Ein glücklicher Tag

Wer morgens in einem sterilen Hotelzimmer mit ersten Zeichen von Migräne aufwacht, hat sicher keinen glücklichen Tag auf dem Schirm. Durchkommen, mag das Beste sein, was man sich ausmalt, wenn man zur Dusche schleicht, mir ging das nicht anders, im Spiegel sah ich ein Gespenst, das mir nur entfernt ähnelte, draußen war es drückend schwül, Prost Mahlzeit!

Immerhin hatte ich beim Blick aus dem Fenster eine Apotheke gesichtet, über Nacht war die Blase an meinem linken Fuß noch gewachsen, natürlich hatte ich für zwei Tage nur ein Paar Schuhe mit, keine Pflaster, aber das schien zumindest schon mal zu klappen. Danach brauchte ich erst mal ein Frühstück, ich entschied mich für eine billige Bäckerei, ich wollte nicht weit laufen (s. Pflaster) und die Bäckerei lag in Sichtweite zum Museum der bildenden Künste, das ich danach besuchen wollte (also, eigentlich nicht besuchen wollte, aber weil ich eh keinen Plan hatte und es draußen schon so heiß war, …). Der Kaffee war erstaunlich gut, das aufgebackene Croissant immerhin gut aufgebacken, der Wind draußen unter dem Sonnenschirm angenehm und auch das Glas Wasser für die Tablette bekam ich ohne Murren und randvoll.

Davon mal abgesehen, dass ich die Museumstür einmal mehr nicht aufbekam (das war auch schon beim letzten Mal so) – und ich erst bei der nächsten Tür, die ins Museums-Café führt, reinkam, war der Besuch das reinste Wow-Erlebnis: Yoko Onos künstlerische Arbeiten (und einige für das Leipziger Museum neu konzipierte Installationen) waren zu sehen, ich gebe zu, dass ich nicht viel erwartet habe, aber das, was dann kam, hat mich geradezu in den Himmel gehoben. Besonders schön ist ihre Idee, die Besucher/innen an ihren Arbeiten teil haben zu lassen. Weil sie sich viele Fragen stellt, die uns alle angehen, und die sie uns anstiftet, selbst zu beantworten. Auf diese Weise fehlen ihren gesellschaftskritischen und politischen Arbeiten die erhobenen Zeigefinger oder die didaktischen Absichten, was kaum je gelingt und so ungeheuer erfrischend ist. Kaum jemals habe ich ernste Themen so freundlich behandelt gesehen, ohne dass sie dadurch banalisiert oder verkitscht werden. Der Tod als gemeinsame Erfahrung, das Leben als gemeinsame Erfahrung, die Solidarität, die uns Frauen hilf, bei sexuellen Übergriffen, die gemeinsame Erfahrung, die wir mit unseren Müttern haben, mit den Kriegen dieser Welt, der Umweltzerstörung.

Das größte Vergnügen hatte ich in dem Raum, in dem Besucher/innen vorher zerschlagene Porzellantassen wieder nach eigenem Gusto zusammenkleben konnten. Yoko Onos Handlungsanweisung lautete:

Parallel Mend Piece: Think of a place in your heart/that needs mending./Think of a place in the world/that needs mending/Think and mend./Mend.

Ich hatte die letzte an dem Tag verfügbare zerschlagene Tasse erwischt, „langweilig“ zerschlagen, nämlich nur in zwei Teile, aber dann doch eine Herausforderung und hübsch im schlichten Ergebnis, das ich in eine Art Setzkasten an der Wand stellen konnte: jetzt war sogar mal ein „Werk“ von mir für ein oder zwei Tage in einem „richtigen“ Museum (kicher).

In der Thomaskirche – ein starker guter Kaffee später – übte jemand an der Orgel, Bach, was sonst. Ich war in einer heiligen Stimmung, die ganzen Selfiesticks waren zwar merkwürdig bis störend, ich kann mir gar nicht vorstellen, was das eigene Gesicht vor dem Bachgrab soll, aber gut, anders sind solche Orte heute nicht mehr zu haben – und eben: wer weiß, was es für diese Leute bedeutet, sich später auf den Fotos zu sehen. Als echte Shopping-Queen habe ich mir später noch ein paar sensationelle gelbe Sommerschuhe mit silbernem Absatz gekauft, und bin dann schnell zum Bahnhof gelaufen, der Himmel war tiefgrau, der Wind schon beeindruckend und ich ohne Regenklamotten. Das war knapp, aber schon wieder wartete ein bester Kaffee und ein Stück Zitronenkuchen auf mich, ein Buch, das ich mitgebracht hatte – davon schreibe ich später noch – und zwei Stunden zum entspannten Schmökern.

Die Kopfschmerzen konnte ich halbwegs in Schach halten und was den Tag so besonders machte, waren neben Yoko und Bach vor allem die vielen netten Menschen, die mir über den Tag hinweg begegneten. Jede und jeder war zu einem kleinen Plausch aufgelegt, es gab – wie man das so schön schlicht nennt – „echte“ Begegnungen und viel befreites Lachen. Das hielt bis zur Rückreise in der Bahn, wo ich eine reizende Theologiestudentin als Sitznachbarin hatte und wo ich meinen Sprecherliebling Frank Arnold getroffen habe, der mich trotz Erkältung fast eine Stunde lang mit seiner schönen Stimme unterhielt (und natürlich mit den Inhalten…), und durch den die wegen Bauarbeiten fast zweistündige Fahrt von Leipzig nach Berlin einen Windhauch nur dauerte. Was soll ich sagen? Ich bin mit einem sehr breiten Lächeln eingeschlafen. Dass ich heute Nacht mit einem harten Alptraum verbrachte, mag sogar die Rückseite dieser schönen Erfahrung sein. Aber möglicherweise eine, die für mehr Einsicht sorgt. Schauen wir mal.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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