Erinnerung

Gestern fiel mir die Episode wieder ein. Ich wurde gleich nach dem ersten Semester zum Dekan zitiert, weil ich in einer der zahlreichen Prüfungen eine Sechs geschrieben hatte. Auch sonst waren meine Noten nicht gerade gut. Mir fiel der Übergang von der Schule in die Universität schwer. Und Französisch hatte ich erst als dritte Sprache gewählt, das heißt erst vier Jahre gelernt, als ich an die Uni kam, wo Haupt- und Nebenfächler/innen in denselben Veranstaltungen saßen. Die Sechs hatte mich auch schockiert. Aber der ganze Unibeginn war für mich heftig gewesen. Da fiel diese Note auch nicht weiter ins Gewicht.

Der Dekan war unfreundlich, wie nicht anders zu erwarten. Was ich denn überhaupt an der Uni wolle und wieso ausgerechnet Französisch? Er hatte gute Gründe, mich rausekeln zu wollen, die Bonner Universität war überlaufen. Und ich hatte wirklich keinen Plan. Zumal ich Sprachen nicht besonders gut kann. Aber mir war nach dem Abitur nix anderes eingefallen. Er hatte jedenfalls ziemlich leichtes Spiel mit mir, ich ging nach der Unterredung völlig zerknautscht aus der Tür. Und habe weiter studiert.

Im Nachhinein wirklich verblüffend. Ich platzte weder damals (noch tue ich das heute) vor Selbstbewusstsein aus allen Nähten. Aber offensichtlich gab es eine innere Stimme, die mir riet, mich nicht verunsichern zu lassen. Zu deutlich war die abfällige Haltung des Dekans mir gegenüber gewesen. Das wollte ich nicht akzeptieren. Zum Glück. Denn es wäre wirklich ein fataler Fehler gewesen, so früh schon aufzugeben. So konnte ich mich durchbeißen und bin am Ende doch gestärkt aus der Unterredung hervorgegangen. Weil ich – wie es mir im Nachhinein scheint – doch wusste, was ich wollte. Auch wenn ich es damals nicht hätte formulieren können. – Ob das jetzt ein nachträgliches „Schönlesen“ einer Niederlage ist? Glaube ich nicht. Und ganz ehrlich: Es war richtig, noch eine Fremdsprache zu lernen. Denn erst in den endlosen Übersetzungsseminaren habe ich meine Muttersprache gelernt. Und mir damit das Fundament meiner Arbeit geschaffen.

Einsortiert unter: Allgemein

von

Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. agnes p. 11. September 2016

    Das Lernen jeder weiteren Sprache hat auch meinen kulturellen Horizont erweitert, überhaupt das Verständnis für meine und fremde Welten. Wie wird was in welcher Sprache ausgedrückt. Für welche Dinge gibt es Wörter und wie viele. Gibt es Verben und warum nicht? Vielen Sprachen wohnt ja auch eine ganz andere Logik inne als der unseren. In einem zweiten oder dritten Leben würde ich mich der Sprachwissenschaft widmen 😉
    Viel Spaß und interessante Veranstaltungen heute auf dem Literaturfestival.
    Agnes

    Gefällt 1 Person

    • Stephanie Jaeckel 11. September 2016

      Kicher, grins: Über die Frage, ob es Verben gibt oder welche Logik im Spiel ist, habe ich mir natürlich nie Gedanken gemacht. Dazu war ich echt zu doof. Aber erstens hatte ich eine Freundin (bis heute übrigens), die mir das Nötigste der Grammatik beigebogen hat (auch bis heute), und zweitens, na klar, doch, auch wenn ich es nicht wirklich durchdacht habe, die zahlreichen anderen Möglichkeiten, Dinge auszudrücken, die Schönheit der Wörter und der andere Klang der Sprache sind schon bei mir angekommen. Und über eben jene Freundin habe ich zumindest eine Ahnung von Sprachwissenschaft bekommen (ich habe natürlich, sobald es ging, Literaturwissenschaft gewählt), und umgekehrt, eine Freundin fürs Leben gewonnen.

      Gefällt 1 Person

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s