Schreiben nach Zahlen

Ein Kollege erzählte mir eben auf dem Weg nach Hause, dass Romanbiografien gerade en Vogue sind. Ich musste erst einen Moment überlegen, was mit dem Begriff gemeint ist (fiktive Lebensgeschichten über reale Menschen) und es hat noch einiges länger gedauert, bis mir ein, zwei, drei Bücher einfielen, die unter diese Kategorie fallen, und die ich selbst gelesen habe (obwohl mich die ganze Zeit der Verdacht umschleicht, dass es mehr sein müssten – ???).

Kurz und gut. Diese erste Romanbiografie war „Desirée“ von Annemaire Selinko (musste ich nachschauen). Ich habe sie noch in der Schulzeit gelesen, und es war das zweite Buch, das ich ganz durchgelesen habe neben „Die Nonne“ von Diderot. Ich war aufgewühlt wie nach einem Kinofilm, als ich das Buch aus der Hand legte – vielleicht ist genau das eines der Kriterien für das Genre, denke ich dabei.

Die beiden anderen Bücher kamen viel später. Zwei ist dabei eigentlich kein Roman, sondern eine Erzählung. Und gleichzeitig eines der umwerfendsten und kältesten Bücher, die ich je gelesen habe: „Kein Ort. Nirgends“ von Christa Wolf. Kein aufgewühltes Kinogefühl danach, eher eine Wachheit und ein fremd-in-der-Welt-stehen, das sich richtig anfühlte und so weit in meine Kindheit zurückreichte, dass mir noch kälter wurde.

Drei ist das schmale Buch „Die kleine Stechardin“ von Gert Hofmann, kühn, brillant, witzig, komisch, traurig auch, obwohl es eine so schöne Liebesgeschichte ist. Das möchte ich auch mal erleben, dachte ich, aber auch: so möchte ich schreiben können.

Eins ist klar. Ich werde diese drei Bücher noch einmal lesen, denn, doch, jetzt bin ich neugierig geworden, ob und wie das mit den fiktiven Geschichten funktioniert. Ihr hört von mir.

 

Strüßjer, Kamelle, Bützje!

Los gehts! In Köln war schon heute niemand mehr ans Telefon zu bekommen. Ich finde: unbedingt nachahmen. Und wenigstens am Wochenende feiern, als wenn es kein morgen gibt. Das Leben ist zu kurz. Feiert, egal was! Hoch die Tassen!

Auf Eiern gehen

Es gibt Konflikte, die begleiten einen ein Leben lang. Oder zumindest Jahrzehnte des Lebens. Oft hängen sie mit der Familie zusammen. Und wer sich nicht dazu entschließt, sich von der Familie abzusetzen und den Kontakt mehr oder ganz abzubrechen, trägt sie zuverlässig mit sich herum.

Interessant an solchen Endloskonflikten ist eigentlich, dass sie – wie jede harte Nuss – verschiedene Herangehensweisen nach sich ziehen. Lange Zeit habe ich mir die Zähne in Streitereien ausgebissen, weil ich nach der „Wahrheit“ gesucht habe. Ganz mühsam begreife ich – und das ist tatsächlich ein Ergebnis der Qual der ewigen Wiederholung – dass es verschiedene Wahrheiten gibt, und es sinnvoller ist, ein gutes Miteinander auszubalancieren, statt Gerechtigkeit zu suchen. Wobei eine Balance durchaus gerechte Momente beinhaltet. Lösungen brauchen immer ein offenes Herz und sehr viel Kreativität. Wären es nicht die eigenen Konflikte, könnte man sogar von spannenden Aufgaben sprechen.

Das Foto zeigt nicht unbedingt einen Konflikt. Es ist vielmehr eine Fortsetzung des letzten Klunkers: beautiful and strange…

Schablonen

Diese Bronzefiguren sind im Alten Museum in Berlin zu sehen. Sie stehen einmütig in einer Vitrine der Etrusker-Sammlung zusammen und zeigen uns ein nur zu gut bekanntes Männerbild: starke, selbstbewußte, kämpferische Athleten in Siegerpose.

Das Lachen ist mir zügig vergangen. Denn – doch, ja, ich habe genau dieses Bild verinnerlicht. Schon irre oder? Die Figuren sind um die 2000 Jahre alt. Das nennt man ein zähes Vorurteil – oder?

Eigentlich überdenke ich in letzter Zeit immer wieder mein Frauenbild und also einen großen Teil meines eigenen Selbstverständnisses. Männer schienen mir nicht so das Problem. Von wegen! Wenn ich es mir überlege, habe ich so vorzeitliche Erwartungen an meine männlichen Gegenüber, dass ich mich diesbezüglich sicher bestens mit den Etruskerinnen der Antike verstehen würde.

Vielleicht passieren Verschiebungen vor allem, wenn man verliebt ist. Denn das Gegenüber ist einem so wertvoll, so außergewöhnlich, rätselhaft und wunderbar, dass alle festen Vorstellungen plötzlich beweglich werden. Weil auch jede Regung des anderen erspürt und bedacht wird. Warum sagt er dies? Wieso zuckt er hier zurück? Warum lacht er? Wann wird seine Stimme tief und vertraulich? Warum wirkt sein glückliches Gesicht so verletzlich?

Ich merke, wie selbstverständlich ich davon ausgehe, dass „mein“ Mann in wirklich jeder Situation nicht nur weiß, wo es langgeht, sondern auch noch, was er will. Er hat den Überblick. Meine Äußerungen können höchstens Korrekturen sein oder Stichworte für weitere Gedanken 💭 (ja, lieber Rechner, heute darfst Du auch noch mal…)

Der Mann fühlt sich – jedenfalls in meiner Vorstellung – ebenso selbstverständlich wohl in seiner Haut. Er weiß, dass er begehrenswert ist, auch, wenn er vielleicht gerade Kopfschmerzen hat oder ein Problem mit dem Server. Dabei. Gerade neulich habe ich gemerkt, dass der Liebste unsicher war, sich nicht schön fand und eher dachte, er gebe ein nicht so prickelndes Bild von sich ab.

Mich hat dieser Moment ungemein getroffen. Weil ich gespürt habe, wie sehr meine Erwartungen, so konventionell und unbedacht sie auch sind, mein Gegenüber unter Druck setzen können. Immerzu sehe ich mich dem Schönheitszwang ausgesetzt. Aber hier sah ich plötzlich denselben Mechanismus – spiegelverkehrt, wenn man so will. Tatsächlich. Ein Mann mit Kopfschmerzen macht mich nervös. Am liebsten würde ich sofort in die Apotheke rennen. Nein, nicht, um ihn zu bedienen. Sondern um wieder einen Helden an meiner Seite zu haben.

Nein. Ich habe noch keine Lösung. Ich ziehe gerade die ersten verdächtigen Spuren meiner eigenen Vorurteile ans Licht. Ob sich aus den Fragmenten etwas Neues machen lässt, wird sich erst noch zeigen.

Remember

Manchmal arbeite ich so lange, dass ich nicht mehr schlafen kann. Hier bin ich nicht mehr in Takt, sondern raus aus der Routine. Im weiten Bogen. Wach und müde zugleich. Mein Leben liegt vor mir wie eine fremde Landschaft. Und im Haus macht jemand Bambule. Die wichtigen Dinge kannst Du mit einer Hand greifen. Solange Dein Lächeln in meinem Herzen ist.

Wollen wir, dass sich was ändert?

Die Deutschen sind schlecht im Bett. So stand es heute auf zeit-online zu lesen, und der befragte Experte, Volker Sigusch, sieht so seriös aus, dass ich ihm sofort glaube. „Karnickelsex“ attestiert er den meisten unserer Landsleute, und dass wir eben keinerlei Liebes- und Verführungskunst in unserer Kultur kennen. Wir seien auf Arbeit, Vernunft und Besitz gepolt, Sex sei aber eben leider genau deren Gegenteil und deshalb schon vor langer Zeit über die Tischkante gefallen.

Aber wie die antrainierte Ratio ausschalten? Und äh, – wann? Wo Tage immer kürzer werden – tschüss, ich bin dann mal erotisch aktiv? Prof. Sigusch nennt einen anderen Weg, und da, ja doch, das könnte gehen, nämlich: sich der Liebe zum Gegenüber öfter bewusst werden. Und aus diesem Gefühl wieder aufmerksam sein, verspielt, begehrlich. Mehr vielleicht sowieso nicht, weil Sigusch es für ausgeschlossen hält, dass wir unsere Kultur verlassen können. Womöglich hält auch hier der Computer eine Lösung bereit. Aber vielleicht ändert sich vorher doch noch was.

 

 

 

Hundeblick

Jaja, die kleine Maus weiß ganz genau, dass hier was nicht stimmt… Wieso bloß sitzt sie mitten im Bett, wo das doch sowas von verboten ist? Und, ach wie unangenehm, jetzt guckt auch noch einer. Schnell mal den Hundeblick aufsetzten und ein kleines Liedchen pfeifen. Ist was? Oh ja, Schatzi. Du bist bei Drei aus den Federn, sonst – !? Und ich mache ein ernstes Gesicht obwohl ich lachen muss. Und natürlich puckert mein Herz und ich würde das Hündchen am liebsten in den Arm nehmen. Aber doch, ja, der Ernst des Lebens muss auch für Welpen sein. Später haben wir dann doch noch gekuschelt: Natürlich nicht im Bett!

Laues Lüftchen

Zugegeben, der Himmel ist von kompaktem Grau. Nicht schön anzusehen. Aber darunter tut sich was. Zartes Grün schaukelt im Wind (naja, Sturmböen sagen die Meteorologen dazu, ist also schon ein bisschen zackiger) und die verdutzten Vögel zwitschern sich eins. Licht am Horizont! Nur noch zwei Monate und wir haben Frühling (tja, hier hat der Rechner mal so gar nix parat…).

Things happen

Für einen Artikel habe ich gerade ein Interview mit der US-amerikanischen Künstlerin Cynthia Schira gehört. Sie erzählt darin von den Zufällen, durch die sie es als Tochter einer alleinerziehenden Mutter in die Kunstwelt geschafft hat. Keine Karriere ist das, was sie beschreibt, allerdings auch kein Weg, der sich „einfach“ so ergeben hat. Cynthia war ein aufmerksames Kind. Sie erkannte, dass Frauen heirateten, um dann zu Hause zu bleiben, etwas, was sie auf keinen Fall nachahmen wollte. Sie war gut in der Schule, und als ein Platz an der Kunstakademie zu teuer war, ging sie auf eine Textilschule, um weben zu lernen. Handarbeit war zwar nicht ihr Ding, aber sie erkannte Realitäten an und schaute, was sich daraus machen ließ. Schnell hatte sie raus, dass das strikte Raster von vertikalen und horizontalen Fäden für sie eine inspirierende Vorgabe war. Aufregender, als ein leeres Blatt Papier. Und obwohl der Mann, den sie dann doch noch heiratete (ohne allerdings lange zu Hause zu bleiben), ein seinerzeit anerkannter Maler war, ist doch Cynthia heute diejenige, die internationalen Ruhm eingefahren hat. Ihr Credo: „Things happen“. Allerdings nur, wenn man die Augen offen hält, und bereit ist, sofort zuzuschlagen, wenn sich eine Chance ergibt.