Grenzgänger/innen

sind wir im Grunde alle. Dennoch gibt es unendlich viele Möglichkeiten, mit den eigenen Grenzen, den gesellschaftlichen, den physikalischen oder moralischen oder, oder, oder umzugehen. Manche haben sich einen Pfad am Grenzzaun festgetrampelt, auf dem sie in regelmäßiger Runde vorbei kommen. Manche rennen gegen Grenzen an, manche überspringen sie, manche wagen sich nicht mal in ihre Nähe.

Ich habe schon lange keine Grenzen mehr gespürt. Und das ist mir unheimlich. Denn es ist nicht so, dass ich durch irgendeine Schallmauer gestoßen bin. Mein Leben ist mehr als überschaubar, ich hinterlasse eher Trampelpfade als einsame Fußstapfen. Bin ich schon bei der Resignation angekommen oder bei deren Vorposten, der pragmatischen Vernünftigkeit (ich sage hier mal aus Vorsicht nicht Vernunft)?

Als Kind habe ich mich gegen die Enge eines provinziellen Kleinfamilienlebens gestemmt. Die Verteilung ein Kind, zwei Eltern war mir von Anfang an falsch, die Langsamkeit des Kleinstadtgetriebes, der Abstand zur weiten Welt fast unüberwindbare Grenzen. Damals bin ich mit meiner Fantasie durch deren Ritzen geschlüpft.

Heute lebe ich in Berlin und fühle mich frei genug. Einengung kommt hier auch nicht mehr aus provinzieller Enge, sondern aus dem stets lauter werdenden Sicherheitsdenken. Ich kenne meine eigenen Grenzen, ich bin sogar soweit, sie (meistens) zu akzeptieren. Fantasie hilft auch hier gelegentlich auszubrechen, zu improvisieren, die Richtung zu wechseln, was in jedem Fall den Radius vergrößert. Überhaupt, ich scheine mehr so eine allmähliche Vergrößerin zu sein. Ich renne nicht mehr gegen die Wände, sondern ich schleife sie ab.

Zeigt sich darin Angst vor dem Unbekannten? Oder der Wunsch, das Eigene zu erweitern? – Wie geht es Euch? Spürt ihr Grenzen? Rennt ihr dagegen an? Meidet ihr sie? Man kann Grenzen möglicherweise ja auch als Wegweiser umdeuten – Was meint Ihr?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Peggi Liebisch 30. August 2016

    Ich gehe ständig an Grenzen, versuche, probiere und teste aus. Ich mache das mit Gefühlen: Ausgehend davon, dass immer alle irgendwie um mich herum sind, nehme ich zum Beispiel Argwohn oder Leichtsinn … darüber schreibe ich ja auch. Gefühle auszuprobieren ist wie ein Spiel, aus dem Ernst werden kann. Man stößt schnell an Grenzen – bei den anderen, beim Gegenüber, der/die das Prinzip nicht versteht oder nicht verstehen will. Ich teste auch körperliche Grenzen: Verausgabung und Verletzungen, Kratzer, Blut, Ohnmacht. Süchte gefährden mich zum Glück nicht – aber auch das kann man erst wissen, wenn die Grenzen einmal überschritten sind. Die schmerzlichsten Grenzen sind für mich immer noch der Konformismus der Meisten und deren Mitleid mit mir. Der Schmerz über selbst gezogene Grenzen ist der schlimmste.

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    • Stephanie Jaeckel 31. August 2016

      Wie Du das mit den Gefühlen meinst, ist bei mir nicht richtig angekommen. Pickst Du Dir eins raus, spürst ihm dann nach, um zu sehen, was dran ist – so? Auf jeden Fall fand ich das interessant. Gefühle sind für mich tabu, weil zu mächtig. Außer, die Gefühle werden auf meiner Seite zu unangenehm. Dann versuche ich, sie auf andere Bahnen zu lenken. Aber das sind wohl eher wieder so eine Art Aufräumarbeiten, keine Grenzerfahrungen. Haha, und schon bin ich wieder am Schleifen und Erweitern. Und wehe dem oder der, die mit mir Mitleid haben – die sind mir ein gefundenes Fressen 😉

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  2. tomas bächli 30. August 2016

    Wer eine Grenze überschreitet muss seine Wünsche und Befürchtungen präzise spüren.Sie können auch mehrdeutig sein, auch das Vage lässt sich genau umreißen. Die Konsumgesellschaft verspricht fortwährend Grenzüberschreitungen,die keine sind (Bungejumping,Urlaub in der Sahara, „Punk goes Mozart „u.Ä. )Sie lassen den Menschen mit seinen Wünschen allein.Doch die Wünsche sind nicht falsch ,nur nicht zuende gedacht.
    Dasselbe gilt für die Befürchtungen. Wer in einem fremden Land Angst vor der Einsamkeit hat,sollte sich das zugestehen und nicht noch eine Angst überfallen zu werden, dazuphantasieren.
    Ansonsten aber gilt:aus dem Alter in dem man Jugendsünden begeht,die man später bereut, sind wir doch raus.Und:“non,rien de rien……“

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    • Stephanie Jaeckel 31. August 2016

      Ja, auch hier überlege ich herum. Vielleicht war meine Kindheit zu wild und jenseits der Grenzen, als dass ich heute noch Sehnsüchte nach Grenzüberschreitungen verspüre. Vielleicht bin ich auch zu sehr vom Konsumversprechen abgehängt. Das interessiert mich kaum, zu viel Tamtam (shoppen im Outlet ist vielleicht das einzige… aber ich neige nicht zur Kaufsucht). Für mich gilt tatsächlich, dass meine Wünsche nicht über Grenzen gehen (doch, vielleicht zum Mond fliegen oder auf den Meeresboden tauchen, aber die sind nicht so wahnsinnig dringend). Angst vor Einsamkeit habe ich nicht. Jugendsünden? Wie Du schreibst, dafür bin ich zu alt, die kann ich ganz souverän hinter mir lassen. Na, mal weiter schauen. Ich bin sicher, dass es was gibt.

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