Geld

trage ich quasi immer mit mir herum, aber ich möchte es die meiste Zeit (oder zumindest in der Freizeit) und am allerliebsten vergessen. Was – wie zu erwarten – überhaupt nicht gelingt. Das Leben in einer zivilisierten Welt ist, zumindest wenn es ein weitgehend angepasstes ist, ohne Geld nicht zu führen. Oder ohne Geldgeber/innen.

Als Kind habe ich es nur partiell begriffen, also in den Momenten, in denen es aus dem Portemonnaie kam, und ich habe den Verdacht, das ist bis heute so geblieben. Zahlen sind mir ein Rätsel, ein kluges Wirtschaften mit Geld schaffe ich zur Hälfte intuitiv, die andere Hälfte hält wahrscheinlich keiner genaueren Prüfung stand.

Kurz: Geld und Leben stehen sich in meinem Kopf unverbunden gegenüber. Sie verachten sich wahrscheinlich gegenseitig und auch ich habe oft genug den Verdacht, dass sie sich grundsätzlich ausschließen. Ein anderer Verdacht lautet jedoch im Gegenteil, dass ich ein ziemlich vernageltes Verhältnis zu Geld habe. So als sei das etwas für andere und nicht für mich. Oder als sei es nur unter größter Anstrengung und noch größeren Qualen zu bekommen (ein regelrechter Mythos in meiner Familie).

Geld haben zu wollen, es weder gut noch böse, wichtig noch unwichtig zu finden, es zu teilen und manchmal sogar verschenken zu können, das wäre noch ein unerforschter Weg in meinem Leben. Ob ich ihn einschlagen soll? Oder wäre die Expedition in eine andere Richtung lohnenswerter?

Das Foto habe ich in dem Berliner Atelier des japanischen Künstlers Yuken Teruya gemacht. Es handelt sich um Material (zerschnittenes Monopoly-Geld) für eine neue Arbeit.

Sterben

müssen wir alle. Wahrscheinlich hat niemand so ein ganz gutes Gefühl bei dem Gedanken. Konsens scheint zu sein, dass das Einschlafen am Abend und das Nicht-mehr-Aufwachen am Morgen eine der bestmöglichen Todesarten ist. Mich hat die Vorstellung immer gegruselt. Es gibt sogar Abende, wenn ich krank bin, an denen ich genau das fürchte. Oder nächtliche Panik, die Augen wieder zu schließen. Mein bester Freund ist so gestorben. Ich finde die Vorstellung, dass er abends arglos seine Klamotten über den Stuhl gehängt hat, und wie immer ins Bett gegangen ist, nicht tröstlich, sondern verstörend.

Agnes Heller ist gestern (oder vorgestern) gestorben. Sie war 90. Ich habe sie letzten September in einem Live-Gespräch in Berlin gesehen. Natürlich kam die Frage nach ihrer Angst vor dem Tod. Habe sie nicht, sagte sie. Jetzt ist sie in den Ferien auf einen See rausgeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt. Ich war nicht dabei. Und ich weiß nicht, ob es wirklich Absicht war. Aber bei Agnes Heller könnte ich mir das vorstellen. An den Horizont schwimmen, bis man nicht mehr kann. Alle Achtung! Ahoi, Lady!

Verkanntes Material

Wenn Staub weinen könnte, er würde es sicher manchmal tun. Denn kaum etwas wird hartnäckiger der Kampf angesagt, wie diesem stillen und so heimlichen Material. Allerdings gibt es auch kaum etwas, was sich ergebnisloser bekämpfen lässt, denn einmal weg, ist er auch schon wieder da. Ich könnte Lieder davon singen. Und die Tränen verzweifelter Hausfrauen wiegen die Staubtrockenheit der Flocken sicher auf.

Dennoch wird Staub bis heute verkannt. Denn nichts ist so individuell, wie ausgerechnet Staub. Von wegen, sich eine Locke vom Liebsten abschneiden: ein Fingerhut Staub würde viel mehr preisgeben, zumindest wenn man ein Mikroskop zur Hand hat und es auch bedienen kann. Dabei ist Staub so ziemlich das Letzte, was Wissenschaftler in frühen Zeiten beachtet haben. Ein enormer Fehler, denn aus seiner Zusammensetzung könnten wir heute so vieles herauslesen. Dass eine Staubprobe aus den 1850er Jahren heute mehr wert ist als ein Dinosaurierskelett, hatte ich – glaube ich zumindest – schon mal geschrieben (es ist so schön, dass ich es gerne wiederhole). Aber aus Fehlern lernt man! Ich habe diesen exquisiten Staubkringel beim heutigen Wischen jedenfalls nicht beseitigt, sondern (staubsicher!) aufbewahrt. Wer weiß, als was für ein großer Schatz er sich einmal für meine Erben erweist…

Generation Mondlandung

Mein Vater hat mir erzählt, wir seien damals gerade in Holland in Ferien gewesen, als Armstrong seine ersten Schritte auf dem Mond machte. Er sagte auch, dass dieser Moment wohl der einzige war, der seinen Vater, also meinen Großvater, noch einmal so richtig aus der Reserve gelockt und zum weinen gebracht habe: Dass er das noch erlebe! (ein Mann, der zwei Weltkriege überstanden hatte).

Ich war dagegen noch klein und frisch auf der Welt. Ich hatte noch nicht viel erlebt, begriff aber zum ersten Mal, dass das Erlebnis anderer mich direkt betreffen würde: Der Mensch ist auf dem Mond gelandet, spaziert dort herum, und das wird die Zukunft der Menschheit und damit auch meine verändern. Dass es dann später die Froschmänner sein würden, die ich im Kindergarten wochenlang malen würde, war da noch nicht absehbar. Offensichtlich hatte mich die Landung der Apollo-Kapsel dann doch mehr begeistert, als die Landung auf dem Mond.

Ab diesem Moment war ich von der Zukunft fasziniert. Dass mich nur wenige Jahre später Raumschiff Enterprise – als einzige Serie überhaupt – begeistern würde, zeichnet sich hier schon ab. Dass ich ab da die Gegenwart nicht mehr als genug empfand, mir immer einen Ausweg in eine größere Zukunft offenhalten wollte, sicher auch. Allein die Möglichkeit, die Erde zu verlassen, ist mir als große Verheißung geblieben. Die Hoffnung auf eine „dritte Antwort“, die Captain Kirk stets fordert, wenn es zu einem Patt von entweder/oder kommt. Generation Mondlandung – damit meine ich keine blinde Technikbegeisterung. Sondern die Fähigkeit, Träume zu verwirklichen. Hoffentlich reicht die noch, um vor unserem Abgang noch ein paar gute Träume auf „unserem“ Planeten wahr zu machen.

Eine Odyssee bedeutet: sich im Kreis drehen

Wer gerne zügig von A nach B kommt, sollte dieses Buch nicht lesen. Es empfiehlt sich zudem, das Original von Homer greifbar zu haben – oder zumindest in Erinnerung. Denn die Lektüre von Daniel Mendelsohns Homer-Interpretation samt Familiengeschichte „Eine Odyssee – mein Vater, ein Epos und ich“ verlangt vor allem eins: Geduld.

Das Foto zum Beispiel habe ich im Mai gemacht – da dachte ich noch, in spätestens einer Woche einen Beitrag posten zu können… am Ende habe ich gut zwei Monate gebraucht. Zum Glück, um das schon vorweg zu nehmen, denn das Buch entfaltet sehr allmählich seinen Zauber. Wer zu schnell durch ist, mag einen entscheidenden Teil verpassen.

Denn alles, was uns in dem Buch von Mendelsohn lesetechnisch begegnet – endlose Abschweifungen, merkwürdiges Mäandern durch die Zeit, kleine Anekdoten, die Begegnung mit viel mehr Menschen, als man sich merken kann oder will, viel verstecktes Gefühl, Unausgesprochenes, das sich erst im Laufe der Zeit als ein wesentliches, scheinbar immer fehlendes Puzzle-Teil entpuppt, Beziehungen, die sich über die Generationen ziehen – alles weist direkt auf das Verständnis von Homers Epos. Und wer das als „aufgebläht“ empfindet (und es gab für mich tatsächlich solche Momente, in denen ich ein paar Seiten lieber hätte überspringen wollen), mag auch mit der Original-Odyssee seine Schwierigkeiten haben. Denn auch hier (oder gerade hier) geht es ums pure Erzählen, nicht aber um die Story, den eigentlichen Plot. Selbst wenn man das von einer Helden-Saga erwarten möchte.

Bei beiden ist die Handlung schnell erzählt. Aristoteles schreibt schon vor mehr als 2.000 Jahren eine Zusammenfassung der Odyssee, die jede/n potentielle/n Teilnehmer/in von Monty Pythons „Summarize Proust Challenge“ vor Neid erblassen lässt:

„Ein Mann weilt viele Jahre in der Fremde, wird ständig von Poseidon überwacht und ist ganz allein; bei ihm zu Hause steht es so, dass Freier seinen Besitz verzehren und sich gegen seinen Sohn verschwören. Nach überstandener stürmischer Reise kehrt er zurück und gibt sich zu erkennen, vernichtet seine Feinde und ist gerettet.“

Bei Mendelsohn geht es noch schneller:

Ein Sohn gibt ein Uni-Seminar über Homers Odyssee, sein pensionierter Vater nimmt an dem Seminar teil, gemeinsam machen beide darauf eine 10-tägige Kreuzfahrt in der Ägäis, auf den Spuren Odysseus‘.

Was ist die Geschichte eines Menschen im endlos scheinenden Fluss der Zeit? Wie ist er oder sie in die Generationen eingebunden? Wer kann er oder sie ohne die Familien sein? Was geht in einem Menschenleben, was nicht? Ist alles Wiederholung? Wer kann ausbrechen und wohin? Muss ich mich an meinem Vater, an meiner Mutter messen? Bleibt der Sohn eines Helden auf immer ein Looser? Und überhaupt: Was bitteschön ist überhaupt ein Held? – Die Fragen sind zeitlos und drehen sich vermeintlich im Kreis. Auch die Fragen: was bedeutet erzählen? Was ist sagbar (und wie), was lässt sich nur zwischen den Zeilen verteilen? Wie weit kann ich die Erwartungen meines Publikums enttäuschen? Wie schreibe ich nicht elitär, ohne mich darum zu kümmern, ob alle wirklich alles verstehen? – Indem wir Daniel Mendelssohn, einem klugen, zeitgenössischen Alt-Philologen folgen, verstehen wir, dass antike Literatur nichts, aber auch gar nichts Verstaubtes an sich haben muss. Die Fragen sind nämlich längst noch nicht beantwortet, oder besser: Sie beantworten sich für Epochen und Generationen immer wieder aufs Neue. Auch so eine Frage, warum es nach wie vor für Kinder Sinn macht, Latein zu lernen, wird hier anders als verstaubt beantwortet – eine Frage übrigens, die schon John Locke stellte, und die mit der Begründung der Altphilologie als Wissenschaft gekontert wurde.

Am Schluss hatte ich öfters Tränen in den Augen. Obwohl ich nichts davon bemerkt hatte, war mir die Familie Mendelsohn ans Herz gewachsen. Wahrscheinlich auch, weil ich bei ihnen – oder in der Erzählung über sie – viel aus meiner eigenen Familie wiederfand, Vergessenes, Unsagbares, aber auch viel Komisches. Ob übrigens Helden weinen sollen oder dürfen, gehört zu den Fragen, die ebenfalls kontrovers – v.a. kontrovers zwischen den Generationen – erörtert werden. Ein Fazit: Es gibt mehr Helden, als wir gemeinhin denken. Ein anderes: Letztlich weiß man nie, wohin Erzählungen führen. Deshalb sollte man vor allem nie aufhören, damit weiter zu machen.

Daniel Mendelsohn, Eine Odyssee – Mein Vater, ein Epos und ich, München, Siedler Verlag 2019. Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

 

Klaviermusik als Wunschkonzert: Mi, Do, Fr. diese Woche in Berlin

Die Konventionen sind nach wie vor da: wer klassische Musik hören will, zieht sich ordentlich an, sitzt zivilisiert und konzentriert vor den Musiker/innen, um sehr, sehr, sehr still nur eins zu tun: Lauschen.

Ich halte diese Konventionen für sinnvoll. Klassische Musik bewegt sich – gerade wenn sie jüngeren Datums ist – oft auf der Hörschwelle. Und auch die Pausen sind Teil der Musik, auch wenn sie von verwegenen Damen und Herren immer wieder gerne zum Husten und Bonbonauswickeln genutzt werden. Es lohnt sich also (nein, es ist sogar unabdingbar), die Stille mitzuhören.

Dennoch geht es auch anders. Vor allem in kleineren Formaten: Nein, Stille ist auch hier nicht verhandelbar. Aber es gibt Möglichkeiten Publikum und Musiker/innen weniger als zwei Blöcke zu begreifen, die voreinander hocken. Sondern als musizierende Einheit (denn: wo keine Ohren, da am Ende auch keine Musik). Kurz: Der Pianist Tomas Bächli hat sich für diesen Sommer eine kleine Reihe ausgedacht, in der die Besucher/innen das Sagen haben, und sich das oder die Stücke, die gespielt werden, aussuchen können. In der „nur“ eine Stunde musiziert wird, von 21:00 – 22:00 und nach der es etwas zu trinken und zu knabbern gibt, um die gemeinsam gehörte Musik im Nachgang noch zu besprechen – oder um sich einfach nur miteinander zu unterhalten. Letzte Woche gab es die ersten Abende. Ab heute gibt es bis Freitag (10.07., 11.07., 12.07.) drei Termine. Leider ist dafür die Wunschfrist von drei Tagen schon abgelaufen. Aber hier sind die Stücke, von denen das eine oder andere vermutlich zur Aufführung kommt:

  • Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate in B KV 570
  • Joseph Haydn: Capriccio „Acht Sauschneider“
  • Martin Wehrli: Bagatelle
  • Beethoven: Bagatellen op.119
  • J. S. Bach: Suite in Es BWV 817b
  • Leopold Spinner: Sonatine op 22
  • Roland Moser: Kleine Passion (nach dem Gedicht von Gottfried Keller, gespielt und gesprochen am Klavier)
  • Frédéric Chopin: Deux Nocturnes op. 62
  • Erik Satie: Nocturnes

Nächste Woche wird die Reihe fortgesetzt. Ebenfalls am Mittwoch (17.07.), Donnerstag (18.07.) und Freitag (19.07.). Die Telefonnummer fürs Wünschen ist die 0160 9440 1245.

Wer Lust und Zeit hat: Kommt vorbei! Hier ist noch die Adresse:

Hörsaal Boxhagenerstrasse
Boxhagenerstrasse 16, 3. Hinterhof
21 Uhr
Freiwilliger Eintritt (Empfehlung: 10 Euro)

Warum ich so gerne im Gemeinschaftsbüro arbeite…

… man lernt einfach nie aus: meine japanische Tischnachbarin feuert mich an, meine Kulturtechniken zu erweitern (ausdrücklich auf meinen Wunsch). Ist das nicht toll? Gestern Abend war ich viel zu hungrig, um noch zu üben, aber meine Stäbchenkollektion habe ich schon wieder hervorgeholt und blitzblank gespült, es kann also losgehen!

Alltag light: Samstag

Wenn Freitag Abend die Tür zum Wochenende ist, dann ist der Samstag so etwas wie sein Foyer. Länger Schlafen ist oft drin, Zeitung lesen oder Radio hören beim Frühstück, mit den Zehen wackeln. Vor allem: kein Anruf von Auftraggeber/innen oder Kund/innen, wer Lust hat, verlängert den Einkaufszettel um eine paar leckere Details, geht außer der Reihe ins Schwimmbad oder gleich noch einmal zurück ins Bett.

Am Samstag Morgen hole ich Luft. Gucke in den Himmel. Und fühle vorsichtig nach, wie es mir geht. Gerade letzteres lasse ich gerne wochentags mal weg – nicht, dass es mich nicht interessiert, aber es könnte ablenken, und in der Woche ist Zeit meistens knapp. Natürlich bin ich montags oder dienstags keine seelenlose Arbeitsroboterin. Aber ein oberflächlicher Check kann morgens reichen. Der Feierabend kommt schließlich immer.

Am Samstag rekapituliere ich die Woche. Was ist vom Tisch, was muss noch dringend erledigt werden? Oft geht es auch darum, bei wem ich möglicherweise um Hilfe für etwas fragen kann – oder auch, welche Verpflichtungen ich eingegangen bin, und ob ich schon alles davon gemacht habe. Und dann lacht der Haushalt. Denn er weiß, dass er samstags ausgiebig gekrault wird. Die Waschmaschine ist in freudiger Erwartung, der Putzlappen zittert vor Tatendrang, die Töpfe vibrieren und das Bügeleisen fällt vor Begeisterung meist gleich aus dem Schrank, wenn ich die Türe öffne. Wer könnte so viel Enthusiasmus enttäuschen? Und es stimmt tatsächlich auch immer wieder: Sobald ich putze, aufräume, bügele, kommen mir Ideen. Nicht unbedingt die besten, aber solche, die tief reichen, und manchmal sehr verschlungene Wege gehen, bevor sie an die Oberfläche stossen.

Geschenkt, Samstag und Sonntag können auch mal den Platz tauschen. Oder es gibt Wochenenden mit zwei Sonntagen. Auch schon mal welche mit dreien. Aber meist ist der Samstag ein Tag im ruhigeren Gang. Den ich sehr genieße. Er ist meine Reserve, meinetwegen auch so etwas wie ein persönliches Reservat. Ein Hoch also auf den Samstag, den gnädigsten unter den Alltagen.

Mit einem herzlichen Wink an Ulli, die Sammlerin von Alltagsgeschichten: https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/06/29/pausenzeichen-und-alltag-9/ Hier als Link.