Alltag at its worst

Und hier gleich und zuerst die Blogadresse von Ulli, die uns das Nachdenken über den Alltag jeden Monat neu ans Herz legt:

https://cafeweltenall.wordpress.com/2019/06/01/alltag-8/

Wenn ich ehrlich bin, liegt der schlimmste Alltag bereits hinter mir. Na gut, vielleicht ist das ein gewisser Selbstbetrug, eine Hoffnung, über den höchsten Berg zu sein, obwohl ich längst weiß, wie mühsam im hohen Alter allein das Aufstehen, duschen und anziehen sein kann.

Würde ich eine Liste mit den schlimmsten Alltagsgegenständen machen, stünde der Wecker an erster Stelle. Die gesamte Gymnasialzeit (in der Grundschule bin ich morgens noch mühelos wie ein Flummi aus dem Bett gesprungen) und auch die Studienzeit war durchzogen von dem quälenden Geratter (später Gesummse oder Gepiepse) dieser (für mich) miesen Foltergeräte. Ich habe dieses geräuschvolle Aufwachen stets wie eine Art Steinschlag im Kopf erlebt, das mit Schmerzen, Schwindel, manchmal auch so etwas wie mentaler Übelkeit verbunden war. Dabei kann ich bis heute nicht entscheiden, was schlimmer war: Der Krach, meine steinerne Müdigkeit oder die Aussicht, in die Schule gehen zu müssen. Ich bin mir nicht sicher, aber einer der Gründe, niemals angestellt sein zu wollen, hat möglicherweise mit dieser Erfahrung zu tun: Niemals ein Nine-to-Five-Job war der unausgesprochene Plan. Daran habe ich mich gehalten.

Ein paar weitere morgendliche Alltagsmonster waren der Waschlappen, fensterlose Badezimmer, die Zahnbürste, Regen. Natürlich hat es nicht immer geregnet. Aber dieses Wetter garantierte mir als Fahrradfahrerin die miesesten Aussichten: nass in der Schule oder an der Uni aufzukreuzen, war ein worst case. Nur Schnee und Eis können dieses Szenario bis heute noch toppen (Regen habe ich im Laufe der Zeit – wenn auch mühsam – akzeptieren gelernt).

Ein regelmäßig aufkreuzendes Alltagsmonster war der Schreck, die Fahrkarte bzw. das Portemonnaie zu Hause vergessen zu haben (als Studentin musste ich mit der Bahn fahren, später in Berlin mit der BVG). Der Hunger nach 13:00 und die Müdigkeit am Nachmittag. Die vollgequalmten Aufenthaltsräume an der Uni. Die Hausaufgaben. Die meist schlechte Luft in den Arbeitsräumen. Die in meiner Studienzeit noch zwischen 18:00 und 19:00 schließenden Lebensmittelgeschäfte. Grammatik.

Erwachsenwerden hat vielleicht auch damit zu tun, sich diesen Gegebenheiten nach Jahren des Widerstandes möglichst nahtlos anzupassen, oder wenigstens die Gegebenheiten zu akzeptieren. Dennoch vermeide ich die meisten (eine elektrische Zahnbürste ist immerhin lustiger, die vollgequalmten Räume sind Vergangenheit, wie die – zumindest in Berlin – früh am Abend schließenden Geschäfte). Als Erwachsene habe ich auch eher das Gefühl, mein Leben zu leben, als Kind und Jugendliche überwog doch das Gefühl, dieses Leben aufgedrückt zu bekommen.

Nein, ich werde jetzt nicht alle Alltagsmonster aufzählen, der Artikel würde wahrscheinlich lang und immer deprimierender. Obwohl mich die Sache schon interessiert. Leere weiße Blätter gehörten lange dazu, der Spülberg am Abend (naja, den gibt es immer noch), der unvermeidliche Fleck auf der Lieblingsklamotte, die auf dem Weg zum Müllcontainer platzende Mülltüte. Aber es gab und gibt einen Gegenzauber. Der von mir meist geliebte Alltagsgegenstand ever (er hat sogar in meinen Urlaubszeiten einen ersten Platz in der Liste der besten Freizeitgegenstände): die Kaffeetasse. Bzw. die mit heißem, frischen, starken Kaffee gefüllte Kaffeetasse…

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 3

  1. Ulli 2. Juni 2019

    Liebe Stephanie, ja, der Wecker ist DAS Alltagsmonster schlechthin, so geht und ging es mir auch. Wenn ich mich aber beim Einschlafen noch einmal erinnere, wann ich aufstehen will oder muss, schaffe ich es oft vor seinem nervtötendem Gepiepse und dann ist das getaktete Alltagsleben schon nur noch halb so schlimm und die Tasse Kaffee wartet dann schon.
    Als Kind habe ich abtrocknen gehasst, Unterhosen bügeln (mache ich selbstredend jetzt nie) und Unkraut zupfen, was Mütter so meinen, was gut für das Mädchen wäre … seufz und wenn ich jetzt darüber nachdenke, gab es noch das eine und andere mehr, aber ich will es mal hierbei belassen.
    Herzensdank für deinen Beitrag.
    Liebe Grüße
    Ulli

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