Schablonen

Diese Bronzefiguren sind im Alten Museum in Berlin zu sehen. Sie stehen einmütig in einer Vitrine der Etrusker-Sammlung zusammen und zeigen uns ein nur zu gut bekanntes Männerbild: starke, selbstbewußte, kämpferische Athleten in Siegerpose.

Das Lachen ist mir zügig vergangen. Denn – doch, ja, ich habe genau dieses Bild verinnerlicht. Schon irre oder? Die Figuren sind um die 2000 Jahre alt. Das nennt man ein zähes Vorurteil – oder?

Eigentlich überdenke ich in letzter Zeit immer wieder mein Frauenbild und also einen großen Teil meines eigenen Selbstverständnisses. Männer schienen mir nicht so das Problem. Von wegen! Wenn ich es mir überlege, habe ich so vorzeitliche Erwartungen an meine männlichen Gegenüber, dass ich mich diesbezüglich sicher bestens mit den Etruskerinnen der Antike verstehen würde.

Vielleicht passieren Verschiebungen vor allem, wenn man verliebt ist. Denn das Gegenüber ist einem so wertvoll, so außergewöhnlich, rätselhaft und wunderbar, dass alle festen Vorstellungen plötzlich beweglich werden. Weil auch jede Regung des anderen erspürt und bedacht wird. Warum sagt er dies? Wieso zuckt er hier zurück? Warum lacht er? Wann wird seine Stimme tief und vertraulich? Warum wirkt sein glückliches Gesicht so verletzlich?

Ich merke, wie selbstverständlich ich davon ausgehe, dass „mein“ Mann in wirklich jeder Situation nicht nur weiß, wo es langgeht, sondern auch noch, was er will. Er hat den Überblick. Meine Äußerungen können höchstens Korrekturen sein oder Stichworte für weitere Gedanken 💭 (ja, lieber Rechner, heute darfst Du auch noch mal…)

Der Mann fühlt sich – jedenfalls in meiner Vorstellung – ebenso selbstverständlich wohl in seiner Haut. Er weiß, dass er begehrenswert ist, auch, wenn er vielleicht gerade Kopfschmerzen hat oder ein Problem mit dem Server. Dabei. Gerade neulich habe ich gemerkt, dass der Liebste unsicher war, sich nicht schön fand und eher dachte, er gebe ein nicht so prickelndes Bild von sich ab.

Mich hat dieser Moment ungemein getroffen. Weil ich gespürt habe, wie sehr meine Erwartungen, so konventionell und unbedacht sie auch sind, mein Gegenüber unter Druck setzen können. Immerzu sehe ich mich dem Schönheitszwang ausgesetzt. Aber hier sah ich plötzlich denselben Mechanismus – spiegelverkehrt, wenn man so will. Tatsächlich. Ein Mann mit Kopfschmerzen macht mich nervös. Am liebsten würde ich sofort in die Apotheke rennen. Nein, nicht, um ihn zu bedienen. Sondern um wieder einen Helden an meiner Seite zu haben.

Nein. Ich habe noch keine Lösung. Ich ziehe gerade die ersten verdächtigen Spuren meiner eigenen Vorurteile ans Licht. Ob sich aus den Fragmenten etwas Neues machen lässt, wird sich erst noch zeigen.

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 10

  1. christahartwig 4. Februar 2018

    Natürlich trennen wir zwischen dem Mann den wir lieben, dessen innerste Regungen wir (zu) kennen (glauben), der Held und Heiliger in einer Person ist, und all den anderen Männern mit ihrem unerträglichen Machogehabe und ihren ungezügelten Trieben,, derentwegen wir uns nach Einbruch der Dunkelheit nicht allein in eine verlassene Gegend trauen. Und ich fürchte, das ist es, was uns auf unabsehbare Zeit die vollkommene Gleichberechtigung verwehrt, dass wir den Beschützer brauchen gegen all die anderen bösen Männer, und dass wir ihn dafür bewundern.

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    • Stephanie Jaeckel 4. Februar 2018

      Ich glaube nicht, dass ich trennen möchte. Denn ich gehe nicht von bösen Männern mit ungezügelten Trieben aus. Obwohl ich natürlich weiß, dass es Menschen gibt, die ich mir gar nicht vorstellen kann. Ich bin jetzt 54 Jahre und habe bislang keinen Beschützer gebraucht. Klar, dass ich mir auch keinen zulegen werde – Solidarität zwischen Frauen und Männern – Freund/innen und eventuell auf Fremden auf der Straße reicht ja meistens. Ich fühle mich vor allem selbst für die Gleichberechtigung verantwortlich und denke nicht, dass es abzuwarten gilt, bis etwas vollkommen ist. Gibt es Vollkommenheit überhaupt?

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      • christahartwig 5. Februar 2018

        Nein, es gibt objektiv keine Vollkommenheit – auf keinem Gebiet. Ich denke, als vollkommen erscheint uns immer ein Ziel, das nichts zu wünschen übrigließe. Wäre es erreicht, würde man mehr wünschen.
        Du sagst, für Deine Gleichberechtigung bist du selbst verantwortlich. Dem, was Du meinst, stimme ich zu, habe mich um meinen „Gleichstand“ auch immer selbst gekümmert, so weit ich es konnte. Und jetzt habe ich bewusst ein anderes Wort benutzt. Die Gleichberechtigung ist tatsächlich weit und recht schnell fortgeschritten. Es war ja praktisch gestern erst, dass Frauen von Gesetzes wegen die Erlaubnis ihres Ehemannes brauchten, um berufstätig zu sein. Da haben wir es im eigentlichen Sinn mit Berechtigung zu tun. Ich darf um 3 Uhr nachts durch einen Park gehen. Wäre es ratsam. Da entwickelt sich die „Gleichberechtigung“ nur insofern, dass es heute auch für keinen Mann ratsam wäre. Es fällt mir nicht im Traum ein, alle Männer in einen Topf zu werfen, aber so wie eine Handvoll Terroristen genügt, um die Bevölkerung einer Stadt oder eines Landes in Alarmbereitschaft zu versetzen, genügt eine Handvoll „böser“ Männer, mir so manches zu verleiden. Oder ich sollte sagen „genügte“, denn mit fast 70 gehe ich nicht mehr in Discotheken, komme höchst selten spät nach Hause und gönne mir dann ein Taxi und muss mich um keinen Job mehr bewerben und keine Karriere mehr machen.

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