Brief an das frühere Ich

Nein. Damit konnte ich lange gar nichts anfangen. Warum sollte ich mir einen Brief in eine Zeit schreiben, aus der ich mit Ach und Krach entkommen war? Ich hatte es geschafft, was würde es bringen, nachträglich gute Ratschläge zu erteilen? Kokolores. Oder noch schlimmer. Jedenfalls nix für mich.

Aber dann wird man noch älter und denkt auf einmal wieder anders über das, was gewesen ist. Zu erkennen, was mir als Mädchen und junge Frau gefehlt hat, oder was ich damals nicht wusste oder mir falsch zusammenreimte, kann ja durchaus noch in meiner Zukunft wirksam werden. Indem ich mich nämlich in mein früheres Ich hineinversetze, erkenne ich die Leerstellen, die ich heute – viele Erfahrungen später – füllen kann. Und ich begreife, warum ich falsche Schlüsse zog oder mich ratlos und in schlimmen Fällen sogar verloren gefühlt habe.

Etwas, was ich gerne früher gewusst hätte, ist zum Beispiel dies: Der Schmerz sitzt nicht unbedingt da, wo es weh tut. Und das gilt für körperliche Schmerzen genauso wie für seelische. Anders formuliert: Vorsicht bei zu schnellen Erklärungen oder Deutungen. Viele Dinge liegen komplexer, als man denkt. Dazu gehört auch: man kann Schmerzen durchaus eine Weile aushalten. Die Welt geht nicht unter, wenn nach zwei Stunden noch keine Linderung eintritt oder eine Lösung gefunden wird. Ich möchte keineswegs für unnützes Leid plädieren, und auch ich nehme schnell Schmerzmittel, wenn ich welche zur Hand habe. Aber manchmal ist aushalten die bessere Alternative als eine schnelle und möglicherweise übereilte Lösung.

Hilfe annehmen, wäre der wichtigste Rat, den ich meinem jüngeren Ich geben würde (und damit vor allem meinem älter werdenden Ich). Oder mehr noch: Um Hilfe fragen! Wie lange habe ich mich mit Problemen herumgeschlagen, die ich alleine nicht lösen konnte. Und wie überwältigend ist es, wenn man Hilfe bekommt und etwas schafft, das außerhalb der eigenen Reichweite liegt! Schaue ich mich um, sehe ich: Wer Lösungen zusammen mit anderen findet, kommt weiter. Immer. Warum tun sich viele Menschen – und ich gehöre immer noch dazu – so schwer damit? Weil wir denken, wir scheitern, weil wir es nicht alleine schaffen? Ist das nicht viel mehr Größenwahn? Oder einfach dumm? Mich beschleicht tatsächlich die Vermutung, dass wir uns bei großen Themen der Zukunft genau hier auf den eigenen Füßen stehen: Dass wir einander nicht um Hilfe fragen. Sondern alle lieber alleine auf die Lösung kommen und sie dann durchdrücken. Ich hoffe, ich sehe an der Stelle gerade nur schwarz. Und dass jede/r von uns in entscheidenden Momenten dafür offen ist, Hilfe anzunehmen. Denn mir scheint, auch wenn das paradox klingt, dass nur so die Gräben zwischen uns überbrückt werden können.

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. smilane 12. Juni 2019

    Interessanter Beitrag. Auch ich gehöre zur Kategorie: „kann nur sehr schwer Hilfe annehmen“. Vor Allem wenn es ums innere geht. Da bin ich mittlerweile sehr vorsichtig, weil mich die Erfahrung lehrte, dass das Gegenüber entweder nicht zu hört, oder mir seine eigenen Lösungen aufdrückt und meint, nur sein Lösungsweg ist der absolute….
    Doch die Idee mit den Briefen an das vergangene ich gefällt mir richtig gut. 👍
    Liebe Grüße „smilane“

    Gefällt 2 Personen

    • Stephanie Jaeckel 12. Juni 2019

      Die Briefform ist ganz gut, weil konkret. Statt wäre, würde, hätte kann man genau formulieren, und wenn man das wiederum „schwarz auf weiß“ vor sich hat, ist es auch für kommende Zeiten gesichert. Was die Ratschläge anderer angeht: Ich frage immer wieder Freund/innen für persönliche Dinge und Kolleg/innen, was Berufliches angeht. Alles, selbst wenn es nur so dahin gesagt ist, also, alles was ich überraschend finde, oder worauf ich selbst nicht gekommen wäre, ziehe ich in Betracht. Das muss dann nicht stimmen, aber es ist zumindest eine Anregung.

      Gefällt 1 Person

      • smilane 12. Juni 2019

        Über Dinge zu sprechen ist immer gut. Sich verschiedene Aspekte, Meinungen, Ideen etc anzuhören und etwas für sich daraus machen, ideal. Man sollte sich die Freiheit lassen und gleichzeitig auch anderen geben, sich eine eigene Meinung, einen eigenen Weg oder was auch immer zu suchen. Leider habe ich das öfter anders erlebt.
        Momentan haben wir immer mal wieder einen internen Schulungstag. „Kinaestethics“…. Es geht hierbei nicht nur um den respektvollen Umgang mit Patienten, sonder vorn allem um kraft und und rückenschonendes arbeiten in der Pflege. Ich arbeite allerdings nicht im pflegerischen…. Kurz: in der letzten Einheit ging es darum, eine pflegebedürftige Person zu mobilisieren. Dabei gibt es verschiedene Möglichkeiten. Als die Dozentin uns diese erläuterte und wir sie an-und miteinander ausprobierten, erkannte ich die Parallele zum „Leben“. Bsp.: einer Person helfen beim Aufstehen. Kann man mit viel Anstrengung und Kraftaufwand alleine tun, indem man die Person hochzerrt, hievt,…. Man kann es mit der Person gemeinsam machen, oder man kann die Person unterstützen und sie weitestgehend selbständig aufstehen lassen. (logischerweise hängen alle Methoden von vielerlei Faktoren ab… in der Pflege) doch ich fand das Beispiel so schön. …. Es ist wie im Leben und mit schwierigen Lebenssituationen. Schön ist es, wenn man unterstützt wird, eigeme Möglichkeiten zu finden, wenn man angeregt oder angeleitet wird, eigene Lösungen zu suchen, anstatt eine Lösung übergebügelt zu bekommen und eigene Ideen keinen Raum finden, weil das Gegenüber es nicht zu lässt…..

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