Ich habe einen Hexenschuss, und – ich muss es gestehen – die Küchenfee meines Nachbarn im Verdacht. Nicht, dass ich Angst vor ihr hätte. Im Gegenteil, eher großen Respekt, denn in der Küche kennt sie sich aus. Auch wenn sie vielleicht etwas mürrisch schaut. Aber ich sehe auch streng aus, wenn ich mich konzentriere. Allerdings – und das macht mich stutzig – sie hat dort den besten Platz, von dem aus sie mir in den Rücken schießen könnte. Mich hat’s nämlich im Bett erwischt. Und von da ergibt sich die perfekte Flugbahn nun mal in ihre Küche. Und jetzt? Wenn ich wieder Treppen steigen kann, werde ich sie mal verhören. Und bis dahin schone ich mich. Auch nicht schlecht.
Ein Lob auf das Sichtbare
Ich bin Kunsthistorikerin und beschäftige mich oft mit dem Betrachten von Kunstwerken. Man gewöhnt sich daran. Und was schlimmer ist, man legt sich so seine Gewohnheiten zu. Früher bin ich viel in Ausstellungen gegangen. Ein Mehr schien mir wesentlich für einen großen Fundus, mit dessen Hilfe ich hoffte, mich besser orientieren zu können. Die Hoffnung habe ich aufgegeben.
Meine Arbeit besteht im Wesentlichen daraus, Kunstwerke zu beschreiben und so einem Publikum nahe zu bringen. Wie schwierig das ist, ahnte ich schon während des Studiums, als mir viele Vorlesungen nur so an den Ohren vorbei rauschten, weil ich das, was ich sah, mit dem was gesagt wurde, nicht zusammenbrachte. Heute habe ich einen Artikel von Susan Sontag gelesen, den sie Mitte der 1960er Jahre schrieb, und den ich hätte kennen sollen, noch bevor ich das Studium begann. Sein Titel: „Gegen Interpretation“.
Darin lese ich das, was ich oft empfunden, aber nicht recht dingfest habe machen können: Die Interpretation von Kunstwerken läuft die meiste Zeit am Wesentlichen vorbei, weil sie der Vorstellung anhängt, dass ein Kunstwerk etwas aussagt.
Sontag erinnert an frühe Werke, die in einem rituellen Kontext standen. Sie schreibt, dass sie so stets etwas bewirkten. Und ich muss lächeln, weil bei mittelalterlicher Kunst, die ja mit einem Bein noch in diesem rituellen Umfeld stand, fast mantraartig erklärt wird, dass Bilder zur damaligen Zeit so wichtig gewesen seien, weil die meisten Menschen Analphabeten waren. Dabei war es wohl eher die Anwesenheit dieser Bilder und ihre Funktion als Stellvertreter oder Mittler, die entscheidend waren.
Sontag schreibt weiter, dass eine Interpretation meist vom Werk wegführt, weil es einen Subtext da vermutet, wo etwas Sichtbares schon da ist. Wir sehen Figuren oder Formen und wir überlegen, was sie bedeuten könnten, statt zu sagen, was zu sehen ist. Wir misstrauen dem Sichtbaren, und rechnen mit einem latenten, unsichtbaren Text, der so etwas wie „die Wahrheit“ beinhaltet. Verstehen heiße in der Moderne Interpretieren. Aber Interpretieren sei stets eine Neuformulierung, und deshalb etwas anderes.
Natürlich macht es Sinn, Dinge hinter dem Sichtbaren zu vermuten. Es gibt zum Beispiel immer die Frage nach Innovation oder Nachahmung in der Kunst, die keineswegs nur gute von schlechter Kunst unterscheidet. Neuformulierungen sind oft spannender, als das erste Auftreten einer Figur, eines Themas, einer Farb- oder Formenkonstellation. Aber mit der Sinnsuche stößt man auch häufig auf seine Grenzen. Mein lieber Henri Rousseau ist dafür beredtes Zeugnis.
Gerade bei ihm zeigt sich, wie wenig sein Verdienst in der „Bedeutung“ seiner Werke liegt. Im Gegenteil, sie sind meist unverständlich – und gerade dadurch, sagen wir „gefährlich“, das heißt, wie Sontag es nennt, noch in der Lage, „uns nervös zu machen“. Rousseaus Bilder – und das gilt für alle möglichen Bilder – sind sinnlich präsent und unmittelbar, eine Interpretation entfernt sich, und macht sie (im schlimmsten Fall) hässlich oder mittelmäßig. Noch einmal Susan Sontag:
„Eine Interpretation, die von der höchst zweifelhaften Theorie ausgeht, dass ein Kunstwerk aus inhaltlichen Komponenten zusammengesetzt ist, tut der Kunst Gewalt an. Sie macht die Kunst zum Gebrauchsgegenstand, der sich in ein geistiges Schema von Kategorien einordnen lässt.“
Eine Schlussfolgerung, die sie zieht, bringt mich noch einmal zum Lachen (nicht, weil ich sie für unsinnig halte): Abstrakte Kunst, aber auch die werbeaffine Pop Art, seien vor der Interpretation geflohen. Leider ist diese Flucht nicht ganz gelungen. Es gibt Kritiker/innen, die finden in jedem schwarzen Kreis noch eine Aussage.
Was bleibt, ist die Frage: Wie denn dann? Weil es nach wie vor Spass macht, sich vor Kunstwerken zu unterhalten. Sie können uns ebenso wie Literatur oder Kinofilme aus der Reserve locken und Gedanken hervorbringen, von denen wir gar nicht wussten, dass sie in unseren Köpfen schlummern. Es geht darum, beim Kunstwerk zu bleiben, und nicht in Wolkenkuckucksheime zu verschwinden. In einer, wie Sontag schreibt, „präzisen, scharfsinnigen und liebevollen“ Beschreibung der äußeren Form. Wir sollten uns mit dem sinnlichen Erleben eines Werks auseinandersetzen, was wesentlich schwieriger ist, als mögliche Inhalte hervorzuzaubern:
„Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmaß an Inhalt in einem Kunstwerk zu entdecken. (…) Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurückzuschneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt. (…) Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“
Was für mich bleibt: Wie kann ich eine andere Form der Kunstbeschreibung finden, die gerade der nicht-inhaltlichen Seite von Malerei, Bildhauerei oder Fotografie (oder, oder, oder) entspricht und gleichzeitig – wir bewegen uns hier ja auf dem Feld von Sinnlichkeit und Erfahrung – nicht ins Ungefähre oder Private führt. Keine Ahnung. Aber die Sache ist mehr als ein Versuch wert.
Das Leben mit Bildern an der Wand
Ein gängiger Snobtalk von Kunstkennern ist ja der über solche Leute, die sich ein Kunstwerk passend zum Sofa kaufen. Ich habe es neulich umgekehrt gemacht. Da gab es das Kissen zum Werk. Ob ich jetzt von den Kissenherstellern schief angesehen werde?
Und sonst? Bilder? Ich hatte eigentlich nie Poster an den Wänden. Obwohl ich das bei anderen immer cool fand. Ich glaube, ich fand nie die richtigen Poster (ganz so wie heute, wo ich gerne bedruckte T-Shirts tragen würde. Aber ich sehe keins, das ich haben wollte). Also, ich hatte lange Zeit nackte Wände. Was nie so sehr gestört hat, weil meine Wohnungen meistens klein waren. Außerdem sind leere Wände fast so gut wie weite Horizonte. Davor denkt es sich leichter.
Mittlerweile habe ich einige Bilder, die auf oft verschlungenen Wegen zu mir gekommen sind. Gekauft habe ich keins (würde aber mal sehr gerne). Ich schaue sie oft an, doch selten so intensiv wie im Museum. Sie spiegeln verschiedene Stimmungen wieder, die ich kenne. Oder Zeiten, in denen ich die Bilder bekommen habe. Einige der Maler/innen kenne oder kannte ich, über einen habe ich einen Artikel in einem Fachlexikon geschrieben. Wenn sie nicht da wären? Ich mag leere Wände. Es wäre keine Katastrophe. Aber ich habe den Eindruck, dass sie mir in meine Wohnung etwas von der Welt draußen hereinbringen. Dass sie wie Fenster sind, wenn auch nur in imaginäre Landschaften. Ob sie etwas über mich aussagen weiß ich nicht. Wahrscheinlich würde ich staunen, was meine Besucher/innen darüber zu sagen hätten. Ob ich einmal fragen soll?
P.S. Heute ist der Todestag von Henri Rousseau. Sehr, sehr schade, dass ich von ihm kein Bild habe.
Gegenlesen
Wer schreibt, tut gut daran, seine Texte von einer vertrauten Person, von Kollegen oder gar von Lektoren gegenlesen zu lassen. Das ist nicht einfach. Für beide Seiten. Weil es ja nie bloß um Inhalte geht, die von den Leser/innen verstanden werden sollen, sondern um die Gedanken, die zu den Inhalten führen, beziehungsweise auch die Rhythmen, auf denen diese Inhalte transportiert werden. Manchmal stelle ich mir Sprache wie einen Wellengang vor, auf dem das Geschilderte schaukelt.
Wer schreibt, hat diesbezüglich meist so einige Erfahrungen gemacht. Oft genug sind sie sehr ernüchternd. Weil zum Beispiel der oder die Gegenleser/in nur das gelten lässt, was ihr oder ihm wichtig scheint. Wenige Menschen können sich so in andere Texte eindenken, dass sie deren Maßgaben folgen und nicht den eigenen. Wahrscheinlich ist es auch schwer, etwas zu verstehen, wenn man sich möglicherweise etwas ganz anderes darunter vorgestellt hat. Weil dort jemand sitzt, der genau das lesen will, was wir ausgelassen haben, weil uns das andere wichtiger erschien. Weil sich dort, am anderen Schreibtisch jemand unter Zeitnot abplagt und gar nicht versteht, worauf wir herauswollten.
Gerade wer auf Termin schreibt, muss Texte häufig abgeben, bevor sie wirklich fertig sind. Das führt nicht selten dazu, dass hier und da noch Stellen unsauber sind. Wer auf jemanden trifft, der genau diese Stellen aufspürt und gerade rückt, hat größtes Glück gehabt. Denn es ist ja komischerweise oft so, dass in diesem Prozess von Schreiben und Gegenlesen etwas unendlich Gutes entsteht. Wir vergessen das nur leider immer wieder. Weil wir denken, entweder schreibt jemand toll oder eben nicht. Oder weil wir denken, wenn es korrigiert ist, ist es ja nicht mehr das Eigene. Aber das stimmt so nicht. Wenn ich einen Text lese, der über Tage oder Wochen bearbeitet wurde, habe ich den frischen Blick, Dinge zu sehen, die leicht schief hängen, aus dem Takt gekommen sind oder umständlich formuliert sind. Vier Augen sehen nun mal mehr als zwei. Und ich rede hier nicht von den vielen Köche um den Brei. Wer auf eine/n aufmerksamen Lektor/in stößt, sollte sich freuen und vor allem nicht am eigenen Können zweifeln (warum bin ich denn nicht auf diese fantastische Formulierung gekommen? etc…). Es gibt auch bei kreativen Tätigkeiten den Vorteil von Teamwork. Wie schade eigentlich, dass wir das so selten nutzen.
Frau sein
Eigentlich wollte ich heute über Wolken schreiben. Aber dann las ich auf Zeit-online den Artikel von Kristi Coulter: „Die betrunkene Frau“ und der hat mich aus meinem abendlichen Wolkenkuckucksheim verjagt. Coulter beschreibt die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen Alkohol trinken. Nicht erst abends, sondern gut und gerne auch mal morgens, um sich den Tag schöner zu machen, sich was zu gönnen oder – nach der Arbeit – um abzuschalten. Sie selbst ist in eine Alkoholabhängigkeit geschlittert und hat erst nach dem Entzug bemerkt, wo überall Alkohol konsumiert wird.
Ihr Blick richtet sich vor allem auf Frauen, berufstätige Frauen, die sie aus ihrem Arbeitsumfeld kennt und junge Frauen, die sich auf eine Karriere dorthin aufmachen. Was sie sieht sind, wie sie sie nennt, 24-Stunden Frauen, solche, die den ganzen Tag und in jeder Lebenslage nicht nur funktionieren, sondern optimal funktionieren. Der Satz, der mich ganz unerwartet trifft lautet: „Es gibt keinen akzeptablen Weg, eine Frau zu sein.“ Vielleicht gilt das auch für Männer. Aber für Frauen gilt es – auch wenn ich es die meiste Zeit nicht wahr haben will – auf jeden Fall. Es ist natürlich nicht so, dass ich den ganzen Tag lang diskriminiert werde. Aber als Frau werde ich vor allem in der Arbeitswelt immer wieder ignoriert, unterbrochen oder unterschätzt. Natürlich mache ich mit. Vor allem ignoriere ich mich oft genug, ich lasse mich unterbrechen und unterschätze mich chronisch wie die meisten Frauen meiner Generation. Das ist nicht gut. Nicht nur für Frauen. Doch was wirklich erschreckend ist: Die meiste Zeit merke ich es gar nicht. Als Kind war ich unglaublich sensibel für die Zurücksetzung von Kindern. Als Frau habe ich mich gefügt, auch wenn ich aus einer Arbeiterfamilie heraus studiert und eigenen Kindern schon mit Acht abgeschworen habe.
Nein. Es geht mir nicht um die schreiende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Es geht mir um die blinden Flecken, die offenbar um so größer sind, je näher die Dinge uns auf die Pelle rücken. Um mich mache ich mir keine Sorgen. Ich komme durch. Aber die Schieflage zwischen den Geschlechtern ist mehr als ungut. Dass so viel getrunken wird, hat ja nicht mit unendlich guter Feierlaune der Leute zu tun. „Es gibt keinen akzeptablen Weg, eine Frau zu sein.“ Was muss sich ändern, damit dieser Satz nicht mehr stimmt (und zwar möglichst bald)?
Die Geschichte vom Hai im Heuhaufen
Nein, ein Hai ist keine Nadel, aber auch das Meer ist größer als ein Heuhafen. Hier einen seltenen und eher tief schwimmenden Eishai zu erwischen, ist schon eine Leistung. Da geht man nicht eben mal raus zum Angeln. Da sind Pläne zu machen, Ausrüstung zu besorgen und viele Wochen über das Jahr verteilt freizuhalten, um wieder an die Stelle hoch im Norden zu fahren, wo der Eishai das Wasser kreuzt. Warum man so einen alten Gesellen fangen will – die Tiere können, neuesten Untersuchungen zufolge sogar 400 Jahre alt werden – bleibt seltsam ungreifbar, zumindest für mich – Angeln gehört bei mir eher in die Rätselecke. Aber gut. Es gilt einen seltenen Fisch zu fangen und anbei so einiges über die Meere zu hören, da bin ich dabei, ohne mich um szenische Details allzu viel zu kümmern.
Angekündigt wird „Das Buch vom Meer“, der Erstlingsroman des norwegischen Wissenschaftsjournalisten Morten A. Strøksnes als Sehnsuchtsepos, Abenteuergeschichte und Sachbuch von herausragender literarischen Qualität. Es ist schön in einen Leinenumschlag verpackt und hat ein handliches Format auch für Menschen wie mich, mit eher kleinen Flossen (und ja! auch das lernen wir: Der Mensch kommt aus dem Wasser – kann aber froh sein, dass er nicht wieder zurück muss – Wer will schon einem Hai begegnen?) Große Töne, ein gut gemachtes Objekt, aber leider kein guter Text.
Die Rahmenhandlung – zwei Männer in einem Boot – ist zu dünn, der Parcours durch alle möglichen Wissensgebiete rund um das Meer und um die Landschaft oben in Norwegen zu geschäftsmäßig abgespult, als dass irgendein Rhythmus entstünde, geschweige denn eine Verbindung zwischen beiden Textsträngen. Natürlich gibt es auf dem Wasser brenzlige Situationen, die eine gewisse Spannung erzeugen – von der eigentlichen Frage einmal abgesehen, ob die Freunde überhaupt einen Hai erwischen. Strøksnes versteht es durchaus, die Landschaft unter dem wechselnden Wetter zu beschreiben, er macht mir zumindest den Mund wässrig mit dem einen oder anderen Fischgericht, das abends zubereitet wird und wartet sogar mit einem veritablen Alptraum auf. Aber es fügt sich keine der geschilderten Ereignisse zu einer Erzählung.
Fast noch schwieriger zu lesen, weil in zu großem Tempo und in einer oft wie willkürlich aneinander gereihten Folge kommen die Sachinformationen daher. Das Meer ist groß und fremd. Es leben unendlich viel mehr Wesen dort, als auf den Kontinenten, kaum etwas davon ist bekannt. Wir tappen regelrecht im Dunkeln, obwohl es im 19. Jahrhundert langsam losging mit der Meeresforschung. Es folgt ein kurzes Referat über die Challenger-Expedition. Danach hat ein Hochlandrind seinen Auftritt, wir hören die Familiengeschichte des Freundes, mit dem Strøksnes sein Angelabenteuer bestreitet, und damit auch etwas über die Fischerei im Norden Norwegens, um dann wieder in die weitgehend unbekannten Tiefen der Meere zu tauchen. Die Landschaften dort werden beschrieben, die Dunkelheit der Tiefsee und die verschiedenen Ausformungen biolumineszierender Lichter. Und endlich der Eishai. Gleich dreimal wird uns erklärt, dass er nicht sehen kann, weil seine Augen von Parasiten zerfressen sind. Ganz schön eklig, geradezu unsympathisch diese ersten Auftritte, der dann ganz kippt, als sich Strøksnes in den Hai zu versetzen sucht. Darth Vader ist nix dagegen, der Weiße Hai schon gar nicht. Wenn es das Böse im Meer gibt, dann ist es der Eishai:
„Die dunkle kalte Tiefe ist seine Welt, dort unten gleitet er dahin, langsam und lautlos wie eine Maschine aus Fleisch, mit Giftstoffen im Speck, im Blut und in der Leber, mit fast blinden Augen, aus denen Parasiten hängen, lange Larven, die den Augapfel durchbohren. Sein einziges Bestreben ist die Aufrechterhaltung und Weiterführung seiner Existenz, er empfindet wohl kaum Gefühle wie Freude und Trauer, und auch kaum Schmerz. (…) Und jede Paarung ist eine brutale Vergewaltigung.“
Nicht, dass ich große Sympathien für Haie hege. Aber das geht mir zu weit. Immerhin gibt der Autor zu, dass die meisten Menschen an Wespenstichen sterben (ich würde eher auf Mücken tippen, bin aber zugegebenermaßen nicht vom Fach). Die Faszination für ein Lebewesen, das gleich mehrere Jahrhunderte auf dem Buckel haben kann, kommt mir doch sehr zu kurz. Vielleicht wäre es auch interessanter, über den unendlich weiträumigen Lebensraum dieser Tiere nachzusinnen oder eben über die Frage, wie sich Zeit in so einem Organismus niederschlägt oder wie sie wahrgenommen wird – und vielleicht mögen Fische ja auch harten Sex?
Ja, aber es geht munter weiter: Wale werden uns vorgestellt, mit allem was sie können oder auch nicht, die Umweltverschmutzung kommt zur Sprache, der Plastikmüll, die akustische Verpestung der Meere und der Klimawandel, der die Tiere zum Wandern in andere Regionen zwingt, nicht zuletzt die Überfischung der Ozeane. Ein Tintenfisch wird uns wie eine moderne Mehrzweckwaffe geschildert, dann geht es zur griechischen Mythologie, zu den Tiefseevulkanen und den ersten Meereskarten. Ach, halt! Möchte ich rufen und den Autor bitten, sein Wissen noch einmal anders aufzufädeln. Denn ist es nicht so, dass im Meer wirklich alles mit allem zusammenhängt? Könnte man aus den einzelnen Geschichten und den beiden Textsträngen nicht doch eine Art Netz weben, das alles und jedes, was da vorkommt wirklich zusammenhält? Einmal noch wird die Rahmenhandlung am Ende interessant, da, wo die beiden Männer sich merklich auf die Nerven gehen und Streit in der Luft liegt. Hier passiert denn auch endlich mal was, aber nur kurz, dann geht es noch mal aufs Meer und dann ist Schluss.
Tolles Thema, tolle Idee, nur eben die Ausführung liest sich wie eine erste Anordnung, nicht wie ein fertiges Buch. Es gab viele Passagen, die mir gefallen haben, manches habe ich dazu gelernt, wobei ich doch erstaunlich vieles fand, was ich schon wusste. Beim Lesen fühlte ich mich zu oft als Passagier auf einem Touristenschiff, wo der Kapitän die ewig gleichen Fakten an den ewig gleichen Stellen vorträgt, statt in einer Geschichte. Der Einfall, Fakten in eine Story zu packen ist natürlich nicht neu – vor allem im Kinderbuchsektor hat er Erfolg. Das meine ich nicht abwertend. Denn was Kinder mögen, kann für Erwachsene nicht falsch sein. Insofern bin ich schon gespannt auf das nächste Buch von Morten A. Strøksnes.
Für das Rezensionsexemplar ein herzlicher Dank an Random House.
Morten A. Strøksnes: Das Buch vom Meer – oder wie zwei Freunde im Schlauchboot ausziehen, um im Nordmeer einen Eishai zu fangen, und dafür ein ganzes Jahr brauchen. DVA 2016.
Grenzgänger/innen
sind wir im Grunde alle. Dennoch gibt es unendlich viele Möglichkeiten, mit den eigenen Grenzen, den gesellschaftlichen, den physikalischen oder moralischen oder, oder, oder umzugehen. Manche haben sich einen Pfad am Grenzzaun festgetrampelt, auf dem sie in regelmäßiger Runde vorbei kommen. Manche rennen gegen Grenzen an, manche überspringen sie, manche wagen sich nicht mal in ihre Nähe.
Ich habe schon lange keine Grenzen mehr gespürt. Und das ist mir unheimlich. Denn es ist nicht so, dass ich durch irgendeine Schallmauer gestoßen bin. Mein Leben ist mehr als überschaubar, ich hinterlasse eher Trampelpfade als einsame Fußstapfen. Bin ich schon bei der Resignation angekommen oder bei deren Vorposten, der pragmatischen Vernünftigkeit (ich sage hier mal aus Vorsicht nicht Vernunft)?
Als Kind habe ich mich gegen die Enge eines provinziellen Kleinfamilienlebens gestemmt. Die Verteilung ein Kind, zwei Eltern war mir von Anfang an falsch, die Langsamkeit des Kleinstadtgetriebes, der Abstand zur weiten Welt fast unüberwindbare Grenzen. Damals bin ich mit meiner Fantasie durch deren Ritzen geschlüpft.
Heute lebe ich in Berlin und fühle mich frei genug. Einengung kommt hier auch nicht mehr aus provinzieller Enge, sondern aus dem stets lauter werdenden Sicherheitsdenken. Ich kenne meine eigenen Grenzen, ich bin sogar soweit, sie (meistens) zu akzeptieren. Fantasie hilft auch hier gelegentlich auszubrechen, zu improvisieren, die Richtung zu wechseln, was in jedem Fall den Radius vergrößert. Überhaupt, ich scheine mehr so eine allmähliche Vergrößerin zu sein. Ich renne nicht mehr gegen die Wände, sondern ich schleife sie ab.
Zeigt sich darin Angst vor dem Unbekannten? Oder der Wunsch, das Eigene zu erweitern? – Wie geht es Euch? Spürt ihr Grenzen? Rennt ihr dagegen an? Meidet ihr sie? Man kann Grenzen möglicherweise ja auch als Wegweiser umdeuten – Was meint Ihr?
nutzlos
Komischerweise dachte ich zuerst an Müll. Aber der ist in den meisten Fällen nicht nutzlos, sondern einfach nur zu viel. Dann dachte ich daran, dass mir als Kind gerade nutzlose Dinge besonders schön erschienen. Ich war halt nie so fürs Praktische. Das kam erst später. Und hatte wohl viel mit Erfahrung zu tun. Kunstgeschichte studieren? Ist gar nicht nutzlos. Aber auch nicht besonders praktisch. Manchmal denke ich, dass mir von Kind an die Nutzlosigkeit als Lebensform vorschwebte. „Nur das Nutzlose bereitet Vergnügen“, schreibt Tschechow. Nicht das Schlechteste, Vergnügen zu bereiten.
Sommerblau
Einen ganzen Tag frei gemacht und zur Belohnung am Abend dieser Himmel! Manchmal kommt mir der Verdacht, der Sommer spare sich immer das Beste für den Schluss auf. Es war so still und friedlich – wer am Morgen die Tageszeitungen gelesen hat, möchte es gar nicht für möglich halten. Wie gut ich es heute habe.
Fertig?
Bei Tisch ist die Frage meist schnell beantwortet: Fertig gekocht? Fertig gegessen? Zweifel sind zumindest schnell beseitigt. Doch wie ist es bei anderen Dingen? Wann bin ich mit etwas fertig? Wenn der Wecker klingelt, der Abgabetermin gekommen ist? Wenn mir nichts mehr einfällt, ich kein Material mehr habe, alles verbraucht ist? Wenn ich keine Lust mehr habe oder eine neue Aufgabe winkt? Wenn ich beim Optimum angekommen bin, oder wenn es halbwegs funktioniert?
Der Moment, mit einer Arbeit aufzuhören, geht oft an uns vorbei. Vor allem, wenn es tägliche Handgriffe sind oder Routineaufgaben, die ohne große Bedenken fertig werden. Aber bei künstlerischen Dingen, Texten, Bildern (auch Fotos) oder Musikstücken drängt sich die Frage schon auf. Manchmal ist es einfach klar. Punkt. Fertig. Aber es gibt auch Aufgaben, die länger beendet werden, als alles andere. Manchmal muss noch etwas hinzu gefügt, meistens aber doch etwas gestrichen werden. Manchmal gibt es einen „falschen“ Schluss, bei dem man sich vielleicht zu leicht aus der Affäre gezogen hat, machmal schießen aber einfach nur Bedenken wie Pilze aus den Gedanken und verunsichern uns bis hin zu dem Punkt, noch einmal von vorne anzufangen. Stimmt es, dass Perfektionist/innen nie fertig werden? Und wie ist es bei mir: Kann ich Dinge auch gut sein lassen?








