Verwandlung (II)

„Im Grunde will jeder von uns jemand anders sein.“ Das sagt Nick Cave während einer der zahlreichen Autofahrten in dem autobiographischen Film „20.000 Days on Earth“. Seit ich den Satz gehört habe, steckt er mir im Ohr. Weil ich mich von ihm ertappt fühle. Als Kind wollte ich ein Indianer sein, als Jugendliche vor allem schöner. Als Studentin wollte ich berufstätig sein, manchmal wollte ich mit Leuten befreundet sein, die ich nicht mal kannte oder ich wünschte mich in ein anderes Land. Es gab Zeiten, da wäre ich lieber ein Mann gewesen wäre, früher träumte ich vom Berühmtsein, heute von größerer Schlagkraft. Aber immer bin nicht ich es, sondern die Andere. Auch wenn sie nur ein bisschen schöner, ein bisschen stärker, ein bisschen schlauer wäre.

Das Tolle an diesem Wunsch, so hoffnungslos er zunächst erscheint, ist jedoch, dass er sich meist erfüllen lässt. Fast alle Menschen finden in ihrem Leben etwas von ihrem Wunsch-Ich, oder sie schaffen es, wenigstens eine Facette davon zu realisieren. Sie schaffen sich die Freiräume in ihren Freizeiten. Andere können sich ihrem Beruf anverwandeln. Klar, dass jemand wie Nick Cave, der ein Popstar geworden ist, eine – fast schon unheimliche – Verwandlung durchgemacht hat. Eine, die immer noch anhält, denn die Figur des Stars muss immer wieder mit neuem Leben gefüllt werden.

Vielleicht heißt der Satz auch so: „Im Grunde will jeder von uns viele sein.“ Weil es gut tut, zu vergessen, wer ich bin, um einen anderen Weg zu gehen – oder den gleichen Weg mit anderem Schritt und anderem Gesicht zu gehen. Die Fantasie, aus uns so viel wie möglich zu holen, gehört wahrscheinlich zu dem Wertvollsten des Menschseins. In diesem Sinn: Es lebe die Verwandlung!

Das Foto ist ein Screenshot des oben genannten Films.

Nachmittagswunsch

Beim starken Kaffee heute in der Sonne dachte ich, wie das wohl wäre, wenn ich eine Woche Zeit hätte, einmal nur Gedichte zu schreiben. Wie ich dann den Tisch leer räumen und mit einem Sack voller Wörter überschütten würde, die ich stundenlang zu immer längeren Sätzen legen könnte. Wie ich vor einem Obstteller säße und alle Früchte mit Geduld und spitzen Fingern zu einer Collage aller je gesehenen Obstteller zusammen fügen würde. Wie ich einem, der nie bei mir war, die Wände meines Zimmers buchstabieren könnte – tick, tick, tick. Könnte ich zu Liedern anheben meines Schmerzes? Das Stottern meiner Sehnsucht singen und die raue Wut meiner Unfähigkeiten? Wie wäre es, einmal nur Gedichte zu schreiben? Und wann?

Alexander von Humboldt

Er hatte einen sinnlichen Mund und war ein begnadeter Tänzer: Alexander von Humboldt, der heute als großer Universalgelehrter verehrt wird, war ein Multitalent. Er lebte für die Wissenschaft, aber er war auch in allen möglichen anderen Disziplinen begabt und begnadet. In seiner Nähe zu leben, mag anstrengend gewesen sein, immer wusste er alles (und besser), er kannte Gott und die Welt und hatte einige ausgezeichnete Drähte zu den verschiedenen Monarchen Europas. Er redete schnell, sogar in den ihm fremden Sprachen, so dass es schwierig werden konnte, ihm, vor allen in wissenschaftlichen Belangen, zu folgen. Er hatte sein Lebtag Hummeln im Hintern und konnte nur schwer still sitzen. Und er hatte Angst vor Gespenstern. Was man von einem Naturwissenschaftler kaum glauben mag, aber in Wahrheit war es wohl mehr die Angst vor einer übergroßen und strengen Mutter, vor der er sich sogar noch nach ihrem Tod fürchtete. Er heiratete nie und wird viele Frauen enttäuscht haben. Wahrscheinlich hatte er einige lebhafte Beziehungen zu Kollegen. Doch er war diskret (die Kollegen auch), was zur damaligen Zeit wenig verwundert. Wenn er gekonnt hätte, wäre er nach seiner Südamerikareise in Paris geblieben. Doch der Berliner König zitierte ihn zurück in die Brandenburger Sandwüste und Humboldt fügte sich. Obwohl er von seiner strapaziösen und gefährlichen Reise mehrere körperliche Schäden und Schwächen mitbrachte, wurde er fast 90 Jahre alt. Am Ende seines Lebens war er arm und resigniert. Sein Geld hatte er für seine Forschungen und immer wieder für junge Wissenschaftler ausgegeben, die er Zeit seines Lebens unterstützte. Sein Idealismus war aufgebraucht. Zu schleppend ging es mit der Freiheit und der Gleichheit der Menschen überall auf der Welt voran. Heute vor 247 Jahren wurde er in Berlin-Tegel geboren. Es muss ein sonniger Tag gewesen sein.

„Überall und nirgends“

Heute habe ich zum ersten Mal das Literaturfestival besucht und gleich einen Volltreffer gelandet: Die Lesung von Bette Westera aus ihrem Gedichtband, der 2014 erschienen ist und nun auch in Deutsch vorliegt: Überall und nirgends.

Es geht ein ums andere Mal ums Sterben und ich bin überrascht, wie neugierig, klug und aufmerksam die Kinder der Veranstaltung folgen. Es liegt wohl auch an der Autorin, Frau Westera, die so schön spricht und erzählt, und so frei von der Seele, dass es einfach spannend ist, ihr zuzuhören. So schildert sie, wie das erste Gedicht aus diesem Band entstanden ist. Die Illustratorin hat ihr ein Bild von einer Stadt geschickt. Ein richtiges Wimmelbild mit Menschen und ein paar Tieren darin, einem Fluss und vielen, ganz unterschiedlichen Häusern. Wie ist es, überlegte Bette Westera, wenn ein Mensch stirbt? Es ist doch so, dass das Leben so weitergeht, wie gewohnt. Die Busse fahren, der Müll wird abgeholt, die Kinder gehen zur Schule und die Eltern zur Arbeit. Alles bleibt, aber alles ist mit einem Schlag anders.

Sie selbst ist 58, mittlerweile Oma und – auch das schildert sie ausführlich – hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, gerade als ihr Enkelkind geboren wurde. Auch das sei für sie eine wichtige Erkenntnis gewesen, dass eben Leben und Tod zusammengehören. Sie schreibt vom toten Vater, von einem gerade gestorbenen Geschwisterkind und von einem alten Kater, dem ein Mädchen den Tod wünscht, damit sie endlich einen Hund bekommt. Die Kinder fragen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Ja, einige waren schon mal in den Niederlanden, wo die Autorin herkommt, sie sprechen selbst alle Englisch und können ermessen, was der Übersetzer geleistet hat. Die meisten Fragen stellen sie bei dem Gedicht über einen verstorbenen Pharao, dem ein lebender Diener ins Grab folgen muss. Zwei Lehrerinnen müssen weinen, weil ihnen ein Gedicht über die Erinnerung an eine Tote  den kürzlichen Verlust ihrer Mütter spürbar macht. Und es ist ganz selbstverständlich. Weder peinlich, noch ein großes Drama. Es darf bei einer Lesung über den Tod so sein. Auch, und gerade mit Kindern.

Bette Westera: Überall und nirgends. Illustration von Sylvia Weve, aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Susanne Rieden Verlag 2016.

Das Foto ist ein Screenshot von der Illustration des Gedichts „Überall und nirgends“

Mensch sein

Wann, frage ich mich manchmal, wenn ich Zeugnisse früherer Kulturen sehe, wann mögen sich Menschen zum ersten Mal gefragt haben, was es mit ihrem Menschsein auf sich hat. Was sie unterscheidet von Tieren. Oder was ihnen an ihrem Dasein gefällt und was nicht so. Götter oder andere jenseitige Strippenzieher spielten wohl früh im Selbstverständnis unserer Spezies eine Rolle. Es gab offensichtlich schon sehr bald dieses Gefühl, dass es mit dem Erdendasein doch nicht getan sein könnte. Oder dass irgendwo noch jemand sein musste, als Dialogpartner. Ganz alleine auf der Welt unterwegs zu sein, das war wohl zu viel für das menschliche Denken. Und vielleicht steckt ja auch was dahinter. Wenn ich diese alten Menschen sehe, bzw. die Abbildungen, die sie von sich hinterließen, wird mir oft ganz schwindelig. Sie sehen aus wie wir. Aber sie mögen doch ganz andere Vorstellungen in ihren Köpfen gehabt haben. Ob wir uns mit ihnen verständigen könnten?

Erinnerung

Gestern fiel mir die Episode wieder ein. Ich wurde gleich nach dem ersten Semester zum Dekan zitiert, weil ich in einer der zahlreichen Prüfungen eine Sechs geschrieben hatte. Auch sonst waren meine Noten nicht gerade gut. Mir fiel der Übergang von der Schule in die Universität schwer. Und Französisch hatte ich erst als dritte Sprache gewählt, das heißt erst vier Jahre gelernt, als ich an die Uni kam, wo Haupt- und Nebenfächler/innen in denselben Veranstaltungen saßen. Die Sechs hatte mich auch schockiert. Aber der ganze Unibeginn war für mich heftig gewesen. Da fiel diese Note auch nicht weiter ins Gewicht.

Der Dekan war unfreundlich, wie nicht anders zu erwarten. Was ich denn überhaupt an der Uni wolle und wieso ausgerechnet Französisch? Er hatte gute Gründe, mich rausekeln zu wollen, die Bonner Universität war überlaufen. Und ich hatte wirklich keinen Plan. Zumal ich Sprachen nicht besonders gut kann. Aber mir war nach dem Abitur nix anderes eingefallen. Er hatte jedenfalls ziemlich leichtes Spiel mit mir, ich ging nach der Unterredung völlig zerknautscht aus der Tür. Und habe weiter studiert.

Im Nachhinein wirklich verblüffend. Ich platzte weder damals (noch tue ich das heute) vor Selbstbewusstsein aus allen Nähten. Aber offensichtlich gab es eine innere Stimme, die mir riet, mich nicht verunsichern zu lassen. Zu deutlich war die abfällige Haltung des Dekans mir gegenüber gewesen. Das wollte ich nicht akzeptieren. Zum Glück. Denn es wäre wirklich ein fataler Fehler gewesen, so früh schon aufzugeben. So konnte ich mich durchbeißen und bin am Ende doch gestärkt aus der Unterredung hervorgegangen. Weil ich – wie es mir im Nachhinein scheint – doch wusste, was ich wollte. Auch wenn ich es damals nicht hätte formulieren können. – Ob das jetzt ein nachträgliches „Schönlesen“ einer Niederlage ist? Glaube ich nicht. Und ganz ehrlich: Es war richtig, noch eine Fremdsprache zu lernen. Denn erst in den endlosen Übersetzungsseminaren habe ich meine Muttersprache gelernt. Und mir damit das Fundament meiner Arbeit geschaffen.

Ein Tiger namens Ungeduld

hat sich eingeschlichen. Leise, auf Katzenart, kein Wunder, Tiger kommt vermutlich von einem Wort, das sich im Deutschen mit Pfeil übersetzen ließe. Jetzt ist der Tiger drin im Tank – oder zumindest in meinem Nervensystem und will Beute. Erst habe ich gar nicht viel gemerkt. Es gab Termine, noch mehr Termine, und also musste alles schnell gehen. Und jetzt gibt es gerade nur einen Termin und ich bin von einer Unrast befallen, als hätte ich eine ganze Tigerfamilie im Nacken. Kaum etwas kann auf meinem Schreibtisch liegen, von dem ich nicht sehnlichst wünschte, es wäre schon fertig. An etwas arbeiten, mir Zeit lassen? Wozu das denn? Ja. Wozu? – Der Tiger muss weg. Keine Ahnung, wie ich ihn wieder abschütteln kann. Aber diese Ungeduld mit mir (und dann leider schnell auch mit anderen) ist nix. Vielleicht mache ich morgen mal gar nichts. Dann wird es dem Tiger zu langweilig – und er schleicht sich. Wir werden ja sehen.

Vorfreude

Ich war noch nie bei einem Festival. Zum Glück läuft gerade ein (und wahrscheinlich noch ein paar mehr) in Berlin und ich kann schnurstracks Abhilfe schaffen. Denn es wurde höchste Zeit für was Neues. Ich habe mir das Internationale Literaturfestival heraus gepickt. Klar, am Ende sind es auch „nur“ Lesungen. Aber mehrere an einem Tag geben bestimmt die Gelegenheit, mich noch einmal tiefer in aktuelle Bücher fallen zu lassen. Leider kann ich erst ab Sonntag. Und auch nicht wirklich ganztags. Aber ich bin schon ganz schön gespannt.

Schönheit

Frag‘ hundert Leute, was Schönheit ist, und Du wirst hundert Antworten bekommen. Und, ums gleich hinterherzuwerfen: Das ist auch gut so. Schön kommt (unter anderem) von „schauen“ – und entspricht wahrscheinlich dem Gefühl der meisten von uns, dass bei Schönheit etwas Sichtbares gemeint ist. Es gibt auch Schönheit in der Musik, in der Sprache, in mathematischen Formeln, aber schön sind zuallererst Dinge, auf die wir mit unseren Fingern zeigen können: „Schau mal!“

Schönheit macht glücklich. Schönheit ist ein Fall für unsere Sinne. Auch wenn der Intellekt gelegentlich das Schöne für sich beansprucht. Das ist dann geistige Schönheit (vom Auge beargwöhnt). Tatsächlich ist alles noch viel komplizierter: Frag‘ nur einen Menschen, und du wirst mehr als hundert Antworten bekommen. So wichtig mir selbst Schönheit erscheint, nicht als Kulisse, sondern als Herzerweiterung (das meine ich jetzt nicht pathologisch…), so schwer ist es mir zum Beispiel gefallen, ein Foto für diesen Beitrag auszuwählen.

Dass ich zur Kunst gegriffen habe, hat mit der zweiten Frage nach Schönheit zu tun: Ist sie konservierbar? Naturschönheiten vergehen. Sei es der Regenbogen, die Rosenblüte, das weite Feld. Wer wünscht sich nicht dauerhafte Schönheit. Und hier kommt gleich noch einmal Frau Sontag ins Spiel, denn sie hat, wie übers Interpretieren auch über die Schönheit Mitte der 1960er Jahre einen Artikel geschrieben. Was mir so gut an beiden Texten gefällt ist, wie ungestüm sie sich ins Geschehen wirft, die Themen sind groß wie Meere und haben mehr Arme als gewöhnliche Kraken. Sie schrieb zu einer Zeit, in der sich das Kunstschöne verdächtig gemacht hatte. Kunst hatte in den 1960er Jahren authentisch zu sein, echt oder wahr. Das konnte vor allem nicht schön sein. Im Gegenteil, wer über ein Werk sagte es sei schön, meinte in Wirklichkeit „bloß schön“, was eine Art Arschtritt erster Klasse bedeutete.

Schön hat mit Unterscheidung zu tun. Wo etwas schön ist, ist etwas anderes weniger schön oder sogar hässlich. Sontag verweist darauf, dass diese Form der hierarchischen Weltbetrachtung etwas elitäres hat, dessen Ursprünge im Feudalismus liegen. Dennoch hält sie weniger die Demokratie als vielmehr den Konsumismus für den Feind des Schönen. Denn, so schreibt sie, wo nichts mehr hässlich sein darf, ist auch nichts mehr schön.

Schönheit lässt sich offensichtlich nicht definieren. Dennoch weiß jede und jeder von uns, was schön ist. Es ist ein Ideal, etwas Vollkommenes, was sich auf Erden selten zeigt. Schönheit ist eine Art Versprechen, wie Susan Sontag schreibt, ein Versprechen für die Fülle von Wirklichkeit, die uns umgibt. Wir brauchen sie, um die Welt zu begreifen, egal, wie sie vor jede oder jeden von uns ausfällt. Und was wären Museumsbesuche ohne die Diskussion über schön und furchtbar. Auch hier weiten sich die Horizonte. Mein Schönheitsideal hat sich über die Jahrzehnte auf jeden Fall sehr verschoben (und erweitert)…

Montagssätze

An manchen Tagen würde ich am liebsten immer weiter einfache Sätze schreiben, über das, was ist und das, was es unmöglich sein kann. Um Ordnung zu schaffen. Zumindest für mich.