Gerlind Reinshagen: Atem anhalten

Gedichte hat sie nie veröffentlicht. Dafür aber hin und wieder welche geschrieben. Gerlind Reinshagen wird im Mai 92 Jahre alt und ist, wie sie gestern im Buchhändlerkeller verraten hat, seit kurzem in einem Heim. Es sei spannend dort, so viele interessante Leute, aber zum Schreiben komme sie jetzt nicht mehr. Man glaubt ihr beides, wie sie so klein, zart und mit verschmitztem Blick vor einem sitzt. Das gäbe ein fantastisches Porträt eines Heiminnenlebens denke ich wehmütig. Aber dass sie bestimmt auch jetzt noch ein paar Gedichte schreibt, aufs weiße Blatt Papier, auf dem sie gerne mal mit einem Kästchen in der Mitte und einer nachtgezeichneten Hand rechts unten beginnt, Prokrastination nennt sie das nicht, aber alle im Raum, die ihre Ausweichmanöver vor dem Anfangen – das Gedicht heißt sinnreich „Jetzt“ – hören, lachen laut und leise mit, ihnen steht das neumodische Wort breit auf die Stirn geschrieben.

Auch das aktuelle Buch „Atem anhalten“ sei eher zufällig entstanden. Weil Gedichte überall herumlagen, während sie keinen neuen Prosatext mehr in Angriff genommen habe. Gut, dass jemand gefragt hat, denn die Gedichte sind so eigen und so kompakt in ihrer eher suchenden und umkreisenden Struktur, die Wörter so genau und manchmal scharf wie Rasierklingen, meist aber ebenso zart und anschmiegsam, dass es einem den Atem nimmt.

„Atem anhalten“ heißt der gar nicht mal so schmale Gedichtband, weil Gerlind Reinshagen Momente beschreibt, in denen wir das automatisch tun, große Momente, die ebenso schrecklich wie großartig sein können. Es werde gegenwärtig zu wenig auf die Schönheit geschaut, sagt sie, als sie kurz vor Schluss der Lesung (wirklich hinreissend: Katharina Döbler und Heiko Hartmann) selbst aufs Podium klettert, selbst ein Gedicht liest, das leider zu spät entstanden ist, und es deshalb nicht mehr ins Buch geschafft hat, und einige Fragen beantwortet. Wir konzentrierten uns auf den Schrecken und ließen die Schönheit – jedenfalls augenblicklich – links liegen, so ihre Analyse, ich habe natürlich mit dem Kopf genickt (in echt und in Gedanken): Schließlich versuche ich mit den Klunkern genau das (da Gerlind Reinshagen den Krieg erlebt hat, enthebt sie übrigens jedem Verdacht, auf einem Auge blind zu sein…)

Besonders schön und atemraubend finde ich gleich das erste Gedicht in dem neuen Buch unter der Rubrik „Annäherung“. Es hat den Titel „Annäherung an eine Person“ und fängt so an:

Leicht gefügt scheint

Die erste Wand

Überwindlich

Im Vergleich zur nächsten

Von den folgenden

Nicht mehr zu reden

Wie überhaupt

dem ganzen Gebäude

Das er

Oder sie

Unter Unbilden

Schwitzend

Tagtäglich sich schichtet

Kunstvoll

Die Puppe

Die Muschel

Oder auch dieses japanische Haus 

Mit den beweglichen Wänden

Klug erdacht

Von der verletzlichen Kreatur

Veränderbar

Um sich nicht finden zu lassen

(…)

Gerlind Reinshagen, Atem Anhalten – Gesammelte Gedichte, Suhrkamp 2018, 20,00 €

 

Filed under: Rezension

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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