In eigener Sache

Am 16. März besuche ich die Leipziger Buchmesse. Ich bin eine Art Neuling – das erste und bislang einzige Mal war ich mit einem so gigantischen Schnupfen dort, dass ich mich eigentlich nur an meinem Taschentuch festgehalten habe. Gespräche habe ich gemieden, ich war einfach eine bazillengetränkte Zumutung (äh, nee, es sind Viren – oder?). Egal. Falls jemand von Euch Blogger/innen dort ist – sagt doch Bescheid, vielleicht können sich unsere Wege kurz kreuzen. Das würde mich freuen. Oder gebt mir Tipps, was sich für so einen einzigen, winzigen Tag lohnt. Danke!

Ist das so?

Ich habe gestern einen Artikel in einer – zugegeben – Frauenzeitschrift gelesen, in dem es um Alkoholverzicht geht. Die Autorin schreibt über große Schwierigkeiten – bis hin zu auseinandergegangenen Freundschaften – die auf ihre Entscheidung folgten, keinen Alkohol zu trinken.

Ich bin überrascht. Ist das so? Ich meine, ist das in den jüngeren Generationen schon wieder so? – Ich bin ja mittlerweile über 50. Ich kenne etliche Frauen, die mit Beginn der Wechseljahre keinen Alkohol mehr vertragen und ihn seitdem konsequent meiden. Es gibt viele Leute, die Alkohol-Fastenzeiten einlegen, und immer wieder auf das Glas Sekt zum Anstoßen auf Geburtstage verzichten, ohne dass es einen Aufstand von Seiten der Gastgeber/innen gäbe. Wer eine Diät macht, trinkt meist keinen Alkohol. Es gibt natürlich auch immer die Leute, die mit dem Auto gekommen sind, obwohl das in Berlin eher die Ausnahme ist. Oder die ersten Herzinfarktpatienten. Ich erlebe es nie, dass hier Zwang à la „ach, stell Dich nicht so an, ist doch nur ein Glas“ oder so ausgeübt wird.

Ich erlebe es allerdings umgekehrt auch nicht, dass mir mein alkoholisierter Freundeskreis spassmäßig davon galoppiert, wenn ich nichts trinke. Im Gegenteil, ich lasse mich schnell von ausgelassener Laune mitreißen, ohne dass ich selber einen im Tee haben muss. Mein rheinisches Gemüt? Vielleicht. War aber nie ein Problem. Wie ist das bei Euch? Kennt Ihr das auch so – also eher entspannt? Oder fühlt Ihr Euch in Erklärungsnot, wenn Ihr mal oder immer auf Alkohol bei einer Freundesrunde verzichtet?

 

„Wie wir begehren“

So lautet der Titel des 2012 erschienen Buchs von Carolin Emcke, in dem es um gleichgeschlechtliche Liebe geht und um das Erwachen der Sexualität in (?) Teenagern der 1970er Jahre – ein wirklich weites Feld… ich habe es selbst erlebt.

Und obwohl ich das Buch unbedingt zum Lesen anpreisen will, ist das hier keine Rezension. Ich bin auf der Suche nach Hinweisen über den Zusammenhang von Liebe und Freiheit auf das Buch gestoßen. Denn ich möchte wissen, ob Begehren immer ein Gefängnis werden muss, weil man sich zu sehr auf das Begehrte fokussiert. Oder ob es doch umgekehrt die Voraussetzung für Freiheit sein könnte. Wenn man (also in diesem Fall ich) darauf verzichten könnte, das, den oder die Begehrte/n zum alleinigen Zentrum des Leben zu machen? Und ob das wiederum eine bloße Illusion ist, weil man als Mensch am Ende eben doch nicht anders kann, als den oder die anfangs Fremde/n ins eigene Leben zu kolonialisieren.

Festschreibungen zu umgehen. Das schafft Carolin Emckes Buch mit einer Leichtigkeit, die mich umhaut. Sie bleibt immerzu beim scharfen Beobachten, was ich zum Beispiel bei der Wortlosigkeit, die in den 1970er Jahren beim Thema Sexualität herrschte, umwerfend finde. Ich selbst stoße hier immer wieder auf die großen „Löcher“ die ich als Heranwachsende spürte, Zonen, die unangenehm und interessant in einem waren, und die mit niemanden besprochen werden konnten, weil die, die darüber wussten, aus Scham schwiegen und die anderen genauso sprachlos waren, wie ich selbst.

Obwohl ich nicht homosexuell bin, habe ich mich in meinem Begehren immer als Außenseiterin empfunden. Vielleicht, weil ich das Modell „Vater, Mutter, Kind(er)“ von klein an verworfen habe. Wo begehrt man hin, wenn am Ende kein Haus da steht, oder nicht wenigstens eine geteilte Mietwohnung, ein Ring und gemeinsame Reisen?

Wo begehrt man hin, wenn das Fremde spannender ist, als das, was man kennt? Oder – um mit dem Kleinen Prinzen zu sprechen – wohin kann man ein Gegenüber zähmen, wenn man es nicht vereinnahmen will? Und wie kann ich mit Lust und großer Freude in eine Unsicherheit begehren ohne unentwegt einen Verlust zu fürchten? Oder allgemeiner: kommen Lust und Glück jemals zusammen?

Es berührt mich, dass Carolin Emcke gerade Musik als Möglichkeit beschreibt, die eigenen, unbennenbaren Gefühle zu erforschen. Es ist (vielleicht !?) – zumindest für Menschen, die Musik lieben –  ein bislang immer noch zu wenig bekannter Königsweg, sich im eigenen Liebesuniversum zurecht zu finden.

Kein Fazit. Auf jeden Fall ein hinreißendes Buch:

Carolin Ecke, Wie wir begehren, Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2012.

 

 

 

 

Schönheitsideal

Ich beschäftige mich gerade mit Johann Winckelmann, einem Schriftsteller des 18. Jahrhunderts, der das Schönheitsideal seiner Zeit wesentlich mitprägte. Er war begeistert von den antiken Skulpturen, die damals in Rom und Umgebung wieder ausgegraben wurden. Hier, in der Vergangenheit, liege das Vorbild universeller Schönheit, namentlich griechische Künstler seien Meister gewesen, deren Werke Vorbild sein müssten, auch wenn diese Vorbilder nie mehr – so jedenfalls Winckelmanns Ansicht, erreicht werden könnten. Man mag an das „goldene Zeitalter“ denken, jenes Paradies der Menschheit, das von vielen in die Frühzeit gedacht wurde, in eine Ära, in der die Menschen vermeintlich „unschuldig“ und glücklich im Schoß der Natur lebten.

Es ist ein mit Trauer gemischtes Ideal, ein ewiges Hintanstehen gegenüber der wahren Schönheit. Alles, was wir heute – so Winckelmann – erreichen können, ist die Nachahmung des Wahren. Und das Wahre war – in menschliche Schönheit umgemünzt – ein schlanker, trainierter Körper. Das Ideal war ein sportlicher Mensch, der sich bewegte und zur Not auch fastete, um gut auszusehen. Natürlichkeit ist Trumpf. Wem hier nicht die Ohren klingeln…

Winckelmann war ein Kind des Barockzeitalters. Hier war es ein eher wohlgenährter, korpulenter Körper, der schön genannt wurde. Es war der lust- und genußfreudige Mensch, der sich jedoch in der Öffentlichkeit gezügelt zeigen musste: Korsetts und die kompliziert aufgebauten Damenfrisuren, bzw. Perücken der Herren sprechen davon. Weiße Haut, mit Rouge gerötete Wangen und kohlengeschwärzte Augenbrauen standen des weiteren hoch im Kurs.

Klar ist: ein Ideal schert alle über einen Kamm. Und ebenso klar, zumindest, wenn wir Winckelmann folgen: ein Ideal ist per se nie zu erreichen. Insofern ist mir die barocke Zeit sympathischer. Es ging ausgelassener in der Mode zu und phantasievoller. Zumal auch Männer sich noch schmücken durften. Dennoch, die „klare Linie“ scheint auch etwas zu sein, was Menschen seit eh und je und rund um den Erdball begeistert. Das Foto habe ich im Asian Art Museum in San Francisco gemacht. Und leider nicht notiert, wessen wundervollen Bauchnabel wir hier sehen. „Edle Einfalt, stille Größe“ – Winckelmann hätte sicher seine Freude gehabt!

Anfangen

Mit dem Fasten vielleicht? Oder mit was anderem. Es gibt so viel, was wir täglich absolvieren. Dass wir uns oft gar nicht mehr anzufangen trauen. Aber eben. Und nochmal anfangen. Und nochmal. Jeder Sonnenaufgang ist anders. Ich schwör’s!

Lichttaxi

Neulich, als ich nicht sofort einschlafen konnte, habe ich mir ein Alien ausgedacht, das in Windeseile dorthin kommt, wo es sich hindenkt, allerdings nur, wenn es den korrekten Weg weiß. Es nimmt dann so etwas wie Witterung auf, denkt die Route von dem Punkt aus, wo es ist und entschwindet dorthin. Zugegeben, keine besonders innovative Fortbewegung. Aber ich musste das Alien von A nach B bringen, ohne dass Spuren sichtbar waren. Geschwindigkeit war auch gefragt. Keine Frage dagegen, dass ich das auch gerne könnte. Vor allem wenn Bahnfahrten auf dem Programm stehen.

Heute hat es fast geklappt. Ich habe mir vorgestellt, wie ich zur ersten Zwischenstation komme, dann zum Ziel und eh ich mich versah, war ich schon da. Hat umgekehrt auch geklappt. Allerdings habe ich das strahlende Wetter im Verdacht für die merkwürdige Beschleunigung (denn normalerweise – und ganz ohne Verspätung – dauern meine Bahnreisen immer länger als auf der Fahrkarte gedruckt). Als wäre ich auf den Sonnenstrahlen unterwegs gewesen. Oder war es vielleicht so eine luftige windschnittige Wolke?

 

Schreiben als Triathlon

Mindestens. Heute dachte ich: Es entsteht eine Schrift (und damit eine Art Zeichnung), eine Strophe mit Sprachmelodie und Rhythmus, nicht zuletzt eine Geschichte, eine Beschreibung, eine Ansprache. Wir können nicht so tun, als sei Schreiben nur eins: Das Zimmern eines Denkraums. Oder: Als seien es nur Wörter. Es sind ja auch die Pausen dazwischen. Der Widerstand der Konsonanten oder die losen Fäden einer zu schnellen Idee. Oder: Stanzen Sie mal ein exaktes Loch zwischen zwei Sätze (nichts ist langweiliger, als wenn der zweite Satz da anfängt, wo der erste aufhört). Und schreiben Sie sich mal aus einem Abgrund heraus. Denn meist ist ein Abgrund das Aufregende im Text, nicht der bequeme Weg von A nach B. Wir machen so viel, wenn wir nur einen Satz schreiben. Linearität ist dabei ein Irrlicht. Natürlich fängt ein Satz vorne an und hört hinten auf. Aber wie viele Richtungen er zwischendurch noch einschlagen kann – und manche Autor/innen können sogar im Rückwärtsgang schreiben. Nein, das ist natürlich nichts Neues unter der Sonne. Ich staune nur immer wieder, dass wir der Sache nicht auf die Spur komme. Wir setzen uns an den Schreibtisch, konzentrieren uns und am Ende steht etwas auf dem Papier. Vielleicht sehen Fliegen ja mehr. Ich habe gelesen dass sie schneller gucken als wir, weil – tja, den Teil habe ich vergessen. War es wirklich, weil sie kürzer leben? Vielleicht können sie erkennen, wie viele Bewegungen wir machen – einer hundertarmigen Göttin vergleichbar – während unsereins denkt, nur einen Stift weiter übers Blatt zu schieben. Aber genug. In Wahrheit bin ich viel zu müde, um auch nur einen weiteren Buchstaben zu tippen. Das Foto zeigt übrigens einen gelungenen Satz: Hier spielen die Wörter, Silben, Klangfarben und Ideen fangen…

 

Überraschung!

Was macht die Pilzsucherin im Wald? Sie geht die ihr bekannten Stellen ab. Aber dann sucht sie auch immer wieder in anderen Ecken im Dickicht, dort, wo sie letztes und überletztes Jahr nicht war und auch nicht im Jahr davor. Lichtungen, die sonst nicht einladend wirkten stehen auf einmal vor ihr. Wäre doch schade –

Und was der Pilzsucherin recht, kann mir nur billig sein. Letzte Woche habe ich meine allererste Rock-Platte, was de facto – und fast ebenso veraltet – Rock-CD heißen müsste (aber wie bescheuert klingt das denn???), gekauft. Höre ich jetzt täglich und inbrünstig: Beth Hart und Joe Bonamassa: Black Coffee (wozu bitte wünscht man sich eine Kaffeemaschine zum Geburtstag – !?).

Und dann bin ich gestern dank eines Anrufs meiner Freundin Sieglinde und zweier in einem anderen Haushalt übriggebliebener Tickets in Simon Rattles letzte „Late Night“ in der Philharmonie gelandet, wo mich eine noch größere Überraschung erwartete: Ich meine, wer vermutet von einem Dirigenten der Berliner Philharmoniker aus seinem Klangkörper Tanz-, Jazz- und hm, eine Art tanzbarer Klassischer Musik (nennt sich Third Way, guckt es nach, ich kann es nicht erklären) hervorzuzaubern, dass man sich ins New Yorck der 1920er Jahre versetzt fühlt (und wieso hatte ich die doofe Idee, Hose und Pulli anzuziehen? Ein Glitzerkleid wäre wirklich das Mindeste gewesen!). Paul Whiteman stand auf dem Programm – schaut auch nach, ich kanns noch gar nicht in Worte fassen. Also, Whiteman war (auch mal) Bandleader in einem Hotel in San Fransisco. Beth Hart kommt aus Los Angeles. Nur um zu klären, dass damit für mich schon wieder alles in Butter ist. Und dies und das eben doch zusammengehören.

Natürlich kenne ich Whitemans Musik. Seinen Namen hatte ich allerdings noch nie gehört. Und noch nie gehört hatte ich den unglaublich vollen und klaren Sound der Philharmoniker in der nach wie vor unglaublichsten Konzerthalle des Universums mit dieser tollen Musik. Sie hat mich vom ersten Ton an aus dem Sitz gehoben. Es gab auch die Rhapsodie in Blue, die Whiteman damals bei Gershwin in Auftrag gegeben hatte, um einen Versuch zu wagen, Jazz mit dem satten Klassiksound eines Sinfonieorchesters zu verbinden. Und gleich noch ein unverhoffter Riesenpilz stand da vor mir. Die Rhapsodie in Blue scheine ich doch mehr als einmal in meiner Jugend gehört zu haben. Als sie gestern Abend gespielt wurde, blätterte sie sich immer ein, zwei Noten, vielleicht auch ein, zwei Takte vorab in meinem Kopf auf, so wie vermutlich andere Menschen klassische Musikstücke im Konzert hören, die sie seit Jahren gut kennen. Das heißt, ich hatte eigentlich zwei Stücke im Kopf. Das eine, was ich von früher kannte – und das sich erstaunlich scharfkantig aus meiner Erinnerung hob, und das, was gerade – übrigens fulminant – gespielt wurde. Was für eine Sause! Also, mein Tipp: Pilze 🍄 🍄 🍄 🍄  (ja, ja, ja, doch, der Rechner darf auch mal wieder) suchen. Es lohnt sich.