Snoopy: Attacke!

Nein, es gibt nicht nur Schweine im All. Seit ich weiß, dass Snoopy ein großer Enterprise-Fan ist, hat er bei mir einen Stein im Brett. Es gibt sogar einen silbernen Snoopy-Award bei der NASA:

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Tatsächlich kann Snoopy auch in der Original-Serie fliegen: Hier ist er – bzw. träumt er sich als – Pilot eines kanadischen Doppeldeckers aus dem 1. Weltkrieg, und jagt – bis zuletzt vergeblich – den deutschen Kampfflieger Manfred von Richthofen. Für mich einer der Gründe, weshalb ich „Peanuts“ nicht unbedingt als Kinderserie verstehe: Welches Kind hat schon den 1. Weltkrieg auf dem Schirm? Als ich klein war, kannte ich Snoopy sowieso nur als überlebensgroßen Stoffhund. Die Geschichte von Charly Brown und seiner Gang las ich erst später.

Mittlerweile gibt es „Peanuts für Kids“. Der Verlag Carlsen-Comics bringt die Bände heraus, „Snoopy Attacke!“ ist 2017 als Nummer 3 erschienen. Die Kinder-Bände sind kein „harmloser“ Abklatsch der Original-Serie. Wir sehen die Abenteuer lediglich aus Snoopys Perspektive, das heißt, „Attacke!“ ist wie ein Tagebuch des durchgeknallten Comic-Hundes zu lesen. Indem Snoopy zur Hauptfigur wird, bekommen die einzelnen Episoden mehr Zug, das heißt, wo im Original die Perspektiven wechseln, und damit das Aneinander-Vorbei der Figuren deutlich wird, bleibt bei Snoopy zunächst alles auf eine Figur und damit auf einen durchlaufenden „Stream of Conciousness“ beschränkt.

Doch dass Realität nicht per se existiert, sondern mit Fantasien, Träumen und Erinnerungen angereichert ist, zeigt auch Snoopys Blick in die Welt. Snoopy nämlich läuft die meiste Zeit als „Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg“ herum, statt als sturznormaler Haushund. Woher er die Idee hat, weiß ich nicht. Immerhin liest der Hund bei Schulz und sieht fern. Für Kinder mag das einfach der Wunsch eines kleinen Hundes sein, als groß und bedeutend zu gelten. Das Ausmaß einer solchen Heldenverehrung dämmert sicher nur Erwachsenen. Aber was Kinder aus eigener Erfahrung kennen, und was ich so bislang weder in Kinderliteratur oder Kinderfilmen gefunden habe, ist diese gespielte oder fantasierte Verwandlung des eigenen Ichs in ein Idol. Dabei ist die Diskrepanz zwischen Realität und Fantasie an sich schon komisch, während Snoopy einfach nur über die Wiese läuft, denkt sich „das Flieger-Ass aus dem Ersten Weltkrieg“ auf dem Flugfeld oder wenn er ganz unrühmlich von der Hundehütte fällt, fantasiert er eine „Bruchlandung, direkt in einen Granattrichter“…

An anderen Tage  ist Snoopy auch schon mal ein Geier, ein Berglöwe, die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ oder ein Leopard, als Piranha beißt er Linus ins Bein. Während die Kinder Snoopy und seine Verwandlungsfantasien gut kennen, gibt es hin und wieder doch krude Überraschungen, denn wer kann schon ahnen, dass Linus in seiner Fantasie gerade den Amazonas durchschwimmt, und deshalb Snoopy, der ihn ins Bein beisst, als Piranha erkennt.

Überhaupt sind es Wiederholungen, die die Peanuts-Folgen prägen und deren Witz ausmachen. So erzählt uns Schulz in immer neuen Variationen, wie Charly seinen Hund füttert: Mal will der Hund nicht das, was er bekommt, dann hätte er gerne eine Tischrede oder den Napf so platziert, dass er auf dem Dach liegend fressen kann. Dann mag er sein Butterbrot nicht, quengelt an Thangsgiving nach Preiselbeeren oder will unbedingt ein Buffet aufgetischt bekommen. Dass Charly Brown ihn so geduldig bedient, macht Charly übrigens sympathisch: Wer liebt nicht kleine Jungs, die ihrerseits ihren Hund lieben, auch wenn er nachts mal wieder nass und stinkend im Bett liegt, weil es draußen regnet, und dem Herrn Fliegerass nicht zuzumuten ist, in seine Hütte zu kriechen.

Doch, „Snoopy Attacke!“ ist ein Comic für Kids. Die einzelnen Episoden sind klug aneinander gereiht, so dass wir den Spass an den Wiederholungen genießen können: Wenn Snoopy einmal mehr nicht das Stöckchen holt, nicht den Schnee schippt, nicht in der Hütte schläft oder dann eben doch einem Ball hinterherrennt oder das Inventar seiner abgebrannten Hütte (immerhin ein echter van Gogh) betrauert. Was unverständlich bleibt – kennen wirklich alle „Alice im Wunderland“? Wer war von Richthofen? Und warum wartet Charly Brown auf den großen Kürbis? – liest sich weitgehend weg, weil die Pointen auch ohne genaues Wissen funktionieren. Doch wer erwachsen ist, und wer Snoopy schon als Kind kannte, mag besondere Freude an den Bänden haben. Denn eins sind sie vor allem nicht: niedlich. Oder einem vermeintlich kindlichen Niveau angepasst.

 

 

 

 

Auch Petrus stand bei ihnen und wärmte sich.

Petrus, ein Gaffer. Verschafft sich Zutritt zum hohepriesterlichen Palast, wohin Jesus nach seiner Festnahme gebracht wird, stellt sich an ein Kohlefeuer im Hof (es ist Nacht und auch im Heiligen Land noch kalt) und guckt, was mit seinem Freund passieren mag.

Hätten wir das auch gemacht? Hätten wir auch am Eingang nein gesagt, auf die Frage: Bist du nicht auch ein Freund dieses Menschen? Und dann am Feuer gestanden, um zu schauen, wie es weiter geht? Nein, es gab damals keine Handys.

Die Sache ist zwiespältig. Denn weil Petrus sich – vermeintlich unerkannt – unters gaffende Volk mischt, wissen wir, wie sich Jesus beim Hohepriester verteidigt. Er sagt: „Ich habe offen vor aller Welt gesprochen.“ Und damit: alles was ich getan habe, ist bekannt. Interessant, dass einer der priesterlichen Knechte ihn darauf hin ins Gesicht schlägt mit der Begründung, Jesus lasse dem Hohepriester gegenüber Anstand vermissen. Der Hohepriester winkt ab. Jesus kommt vor die nächsthöhere Instanz, zu Pilatus. Es ist schon früh am Morgen. Ein Hahn kräht.

 

 

 

 

Wenn es draußen schneit,

holen wir uns den Frühling halt ins Zimmer. Geputzt habe ich auch schon, und müde bin ich, dass sich die Balken biegen: Frühlingsgefühle as usual (uahhh). Viele fahren in Urlaub und ich wäre jetzt auch gerne da, wo es warm ist. Also bleibe ich erst mal neben der Heizung sitzen und überlege, was Ostern dieses Jahr für mich sein könnte. Vielleicht einmal mehr die Freude darüber, wie gut ich es habe. Ostern ist ein großes Fest des Neuanfangs. Insofern fast noch besser als Silvester. Also: Hoch die Tassen. Auch, wenn es – zumindest hier in Berlin – fast nur drinnen blüht und duftet.

Doch ein Genie: Martin Geck und Beethoven, II

Im dritten Kapitel unter dem Stichwort „Titanismus“ schreibt Martin Geck über Lydia Goehr, bzw. über deren Annäherung an Beethoven. Die US-amerikanische Autorin hat 1992 ein Buch mit dem schönen Titel The Imaginary Museum of Musical Works herausgegeben, in dem es um eine Revision „klassischer“ europäischer Musik aus US-amerikanischer Sicht geht.

In dem Kapitel über Beethoven geht es – so Geck – um die Frage der Opusmusik, oder anders formuliert: um den Grad der Festlegung notierter Musik im Verhältnis zur Improvisation. Goehr schreibt, so Geck, dass in der europäischen Tradition der werkgetreuen Wiedergabe von Partituren – und hier spielt Beethoven eine wichtige Rolle – die ursprüngliche Praxis der Improvisation während der Konzerte verloren ging. Beethoven hatte seine Kompositionen selbst verlegt und deshalb erstens eine strikte Zählung seiner Werke eingeführt und zweitens genaue Angaben für die Interpreten notiert.

Letzteres wurde zum Fluch und Segen in einem. Denn: die Musiker/innen fühlen sich diesen Angaben verpflichtet – bis hin zu einer stumpfen Unterwerfung. Andererseits ist die genaue Festlegung dessen, was Beethoven sich vorstellte, ein Offenbarung – oder kann es zumindest sein. Der Pianist Tomas Bächli geht soweit, von der „genialsten Notation aller Zeiten“ zu sprechen. Vor Beethoven, so Bächli, seien die Anweisungen, die die Komponisten neben den Noten noch gaben, eher karg, später (vor allem zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert) so üppig, dass sie sich selbst wieder aufheben. Aber damit war das Kind schon im Brunnen: denn seit Beethoven bleibt die Improvisation in Konzerten außen vor. Es entsteht – so Lydia Goehr – der Eindruck, sie sei nicht erwünscht. Und damit – und hier hakt dann wieder Martin Geck ein – sei mit Beethoven die Idee von einem „geschlossenen“ musikalischen Werk entstanden. Als Laie stelle ich mir vor, dass die Stücke Beethovens kompakter wirken, als sie tatsächlich waren. Auf der anderen Seite hatte diese Notation selbst offenbar Auswirkungen auf die nachkommenden Musiker/innen, die ihrerseits kompakter komponierten.

Soweit, so nachvollziehbar. Aber jetzt geht es in dem Kapitel weiter mit dem „Imperialismus“, den Goehr Beethoven unterstellt, und der von Geck unter dem Vorzeichen „Männlichkeit“ abhandelt wird. Seine Frage lautet: „Ist Männlichkeitswahn eine Konstante in Beethovens Schaffen?“ Und hier falle ich raus. Ich verstehe: Imperialismus bedeutet Macht, oder Überwältigung. Machtgesten wiederum sind männlich konnotiert. Martin Geck schreibt dazu: „Vor diesem Horizont ist unleugbar, dass Beethoven nicht nur in seiner Sinfonik, sondern auch in den Klaviersonaten weit mehr Machtgesten kennt als etwa Schubert“ (S. 39). Er nennt diese Machtgesten in Folge auch „titanische Momente“ (ebda). Mir ist bewusst, dass wohl auch Beethoven selbst eine Unterscheidung von männlich (sagen wir „überwältigend“, „stark“, „laut“) und weiblichen Passagen („lyrisch“, „leise“, „zart“, vielleicht auch melodiös“) gekannt, bzw. gedacht hat. Aber das funktioniert für mich nicht mehr. Ich denke eher in Kategorien, die Gilles Deleuze anbietet, und die Geck ebenfalls zitiert: statt vom „Männlichen“ spricht Deleuze vom „Plötzlichen“, oder von dem „Jetzt“ als Ereignis in der Musik und eben nicht von Musik als einer (imperialen) Erzählung.

Die Sache ist kompliziert. Und verfranst sich am Ende des Kapitels. Geck zitiert verschiedene Beethoven-Rezipienten und stellt ihre Deutungen neben- und gegeneinander. Ich lese von Felix Mendelsohn-Bartholdi, der die dem literaturästhetischen und romantischen Denken verpflichtende Terminologie eines Karl Heinz Bohrer vorwegnimmt, von Jean Paul der gegen eine idealistische Sicht von Hegel ins Feld geführt wird und der uns hilft, einzelne Motive auch jenseits einer Gesamtinterpretation zu hören. Wir sind jetzt bei der fünften Sinfonie angelangt, Geck spricht von einem „von Fermaten umschlossenen Oboensolo“, das er als „exteritoriales Wahrzeichen“ (S. 43) deutet – ich weiß nicht, wo ich bin, nehme aber an, dass Geck hier eines der einzelnen Motive vorstellt. Aber dann (oder ich verstehe das jetzt weiter falsch) wird aus diesem „einsam klagende(n) Ton der Oboe“ ein „leidendes Subjekt“ (ebd). und damit eben doch wieder ein Teil des Ganzen, der sich, wie Geck schreibt „doch immerhin an dem glänzenden Sieg beteiligt wissen (mag), den das Finale darstellt“ (ebd.).

Zum Schluss geht es noch einmal zur Eroika, Lydia Goehr ist längst vergessen, dafür kommt eine Passage aus Carson McCullers‘ Roman Das Herz ist ein einsamer Jäger ins Spiel, die verrät, dass man Beethovens 3. Sinfonie eben nicht nur als Hommage an Napoleon lesen kann, als Lob des „titanischen“ oder „heldenhaften“ im Menschen, sondern eben auch an Revolte gegen die (moderne) Vereinsamung des Individuums. Beethoven als Existentialist. Gerne, und ja, schließlich hat er nicht seine Zeit musikalisch illustriert (wie übrigens auch alle anderen Komponist/innen vor und nach ihm nicht). Das Fazit, das Martin Geck uns anbietet:

„(…) Hier geht es um eine Macht der Gefühle, die nicht genderspezifisch zu verorten ist, sondern jeden anrührt, der sich anrühren lassen will.“ (S. 44)

Ehrlich? Für mich ist das zuviel Wind um nicht viel. Mal sehen, was da noch kommt.

 

 

 

 

 

 

Frühlingsanfang auf dem Tempelhofer Feld

Das Gras liegt noch vom Wind zerzaust auf dem Boden. Was für ein Wetter die letzten Wochen. Aber jetzt: Die Lerchen singen schon wieder. Und Mann und Maus sind unterwegs. Es gibt erste Grillwürstchen, die Sonnenschirme sind aufgespannt, die Gärtner schaufeln neue Erde in ihre Beete. Manchmal merkt man erst was einem fehlte, wenn es wieder da ist. Herzlich willkommen, du blaues Band…

Wenn es grau bleibt,

fotografiere ich mir die Sonne eben selbst. Ein UFO wäre natürlich noch besser. Zum Beispiel eins mit Mr. Spock an Bord. Aber seit ich gelesen habe, dass Stephen Hawking sich vor Außerirdischen fürchtete, bin ich skeptisch geworden. Vielleicht kann man sich nur in großer Unwissenheit solche Naivität leisten?

Gerlind Reinshagens Gedichtband „Atem anhalten“ liegt jetzt auch auf meinem Schreibtisch. Ich habe mich gefreut, auf der Rückseite eine begeisterte Notiz von Peter Handke zu dem Gedicht „Annäherung an eine Person“ zu lesen, dem Gedicht, dass mich bei der Lesung am weitesten aus der Bahn geschossen hat.

Und wo wir bei Büchern sind: Sie sind auch Sonnen in ansonsten grauen Zeiten. Ein schon auf dem Cover sonniges Buch ist zum Beispiel „Martha auf dem Schwein“ von Doris Bewernitz. Es ist in der Berliner edition naundob erschienen, einem Verlag, der sich auf Bücher in Einfacher Sprache spezialisiert hat. Wer öfters die „Klunker“ liest, weiß vielleicht, dass ich mich für meine Arbeit mit Leichter Sprache vertraut gemacht – und mich dabei regelrecht in diese Art des Schreibens und Sprechens verliebt – habe. Um so erstaunter bin ich, dass mir aus dem Freundeskreis Kritik entgegen prasselt. So zu schreiben sei arrogant. Man erhebe sich einmal mehr über „Behinderte“ und gebe jetzt auch noch Inhalte vor oder die Art, wie Welt zu verstehen sei. Ehrlich?

Ich fühle mich angegriffen. Denn wenn ich in Leichter Sprache schreibe, denke ich nicht daran, anderen zu zeigen, wo der Hammer hängt. Es ist ein großes Vergnügen, reduziert zu arbeiten. Ich würde so weit gehen, es mit Poesie zu vergleichen. Dort ist zwar nix reduziert, dafür aber sehr reglementiert. Und – doch. Leichte Sprache wird ähnlich wie Gedichte in Zeilen geschrieben. Das heißt: ein kurzer Satz pro Zeile. Ich finde das unglaublich schön. Auch für die Sprachdiktion (also fürs laute Lesen).

Außerdem heißt es ja nie und nirgends, dass jemand, der einen Text in Leichter oder Einfacher Sprache liest, nicht auch andere Texte lesen darf, kann oder soll. Umgekehrt hat es mir großen Spass gemacht, das schmale Buch von Doris Bewernitz zu lesen. Es geht darin um Martha, die dement ist und im Heim ihren 90 Geburtstag feiert – oder besser: gefeiert wird. Denn sie selbst ist von dem Trubel nicht gerade begeistert und hängt lieber ihren Erinnerungen nach. Erinnerungen an ein durch und durch „normales“ Leben einer Frau, die den 2. Weltkrieg erleben musste und danach in die DDR aufgeteilt wurde. Die hart arbeitete, vier Kinder hatte und stets im Kleinen zurecht kommen musste. Die darin Glück suchte und – Überraschung: auch fand.

Bieder? Dann singe ich jetzt eben ein Lied auf die Biederkeit. Denn diese Lebensgeschichte zu lesen, hat mich an meine Mutter erinnert, und an die Realität so unzählig vieler „kleiner Frauen“ aus der Generation vor mir, die mir mein Leben mit Studium und Auslandsaufenthalt noch während der Schulzeit ermöglicht haben. Die Sonne über Sonne malten, wenn es draußen mal wieder grau war.

Vielleicht – und das mag von mir der einzige Einwand sein – sind solche Geschichten noch zu didaktisch erzählt. Tatsächlich wäre mir lieber, ein einfaches Leben müsse gar nicht verteidigt werden gegen große und erfolgreiche Biografien. Es müsse keine entfremdete, dem modernen Lifestyle angepasste Tochter her, um das Einfache zu feiern, oder angesichts einer dementen Frau verstörte Verwandte, von denen sich nur ein sechzehnjähriges sommersprossiges Mädchen erholsam abhebt. Dennoch: die Verlegerin sagte mir, Leser/innen hätten sich daran gestoßen, dass hier so offen über „Peinlichkeiten“ geschrieben werde. Zum Beispiel davon, dass Martha die Namen ihrer Kinder vergisst. Oder dass sie so vergnügt auf einem Schwein reitet (zumindest auf dem Cover). Wir sind noch erstaunlich weit am Anfang, was Demenz angeht oder das Leben mit Menschen, die sich nicht an den üblichen Leistungsanforderungen messen lassen (möchten).

Draußen bleibt es wohl auch übers Wochenende grau. Zum Glück habe ich von meinem Ausflug nach Leipzig einen Stapel neuer Bücher mitgebracht. Für genug Sonne ist also gesorgt…

Doris Bewernitz, Martha auf dem Schwein, edition naundob, 12,50 €

 

Verloren

Heute vor zwei Jahren ist meine Mutter gestorben. Statt zu einer Pressekonferenz zu fahren, wie ich ursprünglich geplant hatte, bin ich zu Hause geblieben. Ich habe aufgeräumt, und lange einfach nur auf dem Sofa gesessen. Später ist mir die Visitenkarte von Emanuel in die Hände gefallen. Er ist mittlerweile schon neun Jahre tot und es ist immer noch ein Schock. Ob Emanuel mich noch erkennen würde?

Hereinspaziert!

Zu diesem Beitrag gibt es zwei Eingänge. Der eine führt durch mein Büro. Ein Großraumbüro, über das immer noch Leute die Nase rümpfen. Ob man denn da arbeiten könne? Oder: Wieso ich kein eigenes Arbeitszimmer habe – und wenn schon Großraum, warum dann nicht in Mitte? Dabei: Auch in einem Schöneberger Großraumbüro gibt es Ruhe zum Arbeiten, und – besser noch – Gründe zum Feiern. Heute zum Beispiel, denn meine Kolleg/innen Nina Nedelykov und Pedro Moreira haben einen Preis gewonnen. Für ihre Renovierung der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße.

Ich könnte jetzt auch noch ein anderes Türchen öffnen, immerhin steht bald wieder ein Wochenende an, es wird Frühling und einige suchen auch schon nach passenden Ostereierfarben für die neue Saison. Hier käme dann James Turrell ins Spiel, verantwortlich für die knalligen Farben der preisgekrönten Renovierung, die man gewagt finden kann, die sich aber vor Ort als überraschend plausibel und zurückhaltend erweisen.

Jetzt stehen also zwei Türchen auf, und – !? Nun, James Turrell arbeitet nicht in „meinem“ Schöneberger Büro. Er ist ein kalifornischer Land-Art-Künstler, der seit den 1960er Jahren mit Licht, künstlichem Licht, farbigem Licht arbeitet und in immer neuen Räumen Grenzen zwischen drinnen und draußen auslotet, zwischen Enge und Weite, hell und dunkel, und noch einigen anderen Gegensätzen mehr.

Die Kapelle wiederum stammt aus den 1920er Jahren. Architekturpläne waren beim Renovierungsbeginn 2013 nicht mehr vorhanden, eine Modernisierung aus den 1960er Jahren hatte grobe Schäden behoben, aber der Optik weder zu altem Glanz verholfen, noch neue Akzente gesetzt. Die Aufgabe für Nina und Pedro war also kniffelig: Weil es wenig gesicherte Koordinaten für eine Rekonstruktion gab, gleichzeitig aber auch das Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Ort für Trauer, denn der Friedhof wird nach wie vor genutzt.

Was soll ich schreiben? Der Erste Preis, den die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) an das Büro Nedelykov Moreira vergeben hat, sowie die in den kommenden Tagen zu erwartende laue Frühlingsluft laden dazu ein, noch ein Türchen zu öffnen, um sich aus dem Alltag auf den Friedhof zu stehlen. Kaffee und Kuchen stehen übrigens auch bereit, denn vor wenigen Monaten hat direkt neben der Kapelle das Café Doro eröffnet. Viel Vergnügen! wünsche ich, und mache fürs Erste das Klunker-Türchen wieder zu.

Dorotheenstädtischen Friedhof, Chausseestr. 126 in Berlin-Mitte. Öffnungszeiten von März bis Juni 2018 unter: http://www.evfbs.de/index.php?id=602

  • Einführung auf Deutsch: samstags und montags
  • Einführung auf Englisch: freitags und sonntags
  • Dauer: 1 Stunde
  • Tickets: 10 € (ermäßigt 5 €). Reservierung unter Öffnet internen Link im aktuellen Fensterevfbs.de/tickets – Abholung an der Kapellenkasse 15 Min. vor Veranstaltungsbeginn (nur Barzahlung)

Nachtrag zum Frühlingsanfang…

Nö, gestern Abend war ich einfach zu müde. Und auch, wenn ich nach drei Jahren immer noch begeisterte Klunker-Schreiberin bin, gibt es Grenzen. Also hier eine kurze – und tatsächlich abgekürzte – Fassung des für gestern vorgesehen Beitrags. Ich hatte nämlich morgens in Ruhe Online-Zeitungen und Pressemitteilungen gelesen, und es gab so ein Potpourri von aktuellen Meldungen (Politik im engeren Sinn habe ich absichtlich ausgeschlossen), die, – na, lest selbst:

Die Gletscherschmelze ist ab jetzt nicht mehr abwendbar. Natürlich bedeutet das noch nicht das Ende der Welt. Es gab schon andere Klimakatastrophen. Aber das haben wir ganz alleine „geschafft“…

Heringe, und das ist ein Teil der Hoffnung, die ich tatsächlich hege, Heringe also könnten von der veränderten Nahrungskette profitieren, die durch die Versauerung der Weltmeere angestoßen wurde.

Gefühltes Glück und Unglück sind – denkt man ja gelegentlich selber – die beiden Seiten einer Medaille, oder, wie der junge Wissenschaftler Dr. Michael Schleyer in der Genetik-Abteilung des Leibniz-Instituts für Neurobiologie Marburg herausfand: ein- und dieselben Dopamin-Neurone sind sowohl den positiven Beginn als auch das negative Ende einer „Belohnung“ (Liebe zum Beispiel, oder Drogeneinnahme) verantwortlich. Also, das was uns Schmetterlinge im Bauch beschert, macht auch den fürchterlichen Kater nach Ende einer guten Zeit, also, wenn wir krass abstürzen. Ob es hilft, das zu wissen? Manchmal vielleicht…

Poesie heilt. Jajajajajaja.

Lebensmittel wertschätzen. Ja, da habe ich jetzt nicht die Zahlen. Aber wir – und viele, viele andere werfen viel zu viel Lebensmittel weg. Das ist schlecht für die COZwei-Bilanz und es ist darüber hinaus natürlich völlig idiotisch. Also: Lernen, mit Resten umzugehen!

Und dann: Ventriloquism von Meshell Ndegeocello: Beste CD des Monats März! Macht Laune und gibt Energie für vereiste Frühlingstage. Cover-Songs, ich bin platt, was da geht (und wie).