Sterben

müssen wir alle. Wahrscheinlich hat niemand so ein ganz gutes Gefühl bei dem Gedanken. Konsens scheint zu sein, dass das Einschlafen am Abend und das Nicht-mehr-Aufwachen am Morgen eine der bestmöglichen Todesarten ist. Mich hat die Vorstellung immer gegruselt. Es gibt sogar Abende, wenn ich krank bin, an denen ich genau das fürchte. Oder nächtliche Panik, die Augen wieder zu schließen. Mein bester Freund ist so gestorben. Ich finde die Vorstellung, dass er abends arglos seine Klamotten über den Stuhl gehängt hat, und wie immer ins Bett gegangen ist, nicht tröstlich, sondern verstörend.

Agnes Heller ist gestern (oder vorgestern) gestorben. Sie war 90. Ich habe sie letzten September in einem Live-Gespräch in Berlin gesehen. Natürlich kam die Frage nach ihrer Angst vor dem Tod. Habe sie nicht, sagte sie. Jetzt ist sie in den Ferien auf einen See rausgeschwommen und nicht mehr zurückgekehrt. Ich war nicht dabei. Und ich weiß nicht, ob es wirklich Absicht war. Aber bei Agnes Heller könnte ich mir das vorstellen. An den Horizont schwimmen, bis man nicht mehr kann. Alle Achtung! Ahoi, Lady!

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. Ulli 20. Juli 2019

    Ertrinken und ersticken sind für mich gruselige Vorstellungen, ich wünsche mir ein sanftes Einschlafen, wenn die Zeit reif ist. Ich möchte spüren, wenn es soweit ist und, wie die meisten Menschen, möchte ich nicht vorher unendlich leiden müssen. Ich glaube, dass dies der Wunsch von den meisten ist, aber einfach mitten aus dem Leben gerissen zu werden, so, wie du es von deinem Freund beschreibst, ist zwar schnell und ohne Leiden, gehört aber auch für mich nicht zu meinen Wünschen. Allerdings fragt ja Tod nicht, er nimmt …
    herzliche Grüße
    Ulli

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    • Stephanie Jaeckel 20. Juli 2019

      Ja, ich denke, dass jede/r seine Wünsche hat, was das eigene Sterben angeht. Und zurecht. Aber vielleicht ist dieser letzte Satz nicht ganz wahr, oder zumindest ist das meine Hoffnung, wenn ich von einem Sterben außerhalb des Bettes lese: Dass jemand den Tod überlistet. D.h. nicht wartet, bis er sich nimmt, sondern frei auf ihn zugeht. Natürlich ist das nur Spekulation. Aber für mich eine Hoffnung. Nicht, dass ich die Passivität ablehne. Aber ein freier Tod hat für mich immer etwas sehr menschenwürdiges.

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  2. stresemann 20. Juli 2019

    Sehr liebe Worte für eine von mir sehr geschätzte Frau. Sie hat gewagt, was sie geträumt hat. Aber unabhängig davon: Es lässt sich nicht immer im voraus planen, wann und wo der Tod kommt. Ich wünsche nur jedem Menschen, dass – wenn es denn soweit ist – dies ohne große Schmerzen geschieht.

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  3. LP 20. Juli 2019

    Bei den vielen Kilometern, die ich im Freiwasser schwimme, denke ich oft genau darüber nach. Wie es wohl wäre, wenn es an der Zeit ist, einfach die Scheimmbewegungen einzustellen, einfach zu sinken. Ins Nichts.
    Ohne Angst, ohne Panik… weil ich selbst das so entschieden habe.
    Ich kann bei dem Gedanken nichts Schreckliches, Bedrohliches finden.

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      • LP 22. Juli 2019

        Ob es so ist oder dieser Selbsterhaltungsmodus vom Verstand her abgeschaltet wird, wenn man aus freien Stücken ertrinkt werden wir wohl nicht in Erfahrung bringen. Und wenn doch, werden wir dieses Wissen nicht mehr weitergeben können.
        Ich glaube, ich werde demnächst mal über diese Gedanken etwas schreiben und Bezug auf Dich nehmen. Sehr inspirierend das Ganze.

        Gefällt 1 Person

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