fühle ich mich wie der einarmige Kapitän auf einem kleinen Schiff. Die Lage ist unübersichtlich und Winde, Strömungen bestimmen, wo es lang geht. Wer auf eine einsame Insel angespült wird, kann sich eine Weile dort umsehen oder lieber gleich wieder in See stechen. Geht der Kompass baden, braucht es starke Nerven. Wenn die Sonne zur Nacht baden geht, möchte einer auch schon mal die Zeit anhalten. Jeder Tag ist einer wie gestern oder vorgestern und nur aus den kleinen Veränderungen spinnt sich die Reißleine für gefährliche Manöver. Ahoi. Und schon wieder ist ein Mann über Bord.
Eleganz ist Absicht
Das zumindest lässt sich ganz sicher sagen von einem Begriff, der mehr als schillernd ist. Eleganz ist nicht angeboren. Das wäre eher die Anmut. Eleganz ist individuell und hat – Obacht! – nicht unbedingt etwas mit Mode zu tun. Geraldine Stutz, amerikanische Verlegerin, formuliert das so: „Mode sagt: Ich auch. Eleganz sagt: Ich allein.“
Mir ist neulich durch den Kopf gefahren, dass ich vor allem elegante Männer bewundere. Vielleicht würde ich nicht unbedingt einen heiraten. Aber von einer gewissen Distanz aus sind sie einfach die beste Live-Performance, die ich mir vorstellen kann. Elegante Frauen natürlich auch. Vor allem, weil die Eleganz so sehr im Detail liegt, und sich erst nach und nach entfaltet. Aber was ist es genau, was diese Eleganz ausmacht?
Für den Adel ist Eleganz über die Jahrhunderte hinweg Ausdruck ihrer Exklusivität gewesen. Prinzen, aber auch Prinzessinnen wurden in Eleganz geübt, Castigliones „Libero del Cortegiano“ war ihr Lehrbuch, das Knigge später für die bürgerliche Gesellschaft neu formulierte. Lässigkeit spielt dabei eine große Rolle, die hohe Kunst, alles ungezwungen wirken zu lassen, obwohl allem, aber wirklich allem eine sorgsame Vorbereitung und Übung innewohnt – tatsächlich leitet sich das Wort Eleganz vom lateinischen „eligere“ = „auswählen“ ab. Dennoch braucht auch die künstliche, die absichtliche Natürlichkeit, ein gewisses – tja, was eigentlich? Ich hatte bei mir immer das Gefühl, zu klein zu sein, einfach nicht die nötigen Proportionen für eine elegantes Auftreten zu haben. Aber ich möchte wetten, dass das nicht stimmt.
Eleganz hat zwar nichts mit Mode zu tun, aber sehr viel mit Kleidung. Ein eleganter Stil ist meistens ein zeitloser. Es gibt Farben und Schnitte, die elegant sind, dezent, edel, klar, gleichzeitig unauffällig, schlicht. Eleganz im Wort bedeutet Präzision und Rhythmus. Selbst die ausschweifendsten Fantasien kommen klar und auf eine gewisse Art sogar sachlich daher (mit Gesten und Blicken, die möglicherweise etwas anderes andeuten). Warum mir „coole“ Leute so gefallen, wird mir jetzt auch klar. Sie sind nichts anderes als elegant (ich meine natürlich die richtig coolen Leute).
Eleganz ist – von der grundsätzlichen und ebenso vermeintlichen „désinvolture“, Unabsichtlichkeit abgesehen, zutiefst individuell. Prince war (trotz aller schrillen Farben) ebenso elegant wie Grace Kelly, allerdings in einem anderen Kontext. Und wer aus Begeisterung elegant ist, ist es möglicherweise nicht, um sich von anderen abzusetzen, sondern um sie teilhaben zu lassen. Mich zumindest berührt Eleganz jedes Mal. Sie ist für mich der Radius, den sich ein Mensch schafft, den er für sich setzt und ausfüllt. Eleganz hat sehr viel mit Fantasie zu tun und mit Selbstliebe. Elegante Menschen loten ihre Grenzen aus, sie gehen über Normalitäten hinweg, nicht unbedingt, um aufzufallen, sondern um sich selbst gerecht zu werden (und, wie ich dann immer empfinde, um mir und anderen den Mut zu machen, das auch zu tun). Eleganz ist auch eine Antwort auf Schönheit. Denn nicht jeder elegante Mensch ist schön. Im Gegenteil. Oft macht die Eleganz das wett, was an Schönheit fehlt. Am Ende ist Eleganz aber auch Widerstand. Diane Vreeland schreibt, „Eleganz ist Verweigerung.“ Und damit in meinen Augen ein wirksames Mittel, sich in der Welt zu positionieren.
Tag des Kaffees!
Eigentlich wollte ich heute etwas über Eleganz schreiben. Aber man soll die Feste feiern, wie sie fallen: also Kaffeeparty! Für mich heute kein Problem mehr. Ich bin mit den Jahren zu einer geworden, die vor dem Schlafengehen noch Koffein verträgt. Ich kann mir zumindest noch einen genehmigen. Prost! – Das zumindest verbuche ich in Großbuchstaben zu den Vorteilen des Alterns.
Angefangen hat alles mit meiner Geburtstagstorte. Mein Großvater war als junger Mann Konditor und hatte ein paar Rezepte über den Krieg gerettet. Eins davon was das für eine mächtige Buttercremetorte mit Biskuitteig und Kaffeecreme. Die bekam ich jedes Jahr und ich hätte dafür sterben können. Allerdings mochte ich die braune Brühe da noch lange nicht trinken. Mittlerweile ist sie mein Teddy-Ersatz. Eine Art Trost, mit dem man zwar nicht kuscheln kann, aber der sofort wirkt. Insofern ist er ein für mich ein Zaubertrank geworden. Ich würde wahrscheinlich böse Entzugserscheinungen haben, wenn ich eines Tages drauf verzichten wollte. Tatsächlich habe ich mal zwei Jahre lang keinen Kaffee getrunken. Aber mir fehlte die ganze Zeit etwas. Mittlerweile ist das Getränk ja weitgehend rehabilitiert. Das geht soweit, dass – aktuell zumindest – behauptet wird, Kaffeetrinker/innen würden länger leben. Ist mir egal. Ich will auch niemanden bekehren. Wer keinen mag, ist für mich weder Banause noch Kostverächter. Ich kann es mir allerdings nur mühsam vorstellen. Denn für Kaffeetrinker geht morgens immer die Sonne auf: Egal ob es draußen stürmt oder schneit…
Die Kaffeetasse mit Heiligenschein ist ein Markenlogo, das ich mir blöderweise nicht notiert habe. Toll, oder!?
Schwermut
Vielleicht ist es das Herbstwetter. Aber seit ich zurück aus dem Rheinland bin, habe ich Nebel im Kopf und eine Last auf den Schultern. Eine kleine Erkältung könnte auch eine Rolle spielen. Ich spüre deutlich, wie einige mir so selbstverständliche Dinge und Menschen aus dem Leben verschwinden. Oder plötzlich fallen mir Orte und Freunde wieder ein, die ich ebenfalls nie wieder sehen werde. Selbst Humboldt vermisse ich. Obwohl ich den ja nun wirklich nicht gekannt habe. Was ist denn da los? Nein. Mutlos bin ich nicht. Es gibt viel nach vorne zu schauen. Und der Horizont ist nach wie vor weit. Es ist mehr so eine leise Melodie, schwer und nicht abzuschütteln, die mir in den Ohren klingt. Es geht alles vorbei. Was denn sonst? Aber im Moment geht mir auch alles sehr nah.
10 Türchen für Kolumba: Eins
Kolumba ist vielleicht deshalb besonders, weil es nicht eins ist, sondern zwei: geweihter Ort und Kunsttempel, das heißt, ein Museum, das auf gleich mehreren zerstörten Kapellen/Kirchen steht. „Weiterbauen“ war das Motto dieses eigenwilligen Neubaus, wobei eben kein neuer Gottes-, sondern ein Musentempel errichtet wurde, das Kunstmuseum des Erzbistums Köln, das fugenlos (!) auf den zahlreichen Fundamenten der der Heiligen Kolumba geweihten Häusern in die Höhe ragt.
1997 begannen die Planungen für das neue Museum, 2007 wurde es fertig gestellt. Was von Anfang an im Blick stand, waren die Besucher/innen. Das Haus sollte für sie gebaut werden, nicht für die Kunstwerke (obwohl sie auch zu ihrem Recht kommen). Ein – man sollte es ja nicht meinen, ist aber leider so – seltenes Konzept. Denn meist stehen bei Neubauten andere Aspekte im Vordergrund: Repräsentation, optimale Größe für die geplanten Einrichtungen, Finanzierung und was nicht alles. Hier ist es der Gast, der – eine weitere Besonderheit – an der Eingangstür von einer/m eigens dort abgestellten Mitarbeiter/in freundlich begrüßt wird. Nein. Das ist jetzt kein Entgegenschmeicheln. Denn das Museum fordert. So gibt es im ganzen Gebäude Schwellen zwischen den verschiedenen Räumen. Da müssen die Besucher/innen aufpassen. Den Ort, an dem sie unterwegs sind, beachten. Sie werden nicht durchgeschleust, sondern sollen selbst gehen. Dass das tatsächlich Absicht ist, verrät übrigens ein Hinweis in dem kleinen Handkatalog der jeweils ein Jahr dauernden Ausstellung:
„Bitte beachten Sie die mit der Architektur des Gebäudes verbundenen Stufen und Schwellen. Seien Sie daher vorsichtig beim Betreten und Verlassen der Räume.“
Die Architektur des Gebäudes. Hinter der ein großer Name steht: Peter Zumthor. Gleich in einem meiner ersten Blog-Beiträge habe ich über die von ihm gebaute Therme in Vals geschrieben. Ach was, nicht geschrieben, geschwärmt! Ich hatte so ein Haus noch nie erlebt. Als hätte es nur auf mich gewartet. Oder als sei es vollkommen auf mich zugeschnitten. Nichts störte, weder das Auge noch die Füße, Hände, den Kopf und alles andere. Alles war schlicht und schön. Die Fenster waren groß und an der richtigen Stelle, die Wände stark und klar, der Boden angenehm unter den Fußsohlen und die Handläufe so, dass ich sie nie wieder loslassen wollte. Und weil alles zurückhaltend und gleichzeitig genau richtig war, entspannte ich mich und fühlte mich (jaja, doch, doch) glücklich. Dasselbe passierte mir gleich wieder in Köln. Kaum im Museum drin, umhüllte mich das Haus wie ein großer Mantel. Ich war willkommen und geborgen in einem. Und froh, hingegangen zu sein. Doch ja, man kann natürlich Einwände haben. Den Bau vielleicht manieriert finden. Teuer war er auf jeden Fall. Alles ist Handarbeit, nichts vorgefertigt. Aber er verstellt nicht den Blick auf die ausgestellte Kunst. Wie das funktioniert, habe ich noch nicht richtig raus. Vielleicht, weil er weder der Kunst noch dem Publikum eine Bühne bietet, sondern beide gleichermaßen von der Außenwelt abschirmt und so zu einem Zwiegespräch einlädt. Das, und die Tatsache, dass stets nur zwei oder drei Kunstwerke in einem Raum ausgestellt sind, unterscheidet Kolumba deutlich von anderen Kunstmuseen. Aber dazu mehr beim nächsten „Türchen“.
Auf dem Foto ist die Außenwand von Kolumba im Bereich der überbauten Ausgrabungen und der Kapelle zu sehen. Statt durch Fenstern fällt das Licht durch die aufgebrochene Mauerstruktur ins Gebäudeinnere.
Schwein gehabt
Alle Schweine fliegen hoch? Lieber das Huhn im Topf als das Schwein auf dem Dach? Küchenluft verleiht Flügel? Pfff. An manchen Tagen hat man einfach nur Schwein gehabt. Und einen guten Grund, dem klugen Dickerchen mit feinstem Sekt zuzuprosten. Danke, liebes Schwein. Und: Schweine für alle!
Mu Se Um
Musentempel. Akademie. Schauraum. So jedenfalls sind wir es gewohnt: Eine Sammlung oder die Auswahl von Sammlungsstücken im öffentlichen oder privaten Raum gezeigt zu bekommen. In Köln gibt es ein Museum, das den Schauraum neu fasst. Als großen Denkraum, in dem nur wenige Werke gleichzeitig zu sehen sind. Statt auf Fülle setzen sie in Kolumba, dem Diözesanmuseum von Köln, auf Einzelstücke, die ihren Reichtum im freien Raum ausbreiten. Werke bekommen hier die Möglichkeit, zu wirken. Mit anderen Werken zu korrespondieren. Einen anzusprechen oder kalt zu lassen.
Wenn ich ehrlich bin, dürfte mir das eigentlich nicht gefallen. Ich mag didaktische Inszenierungen im Schauraum nicht besonders, gelenkt werde ich erst recht nicht gern. Dennoch, Kolumba haut mich jedes Mal aufs Neue um. Um herauszufinden, was mich so fasziniert, werde ich in der kommenden Zeit hin und wieder über das Haus schreiben: „10 Türchen für Kolumba“ soll diese locker geführte Miniserie heißen, in Vorfreude auf 2017, wo das Museum sein 10-jähriges Bestehen im neuen Haus von Peter Zumthor feiert.
Wenn das so weiter geht,
bleiben wir einfach im Grünen. Und wäre das nicht was, Weihnachten mit Picknick im Tannenwald zu verbringen? Oder Rodeln auf Rollen? Und Skifahren auf dem Wannsee?
Das Land meiner Kindheit
der große Garten wird gerade plattgewalzt, eine Neubausiedlung, noch eine. Meine Tante stirbt, als ich komme. Die Leute sagen plötzlich „junge Frau“ zu mir. Der Hund meiner Freundin wird das nächste Mal wohl auch nicht mehr da sein. So viel neue Gräber. Ich bin alt geworden und die Besuche im Land meiner Kindheit sind keine Heimkehr mehr.
heißt in diesem Fall: weiter machen!
Die Klunker haben Geburtstag. Seit zwei Jahren schreibe ich (fast) jeden Abend etwas und stelle es hier ins Netz. Am Anfang war es ein Experiment. Mittlerweile sind diese Texte für mich der Abschluss eines Tages. Gab es etwas, was mir aufgefallen ist? Worüber habe ich heute nachgedacht? Was seit Tagen schon wieder vergessen? Hatte ich eine Idee – oder bloß Launen? Wer brachte mich auf neue Gedanken? Was stand in den Zeitungen? Gibt es gerade ein Lieblingsbuch? Was schreiben die anderen Blogger/innen? Gab es nachts Träume?
Das Wichtigste für mich war tatsächlich das Anfangen und das Dranbleiben. Viele Abende saß ich ewig vor dem Bildschirm, ohne dass sich auch nur ein Satz blicken ließ. Schlimmer noch, wenn mir kein Bild zum Tag passte. Manchmal habe ich hier Themen angepackt, die ich später für meine Arbeit übernommen habe – oder umgekehrt. Oft habe ich mich erstmals zu Dingen geäussert, zu denen ich mir bis dahin keine Meinung zugetraut habe.
Gelernt habe ich, dass „Machen“ tatsächlich etwas anderes ist als „vielleicht Machen“. Dass es die beste Übung ist, Dinge zu tun, als sich nicht zu trauen. Und dass es zwar oft ernüchternd ist, was hier und da bei rauskommt, aber dass diese Ergebnisse dann doch deutlicher die Richtung weisen, wohin es gehen könnte, als wenn man nichts in den Händen hält. Was ich mir wünsche? Noch mutiger zu werden. Und mehr Texte zu schreiben, die Euch zu Antworten inspirieren. Ansonsten? Machen die Klunker jetzt mal Pause. Euch einen guten Start in die Woche – und: herzlichen Dank für Eure Anregungen und Sternchen in den letzten beiden Jahren!









