Gegenlesen

Wer schreibt, tut gut daran, seine Texte von einer vertrauten Person, von Kollegen oder gar von Lektoren gegenlesen zu lassen. Das ist nicht einfach. Für beide Seiten. Weil es ja nie bloß um Inhalte geht, die von den Leser/innen verstanden werden sollen, sondern um die Gedanken, die zu den Inhalten führen, beziehungsweise auch die Rhythmen, auf denen diese Inhalte transportiert werden. Manchmal stelle ich mir Sprache wie einen Wellengang vor, auf dem das Geschilderte schaukelt.

Wer schreibt, hat diesbezüglich meist so einige Erfahrungen gemacht. Oft genug sind sie sehr ernüchternd. Weil zum Beispiel der oder die Gegenleser/in nur das gelten lässt, was ihr oder ihm wichtig scheint. Wenige Menschen können sich so in andere Texte eindenken, dass sie deren Maßgaben folgen und nicht den eigenen. Wahrscheinlich ist es auch schwer, etwas zu verstehen, wenn man sich möglicherweise etwas ganz anderes darunter vorgestellt hat. Weil dort jemand sitzt, der genau das lesen will, was wir ausgelassen haben, weil uns das andere wichtiger erschien. Weil sich dort, am anderen Schreibtisch jemand unter Zeitnot abplagt und gar nicht versteht, worauf wir herauswollten.

Gerade wer auf Termin schreibt, muss Texte häufig abgeben, bevor sie wirklich fertig sind. Das führt nicht selten dazu, dass hier und da noch Stellen unsauber sind. Wer auf jemanden trifft, der genau diese Stellen aufspürt und gerade rückt, hat größtes Glück gehabt. Denn es ist ja komischerweise oft so, dass in diesem Prozess von Schreiben und Gegenlesen etwas unendlich Gutes entsteht. Wir vergessen das nur leider immer wieder. Weil wir denken, entweder schreibt jemand toll oder eben nicht. Oder weil wir denken, wenn es korrigiert ist, ist es ja nicht mehr das Eigene. Aber das stimmt so nicht. Wenn ich einen Text lese, der über Tage oder Wochen bearbeitet wurde, habe ich den frischen Blick, Dinge zu sehen, die leicht schief hängen, aus dem Takt gekommen sind oder umständlich formuliert sind. Vier Augen sehen nun mal mehr als zwei. Und ich rede hier nicht von den vielen Köche um den Brei. Wer auf eine/n aufmerksamen Lektor/in stößt, sollte sich freuen und vor allem nicht am eigenen Können zweifeln (warum bin ich denn nicht auf diese fantastische Formulierung gekommen? etc…). Es gibt auch bei kreativen Tätigkeiten den Vorteil von Teamwork. Wie schade eigentlich, dass wir das so selten nutzen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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