Lebenszeit

In letzter Zeit höre ich dieses Wort häufiger von Menschen, die eine beachtliche Karriere geschafft haben und plötzlich – scheinbar ohne Grund – das Handtuch schmeißen. „Lebenszeit“ heißt es dann oft, sei wichtiger als Geld oder berufliches Fortkommen.

An Sonntagabenden wie diesem spüre ich gelegentlich die Weite der Lebenszeit, wenn es mir gelingt, aus allen vermeintlich wichtigen Dingen des Alltags auszusteigen. Ich meine damit ausdrücklich keine Verpflichtungen. Aber Termine, die ich unbedingt noch abhaken wollte, Kultur, Freunde, Hausarbeit, hier und da was. Wie mir das Herz aufgeht, wenn ich am offenen Fenster sitze und die Nachtluft einatme, wenn ich mir aus lauter Übermut weiße Pfirsiche in Wein koche, wenn ich die Leute auf der Restaurantterrasse nebenan gutgelaunt schwatzen höre, wenn ich den Falken nachlausche, die mich ein paar Tage zum Narren gehalten haben, weil sie so ähnlich wie Möwen klingen.

Und wie gut das ist, wenn ich mich am Dienstagnachmittag an dieses Wohlgefühl erinnere und kurzerhand früher nach Hause gehe. Nein, es geht mir nicht darum, weniger zu arbeiten. Es geht eher darum, die Arbeit nicht so furchtbar wichtig zu nehmen. Und zu verstehen, dass meine Lebenszeit mehr wiegt als die durch ein Honorar vergoltene Arbeitszeit, auch wenn ich die meiste Zeit eine Arbeit mache, die ich mir ausgesucht habe. Genießen, das begreife ich erst sehr allmählich, gehört zu einem guten Leben dazu. Und mir ist eins klar geworden: Ich möchte ein gutes Leben führen, egal welche Steine es mir in den Weg legt.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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