In der Zwischenzeit überlege ich mir das Motiv

Die westliche Malerei hat sich technisch immer weiter entwickelt. So konnten Farben ab dem 19. Jahrhundert vorproduziert und in Tuben quasi malfertig abgefüllt werden. Leinwände wurden ebenfalls mit der Industrialisierung normiert und fertig zum Verkauf angeboten. Die Fotografie trat in Konkurrenz mit gemalten Bildern, bewegte Bilder, Filme schließlich, folgten rasch. Bis heute geschieht es selten, dass jemand wieder hinter diese Errungenschaften zurückgeht.

Es gibt Gegenden auf der Welt, in denen die Zeit stehengeblieben scheint. Die Menschen leben dort wie unsere Altvorderen, zumindest wirkt das auf den ersten Blick so. Dennoch sind diese Leute unsere Zeitgenossen, die oft über eine viel größere Beweglichkeit im Kopf – und natürlich im Körper – verfügen. Einen Mann wie John Mawurndjul lebt eben nicht „im Busch“ und dort „hinter dem Mond“, wie man von hier aus vermuten mag, sondern ganz so wie wir auf dem schmalen Grat der Gegenwart, mit Kenntnissen aus der Vergangenheit, die uns längst abhanden gekommen sind. Wir sollten uns hüten, bei Menschen wie ihm weniger Wissen zu vermuten. Denn gerade diese uns längst verloren gegangenen Praktiken aus einer noch nicht technisierten Zeit könnten heute und in der Zukunft Wege öffnen, die wir uns mit dem ganzen Fortschritt in Richtung Effektivität möglicherweise verbaut haben.

Geschenkt, das klingt ziemlich romantisch. Aber ich hege einen hartnäckigen Verdacht. Allein diese kleine Bemerkung, dass er sich die Motive seiner Bilder erst ausdenkt, wenn die Rinden, die er statt Leinwände als Malgrund verwendet, geschnitten und zum Trocknen ausgelegt sind, bringt mich darauf, dass unsere Zeitorganisation, die alle möglichen Schritte so eng wie möglich ineinander schiebt, keine – nun sagen wir – endgültige Lösung sind. Ich mache gute Erfahrungen damit, Aufgaben zu strecken. Und verschiedene Tätigkeiten über den Tag hin miteinander verschachtele. Es geht um eine größere Zeitspanne für die jeweilige Aufgabe, die dadurch Luft gewinnt. Schachteln muss ich, weil auch bei mir Zeit oft knapp ist. Und weil Wechsel (zumindest für mich) ein Gewinn sind. Zwischenzeiten sind uns beim Beschleunigen abhanden gekommen. Das jedenfalls dachte ich, als ich gestern Mawurndjul zuhörte, der zu einem Künstlergespräch in den me Collectors Room gekommen war. Seine Bilder sind dort in der aktuellen Ausstellung „Indigenous Australia“ zu sehen, die noch bis Anfang April läuft. Eine ungemein spannende Ausstellung, die zum Nachdenken über das Hier und Heute, das Jetzt und Dort oder das Gestern und Morgen bringt. Vorn sind nicht immer die, die schneller sind, ist für mich ein Fazit nach dem Besuch. Oder: Vorn kann auch an mehreren Orten gleichzeitig sein.

Sehen lernen

gehört bis heute zum Curriculum von Kunsthistoriker/innen. Ich komme darauf, weil ich mich nach wie vor mit Johann Winckelmann beschäftige, der im 18. Jahrhundert die Kunstgeschichte als Wissenschaft mit aus der Taufe hob und gerade Sehen zur wichtigsten Voraussetzung machte. Winckelmann als Kind aus einfachsten Verhältnissen. Was gerne betont wird. Winckelmann als Selfmademan, der die Fähigkeiten in sich selbst sieht, denn Sehen kann jede/r lernen, die oder der wache Augen hat. Eine große Bibliothek oder sonstiger Zugang zur Bildung sind – erst einmal zumindest – nicht nötig.

Sehen lernen hat umgekehrt keinen guten Ruf. Oder, um es anders zu formulieren: Was bitteschön soll denn da gelehrt und gelernt werden? Kann nicht jede/r sehen? Nein. Tatsächlich nicht. Denn wir sehen nur, was wir wissen. Wir erkennen, was wir schon einmal gesehen haben. Sehen ist ein lebenslanges Training. Erschwert übrigens durch die nachlassende Sehkraft der Augen (davon kann ich leider auch schon Lieder singen). Und – auch andere Berufsgruppen sind mit Sehen lernen beschäftigt. Nicht nur Kreativköpfe. Metzger/innen, Obsthändler/innen, Bäcker/innen, Informatiker/innen, Schreiner/innen, und, und, und – was wären sie alle ohne geschärften Blick?

Sehen ist die Fähigkeit des Menschen, sich in der Welt zu verankern. Wie auch die anderen vier Sinne. Sehen lernen ist insofern eine entscheidende Aufgabe für alle. Und eine äußerst vergnügliche. Oder wie heißt das Spiel – Ich sehe was, was Du (noch) nicht siehst…

 

Rechtzeitig „Ja“ sagen

In vielen Ratgebern ist zu lesen, man solle rechtzeitig „Nein“ sagen, weil die vielen „Ja.s“ zu häufig in Überforderung enden.

Dagegen ist nichts. Aber: Rechtzeitig „Ja“ sagen heißt auch, das Abwägen über Bord werfen. Zeit machen. Sich überraschen lassen.

Die letzten Wochen habe ich mich fürs mehr oder weniger kopflose „ja“ entschieden. Es war aufregend. Was nicht heißt, dass ich nie wieder „nein“ sagen werde. Aber das „ja“, wohin auch immer, öffnet. Nicht die schlechteste Option im Leben…

Augen öffnen,

und natürlich auch immer wieder: Atem anhalten. Kunst kann einem derart den Horizont aufreißen. Manchmal bin ich platt, dass es immer und immer wieder funktioniert. Auch wenn man sich wie ich seit Jahrzehnten mit Kunst abgibt. Und – wenn ich ehrlich bin – die zwischengeschobenen Ausstellungsbesuche, die, die man schnell vom Bahnhof aus erledigt, bevor man zum „eigentlichen“ Termin geht, oder die, die sich aus Wartezeiten ergeben oder aus einer plötzlichen Laune heraus, können die eindrücklichsten sein.

So geschehen letzten Freitag, als ich in Hannover auf meine Freundin Barbara wartete. Sie musste noch arbeiten und ich war etwas früher angereist, um mich in der Stadt umzusehen. Das Sprengel-Museum kenne ich von vor über 10 Jahren. Aber dass es so fantastisch ist, wie es ist, hatte ich vergessen.

Aktuell – und noch bis zum 6. Mai – läuft dort die Ausstellung: „Figuren Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover“. Ein langer Titel, hinter dem sich ein einfaches, aber verblüffend weitreichendes Konzept verbirgt: Fotografien von Rieke Dijkstra und Werke aus der Sammlung des Museums gegenüberzustellen.

Was passiert? Rineke Dijkstra fotografiert Menschen, oft Kinder oder Jugendliche, die vor der Kamera posieren und eben gerade nicht, woraus ein Ungleichgewicht und gleichzeitig eine Balance entsteht, die überraschen (und ans Herz gehen). Es gibt gleich am Anfang einen Raum, in dem Porträts von drei Schwestern hängen, die Dijkstra über die Jahre fotografiert hat. Same, same, but different. Eine so zarte Annäherung an das Vergehen der Zeit habe ich selten gesehen, zumal es junge Frauen sind, also das Thema Altern/Vergänglichkeit keine Rolle spielt. Davor und daneben stehen Skulpturen aus der Sprengel-Sammlung, die auf eine ebenfalls zarte, aber genaue Art die Menschenfotos spiegeln: Als Formen, die Möglichkeiten des Aufrechtstehens zeigen, als Fantasien, die in den Köpfen der Menschen entstehen, als Spiel und Freude am Sein.

Besonders angesprochen hat mich die Serie „Beach Portraits“ aus den 1990er Jahren. Dijkstra fotografierte Kinder und Jugendliche am Strand. Sie stehen dort, im Rücken das Meer, nur sie selbst, mit dem Blick in die Kamera einer fremden Frau, der sie sich anvertrauen. Es sind diese jungen Körper, die noch wachsen, und die so unterschiedlich sind wie die Fische im Wasser und alle schön, was überrascht und beim Betrachten glücklich macht. Kein Mensch ist häßlich. Mit diesem Gedanken gehe ich aus der Sonderausstellung in die Sammlung, die noch einige weitere Höhepunkte für mich bereit hielt. Fazit? Unbedingt hingehen!!!

 

Figuren Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover. Ebd. Bis zum 6. Mai 2018.

Gerlind Reinshagen: Atem anhalten

Gedichte hat sie nie veröffentlicht. Dafür aber hin und wieder welche geschrieben. Gerlind Reinshagen wird im Mai 92 Jahre alt und ist, wie sie gestern im Buchhändlerkeller verraten hat, seit kurzem in einem Heim. Es sei spannend dort, so viele interessante Leute, aber zum Schreiben komme sie jetzt nicht mehr. Man glaubt ihr beides, wie sie so klein, zart und mit verschmitztem Blick vor einem sitzt. Das gäbe ein fantastisches Porträt eines Heiminnenlebens denke ich wehmütig. Aber dass sie bestimmt auch jetzt noch ein paar Gedichte schreibt, aufs weiße Blatt Papier, auf dem sie gerne mal mit einem Kästchen in der Mitte und einer nachtgezeichneten Hand rechts unten beginnt, Prokrastination nennt sie das nicht, aber alle im Raum, die ihre Ausweichmanöver vor dem Anfangen – das Gedicht heißt sinnreich „Jetzt“ – hören, lachen laut und leise mit, ihnen steht das neumodische Wort breit auf die Stirn geschrieben.

Auch das aktuelle Buch „Atem anhalten“ sei eher zufällig entstanden. Weil Gedichte überall herumlagen, während sie keinen neuen Prosatext mehr in Angriff genommen habe. Gut, dass jemand gefragt hat, denn die Gedichte sind so eigen und so kompakt in ihrer eher suchenden und umkreisenden Struktur, die Wörter so genau und manchmal scharf wie Rasierklingen, meist aber ebenso zart und anschmiegsam, dass es einem den Atem nimmt.

„Atem anhalten“ heißt der gar nicht mal so schmale Gedichtband, weil Gerlind Reinshagen Momente beschreibt, in denen wir das automatisch tun, große Momente, die ebenso schrecklich wie großartig sein können. Es werde gegenwärtig zu wenig auf die Schönheit geschaut, sagt sie, als sie kurz vor Schluss der Lesung (wirklich hinreissend: Katharina Döbler und Heiko Hartmann) selbst aufs Podium klettert, selbst ein Gedicht liest, das leider zu spät entstanden ist, und es deshalb nicht mehr ins Buch geschafft hat, und einige Fragen beantwortet. Wir konzentrierten uns auf den Schrecken und ließen die Schönheit – jedenfalls augenblicklich – links liegen, so ihre Analyse, ich habe natürlich mit dem Kopf genickt (in echt und in Gedanken): Schließlich versuche ich mit den Klunkern genau das (da Gerlind Reinshagen den Krieg erlebt hat, enthebt sie übrigens jedem Verdacht, auf einem Auge blind zu sein…)

Besonders schön und atemraubend finde ich gleich das erste Gedicht in dem neuen Buch unter der Rubrik „Annäherung“. Es hat den Titel „Annäherung an eine Person“ und fängt so an:

Leicht gefügt scheint

Die erste Wand

Überwindlich

Im Vergleich zur nächsten

Von den folgenden

Nicht mehr zu reden

Wie überhaupt

dem ganzen Gebäude

Das er

Oder sie

Unter Unbilden

Schwitzend

Tagtäglich sich schichtet

Kunstvoll

Die Puppe

Die Muschel

Oder auch dieses japanische Haus 

Mit den beweglichen Wänden

Klug erdacht

Von der verletzlichen Kreatur

Veränderbar

Um sich nicht finden zu lassen

(…)

Gerlind Reinshagen, Atem Anhalten – Gesammelte Gedichte, Suhrkamp 2018, 20,00 €

 

Weiterfragen

Wahrscheinlich werden wir als Menschen wirklich alt, wenn wir aufhören, Fragen zu stellen. Was etwas ist. Oder sein könnte. Wozu, warum, weshalb? Wo vor allem oder woher? Warum habe ich mich das noch nie gefragt – geht mir manchmal durch den Sinn. Oder am Wochenende, das ich mit Freundinnen verbracht habe: Wieso wusste ich das nicht? Und: Warum um alles in der Welt habe ich es nicht gemerkt? Wieso gefällt mir etwas mehr als etwas anderes? Welches Detail habe ich hier noch nie gesehen oder dort nicht bemerkt? Manchmal scheint mir meine Erinnerung, die ja meine Vorstellungen ausstattet, so unvollständig und damit unzuverlässig. Ich weiß zu viel, fürchte ich. Das heißt, ich schaue nicht genug. Und wenn ich Dich wiedersehe, denke ich, ach ja.

Stille

Ich lebe gerne in der Großstadt. Aber solche Sonnenaufgänge gibt es nur auf dem Land. Momente, sich groß zu fühlen. Und ganz allein auf der Welt.

Gutenachtgeschichte

Ihr müsst schon ein bisschen näher ranrücken, alte Teddys brummen nicht mehr ganz so laut. Aber alle haben ein paar tolle Geschichten auf Lager. Mit denen sie auch hartnäckige Fälle in den Schlaf bringen. Hört mal!

So schnell kann es gehen

Gestern noch kam mein Freund Carsten außer Atem bei mir an: fast wäre er von einem Auto überfahren worden. Ein Schreck, den ich fast körperlich spürte, so als wäre zwischen seiner Anwesenheit und seinem Verschwinden tatsächlich nur ein Hauch. Und als könne er sich in Luft auflösen, wenn ich mir den Unfall auch nur vorzustellen wagte.

Heute Nachmittag bin ich fast an einem verschluckten – bzw. in die Luftröhre geratenen – Stück Haselnuss erstickt. So schnell kann es gehen. Aber auch hier: Was als Desaster beginnt, kann als große Feier enden. Denn auch wenn ich vom Husten und Schlucken tierische Kopfschmerzen habe: ich weiß gar nicht wohin vor Glück am Leben zu sein.

Enttäuschungen wegstecken

Für freie Autor/innen bleiben sie natürlich nicht aus: die Enttäuschungen. Wir bieten unsere Ideen an, passen sie auf alle möglichen Formate (oder entwickeln diese gleich mit), recherchieren, erkunden, geben Wissen preis – und werden am Ende abgelehnt.

Dabei geht es nicht um die Härte, tage-, manchmal wochenlang an einem Vorschlag zu arbeiten, der auf keinerlei Gegenliebe stößt. Es geht um die Art, mit der wir immer wieder gegen Wände laufen, die übrigens weder männer- noch frauentypisch sind, die aber, wie ich finde, Schandmale in der Arbeitswelt sind, weil nicht nötig: Das pure Ignorieren.

Wer einen Vorschlag macht, rechnet damit, abgelehnt zu werden. Nicht nur, weil eine Idee vielleicht noch unfertig ist oder – im schlimmsten Fall – überflüssig. Oft kann ich ja nicht wissen, wie die internen Planungen laufen, ob es eine ähnliche Idee schon gibt, ob Geld da ist oder genug Manpower zur Umsetzung. Vielleicht hatte der Umschlag auch bloß die falsche Farbe, Gründe sind unvorhersehbar. Und natürlich alle gleich gültig.

Wirklich bitter sind die verschleppten Antworten, die über eine lange Zeit zum Nein werden, wo eine Absage doch für beide Seiten akzeptabel ist. Es geht mir nicht ums Lamentieren, sondern um Verständnis: Ist es so schwer, etwas abzusagen? Oder macht es Spass, jemanden monatelang hinzuhalten und dann so zu tun, als sei diese/r Jemand begriffsstutzig oder – schlimmer noch – lästig? Mehr Augenhöhe ist für beide Seiten von Vorteil. Denn nur sie ermöglicht gute Arbeit und beste Ergebnisse. Was läuft da falsch?

Doch. Es gibt auch hier ein Happy End. Denn wo Enttäuschungen sind, ploppen unvermutet neue Möglichkeiten auf. Einladungen, Angebote, Rückmeldungen. Sich dann an einer Enttäuschung festzubeißen, ist sicher falsch. Sie aber kommentarlos zu übergehen, ist für mein Gefühl auch kein Weg. Weil diese Kommentarlosigkeit etwas in unserem Umgang zementiert, was ganz und gar nicht gut ist. Denn auch hier geht es um Macht-Mißbrauch. Egal ob von Mann zu Frau, Mann zu Mann, Frau zu Mann oder Frau zu Frau.