Der Wert des Erinnerns

Gestern habe ich in einem Artikel über ein Seniorenheim in Dresden gelesen, dass sie dort alte DDR-Produkte sammeln und in Regale stellen, damit sich die Kranken an vergangene Zeiten erinnern, etwas wieder erkennen und darüber ins Gespräch kommen. Ja, so geht das wahrscheinlich, denke ich. Und nur einen Moment später: Nein, verdammt! Wozu sollen sie sich denn noch erinnern? Ist es nicht unser Wunsch, dass sie sich wieder in diejenigen zurückverwandeln, die wir kennen? Brauchen wir nicht ihre Gesprächigkeit, ihre Freude, ihr Zutrauen und ihre Dankbarkeit? Sind wir nicht diejenigen, die den Boden unter den Füßen verlieren, wenn wir in einem Raum voller schweigender, in sich selbst versunkener Menschen sitzen?

Ich weiß, dass wir uns über unsere Erinnerungen überhaupt erst selbst erfahren. Es ist sicher ein unendlicher Verlust, die Erinnerungen an den eigenen Lebenslauf zu verlieren. Aber ich habe den Verdacht, dass wir „Gesunden“ damit mehr Schwierigkeiten haben, als die Erkrankten: Natürlich ist das individuell verschieden und es gibt kein „So ist es“ oder „So nicht“. Dennoch habe ich bei diesen „Gedächtsniskrankheiten“ Alzheimer und Demenz oft das Gefühl, dass wir nur aus unserer Perspektive darauf schauen. Ich habe zum Beispiel gemerkt, dass nonverbalen Zuwendung und körperlicher Kontakt eine Alternative zum Reden und viel Raum für Freude, Ausdruck, Nähe bieten. Warum denken wir uns so sehr über unseren Intellekt? Wie gesagt, ich bin mir darüber im Klaren, dass hier alle ihre ganz eigene Bedürfnisse haben. Dennoch habe ich den Eindruck, wir sollten Gedächtnis noch einmal anders denken. Und ob es noch etwas anderes in unseren Köpfen und Herzen gibt, das Kontakt zur Realität hält, etwas, auf das wir jenseits von Sprache setzen könnten.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 4

  1. tantemasha 7. März 2018

    Das ist eine interessante Frage. Ich denke, es geht ja beim Erinnern auch um Beziehung, wenn du sagst, daß die Umwelt eigentlich das größere Problem hat. Beziehung basiert auf Austausch, auf Sehen und Gesehenwerden, auf Geben und Nehmen. Es ist wohl schwer, die Art der Beziehung neu zu denken, gerade wenn Angehörige oder Freunde viele Jahre mit dem Menschen zusammengelebt haben, mal abgesehen davon welche Qualität die Beziehung hatte. Es ist jemand verschwunden, der ja eigentlich noch da ist und nach wie vor Aufmerksamkeit und Zuneigung braucht, die er selbst in dem Maße wie zuvor nicht mehr geben kann.
    Im Radio kam vor einiger Zeit ein Beitrag, der mich sehr nachdenklich gestimmt hat. Das Fazit war, dass Angehörige von Menschen, denen aufgrund von Krankheit die meisten Kommunikationswege genommen sind, die Lebensqualität der Patienten sehr viel schlechter einschätzen als die Erkrankten selbst.
    Eine wirkliche Antwort auf deine Frage ist das irgendwie auch nicht, aber ein Aspekt, der mich auch schon länger beschäftigt.
    Liebe Grüße, Annett

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    • Stephanie Jaeckel 7. März 2018

      Ein Aspekt, der einem allerdings meist nur bei Freunden oder Verwandten möglich ist: auf Liebe und Zuneigung zu setzen. Diese Gefühle bleiben. Auch wenn sie – wie bei „wachen“ Menschen auch – öfters Achterbahn fahren. Aber ich habe zum Beispiel von meiner an Alzheimer erkrankten Mutter so viel Zuneigung bekommen, wie mein gesamtes Leben vor ihrer Erkrankung nichts. Sie können viel geben, die dementen Menschen. Und wenn sie nur die unglaubliche Geduld aus uns herausschaufeln, indem sie sie uns täglich abfordern.

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      • tantemasha 7. März 2018

        Deine Geschichte erinnert mich ein wenig an die Mutter-Tochter-Beziehung in dem Film „Still Alice“. Hast du den gesehen? Sehr eindrücklich und bewegend. Es ist schön, dass du das mit deiner Mutter erleben konntest, auch wenn das sicher nicht immer einfach war. Meine Erfahrungen sind ein bißchen anders, aber das führt hier zu weit. 🙂

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        • Stephanie Jaeckel 8. März 2018

          Nein, den Film kenne ich nicht. Ich habe mich – das Buch von Arno Geiger ist die einzige Ausnahme – damals bewusst gegen Alzheimer-Filme oder Bücher entschieden. Ich hatte mit meiner eigenen Erfahrung genug. Die Geschichte mit meiner Mutter war gut, sogar schön. Aber alles andere als eine Idylle. Wir mussten beide unsere Vorbehalte über Bord werfen.

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