Überraschung!

Was macht die Pilzsucherin im Wald? Sie geht die ihr bekannten Stellen ab. Aber dann sucht sie auch immer wieder in anderen Ecken im Dickicht, dort, wo sie letztes und überletztes Jahr nicht war und auch nicht im Jahr davor. Lichtungen, die sonst nicht einladend wirkten stehen auf einmal vor ihr. Wäre doch schade –

Und was der Pilzsucherin recht, kann mir nur billig sein. Letzte Woche habe ich meine allererste Rock-Platte, was de facto – und fast ebenso veraltet – Rock-CD heißen müsste (aber wie bescheuert klingt das denn???), gekauft. Höre ich jetzt täglich und inbrünstig: Beth Hart und Joe Bonamassa: Black Coffee (wozu bitte wünscht man sich eine Kaffeemaschine zum Geburtstag – !?).

Und dann bin ich gestern dank eines Anrufs meiner Freundin Sieglinde und zweier in einem anderen Haushalt übriggebliebener Tickets in Simon Rattles letzte „Late Night“ in der Philharmonie gelandet, wo mich eine noch größere Überraschung erwartete: Ich meine, wer vermutet von einem Dirigenten der Berliner Philharmoniker aus seinem Klangkörper Tanz-, Jazz- und hm, eine Art tanzbarer Klassischer Musik (nennt sich Third Way, guckt es nach, ich kann es nicht erklären) hervorzuzaubern, dass man sich ins New Yorck der 1920er Jahre versetzt fühlt (und wieso hatte ich die doofe Idee, Hose und Pulli anzuziehen? Ein Glitzerkleid wäre wirklich das Mindeste gewesen!). Paul Whiteman stand auf dem Programm – schaut auch nach, ich kanns noch gar nicht in Worte fassen. Also, Whiteman war (auch mal) Bandleader in einem Hotel in San Fransisco. Beth Hart kommt aus Los Angeles. Nur um zu klären, dass damit für mich schon wieder alles in Butter ist. Und dies und das eben doch zusammengehören.

Natürlich kenne ich Whitemans Musik. Seinen Namen hatte ich allerdings noch nie gehört. Und noch nie gehört hatte ich den unglaublich vollen und klaren Sound der Philharmoniker in der nach wie vor unglaublichsten Konzerthalle des Universums mit dieser tollen Musik. Sie hat mich vom ersten Ton an aus dem Sitz gehoben. Es gab auch die Rhapsodie in Blue, die Whiteman damals bei Gershwin in Auftrag gegeben hatte, um einen Versuch zu wagen, Jazz mit dem satten Klassiksound eines Sinfonieorchesters zu verbinden. Und gleich noch ein unverhoffter Riesenpilz stand da vor mir. Die Rhapsodie in Blue scheine ich doch mehr als einmal in meiner Jugend gehört zu haben. Als sie gestern Abend gespielt wurde, blätterte sie sich immer ein, zwei Noten, vielleicht auch ein, zwei Takte vorab in meinem Kopf auf, so wie vermutlich andere Menschen klassische Musikstücke im Konzert hören, die sie seit Jahren gut kennen. Das heißt, ich hatte eigentlich zwei Stücke im Kopf. Das eine, was ich von früher kannte – und das sich erstaunlich scharfkantig aus meiner Erinnerung hob, und das, was gerade – übrigens fulminant – gespielt wurde. Was für eine Sause! Also, mein Tipp: Pilze 🍄 🍄 🍄 🍄  (ja, ja, ja, doch, der Rechner darf auch mal wieder) suchen. Es lohnt sich.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

    • Stephanie Jaeckel 12. Februar 2018

      Bei den „Musik-Pilzen“ bin ich eigentlich seit Jahren ziemlich eingefahren. Ich höre gerne, was man landläufig „klassische“ Musik nennt bis hin zu Neuer Musik, ansonsten ist mir seit etwa anderthalb Jahren auch wieder Popmusik wichtig geworden. Dort höre ich eher amerikanische Musik und dann eher welche aus der afroamerikanischen Tradition (R’n’B zum Beispiel) – pfffffff genauer kann ich das leider (noch) nicht umschreiben. Jazz höre ich quasi nie. Außer ich werde in ein Konzert eingeladen. – Und danke für die Klangfarben: Die meisten Redakteur/innen korrigieren die erst mal weg – zu umständliche Diktion, nochmal pffffff….

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