Alles

entspringt aus dem Einen, sagt die Tradition. Alles ist neu, jubiliert die Moderne. Eins ist alles, sagen Buddhisten, und verkennen damit die große Lust der Menschen an Unterscheidung und Wertung. Daran musste ich denken, als es in den letzten Wochen wieder Preise regnete. Das Rennen um den ersten Platz ist ein Spiel. Die klügsten Argumentationen liegen nicht selten nah bei der Eitelkeit. Was sicher ist: Nächstes Jahr gibt es für das alles wieder einen Preis.

Über sich hinaus wachsen

Bei Proust ist gerade dieses Bild eins für das Altern durch die Jahrzehnte hindurch, wo die Füße im weit entfernten Geburtsjahr stehen, während Kopf und Körper in die Zukunft streben. Insofern wachsen wir alle über uns hinaus und manche weiter, als sie eigentlich wollen, die Müdigkeit mancher Menschen im Alter spricht Bände. Im engeren Sinn wachsen wir aber nur dann über uns hinaus, wenn die Hindernisse, die auf unserem Weg liegen, so groß sind, dass wir gar keine andere Wahl haben. Das kann wohl auch schon mal Yoga sein, dort nämlich habe ich diese schnell hingesprühte Silhouette eines in den Himmel gewachsenen Menschen gesehen. Ob das ein Zeichen war?

Herausforderung

Ich habe selten ein Buch gelesen, das mich mit einer solchen Wucht angegangen ist. Weil hier statt einer möglichen Horizontlinie ein Abgrund klafft. Weil ich sehe, wie hauchfein (m)ein Leben am Absturz vorbei schrabbt. Wieso dachte ich überhaupt, ein Leben könne gelingen oder scheitern. Die Koordinaten dafür haben sich für mich nach der Lektüre verschoben, beziehungsweise gnadenlos verheddert. Und wie schreibe ich über ein Buch von einem, der sich – nein, nicht auszieht -, sondern sich präzise und schmerzhaft unsentimental zum eigenen Wahn einer bipolaren Störung artikuliert. Ich habe das Gefühl, mich als Rezensentin ebenfalls öffnen zu müssen, weil alles andere ein Gefecht mit ungleichen Waffen ist. Selbst wenn ich das Buch zu den besten dieses Jahres zähle. Wahrscheinlich werde ich es zuerst gleich noch einmal lesen (müssen), um überhaupt Wörter zu finden, die ich brauchen könnte. Eine echte Herausforderung. Aber wie mir jetzt schon scheint, eine enorme Bereicherung.

Ferieninseln

Noch lange bevor ich den ersten Bonsai-Baum sah, hatte ich mich in kleine Bäumchen verliebt, die irgendwo in den Betonritzen von Wegen oder schnell zugeschütteten Plätzen hervorgekeimt waren. Als Kind kannte ich alle Stellen auf dem Schulhof, und wenn ich nicht mit meinen Freundinnen spielte, lief ich von einer zur anderen und träumte mich auf diese Miniaturlandschaften. Mal war ich eine Reisende im Flugzeug, die sich die Welt spielzeugklein unter sich anschaute, mal schrumpfte ich mich gedanklich, um auf den kleinen Moosstücken zu wandern oder zu überlegen, wo ich ein Haus bauen würde und wie es aussehen könnte. Erst im hatte ich mich wieder an diese frühen Gedankenurlaube erinnert, als eine Birke, die es in einer solchen Ritze auf unserem Hof schon fast bis Kniehöhe geschafft hatte, ausgerissen wurde. Natürlich war ich empört und traurig, obwohl ich genau weiß, welchen Schaden so ein Bäumchen bald anrichtet. Also, die Birke ist weg, aber wie ich heute sah, hat sich was neues dort eingerichtet. Und ich träume einmal mehr von einer Insel.

Bahn fahrn

Schön war, dass ich viel Herbst an den Fenstern vorbei ziehen sah. Und mich wieder daran erinnern konnte, dass Deutschland nicht nur aus Berliner Großstadt besteht. Ansonsten war es laut von der Maschine plus Geschwindigkeit her, laut von den Leuten, übervoll, na, halt das Übliche. Immer mehr Leute schauen sich Filme an während der Fahrt. Könnte ich sowas von gar nicht, ist aber wahrscheinlich gut gegen dieses Gefühl, dass solche Fahrten mehr als ewig dauern. Hinter mir flüsterte, lispelte, schnalzte eine Frau sehr Merkwürdiges. Ich habe auf Stimmübungen bis hin zum Durchgeknalltsein getippt. Wollte das aber nicht vertiefen. Die Herren neben mir – außer gleich dem ersten – wortlos (meinetwegen, fühlt sich aber enorm unhöflich an). Nach wie vor essen alle. Und in der Provinz dann Plakate, dass es jeden Tag drei Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte gibt. Nicht, dass Berlin die Heile Welt ist. Lange und längst nicht und nimmer. Aber zusammen mit dieser Betulichkeit, diesem ganzen kleinstädtischen Flair wirkt es doppelt befremdlich. Und jetzt bin ich froh, dass ich wieder zu Hause bin.

Hundemüde

Ich schicke für heute einen alten Hund auf die Seite, denn er sieht genauso aus, wie ich mich gerade fühle. Ein Bahntag liegt vor mir. Und ich weiß, dass man solche Tage nicht abkürzen kann. Immerhin darf ich vorher noch mal ins Körbchen…

Die Sphinx am Wegesrand

Wer Bahnfahrkarten kaufen muss, hat es nicht leicht. Erstens das Wetter, zweitens uralte Fabeltiere und dann noch die Fahrt selbst. Dazu ein mehr als gesalzener Preis: 137,80€. Und wohin kommen wir damit? Nach Hamm. Aber das Horoskop sagt, es soll eine tolle Woche werden. Also warten wir ab. Die Sphinx ließ mich passieren. Ich rollte auf zwei Rädern. Glück gehabt. Im Dämon verschlungen, wer weiß, wie sich mein Tag weiter gestaltet hätte. So kam es noch zu einer fantastischen Bohnensuppe. Und die Lieblingsfußballtruppe hat auch gewonnen. Was will ich mehr? Keinen Spül! Aber wir wissen ja mittlerweile, dass das eine Utopie ist. Ach so, und übrigens: heute ist der erste Tag des deutschen Waldes oder der erste Waldtag überhaupt oder vielleicht hat der Wald auch nur einen Nobelpreis bekommen. Herzlichen Glückwunsch.

Hören wie das Gras wächst

Oder wie die Insekten summen, wenn der plötzlich einsetzende Regenguss wieder aufhört. Ich lese gerade „Das große Orchester der Tiere“ von Bernie Krause. Krause hat ein riesiges Tonarchiv, mit Tier- und Naturlauten, nicht jedoch einzeln, sondern von verschiedenen Orten, Klanglandschaften ursprünglicher Habitate, von denen viele schon verschwunden sind. Doch ja, es gibt einen aktuellen Bezug, als Musiker (Gitarrist) hat er mal für Bob Dylan gespielt. Ansonsten will ich wissen, was auf unserem Planeten jenseits der Menschenwelt zu hören gibt. Wenn ich lese, wie genau Krause die fein gesponnenen Klänge beschreibt, die zum Beispiel morgens oder in der Abenddämmerung in den verschiedensten Wäldern, Savannen, an den Küsten und in den Meeren anheben, werde ich ganz traurig. Denn in einer Kreuzberger Hinterhauswohnung hört man gerade mal den Wecker, den Kühlschrank, die Autobahn in der Ferne, das Halogenlicht der Schreibtischlampe (klar höre ich Licht), ein fitzelbisschen Wind in den Bäumen, aber kein Tier (doch, manchmal einen Hund und sehr manchmal Vögel, die über das Haus Richtung Süden fliegen). Sehr gut möglich, denke ich, dass mir etwas fehlt, ohne dass ich es weiß. Biophonie nennt er die Wald- und Wiesengeräusche, und er beschreibt, wie Klangstrukturen unserer Musik ähneln und wie er darauf kommt, dass diese natürlichen Geräusche unsere Ohren erst auf Musik eingestimmt haben. Er beschreibt aber auch, wie wir leiden, wenn wir keine Geräusche, vor allem keine natürlichen Geräusche, mehr hören. Wie die Luft, scheinen ihm auch die Klänge nötig zum Leben. Dazu fällt mir wieder ein, dass (meine) Träume völlig geräuschlos sind. Wäre das (um noch einmal darauf zurück zu kommen) in der Steinzeit anders gewesen?

Stillstand

wenn einem die Puste ausgeht. Oder stehe ich mir nur mit jedem Bein im anderen Weg? Filmriss wäre auch ein Wort, wäre es nicht mit Gedächtnisverlust belegt. Aber wer im Kinosaal sitzt, wenn der Film reißt, ist ja nicht komatös, sondern von einem zum anderen Moment im Leeren.

Obwohl ich weiß, dass solche Momente des Stillstandes kommen, dass sie sogar wichtig für einen Blickwechsel sind, empfinde ich sie als unangenehm. Ich schaue auf den Terminkalender, und alles, was ich sehen kann, ist eine Verspätung.

Wenn nichts mehr geht, bleibe ich stehen. Anderenfalls droht ein Absturz so sicher wie das B auf das A. Und dann: Warum vertraue ich nicht darauf, dass auch dieser Moment zum Ganzen gehört. Warum denke ich, ich falle raus?

Im Stillstand ist es unangenehm leer. Nichts begeistert mich. Nichts spricht. Die Luft ist abgestanden, jeder Hunger leidet an Appetitlosigkeit. Die Reißleine ziehen, obwohl schon alles steht. Das ist das Schwierigste. Doch ich ahne, dass es ein Stillstand im Auge des Orkans ist. Wo andere vom Tempo in die Hochleistung gewirbelt werden, gerate ich regelmäßig in die Flaute. Und wieder sehne ich mich nach dem Anderssein. Und wieder umsonst. Mehr als sonst ist im Stillstand Vertrauen angesagt. Mehr ist gerade auch nicht möglich.