Was mir imponiert hat bei dem gestrigen Anschlag in München: Wie schnell alle reagiert haben. Dass die Polizei sofort getwittert hat und so eine große Zahl an Menschen erreichen konnte, dass die Münchner/innen solidarisch waren und ebenfalls sofort fremden Menschen in ihren Wohnungen oder wo auch immer Zuflucht angeboten haben. Statt in Angst zu erstarren, haben die Leute das Naheliegende und Sinnvolle gemacht: Hut ab. Nur so können wir als Zivilgesellschaft auf den Terror antworten. Ich bin wirklich erschüttert. Aber ich habe auch Hoffnung.
Ohne Worte…
Kollegen aus der Zukunft?
Ich arbeite demnächst für ein neues Büro. Es nahm mich beim ersten Besuch schon Wunder, wer zu dem Helm im Regal gehört…
Zum in die Wand meißeln
Ich hab’s mir ausgedruckt, dieses fantastische Zitat, jedoch zu notieren vergessen, wo es zu lesen war. Ein Artikel in „Zeit-online“, vorgestern vielleicht. Es ist eine Bestätigung von meiner eigenen Erfahrung, die ich gegen das immer wieder sich aufbäumende Schlechte Gewissen verteidige:
>Wenn ihr zu hart arbeitet, werdet ihr immer in dieselbe Richtung gehen<, sagte der britische Medizinnobelpreisträger Paul Nurse unlängst vor chinesischen Nachwuchsforschern. „Nur ohne Druck kommt ihr auf neue Gedanken. Wenn ihr wirklich gut sein wollt, dürft ihr nicht zu hart arbeiten.
Dem ist meiner Ansicht nach nichts hinzuzufügen.
Echte Äpfel
vom echten Apfelbaum im Schrebergarten duften. Die zwei kleinen Früchtchen reichen schon, um meine – zugegeben auch kleine – Küche olfaktorisch zu veredeln (jawoll). Und am Freitag gibt es ein Körbchen voll für Kuchen und Kompott. Echte Äpfel reichen an manchen Tagen wirklich schon zum ganz großen Glück.
Stille Lektüre
„Die Annäherung“, der neue Roman der österreichischen Schriftstellerin Anna Mitgutsch ist in diesem Frühjahr erschienen. Ein Buch, das mich nicht aus dem Lesesessel wirft, das ich jedoch beharrlich wieder zur Hand nehme. So viel ist darin geschrieben von Dingen, die ich bestens kenne, vielleicht könnte man sagen, es ist ein Buch für die midlife-people, die nicht mehr jung sind, deren Eltern betreut werden müssen, die Bekanntschaft mit dem oft ausländischen Pflegepersonal machen und die noch einmal einen neuen Bezug zu Vater und Mutter suchen. Die eigenen Lebensperspektiven laufen leer oder in unvermutete Richtungen, alte Wunden brechen wieder auf, das gelebte Leben frisst Hoffnungen und Utopien. Enkel halten die Phantomschmerzen ihrer Großeltern aus, Partnerschaften, Freundschaften, die Liebe zu den Kindern stehen urplötzlich zur Debatte, scheinbar aus keinem anderen Grund, als dem, dass Zeit vergeht.
Ich mag das Buch an dieser Stelle nicht besprechen, zumal ich es noch nicht zu Ende gelesen habe. Ich empfehle es für Menschen, die gerade mit ihren alten Eltern zu tun haben, denn es erzählt von beiden Seiten, in diesem Fall vom alten Vater und der fast schon alten Tochter. Nein, es ist kein Buch, das Mut macht. Es ist eher melancholisch. Aber es zeigt, wie viel wir voneinander immer und immer wieder missverstehen. Und vielleicht bringt es uns mit dieser Erkenntnis zu einem besseren und vor allem zu einem liebevolleren Blick auf unsere Nächsten.
Lebenszeit
In letzter Zeit höre ich dieses Wort häufiger von Menschen, die eine beachtliche Karriere geschafft haben und plötzlich – scheinbar ohne Grund – das Handtuch schmeißen. „Lebenszeit“ heißt es dann oft, sei wichtiger als Geld oder berufliches Fortkommen.
An Sonntagabenden wie diesem spüre ich gelegentlich die Weite der Lebenszeit, wenn es mir gelingt, aus allen vermeintlich wichtigen Dingen des Alltags auszusteigen. Ich meine damit ausdrücklich keine Verpflichtungen. Aber Termine, die ich unbedingt noch abhaken wollte, Kultur, Freunde, Hausarbeit, hier und da was. Wie mir das Herz aufgeht, wenn ich am offenen Fenster sitze und die Nachtluft einatme, wenn ich mir aus lauter Übermut weiße Pfirsiche in Wein koche, wenn ich die Leute auf der Restaurantterrasse nebenan gutgelaunt schwatzen höre, wenn ich den Falken nachlausche, die mich ein paar Tage zum Narren gehalten haben, weil sie so ähnlich wie Möwen klingen.
Und wie gut das ist, wenn ich mich am Dienstagnachmittag an dieses Wohlgefühl erinnere und kurzerhand früher nach Hause gehe. Nein, es geht mir nicht darum, weniger zu arbeiten. Es geht eher darum, die Arbeit nicht so furchtbar wichtig zu nehmen. Und zu verstehen, dass meine Lebenszeit mehr wiegt als die durch ein Honorar vergoltene Arbeitszeit, auch wenn ich die meiste Zeit eine Arbeit mache, die ich mir ausgesucht habe. Genießen, das begreife ich erst sehr allmählich, gehört zu einem guten Leben dazu. Und mir ist eins klar geworden: Ich möchte ein gutes Leben führen, egal welche Steine es mir in den Weg legt.
Noch so ein grauer Tag,
an dem ich nicht weiß, welche Gefühle ich eigentlich habe. Mein Mitgefühl für die Menschen in der Türkei, Ratlosigkeit, Wut über die willkürliche Politik, Fragen, wo es hingeht, was man sich wünschen soll und wo die Hoffnung herkommen könnte. Dieser Sommer ist kein unbeschwerter.
Freiheit ist nicht verhandelbar
Es mag ein idiotischer Zufall gewesen sein. Ein Mann mit blinder Zerstörungswut, ein Feiertag als gute Gelegenheit, das heißt, kein Terroranschlag. Trotzdem ist der Massenmord in Nizza gestern Abend ein terroristischer Akt. Wo ein einzelner die Menschen aus purer Wut terrorisiert, tötet, den Überlebenden die Angst in den Knochen stecken lässt, die Angehörigen mit Trauer überschüttet. Die politisch motivierten Terroranschläge zeigen, wie es geht. Wer will, ist ausdrücklich zur Nachahmung aufgerufen. Für Terroristen sämtlicher Couleur ist eine solche Einzeltat ein willkommenes Plus.
Wir können uns vor solchen Taten nicht schützen, ohne unsere Freiheit aufzugeben. Und auch dann können wir uns nicht schützen, weil wir in einem Käfig der Angst sitzen. Der Anschlag gestern hat gezeigt, wie dünn die Zivilisationsschicht ist. Freiheit, Demokratie, Gleichberechtigung, die Tugenden, die uns die französische Revolution in die Verfassungen geschrieben hat, sind nicht selbstverständlich. Wir müssen sie verteidigen. Allons…
Die Erfindung der Natur
Lange war Natur einfach nur. Als sich die Menschen anschickten, sie genauer zu betrachten und zu verstehen, war sie schon auf dem Rückzug. Bereits im 17. Jahrhundert hatte man verschiedene Tierarten ausgerottet und wusste es auch. Doch erst Alexander von Humboldt, jener „letzte Universalgelehrte“ Europas, als der er in den Jahrzehnten nach seinem Tod auch verstaubte, gehörte zu den ersten, die das Ineinandergreifen von Mensch und Natur begriff und beschrieb. Er verstand die Welt als einen großen lebenden Organismus und versuchte, ihm mit eigener Erfahrung und dazugehörenden Gefühlen beizukommen. Humboldt war einer der letzten großen Naturwissenschaftler, die mit subjektivem Blick in die Natur schauten. Das ausgehende 19. Jahrhundert sollte eine Ära der Spezialisierung gerade in den akademischen Institutionen samt Objektivierung des Untersuchungsgegenstandes einläuten, von denen wir uns gerade wieder frei strampeln. „Ich sammle Ideen“, soll Humboldt einmal gesagt haben, „keine neuen Arten“. Auch das bezieht sich auf seine Perspektive, die das Zusammenspiel von Mensch und Natur fokussiert.
Frank Holl war 1999 einer derjenigen, die Humboldt neu in die Debatte brachten und seine Netzwerktätigkeit, seine Verbindung von allem mit allem, seinen Blick über Fachgrenzen und seine unbändige Neugier als durch und durch moderne Forschungsmethode begriffen und ihn als Vorbild für eine neue, interdisziplinär und international arbeitende Expert/innen-Generation vorstellten. Neuste Publikation in dieser Tradition ist das kürzlich in New York erschienene Buch von Andrea Wulf: „The Invention of Nature“ Ich kann es noch nicht wirklich vorstellen, denn ich bin erst auf Seite 59. Aber was ich bis dahin gelesen habe, haut mich um. Weil es akribisch recherchiert und dennoch spannend geschrieben ist. Beim Lesen habe ich das Gefühl, Alexander von Humboldt zu folgen, oder ihn zumindest aus einiger Entfernung zu sehen und ihn zu kennen, so gut oder schlecht, wie wohl Zeitgenossen von ihm behaupteten. Er ist mir meistens sympathisch (gerade wo er Angst vor Gespenstern hatte – ich meine, ein Naturwissenschaftler + Angst vor Gespenstern!!!), aber er kann auch eitel und arrogant sein, das gefällt mir nicht. Doch meist hält er sich nicht lange bei seiner Eitelkeit auf und forscht wieder los, und schon wird es spannend. Dass er mit Haut und Haaren dabei war, kann man wörtlich verstehen. Dass er so alt wurde, ist für uns ein Segen, denn er gehörte noch einer Generation an, in der man nur mit einer Hand schrieb. Lieblingsbuch, kann ich nur sagen, und noch soviel verraten, dass es im August (wenn ich richtig gehört habe) in einer deutschen Übersetzung erscheint (leider habe ich vergessen in welchem Verlag). Unbedingt lesen!
Andrea Wulf, The Invention of Nature – Alexander von Humboldt’s New World. New York 2016.







