10 Türchen für Kolumba: Zwei

Kolumba ist das Kunstmuseum des Kölner Erzbistums. Vor dem Umzug in den Neubau von Peter Zumthor im Jahr 2007 residierte es gleich neben dem Dom in einem Nachkriegsbau. Wie viele Diözesanmuseen in Deutschland war es in einen Dornröschenschlaf versunken. Obwohl Schätze aus allen Jahrhunderten zu sehen waren, die meisten Köln-Besucher/innen strömten am Haus vorbei in das Römisch-Germanische Museum, später in das neu eröffnete Doppelhaus Ludwig und Wallraf-Richartz.

Im neuen Haus reagierte man auf dieses schmale Interesse mit einer veränderten Ausstellungsstrategie. Jedes Jahr wird eine Ausstellung eröffnet, die ca. 10-11 Monate zu sehen ist. Sie besteht jeweils aus eigenen Beständen, aus Neuerwerbungen und aus extra für die Ausstellung geliehenen Exponaten. Klammer ist jeweils ein Thema, das christlich, aber auch im weiteren Sinn menschlich zu verstehen ist. In der aktuellen zehnten Schau geht es um das Individuum: „Me in a no-time state“ lautet dazu das Motto, der Arbeitstitel eines ausgestellten Werkes von Chris Newman, das seit 1996 zur Sammlung gehört.

Die Frage nach dem Individuum steht seit der Aufklärung mannshoch im Raum. Aber sie ist älter und ohne das Christentum nicht denkbar. Denn hier schaut der einzelne Mensch Gott. Mit allen verantwortungstechnischen Konsequenzen.

Eine solche Gottesschau erlaubt das romanische Elfenbeinkruzifix aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts. Ich kann hier aus rechtlichen Gründen nur eine abfotografierte Postkarte zeigen. Das Kreuz ist neu, die Elfenbeinfigur mit 53 Zentimetern überraschend groß. Christus am Kreuz ist für viele Nicht-Christen nach wie vor eine Herausforderung. Man sieht das Leiden so ausdrücklich, dass das Geschenk – der so wesentliche Aspekt der Kreuzigung – fast verschwindet. Ich glaube, dass es zu dieser Figur keine Parallele in der Kunstgeschichte gibt. Die monumentale (und ob! wenn man davor steht) Größe und die Zartheit des Ausdrucks, die Müdigkeit (kein Schmerz), die Erschöpfung, die mit größter Erleichterung zusammengeht und der Trost, den dieses Bildwerk spendet, ist kaum zu fassen. Eine Ansprache über Jahrhunderte hinweg, eine Figur, die ins Jenseits weist und mich tatsächlich in einen „no-time state“, einen Zustand außerhalb der Zeit versetzt. Das Museum gibt einem jegliche Zeit und jeglichen Raum dafür. Kein Bild hängt neben dieser Figur und zieht mich weiter. Im Gegenteil. Die Wand ist leer, rechts von mir lässt ein großes Fenster das rheinländisch trübe Tageslicht herein.

Wesentlich für die Ausstellungen sind weiterhin das Fehlen von Objektbeschriftungen (man bekommt an der Kasse einen handlichen Mini-Katalog in die Hand gedrückt) und die korrespondierende Hängung der Werke, die weder chronologisch noch sonst irgendwie linear verläuft. Auf diese Weise bin ich als Besucherin ausdrücklich eingeladen, eigene Bezüge zu finden – oder darauf zu verzichten. Ich kann mir die Werke für sich anschauen und dabei vorwärts und rückwärts gehen, ich kann im Kreis laufen und überlegen, ob mir Gemeinsamkeiten auffallen oder nicht. Ich kann den Handkatalog studieren – und, was daran das Beste ist, ich kann ihn zu Hause wieder aufschlagen und mich erinnern. Ich bin frei, was sogar mich als Kunsthistorikerin am Anfang etwas irritiert, was mir aber die Möglichkeit gibt, länger stehen zu bleiben und tatsächlich einen Dialog mit den Ausstellungsstücken zu beginnen.

 

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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