Der Kreuzberger Mehringhof feiert

sein 40jähriges Bestehen, und wir sehen, dass es an Nachwuchs nicht mangelt. Als alternativer Kultur- und Gewerbeort hat sich der Mehringhof tatsächlich durchgesetzt, was für mich bedeutet, dass mittlerweile schon die nächste und übernächste Generation dort unterwegs ist, die Veteranen das Terrain aber keineswegs geräumt haben. Das war ein schönes Mit- und Nebeneinander heute Nachmittag, für mich Kreuzberg at its best. Doch was mich gerade mehr beschäftigt, ist meine Entdeckung von Schwarz-Weiß-Fotografien. Lange fand ich die Reduktion zu künstlich. Oder vielleicht auch nur zu künstlerisch. Schließlich wollte ich immer nur knipsen. Aber plötzlich sehe ich in den Bildern etwas, was von den Farben verdeckt wird. Es ist, als bekäme die Welt mehr Tiefe – ?! Zeitlosigkeit – ?? Fotografiert Ihr gelegentlich auch schwarz-weiß? Oder sogar immer?

Schwarz-weiß

Eigentlich wollte ich heute darüber schreiben, dass ich nur farbig fotografieren kann. Und dass sich unter den letzten 6.000 Fotos gerade mal zwei befinden, die auch in s/w gehen. Und dann kam die Nachricht, dass Toni (Chloé) Morrison gestorben ist. Sofort war alle Farbe weg. Wie fast immer, wenn mich ein Tod hart erwischt, und jemand, an dem oder der ich gewachsen bin, der oder die – wenn auch persönlich abwesend – in mein Leben gehört, plötzlich verschwindet. Toni Morrison gehört zu den ersten Frauen, deren Bücher ich mit halbwegs wachem Verstand gelesen habe. Sie hat mich wachgerüttelt, wo es um das Hinschauen auf Gewalt geht. Und dort, wo ich das tun sollte, was getan werden muss, insbesondere das Schreiben, was mir auf dem Herzen liegt. Und bloß nichts anderes. Insofern hat schwarz-weiß eine noch ganz eigene Bedeutung hier. Toni Morrison war und bleibt mir eine unverzichtbare Lehrerin.

13:49

Weil das Telefon klingelte, schaute ich in dem Moment auf die Uhr (d.h. auf mein Handy), als mich folgende Erkenntnis traf wie aus heiterem Himmel:

Von einem Trauma bewegt man sich nicht linear (weg). Man umkreist es. Lebenslänglich.

Die Einsicht verdanke ich der Lektüre von Roxanne Gays Buch „Hunger“, das ich in den kommenden Tagen hier vorstellen werde. Es hat eine Kapiteleinteilung, die mich anfangs verwirrte. Im Laufe des Lesens wurde mir klar, dass Roxanne Gay schreibend eine Kreisbewegung macht. Mal näher am Thema, mal weiter weg. Ein beeindruckender Prozess. Langwierig, schmerzhaft. Nirgendwo hin führend. Dennoch auf eine Art befreiend. Aber dazu tatsächlich später mehr.

Nach dem Regen

Tja, heute hat es mich dann doch mal erwischt, die dritte Berliner Sintflut in nur einer Woche und ich war ohne Regenzeug unterwegs. Mit Regenzeug wäre es allerdings auch nicht viel besser gewesen, die Straßen standen teilweise unter Wasser, da hätte ich mich mit dem Fahrrad nicht durchgetraut. Also blieb ich einfach im Café sitzen, und nachdem meine Freundin schnellen Schrittes unter ihrem Schirm im nächsten U-Bahn-Eingang verschwand, konnte mich über einen WLAN-Anschluss freuen (ach jaaaaaa, Großstadt, prima!!!) und mit einem Tee, der Dinge harren. Nach aller Schütterei aus den Wolken gab es tatsächlich wieder Sonne, allerdings rochen die Straßen auf der Rückfahrt irgendwie nach Algen, als sei gerade mal wieder Ebbe. Die Autofahrer hatten oft Pech und wurden umgeleitet. Das Fahrrad, jajaja, auch das war fein. Und dann war alles auch schon gegossen, sogar die Fensterbankblumen. Was für ein schöner Start ins Wochenende!

Migräne (Fortsetzung)

In den schlimmsten Stunden waren die Schmerzen so groß, dass ich dachte, nicht mehr zu leben. Obwohl ich wusste, dass man an Migräne nicht stirbt. Als ich noch sehr jung war, habe ich mich spätestens dann immer wieder gefragt: Wozu? Wozu? Wozu? Dass ich keine Antwort fand, mag nicht verwundern. Aber in diesen schlimmsten Stunden habe ich eine Erfahrung gemacht, die man gut auch ohne Schmerzen machen kann, die aber besonders eindrücklich ist, wenn man eingesperrt ist von/in (?) seinem Körper: Es gibt keine Zeit, wie sie uns unsere Uhren vorgaukeln. Und wichtiger noch: Es gibt überhaupt keine Normalität.

Beide Erkenntnisse habe ich zunächst bloß als Indizien für meine Unzulänglichkeit gehalten. Ich bin nicht normal. Hahaha. Aber auch, wenn ich als alte Häsin mittlerweile weiter bin: Die Erkenntnisse sind beängstigend. Denn woran orientieren, wenn die Normalität einmal weggebrochen ist? Ich stehe viel nackter unter dem Himmel, wenn ich mich nicht auf einen schmerzfreien, „normal“ funktionierenden Körper verlassen kann. Und ich meine damit nicht, einen Antrag auf Behinderung stellen zu wollen, wie das mittlerweile für Migräniker/innen angedacht wird.

Ein Körper, der immer wieder sein Funktionieren versagt, ist eine alltägliche Herausforderung. Denn nicht nur die Attacken sind auszuhalten, sondern auch die Angst davor. Ein solcher Körper beschert einem wahrlich biblische Momente (und niemand fragt, ob man die haben will). Das völlige Stillstehen von Zeit bei extremen Schmerzen ist dabei übrigens ein faszinierendes Extra, auf dass ich zumindest in den jeweiligen Stunden über Stunden gerne verzichtet hätte. Nachträglich erkenne ich hier etwas, was mich paradoxerweise fester in der Welt verankert als fast alles andere. Denn ich war schon mal in diesem Nirwana zwischen Existenz und völliger Leblosigkeit, die möglicherweise dem Sterben vorangeht. Ich habe ein Terrain betreten, auf das sich niemand freiwillig begibt. Und ich habe es bislang jedes Mal wieder verlassen können.

Es gibt keine Zeit. Das zumindest sollte mich trösten, wenn ich vor lauter Stress nicht mehr weiß wohin mit mir. Doch ja, im Ernst. Aber ich bleibe immer noch ratlos vor diesem – wie mir scheint – gesellschaftlichen Problem, dass Schmerzen gefälligst unsichtbar bleiben sollen. Nicht, dass ich bei einer Migräne auch nur eine Fliege im Raum ertragen könnte, ich meine, ein Publikum will ich nie und nimmer. Aber dass Schmerzen tabu sind – kaum übrigens dass wir Worte dafür haben – das empört mich immer mehr. Ist denn „Normalität“ nur ohne Schmerzen zu haben?

Abtauchen

Für mich gehört ein Museumsbesuch zu den seltenen Gelegenheiten, mich von meinem Alltag abzukoppeln. Oder andersherum: Meinen Alltag ins Unvorhergesehene zu erweitern. Besonders gefallen mir Ausstellungen zeitgenössischer oder moderner Kunst, die oft nicht so stark besucht sind wie die großen „Highlight“-Schauen der Museen. Hier gibt es Gelegenheit, durch ganz andere als kommerziell durchgetaktete Räume zu gehen, neue Erfahrungen zu machen, und immer wieder auch eigenen Gedanken anzuhängen. Wie schöne, wenn diese Räume in heißen Sommern auch noch klimatisiert sind…

 

Dieses Foto habe ich in der Ausstellung „Local Histories“ im Hamburger Bahnhof, Berlin gemacht. Das Orange ist echt.

Schönheit welkender Blumen

Immer wieder überraschen mich welkende Blüten: sie entfernen sich von ihrem „jugendlichen“ Ideal, von unserer Vorstellung, wie sie „in voller Blüte“ stehen, und damit im von uns (meist) so empfundenen perfekten Zustand. Welkende Blumen dagegen zeigen Ecken und Kanten. Sie können ihre Farben intensivieren, oder auch durchsichtig machen. Sie bekommen neue Konturen und oft einen sehr intensiven Duft. Sie sind oft verblüffend – eben das unterscheidet sie von ihrer reifen Schönheit. Welke Blumen haben manchmal eine Exzentrik, die man – ebenfalls manchmal – bei alten Menschen findet. Hier scheint mir oft das Leben besonders intensiv. Kurz vor dem Ende.