„Überall und nirgends“

Heute habe ich zum ersten Mal das Literaturfestival besucht und gleich einen Volltreffer gelandet: Die Lesung von Bette Westera aus ihrem Gedichtband, der 2014 erschienen ist und nun auch in Deutsch vorliegt: Überall und nirgends.

Es geht ein ums andere Mal ums Sterben und ich bin überrascht, wie neugierig, klug und aufmerksam die Kinder der Veranstaltung folgen. Es liegt wohl auch an der Autorin, Frau Westera, die so schön spricht und erzählt, und so frei von der Seele, dass es einfach spannend ist, ihr zuzuhören. So schildert sie, wie das erste Gedicht aus diesem Band entstanden ist. Die Illustratorin hat ihr ein Bild von einer Stadt geschickt. Ein richtiges Wimmelbild mit Menschen und ein paar Tieren darin, einem Fluss und vielen, ganz unterschiedlichen Häusern. Wie ist es, überlegte Bette Westera, wenn ein Mensch stirbt? Es ist doch so, dass das Leben so weitergeht, wie gewohnt. Die Busse fahren, der Müll wird abgeholt, die Kinder gehen zur Schule und die Eltern zur Arbeit. Alles bleibt, aber alles ist mit einem Schlag anders.

Sie selbst ist 58, mittlerweile Oma und – auch das schildert sie ausführlich – hat vor zwei Jahren ihren Vater verloren, gerade als ihr Enkelkind geboren wurde. Auch das sei für sie eine wichtige Erkenntnis gewesen, dass eben Leben und Tod zusammengehören. Sie schreibt vom toten Vater, von einem gerade gestorbenen Geschwisterkind und von einem alten Kater, dem ein Mädchen den Tod wünscht, damit sie endlich einen Hund bekommt. Die Kinder fragen, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Ja, einige waren schon mal in den Niederlanden, wo die Autorin herkommt, sie sprechen selbst alle Englisch und können ermessen, was der Übersetzer geleistet hat. Die meisten Fragen stellen sie bei dem Gedicht über einen verstorbenen Pharao, dem ein lebender Diener ins Grab folgen muss. Zwei Lehrerinnen müssen weinen, weil ihnen ein Gedicht über die Erinnerung an eine Tote  den kürzlichen Verlust ihrer Mütter spürbar macht. Und es ist ganz selbstverständlich. Weder peinlich, noch ein großes Drama. Es darf bei einer Lesung über den Tod so sein. Auch, und gerade mit Kindern.

Bette Westera: Überall und nirgends. Illustration von Sylvia Weve, aus dem Niederländischen von Rolf Erdorf. Susanne Rieden Verlag 2016.

Das Foto ist ein Screenshot von der Illustration des Gedichts „Überall und nirgends“

Einsortiert unter: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. Rolf Erdorf 14. September 2016

    Vielen Dank für die Beschreibung von Bette Westeras Veranstaltung gestern. Ich bin der Übersetzer von Doodgewoon (Überall & Nirgends) und konnte leider nicht mit dabei sein. Das Buch ist wirklich etwas ganz Besonderes, auch im Zusammenwirken von Text und den Illustrationen von Sylvia Weve, und ich wünsche ihm ganz, ganz viel Erfolg auch im deutschsprachigen Raum!

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    • Stephanie Jaeckel 14. September 2016

      Herr Erdorf, schön, dass Sie sich melden. Ich hab‘ da nämlich noch eine Frage: Wie heißt Mietzekater auf Niederländisch? Das klang einfach fantastisch! Und sonst: Die „richtige“, d.h. publizierte Rezension kommt am 5. Oktober in der NZZ. Auch mit viel Begeisterung. Denn das Buch ist wirklich toll und wird hoffentlich bei der Buchmesse in Frankfurt gut „einschlagen“!

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