Spülen in der Steinzeit

Also, so weit, so klar: Spülhandschuhe waren auch schon unseren frühen Vorfahren ein Begriff. Doch die Prilblumen wurden bislang in noch keiner Höhlenmalerei gesichtet. Insofern ist unklar, wie die ersten Menschen ihr Geschirr wieder auf Hochglanz bekamen. Dass sie die Handschuhe auch zum Pilzeputzen und Melken verwendeten, können wir erkennen. Wer allerdings diese passgenauen Haushaltshilfen (sogar für sechsfingrige Spüler/innen) herstellte, weiss kein heutiger Mensch. Tja, liebe Leute: es bleibt einmal mehr dabei: Wir wissen so wenig…

Ein Nachtrag zum Wald

„Allein mit einem toten Menschen, ist man lange nicht so preisgegeben wie mit Bäumen.“

Rilke schreibt dies in seiner Einleitung zu der Studie über die Landschaftsmaler von Worpswede. Er unternimmt hier eine erste Einschätzung und eine historische Chronologie zur Landschaftsmalerei, die es zwar schon lange gab, als eigenständige Gattung jedoch schwer zu kämpfen hatte. Immer noch galt der Primat des Menschen im Bild, die Natur gab höchstens mal die Kulisse ab für sein Tun und Treiben in den Gemälden. Doch brach seit den Romantikern die Sehnsucht nach vor allem unberührter Natur durch. Aber was sollte Natur denn sein? Sie war leer, groß, gewaltig, dunkel und unergründlich. Für den Maler und vor allem für Publikum und Kritiker ließ sich da nichts rauslesen. Keine Anekdote knüpfte sich zwischen Strauch und Baum, keine Weisheit ließ sich exemplarisch vorführen. Nur das platte So-ist-es oder So-sieht-es-aus war möglich, egal wie schön, strahlend oder erhaben die Landschaft auf der Leinwand daher kam.

Rilke geht weiter dahin, dass vor allem die Künstler/innen die Sehnsucht zur Natur in sich spürten und allein ihre Werke eine Verbindung zwischen Mensch und All ermöglichten. Darin bestehe der eigentliche Wert der Kunst: Den Einzelnen mit dem großen Ganzen zu verbinden. Aber er kennt sehr wohl die Fremdheit der Natur, die sich, wie er es beschreibt, um den Menschen nicht schert. Denn, so schließt er an dem oben zitierten Satz an:

„Denn so geheimnisvoll der Tod sein mag, geheimnisvoller noch ist ein Leben, das nicht unser Leben ist, das nicht an uns teilnimmt und, gleichsam ohne uns zu sehen, seine Feste feiert, denen wir mit einer gewissen Verlegenheit, wie zufällig kommende Gäste, die eine andere Sprache sprechen, zusehen.“ 

 

Hurra!

Die schwedische Akademie ist also noch für Überraschungen gut! Ein Liedermacher als Literaturnobelpreisträger – besser konnte es nicht kommen. Für mich eine überfällige und stimmige Wahl.

Und neben der Freude das auch noch: Dass sich ein Gefangener selbst tötet ist nicht schön. Aber ich halte es für eine völlig verkehrte Idee, jetzt von Panne und Katastrophe zu sprechen. Ein Freitod sollte bitte auch noch im Gefängnis möglich sein. Und: Kontrolle hört immer irgendwo auf. Sonst würden wir schon in einer Diktatur leben. Ich möchte nicht falsch verstanden werden: Die Tatsache entlockt mir kein Hurra. Aber die sofort aufgeschossene Diskussion lenkt mal wieder völlig vom Eigentlichen ab. Dass ein Terrorist kurz vor seiner geplanten Tat gefasst wurde. Ob wir wirklich etwas aus ihm herausbekommen hätten, ist allenthalben fraglich. Und die Gefahr ist so oder so noch lange nicht gebannt. Also lieber abregen und weitermachen.

Herbstmelancholie

Jetzt hat sie mich doch noch erwischt. Wo ich vor lauter Sonnenschein im September dachte, daran vorbei gerutscht zu sein. Die Tage sind kürzer, das Licht schummrig und bis ich mich wieder an sie gewöhnt habe, kratzen die Wollpullis.

Sie ist eine treue Besucherin, die Herbstmelancholie. Ohne sie würde der Jahreszeit wohl etwas fehlen, das Stille, das Erinnern, die Traurigkeit, aber auch die Liebe zu den (verlorenen) Dingen und Menschen. Vergangenes und Vergänglichkeit kreuzen die Gedanken, ich werde ruhiger. Angesichts der ungeheuren Weltzeit kann ich auch mal die Hände in den Schoß legen. Wer bin ich denn, um ruhelos durchs Universum zu rennen? Gelten meine Ziele noch? Brennt mein Herz noch? Lebe ich überhaupt noch? Wo ist mein Horizont? Muss ich die Richtung wechseln? Oder möchte ich es? Die Melancholie, so scheint es mir, ist voll, während die Verzweiflung leer ist. Insofern fürchte ich sie nicht. Aber sie stellt mir jedes Jahr aufs Neue die Frage: Ist es das, was du willst? Zum Glück sind die Abende lang, um erneut eine Antwort zu finden.

Der Küchenspülblues

Jeden Abend Wassertropfen,

jeden Abend Seifengischt,

jeden Abend gelbe Hände,

jeden Abend Spül am Ende,

das ist der Küchenspülblues.

 

Jedes Essen lässt hier Spuren,

jeder Happs ein Tellerlein,

auch Getränke, Salzstangen, Gummibärchen, Äpfel, Birnen, Datteln,

alles muss am Ende rein – in den Spülstein,

das ist der Küchenspülblues.

 

Möchte mal die Fron vergessen,

abends ohne Auftrag sein,

doch dann darf ich gar nichts essen,

nicht zu Hause, Liebelein,

pffffff, wie mich das anödet, kann nicht einer mal den Stecker ziehen oder das Murmeltier woanders hin schicken – ???

das ist der Küchenspülblues.

 

Die Melodie darf sich jede/r selber zurecht legen. Ich gehe derweil mal – ja was wohl?  – spülen…

Der Wald

So eingezäunt bzw. gemauert wie hier, wirkt er romantisch, der Wald. Als Park ist er die wesentlich zahmere Variante eines Urwalds, auch wenn einige der Bäume schon mindestens ein Jahrhundert in ihren Stämmen und Ästen haben. Alleine durch einen Wald zu gehen, fürchte ich mich meist nach einiger Zeit. Es kommt natürlich auf den Wald an. Ist er licht oder zugewachsen? Singen die Vögel und kommen gelegentlich ein paar Wanderer vorbei? Gibt es hier und da Ausblicke, vielleicht ein Seeufer? Oder kündigt sich über den zusammengewachsenen Baumkronen ein Gewitter an? Dämmert es? Weiß ich den Weg nicht so genau und raschelt es häufiger als plausibel im Gebüsch? Zu zweit oder dritt ist mir ein Waldspaziergang ein großes Vergnügen. Da mag ich den Wind in den Wipfeln pfeifen hören, sogar in den Abend hinein gehen. Aber alleine geht es mir so, dass alle kindlichen Waldängste wieder in mir aufsteigen. Könnten hier nicht doch fantastische Wesen leben? Oder Räuber? Und haben die Bäume vielleicht gegen jede Wahrscheinlichkeit überpflanzliche Fähigkeiten? Im Wald zu pfeifen macht es übrigens nur schlimmer. Vielleicht sind es aber nicht nur kindliche Ängste, sondern das Wissen darum, dass sie vor uns auf der Erde waren. Als wenn wir die lästigen fast noch zu spät Gekommenen sind, die ihre Ruhe stören. Massiv stören. Ein Wald ist uns Menschen ein fremder Ort geblieben (erst recht, wenn wir im „Großstadtdschungel“ leben). Einer, in dem die Zeit gelegentlich noch stillsteht. Und der gerade deshalb – vom Klima mal ganz abgesehen – für unsere Zukunft so wichtig ist.

10 Türchen für Kolumba: Zwei

Kolumba ist das Kunstmuseum des Kölner Erzbistums. Vor dem Umzug in den Neubau von Peter Zumthor im Jahr 2007 residierte es gleich neben dem Dom in einem Nachkriegsbau. Wie viele Diözesanmuseen in Deutschland war es in einen Dornröschenschlaf versunken. Obwohl Schätze aus allen Jahrhunderten zu sehen waren, die meisten Köln-Besucher/innen strömten am Haus vorbei in das Römisch-Germanische Museum, später in das neu eröffnete Doppelhaus Ludwig und Wallraf-Richartz.

Im neuen Haus reagierte man auf dieses schmale Interesse mit einer veränderten Ausstellungsstrategie. Jedes Jahr wird eine Ausstellung eröffnet, die ca. 10-11 Monate zu sehen ist. Sie besteht jeweils aus eigenen Beständen, aus Neuerwerbungen und aus extra für die Ausstellung geliehenen Exponaten. Klammer ist jeweils ein Thema, das christlich, aber auch im weiteren Sinn menschlich zu verstehen ist. In der aktuellen zehnten Schau geht es um das Individuum: „Me in a no-time state“ lautet dazu das Motto, der Arbeitstitel eines ausgestellten Werkes von Chris Newman, das seit 1996 zur Sammlung gehört.

Die Frage nach dem Individuum steht seit der Aufklärung mannshoch im Raum. Aber sie ist älter und ohne das Christentum nicht denkbar. Denn hier schaut der einzelne Mensch Gott. Mit allen verantwortungstechnischen Konsequenzen.

Eine solche Gottesschau erlaubt das romanische Elfenbeinkruzifix aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Ich kann hier aus rechtlichen Gründen nur eine abfotografierte Postkarte zeigen. Das Kreuz ist neu, die Elfenbeinfigur mit 53 Zentimetern überraschend groß. Christus am Kreuz ist für viele Nicht-Christen nach wie vor eine Herausforderung. Man sieht das Leiden so ausdrücklich, dass das Geschenk – der so wesentliche Aspekt der Kreuzigung – fast verschwindet. Ich glaube, dass es zu dieser Figur keine Parallele in der Kunstgeschichte gibt. Die monumentale (und ob! wenn man davor steht) Größe und die Zartheit des Ausdrucks, die Müdigkeit (kein Schmerz), die Erschöpfung, die mit größter Erleichterung zusammengeht und der Trost, den dieses Bildwerk spendet, ist kaum zu fassen. Eine Ansprache über Jahrhunderte hinweg, eine Figur, die ins Jenseits weist und mich tatsächlich in einen „no-time state“, einen Zustand außerhalb der Zeit versetzt. Das Museum gibt einem jegliche Zeit und jeglichen Raum dafür. Kein Bild hängt neben dieser Figur und zieht mich weiter. Im Gegenteil. Die Wand ist leer, rechts von mir lässt ein großes Fenster das rheinländisch trübe Tageslicht herein.

Wesentlich für die Ausstellungen sind weiterhin das Fehlen von Objektbeschriftungen (man bekommt an der Kasse einen handlichen Mini-Katalog in die Hand gedrückt) und die korrespondierende Hängung der Werke, die weder chronologisch noch sonst irgendwie linear verläuft. Auf diese Weise bin ich als Besucherin ausdrücklich eingeladen, eigene Bezüge zu finden – oder darauf zu verzichten. Ich kann mir die Werke für sich anschauen und dabei vorwärts und rückwärts gehen, ich kann im Kreis laufen und überlegen, ob mir Gemeinsamkeiten auffallen oder nicht. Ich kann den Handkatalog studieren – und, was daran das Beste ist, ich kann ihn zu Hause wieder aufschlagen und mich erinnern. Ich bin frei, was sogar mich als Kunsthistorikerin am Anfang etwas irritiert, was mir aber die Möglichkeit gibt, länger stehen zu bleiben und tatsächlich einen Dialog mit den Ausstellungsstücken zu beginnen.

 

Den Kannibalen gehen eher die Kochtöpfe aus

Heute gibt es einmal mehr – und kurz vor der Frankfurter Buchmesse – eine Literatukritikerschelte. Und leider: immer noch zu Recht. Roman Bucheli vermutet in der NZZ, dass den Kritiker/innen die Zähne ausgefallen sind. Ich denke, sie haben – aus Armut – ihre Kochtöpfe veräussert und geben sich mit schnell geschmierten Stullen zufrieden. Wo doch nur eine wirklich lange, und nach allen Regeln der Kunst geschriebene Kritik auch Vergnügen macht.

Die Haltungen und Probleme sind bekannt: Kritiker/innen meinen es besser zu wissen als die Autor/innen und gehen mit „wohlwollender Herablassung“ an die ihnen anvertraute Texte heran, statt sie mit ganzem Herzen anzunehmen. Kritik heißt ja nicht besser wissen. Sondern Liebe zur Literatur. Ein großes – oder vielleicht das größte – Problem ist der Verlust von Maßstäben und gleichzeitig die enorm (und das wäre noch zu steigern) miserable Bezahlung von Kritiker/innen (gilt nicht nur für die Literatur).

Für mich ist eine Kritik etwas ähnliches wie ein Porträt. Ich muss als Schreiberin sichtbar bleiben, in allem, was ich an meinem Gegenüber erwähne. Meine Haltung, mein Geschmack, mein Urteil. Natürlich ohne unaufhörlich Ich-Ich-Ich zu rufen, schließlich geht es hier wie da um mein Gegenüber. Und ich muss genau so mutig sein, wie die Autor/innen. Im besten Fall sogar mehr. Ich kann mich nicht nur angreifbar machen, ich muss es auch. Denn sonst besserwisssere ich bloß vor mir her und gebe der im besten Fall folgenden Diskussion kein Futter. (Und auch hier ist nicht bloß auf den Unterhaltungswert zu schielen, auch wenn ich durchaus für unterhaltsame Kritiken bin).

Eine weitere Perspektive fällt mir selbst eher schwer, ist aber ebenfalls unabdingbar: Wo steht das Buch. In der heutigen Überproduktion (und man muss natürlich lachen, während man das schreibt, weil man genau dieses Argument auch schon im 19. Jahrhundert hört), aber eben, in diesen Massen lautet doch die Frage: Wo stehen die Bücher, was wollen sie, was können sie? Und kann ich da mit?

Bucheli zitiert in seinem Artikel Rainald Goetz: „Kunst haut einen um, Kritik bringt einen zum Denken.“ Und dafür reicht es eben oft nicht, Autor/innen Unvermögen zu attestieren oder die eigene Langeweile ins Feld zu führen. Große Ansprüche gewiss, und ich bin wohl die Erste, die ihnen nicht gerecht wird. Aber ich lese Buchelis Kommentar auch nicht als vernichtende Kritik, sondern als Ansporn es besser zu machen, bei jeder Rezension aufs Neue.

Querfeldeinschreiben

Ja, das wäre was, einfach mal wieder drauf los schreiben. Ohne festen Parcours, ohne Zusammenhänge zu klären, Tatsachen zu beglaubigen, Fußnoten zu setzen. Nur an den Menschen denken, wie er die Wörter artikuliert, wie sie aufsteigen mit dem Atem und aus dem Mund gestoßen, gehaucht oder gehustet (und was nicht alles) werden. Wie sie im Raum hallen und wie sie die Zeit zerteilen. Einen Text für immerzu neu wiederholbare fünf Minuten schreiben, ihn weben, graben, umstürzen, mit ihm ringen, schlafen, ihn vergessen und aufs Neue locken oder füttern oder schlagen. Einen Text, die Konventionen zu verlassen, keine Gebrauchsanweisung, weder für Kunst noch für Naturwissenschaft noch irgend etwas anderes. Ja. Das wäre wirklich was. Wo bloß ist das nächste weite Feld?

Resonanz

Musik ist ohne Resonanz nicht möglich. Aber im Gespräch mit anderen Menschen tun wir manchmal so, als wüssten wir nicht, wie wichtig Resonanz auch im täglichen Miteinander ist. Es gilt, das Gesagte nicht nur zu hören, sondern auch einen Wiederhall zu erzeugen. Ja, ich habe gehört, was du sagst. Ich stimme zu, ich bin noch nicht ganz überzeugt, einen Moment bitte, ich melde mich gleich zurück…

Resonanz bedeutet Mitschwingen. Wann ist es Euch oder Ihnen das letzte Mal so ergangen, dass Ihr oder Sie in einem Gespräch mitgeschwungen seid? Dass etwas entstand vor dem Inneren Auge, dass Begeisterung aufkam, vielleicht auch Begeisterung in der gemeinsamen Ablehnung von etwas. Dass der oder die Andere ganz im Zentrum der eigenen Wahrnehmung stand, dass die eigenen Gedanken oder Ideen wie eine zweite Stimme zur ersten hinzukamen, statt in eine andere Richtung zu laufen?

Wir sind heute so gehetzt, dass wir uns die Resonanz gerne mal sparen. Oder wir denken eh nur an unsere Aufgabe, und möchten keinen Zentimeter vom eigenen Tagesplan abweichen. Es ist meistens nicht böse Absicht, wenn wir uns gegen andere abschotten. Aber wir vergeben uns etwas. Wir verlieren den Halt in der Welt. Sich bewegen lassen, ist immer auch ein Öffnen zur den anderen und zu sich selbst hin. Manchmal ganz schön heikel. Aber ein Abenteuer pro Tag muss doch mindestens drin sein – !?