Hören wie das Gras wächst

Oder wie die Insekten summen, wenn der plötzlich einsetzende Regenguss wieder aufhört. Ich lese gerade „Das große Orchester der Tiere“ von Bernie Krause. Krause hat ein riesiges Tonarchiv, mit Tier- und Naturlauten, nicht jedoch einzeln, sondern von verschiedenen Orten, Klanglandschaften ursprünglicher Habitate, von denen viele schon verschwunden sind. Doch ja, es gibt einen aktuellen Bezug, als Musiker (Gitarrist) hat er mal für Bob Dylan gespielt. Ansonsten will ich wissen, was auf unserem Planeten jenseits der Menschenwelt zu hören gibt. Wenn ich lese, wie genau Krause die fein gesponnenen Klänge beschreibt, die zum Beispiel morgens oder in der Abenddämmerung in den verschiedensten Wäldern, Savannen, an den Küsten und in den Meeren anheben, werde ich ganz traurig. Denn in einer Kreuzberger Hinterhauswohnung hört man gerade mal den Wecker, den Kühlschrank, die Autobahn in der Ferne, das Halogenlicht der Schreibtischlampe (klar höre ich Licht), ein fitzelbisschen Wind in den Bäumen, aber kein Tier (doch, manchmal einen Hund und sehr manchmal Vögel, die über das Haus Richtung Süden fliegen). Sehr gut möglich, denke ich, dass mir etwas fehlt, ohne dass ich es weiß. Biophonie nennt er die Wald- und Wiesengeräusche, und er beschreibt, wie Klangstrukturen unserer Musik ähneln und wie er darauf kommt, dass diese natürlichen Geräusche unsere Ohren erst auf Musik eingestimmt haben. Er beschreibt aber auch, wie wir leiden, wenn wir keine Geräusche, vor allem keine natürlichen Geräusche, mehr hören. Wie die Luft, scheinen ihm auch die Klänge nötig zum Leben. Dazu fällt mir wieder ein, dass (meine) Träume völlig geräuschlos sind. Wäre das (um noch einmal darauf zurück zu kommen) in der Steinzeit anders gewesen?

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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