Die Erfindung der Natur

Lange war Natur einfach nur. Als sich die Menschen anschickten, sie genauer zu betrachten und zu verstehen, war sie schon auf dem Rückzug. Bereits im 17. Jahrhundert hatte man verschiedene Tierarten ausgerottet und wusste es auch. Doch erst Alexander von Humboldt, jener „letzte Universalgelehrte“ Europas, als der er in den Jahrzehnten nach seinem Tod auch verstaubte, gehörte zu den ersten, die das Ineinandergreifen von Mensch und Natur begriff und beschrieb. Er verstand die Welt als einen großen lebenden Organismus und versuchte, ihm mit eigener Erfahrung und dazugehörenden Gefühlen beizukommen. Humboldt war einer der letzten großen Naturwissenschaftler, die mit subjektivem Blick in die Natur schauten. Das ausgehende 19. Jahrhundert sollte eine Ära der Spezialisierung gerade in den akademischen Institutionen samt Objektivierung des Untersuchungsgegenstandes einläuten, von denen wir uns gerade wieder frei strampeln. „Ich sammle Ideen“, soll Humboldt einmal gesagt haben, „keine neuen Arten“. Auch das bezieht sich auf seine Perspektive, die das Zusammenspiel von Mensch und Natur fokussiert.

Frank Holl war 1999 einer derjenigen, die Humboldt neu in die Debatte brachten und seine Netzwerktätigkeit, seine Verbindung von allem mit allem, seinen Blick über Fachgrenzen und seine unbändige Neugier als durch und durch moderne Forschungsmethode begriffen und ihn als Vorbild für eine neue, interdisziplinär und international arbeitende Expert/innen-Generation vorstellten. Neuste Publikation in dieser Tradition ist das kürzlich in New York erschienene Buch von Andrea Wulf: „The Invention of Nature“ Ich kann es noch nicht wirklich vorstellen, denn ich bin erst auf Seite 59. Aber was ich bis dahin gelesen habe, haut mich um. Weil es akribisch recherchiert und dennoch spannend geschrieben ist. Beim Lesen habe ich das Gefühl, Alexander von Humboldt zu folgen, oder ihn zumindest aus einiger Entfernung zu sehen und ihn zu kennen, so gut oder schlecht, wie wohl Zeitgenossen von ihm behaupteten. Er ist mir meistens sympathisch (gerade wo er Angst vor Gespenstern hatte – ich meine, ein Naturwissenschaftler + Angst vor Gespenstern!!!), aber er kann auch eitel und arrogant sein, das gefällt mir nicht. Doch meist hält er sich nicht lange bei seiner Eitelkeit auf und forscht wieder los, und schon wird es spannend. Dass er mit Haut und Haaren dabei war, kann man wörtlich verstehen. Dass er so alt wurde, ist für uns ein Segen, denn er gehörte noch einer Generation an, in der man nur mit einer Hand schrieb. Lieblingsbuch, kann ich nur sagen, und noch soviel verraten, dass es im August (wenn ich richtig gehört habe) in einer deutschen Übersetzung erscheint (leider habe ich vergessen in welchem Verlag). Unbedingt lesen!

Andrea Wulf, The Invention of Nature – Alexander von Humboldt’s New World. New York 2016.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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