Den Kannibalen gehen eher die Kochtöpfe aus

Heute gibt es einmal mehr – und kurz vor der Frankfurter Buchmesse – eine Literatukritikerschelte. Und leider: immer noch zu Recht. Roman Bucheli vermutet in der NZZ, dass den Kritiker/innen die Zähne ausgefallen sind. Ich denke, sie haben – aus Armut – ihre Kochtöpfe veräussert und geben sich mit schnell geschmierten Stullen zufrieden. Wo doch nur eine wirklich lange, und nach allen Regeln der Kunst geschriebene Kritik auch Vergnügen macht.

Die Haltungen und Probleme sind bekannt: Kritiker/innen meinen es besser zu wissen als die Autor/innen und gehen mit „wohlwollender Herablassung“ an die ihnen anvertraute Texte heran, statt sie mit ganzem Herzen anzunehmen. Kritik heißt ja nicht besser wissen. Sondern Liebe zur Literatur. Ein großes – oder vielleicht das größte – Problem ist der Verlust von Maßstäben und gleichzeitig die enorm (und das wäre noch zu steigern) miserable Bezahlung von Kritiker/innen (gilt nicht nur für die Literatur).

Für mich ist eine Kritik etwas ähnliches wie ein Porträt. Ich muss als Schreiberin sichtbar bleiben, in allem, was ich an meinem Gegenüber erwähne. Meine Haltung, mein Geschmack, mein Urteil. Natürlich ohne unaufhörlich Ich-Ich-Ich zu rufen, schließlich geht es hier wie da um mein Gegenüber. Und ich muss genau so mutig sein, wie die Autor/innen. Im besten Fall sogar mehr. Ich kann mich nicht nur angreifbar machen, ich muss es auch. Denn sonst besserwisssere ich bloß vor mir her und gebe der im besten Fall folgenden Diskussion kein Futter. (Und auch hier ist nicht bloß auf den Unterhaltungswert zu schielen, auch wenn ich durchaus für unterhaltsame Kritiken bin).

Eine weitere Perspektive fällt mir selbst eher schwer, ist aber ebenfalls unabdingbar: Wo steht das Buch. In der heutigen Überproduktion (und man muss natürlich lachen, während man das schreibt, weil man genau dieses Argument auch schon im 19. Jahrhundert hört), aber eben, in diesen Massen lautet doch die Frage: Wo stehen die Bücher, was wollen sie, was können sie? Und kann ich da mit?

Bucheli zitiert in seinem Artikel Rainald Goetz: „Kunst haut einen um, Kritik bringt einen zum Denken.“ Und dafür reicht es eben oft nicht, Autor/innen Unvermögen zu attestieren oder die eigene Langeweile ins Feld zu führen. Große Ansprüche gewiss, und ich bin wohl die Erste, die ihnen nicht gerecht wird. Aber ich lese Buchelis Kommentar auch nicht als vernichtende Kritik, sondern als Ansporn es besser zu machen, bei jeder Rezension aufs Neue.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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