„Im Grunde will jeder von uns jemand anders sein.“ Das sagt Nick Cave während einer der zahlreichen Autofahrten in dem autobiographischen Film „20.000 Days on Earth“. Seit ich den Satz gehört habe, steckt er mir im Ohr. Weil ich mich von ihm ertappt fühle. Als Kind wollte ich ein Indianer sein, als Jugendliche vor allem schöner. Als Studentin wollte ich berufstätig sein, manchmal wollte ich mit Leuten befreundet sein, die ich nicht mal kannte oder ich wünschte mich in ein anderes Land. Es gab Zeiten, da wäre ich lieber ein Mann gewesen wäre, früher träumte ich vom Berühmtsein, heute von größerer Schlagkraft. Aber immer bin nicht ich es, sondern die Andere. Auch wenn sie nur ein bisschen schöner, ein bisschen stärker, ein bisschen schlauer wäre.
Das Tolle an diesem Wunsch, so hoffnungslos er zunächst erscheint, ist jedoch, dass er sich meist erfüllen lässt. Fast alle Menschen finden in ihrem Leben etwas von ihrem Wunsch-Ich, oder sie schaffen es, wenigstens eine Facette davon zu realisieren. Sie schaffen sich die Freiräume in ihren Freizeiten. Andere können sich ihrem Beruf anverwandeln. Klar, dass jemand wie Nick Cave, der ein Popstar geworden ist, eine – fast schon unheimliche – Verwandlung durchgemacht hat. Eine, die immer noch anhält, denn die Figur des Stars muss immer wieder mit neuem Leben gefüllt werden.
Vielleicht heißt der Satz auch so: „Im Grunde will jeder von uns viele sein.“ Weil es gut tut, zu vergessen, wer ich bin, um einen anderen Weg zu gehen – oder den gleichen Weg mit anderem Schritt und anderem Gesicht zu gehen. Die Fantasie, aus uns so viel wie möglich zu holen, gehört wahrscheinlich zu dem Wertvollsten des Menschseins. In diesem Sinn: Es lebe die Verwandlung!
Das Foto ist ein Screenshot des oben genannten Films.








