so nie gemacht hätte.

Zunächst mag die Sache banal klingen. Denn es geht darum, Musiker*innen beim Üben zuzuhören. Nicht gerade ein Genuss, mag man denken, es ist ja eher repetitiv und immerzu unterbrochen. Dann wieder mit lautem Zählen oder mit unprätentiösem Mitsingen einer zweiten Stimme begleitet. Und das, je nachdem über Stunden. Ich habe mich zum Glück nie gestört gefühlt und fand es sogar großzügig, dass meine Freund*innen mich in Probesituationen nicht davon jagten. Ich haben dann meist gelesen oder mir vielleicht auch Notizen gemacht, ein paar Mal lag ich auch krank im Zimmer nebenan, intensive Erinnerungen, in denen sich die Musik mit den Fieberträumen mischte.

Musik ist immer Musik. Auch in der Probe. Wenn sie einsetzt, verändert sie den Moment. Man kann sich immer auch gestört fühlen und das Gefühl haben, aus dem eigenen Moment verscheucht zu werden. Meist natürlich, wenn man die Musik nicht mag oder sie für die Tageszeit einfach zu laut oder zu aufdringlich ist.

Gestern hatte ich nach langer Zeit noch einmal Gelegenheit, beim Proben dabei zu sein. Einfach, weil ich zu früh fürs Konzert war und netterweise bleiben konnte. Glasklar perlte eine Komposition von Eric Satie durch die frühabendliche Stille eines Berliner Hinterhofs. Und ich meine mit perlen hier gar nicht so sehr das Sprudelige, als vielmehr die Folge der Töne wie glänzende Perlen auf einer Schnur, die hier die Melodie oder halt Tonfolge war. Als Erfahrung vielleicht vergleichbar mit einem Sonnenuntergang, der sich am Horizont ereignet und mein augenblickliches Tun gleich um 100% und mehr bereichert.

Es geht nicht um Bewertungen. Eine solche Erfahrung macht eine Freundschaft nicht wichtiger als eine andere. Mir wurde einfach nur einmal mehr klar, wie sehr Freundschaften mein Leben bereichern. Und auch, weil ich, bevor ich mit diesem Eintrag begann, noch mal die beiden Vorherigen gelesen habe, sage ich Danke. An Tomas und auch an Gertrud, und alle Freunde und Freundinnen, die Zeit mit mir teilen.

Ach ja, dieses Foto habe ich von meiner Freundin Petra: Danke auch dafür!

Danke sagen

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie meine Eltern mir das „Danke“ nicht nur als Vokabel, sondern auch als Geste beigebracht haben: mit der Holzhammer-Methode. Denn jedes Mal, wenn jemand nur halbwegs nett zu mir war und sie daneben standen, kam die Frage: „Und was sagt man jetzt?“ Ich fühlte mich vorgeführt wie ein abzurichtender Pudel, verdrehte genervt die Augen und presste ein wenig entspanntes „Danke“ hervor. Fürchterlich peinlich.

Das Gefühl blieb lange. Nicht etwas Nettes – und vor allem freiwillig – zu sagen, sondern eine Floskel zu bedienen, eine Erwartung zu erfüllen. Einfach nur zu gehorchen. Wie schade. Denn, tja, ein Danke kann einem wirklich den Tag retten.

Beruflich schreibe ich viel. Das ist hauptsächlich Terminarbeit und alle sind froh, wenn ich meine Texte pünktlich liefere. Mir ist klar, dass ich nicht jedes Mal ein Danke bekomme. Ich bin ja auch froh, und das ist oft schon Belohnung genug. Seit einiger Zeit schreibe ich wieder häufiger Rezensionen. Und was mich erst erstaunte, und jetzt jedes Mal wieder richtig freut: Die Leute bedanken sich. Künstler*innen und Galerist*innen sind natürlich auf Feedback angewiesen. Aber häufig sind Gespräche für Interviews für sie eine eher seltene Gelegenheit, über die eigene Arbeit zu reflektieren. Das war mir gar nicht so klar, und zeigt, dass meine Arbeit sogar noch einen weiteren Nutzen hat, als bloß zu informieren.

Kurz, ich bekomme häufiger mal ein nettes Dankeschön per E-Mail und staune, wie froh mich das macht. Und? Natürlich kann ich das auch: Danke zum Beispiel an Euch und Eure Kommentare! Und mit Ausblick: Allen ein schönes kommendes Wochenende!

Unangenehme Überraschung

Gestern bin ich in der Berliner U-Bahn attackiert worden. Zum Glück ist nichts weiter passiert, aber der Schreck sitzt mir noch immer in den Knochen. Weil ich natürlich das erlebte, was man bei Gewalt oder anderen Katastrophen meist als Erstes denkt: Ach so. Das kann also auch mir passieren…

Dass anderen etwas passiert, dass jemand angerempelt wird oder angeschrieen, dass Streitereien eskalieren. das habe ich alles schon erlebt. Aber immer als Zuschauerin. Dieses Mal war es anders. Und ich hatte wirklich Glück. Denn ich war so in Gedanken, als ich in die schon ziemlich volle Bahn einstieg, dass ich gar nicht richtig merkte, dass einer der Passagiere auf Krawall gebürstet war. Er saß auf einer Dreierbank, zwei Plätze waren noch frei und ich wollte mich dort hin setzen. Der Typ schrie mich an, ich solle verschwinden, aber ich war so erschöpft, ich ließ mich einfach fallen. Er ist dann sofort aufgesprungen und hat sein Schlüsselbund nach mir geworfen. Das ging so schnell, dass ich gar nix kapiert habe. Der Schlag war heftig, aber er hatte mich nur an der Schulter erwischt. Im Gesicht wäre es möglicherweise krass geworden.

Und dann folgte etwas sehr merkwürdiges. Der Typ verschwand in der Tiefe des Abteils. Er rannte weg. Und ließ sogar sein Schlüsselbund am Boden liegen. Erst da ungefähr hatte ich verstanden, was gerade passiert war. Ich wunderte mich natürlich, ein erster Reflex wollte, dass ich nach dem Schlüsselbund greife. Aber das habe ich gelassen. Erst jetzt sprach mich ein Mann von gegenüber an, ob ich verletzt sei. Immerhin…

Nein, ich hatte heute keine Angst, als ich in die S-Bahn gestiegen bin. Gewalt ist allgegenwärtig in Großstädten. Sie kann immer und überall urplötzlich eskalieren. Dennoch hat dieser Moment meine Stimmung verändert. Ich fühle mich tatsächlich angreifbarer. Und ich habe mir geschworen, aufmerksamer zu sein, wenn ich mit Öffis unterwegs bin.

Freiheit

Wenn ich an Freiheit denke, denke ich zunächst an freie Zeit. Vermutlich geht es vielen so, ein Schritt weiter, bin ich nicht nur bei der Freizeit, sondern auch beim Nichtstun. Pfffff…

Freiheit ist natürlich mehr, und ein zweischneidiges Schwert. Denn es bedeutet keinesfalls freie Fahrt in alle Richtungen. Demokratien sind dem Grundwert persönlicher Freiheit verpflichtet. Das heißt, es gibt möglichst umfassenden Schutz einer privaten Sphäre, solange nicht Staat oder andere Menschen in Gefahr sind.

Als Kind habe ich mich unfrei gefühlt. Ich hatte keine Geschwister, bestimmt haben meine Eltern, nicht nur, was auf den Tisch kam, was ich anziehen durfte, welche Frisur ich hatte, wann ich zu Hause sein musste, sondern auch sonst so ziemlich jede Grenze meines Lebens. Kindheit war für mich ein endloser, eingezäunter Weg.

Mittlerweile würde ich sagen, dass es gar keine absolute Freiheit gibt. Weil niemand von uns alleine auf der Welt ist. Aber es gibt eigene und damit freie Entscheidungen. Sie sind wichtig, um überhaupt jemand zu werden. Für mich hat es sich als hilfreich erwiesen, andere Werte rund um die Freiheit zu gruppieren. Um meine Vorstellung von Freiheit genauer zu fokussieren. Dazu gehören Überschwänglichkeiten wie Humor, Großzügigkeit oder Optimismus. Auf der anderen Seite aber auch Einschränkungen wie Ehrlichkeit, Demut, Zuverlässigkeit und Respekt.

Das Gefühl der Unfreiheit aus meiner Kindheit plagt mich noch heute manchmal. Dann begehre ich auf, ohne zu bemerken, dass ich gar kein Kind mehr bin. Und es nicht um Gehorchen geht, sondern meist um eine gangbare Strategie. Hier habe ich zum ersten Mal bemerkt, dass Unfreiheit auch im eigenen Kopf entsteht, und ich mich immer wieder in mich selbst verstricke und im Ergebnis unfrei fühle. Damit aber wurde mir auch klar, dass Freiheit nicht mein einziger Leitstern sein kann, obwohl meine Biografie bis heute vor allem geprägt ist von dem Wunsch, unabhängig zu sein. Welche Werte sind mir also noch wichtig? Ich bleibe dran, und hoffe, in den nächsten Tagen oder Wochen noch zuverlässige Lebenswegmarken zu finden.

Dieses schöne Stundenglas ist mit Schaum statt mit Sand gefüllt, um einmal nicht das unerbittliche Verrinnen der Zeit anzuzeigen, sondern die Möglichkeiten einer noch so kurzen Pause. So gesehen im Japan Haus in London.