Ein Lob auf das Sichtbare

Ich bin Kunsthistorikerin und beschäftige mich oft mit dem Betrachten von Kunstwerken. Man gewöhnt sich daran. Und was schlimmer ist, man legt sich so seine Gewohnheiten zu. Früher bin ich viel in Ausstellungen gegangen. Ein Mehr schien mir wesentlich für einen großen Fundus, mit dessen Hilfe ich hoffte, mich besser orientieren zu können. Die Hoffnung habe ich aufgegeben.

Meine Arbeit besteht im Wesentlichen daraus, Kunstwerke zu beschreiben und so einem Publikum nahe zu bringen. Wie schwierig das ist, ahnte ich schon während des Studiums, als mir viele Vorlesungen nur so an den Ohren vorbei rauschten, weil ich das, was ich sah, mit dem was gesagt wurde, nicht zusammenbrachte. Heute habe ich einen Artikel von Susan Sontag gelesen, den sie Mitte der 1960er Jahre schrieb, und den ich hätte kennen sollen, noch bevor ich das Studium begann. Sein Titel: „Gegen Interpretation“.

Darin lese ich das, was ich oft empfunden, aber nicht recht dingfest habe machen können: Die Interpretation von Kunstwerken läuft die meiste Zeit am Wesentlichen vorbei, weil sie der Vorstellung anhängt, dass ein Kunstwerk etwas aussagt.

Sontag erinnert an frühe Werke, die in einem rituellen Kontext standen. Sie schreibt, dass sie so stets etwas bewirkten. Und ich muss lächeln, weil bei mittelalterlicher Kunst, die ja mit einem Bein noch in diesem rituellen Umfeld stand, fast mantraartig erklärt wird, dass Bilder zur damaligen Zeit so wichtig gewesen seien, weil die meisten Menschen Analphabeten waren. Dabei war es wohl eher die Anwesenheit dieser Bilder und ihre Funktion als Stellvertreter oder Mittler, die entscheidend waren.

Sontag schreibt weiter, dass eine Interpretation meist vom Werk wegführt, weil es einen Subtext da vermutet, wo etwas Sichtbares schon da ist. Wir sehen Figuren oder Formen und wir überlegen, was sie bedeuten könnten, statt zu sagen, was zu sehen ist. Wir misstrauen dem Sichtbaren, und rechnen mit einem latenten, unsichtbaren Text, der so etwas wie „die Wahrheit“ beinhaltet. Verstehen heiße in der Moderne Interpretieren. Aber Interpretieren sei stets eine Neuformulierung, und deshalb etwas anderes.

Natürlich macht es Sinn, Dinge hinter dem Sichtbaren zu vermuten. Es gibt zum Beispiel immer die Frage nach Innovation oder Nachahmung in der Kunst, die keineswegs nur gute von schlechter Kunst unterscheidet. Neuformulierungen sind oft spannender, als das erste Auftreten einer Figur, eines Themas, einer Farb- oder Formenkonstellation. Aber mit der Sinnsuche stößt man auch häufig auf seine Grenzen. Mein lieber Henri Rousseau ist dafür beredtes Zeugnis.

Gerade bei ihm zeigt sich, wie wenig sein Verdienst in der „Bedeutung“ seiner Werke liegt. Im Gegenteil, sie sind meist unverständlich – und gerade dadurch, sagen wir „gefährlich“, das heißt, wie Sontag es nennt, noch in der Lage, „uns nervös zu machen“. Rousseaus Bilder – und das gilt für alle möglichen Bilder – sind sinnlich präsent und unmittelbar, eine Interpretation entfernt sich, und macht sie (im schlimmsten Fall) hässlich oder mittelmäßig. Noch einmal Susan Sontag:

„Eine Interpretation, die von der höchst zweifelhaften Theorie ausgeht, dass ein Kunstwerk aus inhaltlichen Komponenten zusammengesetzt ist, tut der Kunst Gewalt an. Sie macht die Kunst zum Gebrauchsgegenstand, der sich in ein geistiges Schema von Kategorien einordnen lässt.“

Eine Schlussfolgerung, die sie zieht, bringt mich noch einmal zum Lachen (nicht, weil ich sie für unsinnig halte): Abstrakte Kunst, aber auch die werbeaffine Pop Art, seien vor der Interpretation geflohen. Leider ist diese Flucht nicht ganz gelungen. Es gibt Kritiker/innen, die finden in jedem schwarzen Kreis noch eine Aussage.

Was bleibt, ist die Frage: Wie denn dann? Weil es nach wie vor Spass macht, sich vor Kunstwerken zu unterhalten. Sie können uns ebenso wie Literatur oder Kinofilme aus der Reserve locken und Gedanken hervorbringen, von denen wir gar nicht wussten, dass sie in unseren Köpfen schlummern. Es geht darum, beim Kunstwerk zu bleiben, und nicht in Wolkenkuckucksheime zu verschwinden. In einer, wie Sontag schreibt, „präzisen, scharfsinnigen und liebevollen“ Beschreibung der äußeren Form. Wir sollten uns mit dem sinnlichen Erleben eines Werks auseinandersetzen, was wesentlich schwieriger ist, als mögliche Inhalte hervorzuzaubern:

„Es ist nicht unsere Aufgabe, ein Höchstmaß an Inhalt in einem Kunstwerk zu entdecken. (…) Unsere Aufgabe ist es vielmehr, den Inhalt zurückzuschneiden, damit die Sache selbst zum Vorschein kommt. (…) Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.“

Was für mich bleibt: Wie kann ich eine andere Form der Kunstbeschreibung finden, die gerade der nicht-inhaltlichen Seite von Malerei, Bildhauerei oder Fotografie (oder, oder, oder) entspricht und gleichzeitig – wir bewegen uns hier ja auf dem Feld von Sinnlichkeit und Erfahrung – nicht ins Ungefähre oder Private führt. Keine Ahnung. Aber die Sache ist mehr als ein Versuch wert.

 

 

 

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 7

  1. mannigfaltiges 3. September 2016

    Boah!
    Ein sehr guter Text.
    Ich werde ihn noch öfter lesen müssen. Ein Statement ist nicht zu erwarten, dafür fehlt mir der Background. Ich gehe an Kunstwerken immer intuitiv heran. Es interessiert mich nicht was der „Künstler damit sagen will“. Die Wirkung auf mich,oder wie du schreibst „das sinnliche Erleben“ ist mir wesentlich wichtiger.

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  2. Myriade 3. September 2016

    „Statt einer Hermeneutik brauchen wir eine Erotik der Kunst.” Das ist auch ein starker Satz !
    Führungen durch Ausstellungen finde ich oft ziemlich frustrierend. Ich merke mir nie welches Bild wann und wo gemalt wurde , welcher Unter-unter Strömung es zugeordnet werden kann. Es ist mir meistens auch ziemlich wurscht, wie die 17 Geliebte des Künstlers hieß mit der er zur Zeit der Entstehung des Bildes gerade liieert war. Solche Daten sind für Kunsthistoriker relevant, aber nicht für Betrachter. Als Betrachterin kann ich mir ja den Luxus leisten ein Bild zu mögen oder eben nicht, von einem Werk berührt zu werden oder eben nicht, ganz egal wie prominent oder „unbedeutend“ der Künstler/die Künstlerin sein mögen.
    Ein Text, der mich sehr interessiert hat, vielen Dank !

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    • Stephanie Jaeckel 4. September 2016

      Ich möchte zumindest die Leute ein wenig in Schutz nehmen, die – meist junge Kunsthistoriker/innen – Führungen machen. Es wird viel erwartet, zum einen von der Museumspädagogik, zum anderen vom Publikum selbst, und das geht meist in die Richtung von Zahlen, Fakten und ein paar Anekdoten. Im Fach selbst wird dann doch über anderes verhandelt. Aber vielleicht wäre es auch endlich mal an der Zeit, diesen kunsthistorischen Quatsch für angebliche Laien zu beenden. Auch hier gäbe es eine Menge zu tun!

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  3. Jaelle Katz 3. September 2016

    2012 war es. Da habe ich mit der Lieblingshausziege, die damals 12 Jahre alt war, die Ausstellung über El Greco in Düsseldorf besucht. Wir sind ziemlich unziemlich kichernd durch die Ausstellung gegangen, haben beispielsweise einen Kontrabass auf einem Bild gesehen und überlegt, ob dieser das richtige Instrument für eine Engelsmusik sei. (Es ergaben sich immer wieder kurze Plaudereien mit den Menschen, die unsere ausgesprochenen Gedanken ergänzten, mit uns kicherten und ebenfalls Dinge sahen, auf die wir vielleicht sonst nicht gekommen wären). Manchmal ist es hilfreich, mit den Augen eines Kindes zu sehen und einfach zu staunen. Nichts zu wissen.

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    • Stephanie Jaeckel 4. September 2016

      Lachen ist immer gut. Ich denke, wenn sich die Museumsbesucher/innen mehr miteinander unterhalten würde, käme auch ein neuer „Geist“ in die Ausstellungen. Ich mag natürlich auch Ruhe vorm Werk. Aber ich finde es krass, wie stumm die meisten vor den Bildern daherwandeln. Da müsste sich was ändern. Die Augen eines Kindes: Gehört zu den wichtigsten Methoden der Kunstgeschichte. Auch wenn sie nicht „Kinder“ sagen, sondern so etwas wie „unbefangener Blick“ oder so.

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