Doch ein Genie! Martin Geck: Beethoven – der Schöpfer und sein Universum (I)

Beethoven. Wie oft habe ich mich als junge Frau mit ihm gelangweilt. Der Name war für mich ein Inbegriff für „hochtrabend“, „unlebendig“ und „anachronistisch“. Wenn ich in ein Konzert geriet, wurde mir die Zeit lang. Alles änderte sich, als ich einmal mehr in ein Konzert geriet, und in der Pause den Absprung verpasste. Ich hätte einen Berg Wäsche bügeln können, statt Beethoven zu hören. Ich ahnte ja was kommt. Und Sie oder Ihr ahnt, was wirklich kam: meine Bekehrung.

Vielleicht war ich deshalb so gespannt auf das aktuelle Beethoven-Buch von Martin Geck. Er hat nämlich Beethoven gleich aus der Perspektive mehrerer – wie er sie selbst nennt – „Größen aus Politik, Kunst und Wissenschaft“ dargestellt, statt selbst eine weitere Deutung zu schreiben. Ich dachte, vielleicht finde ich dort etwas über mein eigenes grobes Missverständnis, eine so innovative, lebendige Musik für ihr Gegenteil gehalten zu haben. Die gebotenen „Größen“ von Tintoretto zu Thomas Mann oder von Bach zu Glenn Gould zu Aldous Huxley versprachen ein kurzweiliges und vielfältiges Programm. -innen jedoch? Fehlanzeige, fast zumindest. Von 36 Stimmen sind nur vier weiblich. Das mag der Zeit geschuldet sein. Im 19. und auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts gibt es nicht viele Frauen, deren Äußerungen zu Beethoven überliefert sind. Dennoch hätte ich mich über eine Überraschung aus der Gegenwart gefreut, so wie ich mich über Gilles Deleuze gefreut habe: eine Stimme, die mir in Zusammenhang mit Beethoven nicht gerade auf dem Schirm flimmerte…

Ein schöner Vorteil dieser Idee der vielen Stimmen ist, dass sich die einzelnen Kapitel auch in nicht linearer Reihenfolge lesen lassen. Tatsächlich habe ich meine Lektüre mit dem letzten, dem Deleuze-Kapitel begonnen. Hier geht es gleich zu Anfang um den zweiten Satz von Beethovens Geistertrio op. 70,1, einem Stück, dem Deleuze in einem Fernsehspiel von Samuel Beckett begegnet. Notenbeispiele sucht man übrigens bei Geck vergeblich. Als Laie habe ich sie nicht vermisst und mir stattdessen Stücke, die ich nicht kannte, in einer oder mehreren youtube-Aufnahmen angehört. Beckett ist in diesem letzten Kapitel gleich der erste „O-Ton“, den Geck zitiert, darin Becketts Beobachtung, wie Pausen die Musik machen, und die daraus folgende Frage, wie man Sprache mit Pausen durchsetzen könne, die eine Art Durchschlüpfe für dahinter Liegendes bilden könnten. Deleuze wiederum begreift die von Beckett in seinem Stück nur fragmentarisch eingesetzte Musik des Geistertrios ihrerseits als „durchlöcherte Oberfläche“ und damit die Musik nicht mehr als möglicherweise Trost spendende von Beethovens Idealismus getragene Komposition, sondern als bloßes Aufflackern von Erinnerungen. Beethovens Musik, so zeigt sich für Beckett als auch für Deleuze, hat ein modernes Potential, das nicht in der herkömmlichen Deutung der Kompositionen liegt, sondern im Notenbild mit seinen Knotenpunkten, den Linien und eben den Pausen, den, wie Beckett schreibt „schwindelnden, unergründlichen Schlünden“ in der musikalischen Vorwärtsbewegung.

Deleuze kommt ferner auf die Idee, handgeschriebene Skizzen als eigenständige Äußerungen zu verstehen. Insofern, als hier Dinge notiert sind, die mit dem „fertigen“ Stück nicht unbedingt etwas oder viel gemein haben. Er schlägt also als eine Art Emanzipation der Skizze vom Werk vor, die eine neue Deutung von Skizzen und ihrer Eigenständigkeit – sagen wir als abstrakte musikalische Ideen jenseits eines Stücke-Zusammenhangs – ermöglichen. Aufregend, denke ich. Mir gefällt was ich lese. Doch der erste Satz des Kapitels macht mich stutzig: „Immer wieder vermögen Philosophen und Literaten erhellend über Musik zu schreiben, ohne über profunde musikalische Spezialkenntnisse zu verfügen.“ Das passt so gar nicht zu dem, was ich mir erhoffte: eine nach allen Seiten hin offene Deutung von oder Annäherung an Musik. – Fortsetzung folgt…

 

Martin Geck, Beethoven und sein Universum, München 2017.

Ich danke Random-House für das Rezensionsexemplar.

Alles so schön bunt hier

Nach der Messe fragte mich ein Kollegin, ob es in Leipzig Anzeichen dafür gegeben habe, dass Bücher – vielleicht auch nur einmal mehr – eine aussterbende Spezies sei. Proppenvoll, war meine erste Antwort und, „nö, eigentlich nicht.“ Vielleicht ist es – überlegte ich später, aber doch ein Zeichen, dass es mittlerweile eine ganze Halle für Comic und Manga gibt. Also für Genres, die eher als Heft oder Reihe an den Start gehen, denn als gebundenes Buch. Und die über die Papierseiten hinaus quellen in Filme (ich habe mir auch gleich einen Band aus dem Marvel-Universum „Black Panther“ mitgenommen), oder in diverse – nun, ich möchte schon fast sagen – Reliquien. Alte Bekannte traf ich da: Snoopy zum Beispiel, ein Held meiner Kindheit. Oder Mr. Spock, den aber leider nur als Dekoration eines Standes. Eine echte Überraschung bot der Kyudo-Stand ganz am Anfang, wo ein lebensgroßes, sehr schönes Foto meines Bogen-Meisters Inagaki-Sensai die Ausstellerfläche schmückte, und wo man erste Einweisungen ins japanische Bogenschießen bekommen konnte. Hier, in Halle Eins war auch gleich das bunteste Publikum unterwegs. Es gab extra einen großen Umkleide-Bereich für die Cosplayer und es gab Verkleidungen und vor allem Körperbemalungen, die fantastisch sind. „Wie Karneval“ dachte ich für mich, ich mag diese Art, fiktive Geschichten mit ins Leben zu nehmen. Ob man allerdings Comics „liest“? Ich würde eher nein sagen. Habe aber noch keine Antwort parat dafür, was man statt dessen tut. Ich zumindest kann es nicht besonders, weil ich mich immer verheddere: entweder folge ich nur den Bildern und verstehe schon bald gar nichts mehr. Oder ich lese die Texte und: dito. Wirklich erstaunt war ich über ein Gadget, das ich mir vorher noch gar nicht hatte vorstellen können: Längliche Kuschel-Kissen mit den Bildern diverser Manga-Stars, die man auf diese Weise mit ins Bett nehmen kann. Doch, das ist sexistisch. Aber es ist – wie vieles in der Comic- und Manga-Welt – auch niedlich. Ich musste zumindest erst mal lauthals lachen. Und, nein, ich habe keins gekauft.

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Ich hatte mir eine ganze Liste von „Anlaufstellen“ notiert, ich wollte mich nicht nur treiben lassen, sondern unbedingt auch arbeiten. Um es vorweg zu nehmen: Es gab zu viele Überraschungen, und von meiner Liste blieb einiges unerledigt. Trotzdem hatte ich am Ende des Tages das Gefühl, viel „mitgenommen“ zu haben. Vor allem neue Ideen, die man tatsächlich nicht im Voraus listen kann. Besonders verblüfft war ich, bekannte Gesichter zu sehen. Bei solchen Massenveranstaltungen ist das zwar zu erwarten – mir passiert es allerdings eher selten. Gleich auf dem Weg zur Halle 2 traf ich zwei Kollegen aus meinen Kimmo-Hörspielproduktionen, die hoch geschätzten Tonmeister Alexander und Simon, die in Leipzig die Abteilungen Hörspiel und Streaming  ansteuerten, und beste Laune verbreiteten.

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Nur einen Tag für die Messe zu planen, ist eigentlich zu wenig. Mehr als erste Eindrücke gibt es nicht, obwohl ich jetzt, zurück am Schreibtisch sehe, wie viel Nachbereitung auch die schon verlangen. Ein Fazit für mich ist einmal mehr, die Vielfalt kleiner Verlage wieder in den Blick zu bekommen. Vielleicht schaffe ich es, auf den „Klunkern“ wenigsten gelegentlich, den einen oder anderen vorzustellen. Lesungen habe ich gar nicht geschafft, um ehrlich zu sein, ist die Hallenatmosphäre auch nicht besonders einladend. Viele der angebotenen Einführungen in bestimmte Themen, für Blogger/innen zum Beispiel, für angehende Autor/innen, Möglichkeiten, sich mit Kolleg/innen auszutauschen, etc., habe ich aus Zeitgründen auch links liegen gelassen. Ein weiteres Fazit heißt für mich, das nächste Mal mindestens zwei Tage einzuplanen. Und diese zwei Tage dann auch mit mindestens zwei Tagen Nachbereitung abzupuffern. Denn auch das wurde mir wieder klar: Als Freiberuflerin denke ich bei viel zu vielen Dingen, ich könne sie einfach nebenher erledigen. Was für ein Irrsinn!

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Während drinnen alle Farben explodierten, verwandelte sich die Welt draußen wieder in eine Winterlandschaft. Was ich am Abend vor allem beim Warten auf die – jajajaja – verspätete Bahn zu spüren bekam. Den schönsten Teil der Messe – Halle 3 mit den Ständen für Grafik und Buchkunst – hatte ich mir für den Schluss aufbewahrt – sozusagen als Sahnehäubchen. Leider war ich da schon fußlahm und voll bepackt, ich bin eigentlich nur noch den Augen nach gelaufen, hier und dort angelandet, fürs Staunen reichte es fast nicht mehr, aber fürs Greifen nach Prospekten und ausgelegten Karten – ich hoffe, am Schreibtisch noch einiges aufarbeiten zu können. Die Stiftung Buchkunst allein hatte so viele beste schön gestaltete Bücher aus allen möglichen Ländern in die Regale gestellt, eine Stunde allein hier wäre das Minimum gewesen.

Ich hoffe, in den nächsten Tagen und Wochen mehr – und vor allem Konkretes – von meinem Besuch schreiben zu können. Ich habe ein paar Bücher mitgebracht, die ich gerne vorstellen möchte, und eben Verlage oder einzelne Buchkünstler/innen, die mir besonders gefallen haben. Ein echtes Highlight war die Begegnung mit „Tante Mascha“ – tatsächlich ist sie die erste Bloggerin, der ich bislang live begegnet bin. Wir haben uns eine gute Dreiviertelstunde Zeit zum Kennenlernen genommen, was an sich wenig, aber für einen Messebesuch enorm viel ist. Und wir wollen uns wiedersehen, entweder in Weimar, wo sie lebt oder hier in Berlin. Noch ein Highlight für mich ist der Preis der Leipziger Buchmesse, der an Esther Kinsky gegangen ist. Ihr Buch „Hain“ liegt schon seit Tagen auf meinem Nachttisch, ohne dass ich auch nur reingeschaut hätte. Aber das hole ich nach, Ihr hört von mir!

 

Erzählen

Selten habe ich eine so einfache wie schöne Darstellung für das Erzählen von Geschichten gesehen wie heute auf der Leipziger Buchmesse…

Ein Beitrag zur Leipziger Büchermesse

Die Klunker werden erwachsen. 2015 als Wette mit mir selbst entstanden (schaffe ich es, jeden Tag einen Blog-Text zu schreiben?), will ich dieses Jahr eine neue Richtung einschlagen. Als Buch- und Ausstellungsrezensentin möchte ich auch auf meinem Blog mehr Literatur und Kunst zeigen, vorstellen, besprechen. In den bereits erschienen Beiträgen ging es meist um Entdeckungen, die ich mit Begeisterung gepostet habe. Ich habe gelegentlich Bücher auf dem Bloggerportal von Randomhouse bestellt – hier gab es auch schon mal enttäuschte Erwartungen. Das heißt, als Bloggerin möchte ich vor allem Funde (Neuerscheinungen, aber auch immer wieder Klassiker oder vergessene Titel) präsentieren, was mir nicht gefällt, schafft es möglicherweise erst gar nicht auf die Seite. Aber natürlich gilt: Kritik muss sein. Hier wird ausdrücklich nicht nur gejubelt.

Um eine ungefähre Vorstellung von meinen Interessen zu geben, stelle ich die letzten 10 Rezensionen oder Literatur-Texte hier ein. Weil es schnell gehen muss, ohne dazugehöriges Erscheinungsdatum (kann ich gerne nachreichen – ich denke, man erwischt die Texte auch so – !?). Wenn noch jemand Rückmeldungen geben möchte: über Kommentare freue ich mich immer.

 

Gerlind Reinshagen, Atem anhalten. (2018) 🖖🖖🖖🖖🖖

Carolin Ecke, Wie wir begehren. (2012) 🖖🖖🖖🖖

Reinhardt Kleist, Nick Cave – Mercy on me (2017) 🖖🖖🖖

David Foekinos, Das geheime Leben des Monsieur Pick (2017) 💣

Anne Carson, Albertine – 59 Liebesübungen (2017) 🖖🖖🖖🖖🖖

Bodo Hell, Ritus und Rita (2017) 🖖🖖🖖

Julia Weber, Immer ist alles schön (2017) 🖖🖖🖖🖖

Homer, Odyssee (TB 2016) 🖖🖖🖖🖖🖖

Nachruf auf Paula Fox, 2017

Hunde zwischen Buchdeckeln, Paul Auster – Garth Stein – Jon Fosse – Monika Maron, 2017

Erwartungen haben

Sie gelten als Spielverderber. Weil sie immer etwas vorwegnehmen: unsere Erwartungen. Dabei sind sie oft schwer auszumachen. Wo stecken sie? Wer enttäuscht ist, kann sie – zumindest rückblickend – meist erkennen. Aber nach vorne hin? Ich will die nächste Woche einmal ausprobieren, ob ich meinen Erwartungen auf die Schliche komme. Und dann: Sind sie wirklich so schlimm wie ihr Ruf? Ich bin gespannt.

Gleichgewicht

Die Freiheit, dachte ich eben bei einem nächtlichen Spaziergang, besteht vielleicht darin, sich jeden Tag neu auszubalancieren.

Ein Lob auf die Freund/innen

Was wäre ich ohne meine Freund/innen? Diese vertrauten Menschen, mit denen ich mich austausche, messe, in denen ich mich spiegele, die mich ermuntern und die ich liebe. Die mich begleiten, die da sind, wenn ich Mist gebaut habe oder abgestürzt bin, die mir Mut machen und mit denen ich Pferde stehle oder Formulare ausfülle oder für die ich einkaufe, putze, Tiere hüte und sie zum Arzt begleite oder von der Bahn abhole wenn alles schief gegangen ist. Mit denen ich meine Geburtstage und ihre Hochzeiten gefeiert habe, die ich – manche zumindest – ertrage, wenn ich Migräne habe. Die mir ausgeholfen haben, wenn ich pleite war, auf die ich stolz bin und die ich nicht missen möchte – ohne dass ich groß darüber nachdenke. Heute ist so ein Tag, an dem ich gespürt habe, wie wenig ich ohne meine Freund/innen wäre. Danke Euch. Ihr macht mich zu dem, was ich bin (und hoffentlich immer weiter werde).

Ein grauer Morgen

Gestern habe ich eine Stunde lang rote Rosen an Frauen verteilt – Internationaler Frauentag, ich wollte auch mal was tun. Es war grau draußen, nieselig und (auch drinnen) arg früh. Die Leute hetzten zur Arbeit, oder mit ihren kleinen Kindern im Schlepptau zur Kita, die Stimmung war müde, müde, müde. Und ich bekam, was ich erwartet hatte.

Andersherum nämlich mag ich es auch nicht besonders, wenn ich von einer auf der Straße mit Flyern oder anderen Dingen in der Hand lungernden Person fixiert und dann angesprochen werde. Auf „Lieben Sie Kinder“ oder „lieben Sie Tiere“ antworte ich reflexhaft mit „nein“ – mir kommen die Fragen tatsächlich falsch vor – und natürlich will ich nicht spenden (das wiederum ist ein anderes Thema, und natürlich spende ich auch, aber – eben…).

Aber mit einer solchen Wucht schlechter Laune hatte ich nicht gerechnet. Ich meine, ich habe rote Rosen verteilt – !? Flyer gab es nur, wenn ich mit den Frauen ins Gespräch kam. Und wenn sie wollten. Ich dachte: was für ein miserabler Umgang. Es ging dabei nicht mal nur um schlechte Laune. Es war eher so eine Herabsetzung, eine Arroganz und eine Verachtung, die an meine Würde ging – und wie ich das Gefühl hatte: absichtlich.

Natürlich gab es auch strahlende Gesichter. Mädchen, denen ich die Rosen gab, kicherten, viele Frauen freuten sich, manche hatten gar nicht an den Frauentag gedacht, einige waren engagiert und unterhielten sich kurz mit mir. Andere Frauen wirkten richtig gerührt, manchen hätte ich gerne gleich einen ganzen Strauß gegeben, oft älteren Frauen, die so früh schon unterwegs waren und sehr einsam wirkten. Die kleinen Jungs versuchten zu feilschen – warum sie denn keine Rose bekämen, dann: sie wollten sie ihrer Freundin oder ihrer Mutter schenken. Das war sehr lustig und die Mädchen, die daneben standen, lachten umso mehr  – ich blieb natürlich hart… Die größte Überraschung jedoch war eine andere: Wie viele Väter mittlerweile ihre Kinder zur Kita oder Schule bringen. Doch, das hat mich wirklich gefreut.

Hausbacken?

Ich habe heute meine allerersten eigenen Brote gebacken. Ausgerechnet am Frauentag? Warum nicht? Das ist kein Plädoyer für den Herd. Sondern eins dafür, immer wieder Neues zu lernen. Jipppieeee!

Der Wert des Erinnerns

Gestern habe ich in einem Artikel über ein Seniorenheim in Dresden gelesen, dass sie dort alte DDR-Produkte sammeln und in Regale stellen, damit sich die Kranken an vergangene Zeiten erinnern, etwas wieder erkennen und darüber ins Gespräch kommen. Ja, so geht das wahrscheinlich, denke ich. Und nur einen Moment später: Nein, verdammt! Wozu sollen sie sich denn noch erinnern? Ist es nicht unser Wunsch, dass sie sich wieder in diejenigen zurückverwandeln, die wir kennen? Brauchen wir nicht ihre Gesprächigkeit, ihre Freude, ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit? Sind wir nicht diejenigen, die den Boden unter den Füßen verlieren, wenn wir in einem Raum voller schweigender, in sich selbst versunkener Menschen sitzen?

Ich weiß, dass wir uns über unsere Erinnerungen überhaupt erst selbst erfahren. Es ist sicher ein unendlicher Verlust, die Erinnerungen an den eigenen Lebenslauf zu verlieren. Aber ich habe den Verdacht, dass wir „Gesunden“ damit mehr Schwierigkeiten haben, als die Erkrankten: Natürlich ist das individuell verschieden und es gibt kein „So ist es“ oder „So nicht“. Dennoch habe ich bei diesen „Gedächtsniskrankheiten“ Alzheimer und Demenz oft das Gefühl, dass wir nur aus unserer Perspektive darauf schauen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass nonverbalen Zuwendung und körperlicher Kontakt eine Alternative zum Reden und viel Raum für Freude, Ausdruck, Nähe bieten. Warum denken wir uns so sehr über unseren Intellekt? Wie gesagt, ich bin mir darüber im Klaren, dass hier alle ihre ganz eigene Bedürfnisse haben. Dennoch habe ich den Eindruck, wir sollten Gedächtnis noch einmal anders denken. Und ob es noch etwas anderes in unseren Köpfen und Herzen gibt, das Kontakt zur Realität hält, etwas, auf das wir jenseits von Sprache setzen könnten.