Tao-Tê-King

„Das heilige Buch vom Weg und von der Tugend“, wie die 81 chinesischen Sinnsprüche aus den ersten Jahrhunderten v.Chr. im Deutschen heißen, gehört zu den Schullektüren, die mich hoffnungslos überforderten. Vorgestern sah ich ein schmales Reclam-Bändchen in der Übersetzung von Günther Devon. Ich habe es gekauft und gelesen und war – um ehrlich zu sein – erneut über die Maßen angestrengt.

Es ist ein sperriger, fremder Text, aus einer anderen Zeit, in der aber, wie es scheint, die Menschen nicht wesentlich anders handeln und fühlen als wir heute. Ich sehe mich in der Erinnerung an den merkwürdigen Sätzen knabbern, die paradox sind und sein wollen und uns aus unserem Verstand locken wollen in eine andere Sphäre, in der nichts benannt und damit auch nichts kategorisiert wird. Wie ratlos muss ich gewesen sein, war ich doch gerade dabei, die Welt für mich zu buchstabieren und mich auf ein Studium vorzubereiten, von dem ich hoffte, in eine andere, freiere Welt zu kommen.

Was ich spüre, während ich jetzt lese, ist eine durchaus ermutigende Darstellung des Weges, den einer oder eine einschlägt, um ein gutes Leben zu führen. Denn darum geht es: Gut zu leben, friedlich, in Harmonie mit anderen, ohne Reichtum, aber auch ohne arm zu sein. Gut zu leben in seiner eigenen, kleinen privaten Haut und gut zu regieren, mit den Insignien eines Mächtigen. Die Welt in Begriffe zu teilen, sie in 10.000 Dinge zu kategorisieren, erscheint dabei als größter Fehler. Denn:

„Was ohne Namen, ist Anfang von Himmel und Erde; Was Namen hat, ist Mutter der 10.000 Wesen.“

Auch das Tun erscheint fragwürdig. Weil es dem eigenen Willen unterworfen ist und nicht dem Weg folgt. Etwas geschehen lassen, statt es zu tun, gilt als höchste Kunst und mir leuchtet heute diese Form der Aktivität ein, zumindest beim Schreiben, wo die Mühelosigkeit dort erreicht wird, wo ich nicht mehr kämpfe, formuliere, setze, sondern das Erzählen laufen lasse (was übrigens Korrekturgänge nicht ausschließt…).

Diese Erfahrung hatte ich als Schülerin noch nicht gemacht. Wahrscheinlich konnte ich mir nichts darunter vorstellen. Auch wenn dort zu lesen ist:

„Gut ist beim Schaffen: die Fähigkeit. Gut beim Sich-Regen: die rechte Zeit.“ 

Das war mir das schleierhaft. Weil ich meine Fähigkeiten noch nicht kannte und auch nicht den Zauber des rechten Moments. Ich wusste nicht, dass Streben in die falsche Richtung führen kann (auch wenn ich Streberinnen – ich war auf einer Mädchenschule – partout nicht ausstehen konnte). Ich wusste nicht, dass unerfüllte Lieben die größten sein können, dass man selbst vertrauen muss, wenn andere einem vertrauen sollen. Die Zeit ist offensichtlich nicht spurlos an mir vorbei gegangen. Einige Zeilen sind mir heute sinnvoll, einiges habe ich am eigenen Leib erlebt. Auch habe ich gelernt, mit unverständlichen Texten leichter umzugehen. Und es bleibt noch viel unverständlich, weil es sich oft wie Resignation liest und weniger als Weisheit. Aber ich kann das Heft später noch einmal lesen. Und wahrscheinlich lese ich dann wieder etwas Neues heraus. Insofern bleibt diese zweite Lektüre sicher nicht die letzte. Zwei Sätze haben für mich aktuell eine besondere Bedeutung:

„Wer den Weg hat, weilt nicht dabei.“

„(…) Denn wer beschäftigt ist, ist unzulänglich, das Reich zu nehmen.“

 

 

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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