Frau sein

Eigentlich wollte ich heute über Wolken schreiben. Aber dann las ich auf Zeit-online den Artikel von Kristi Coulter: „Die betrunkene Frau“ und der hat mich aus meinem abendlichen Wolkenkuckucksheim verjagt. Coulter beschreibt die Selbstverständlichkeit, mit der Menschen Alkohol trinken. Nicht erst abends, sondern gut und gerne auch mal morgens, um sich den Tag schöner zu machen, sich was zu gönnen oder – nach der Arbeit – um abzuschalten. Sie selbst ist in eine Alkoholabhängigkeit geschlittert und hat erst nach dem Entzug bemerkt, wo überall Alkohol konsumiert wird.

Ihr Blick richtet sich vor allem auf Frauen, berufstätige Frauen, die sie aus ihrem Arbeitsumfeld kennt und junge Frauen, die sich auf eine Karriere dorthin aufmachen. Was sie sieht sind, wie sie sie nennt, 24-Stunden Frauen, solche, die den ganzen Tag und in jeder Lebenslage nicht nur funktionieren, sondern optimal funktionieren. Der Satz, der mich ganz unerwartet trifft lautet: „Es gibt keinen akzeptablen Weg, eine Frau zu sein.“ Vielleicht gilt das auch für Männer. Aber für Frauen gilt es – auch wenn ich es die meiste Zeit nicht wahr haben will – auf jeden Fall. Es ist natürlich nicht so, dass ich den ganzen Tag lang diskriminiert werde. Aber als Frau werde ich vor allem in der Arbeitswelt immer wieder ignoriert, unterbrochen oder unterschätzt. Natürlich mache ich mit. Vor allem ignoriere ich mich oft genug, ich lasse mich unterbrechen und unterschätze mich chronisch wie die meisten Frauen meiner Generation. Das ist nicht gut. Nicht nur für Frauen. Doch was wirklich erschreckend ist: Die meiste Zeit merke ich es gar nicht. Als Kind war ich unglaublich sensibel für die Zurücksetzung von Kindern. Als Frau habe ich mich gefügt, auch wenn ich aus einer Arbeiterfamilie heraus studiert und eigenen Kindern schon mit Acht abgeschworen habe.

Nein. Es geht mir nicht um die schreiende Ungerechtigkeit in der Gesellschaft. Es geht mir um die blinden Flecken, die offenbar um so größer sind, je näher die Dinge uns auf die Pelle rücken. Um mich mache ich mir keine Sorgen. Ich komme durch. Aber die Schieflage zwischen den Geschlechtern ist mehr als ungut. Dass so viel getrunken wird, hat ja nicht mit unendlich guter Feierlaune der Leute zu tun. „Es gibt keinen akzeptablen Weg, eine Frau zu sein.“ Was muss sich ändern, damit dieser Satz nicht mehr stimmt (und zwar möglichst bald)?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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