Don’t touch money

Bill Cunningham war in New York eine offizielle nationale Sehenswürdigkeit (seit 2009), in Frankreich wurde er mit dem Offiziersorden der Künste und der Literatur geehrt, zu Hause, im Gebäude der Carnegie Hall wohnte er in seinem Archiv. Letzten Monat ist er 87-jährig gestorben, bis zuletzt mit blauer Arbeiterjacke auf dem Fahrrad in Downtown Manhatten unterwegs, um neue verrückte Mode-Styles zu fotografieren.

Ein unglaublicher Typ. Allein seine Fotos sind erstaunlich: lebendig und exklusiv, fröhlich und so garantiert noch nie gesehen. Niemals hat er einen Menschen in einem unglücklichen Moment oder an einem Bad-Hair-Day „geschossen“. Er war jemand, der seine Begabung bis zur letzten Konsequenz lebte: Keine Liebe, keine Partnerschaft – „ich hatte keine Zeit. Ich habe nur nach Kleidern geschaut.“

Was mich beeindruckt, wie wenig er – der auf vielen Promi-Events unterwegs war und auf Modenschauen, wo die teuersten Kleider der Welt präsentiert wurden – Wert auf Geld legte. Im Gegenteil. In dem Dokumentarfilm von Richard Press (dogwoof 2010) sagt er gleich zu Anfang: „If you don’t touch money, they can’t tell you what to do.“ Und kurz darauf: „Money ist the cheapest thing. Freedom is the most expensive.“ Seine Kleidung war geschmackvoll und bescheiden. Auf der Straße trug er die blauen Arbeitsjacken der New Yorker Müllmänner, weil sie, wie er lachend bemerkte, sehr viele Taschen haben. Gegen den Regen hatte er einen billigen schwarzen Umhang, den er tausendmal klebte, bevor ein neuer gekauft wurde: „I know it embarrasses everyone. But ist dosn’t embarras me.“

Das mit dem Geld will ich mir merken. Im Grunde weiß ich es. Aber es ist schwierig, diesen Knochen zu verteidigen. Der Alltag will oft anders. Und es gibt noch etwas, woran ich mich halten werde: „He who seeks beauty will find it.“ Und damit eine gute Nacht.

Das Foto ist ein Screenshot aus dem Film von Richard Press.

Einsortiert unter: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s