Augen öffnen,

und natürlich auch immer wieder: Atem anhalten. Kunst kann einem derart den Horizont aufreißen. Manchmal bin ich platt, dass es immer und immer wieder funktioniert. Auch wenn man sich wie ich seit Jahrzehnten mit Kunst abgibt. Und – wenn ich ehrlich bin – die zwischengeschobenen Ausstellungsbesuche, die, die man schnell vom Bahnhof aus erledigt, bevor man zum „eigentlichen“ Termin geht, oder die, die sich aus Wartezeiten ergeben oder aus einer plötzlichen Laune heraus, können die eindrücklichsten sein.

So geschehen letzten Freitag, als ich in Hannover auf meine Freundin Barbara wartete. Sie musste noch arbeiten und ich war etwas früher angereist, um mich in der Stadt umzusehen. Das Sprengel-Museum kenne ich von vor über 10 Jahren. Aber dass es so fantastisch ist, wie es ist, hatte ich vergessen.

Aktuell – und noch bis zum 6. Mai – läuft dort die Ausstellung: „Figuren Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover“. Ein langer Titel, hinter dem sich ein einfaches, aber verblüffend weitreichendes Konzept verbirgt: Fotografien von Rieke Dijkstra und Werke aus der Sammlung des Museums gegenüberzustellen.

Was passiert? Rineke Dijkstra fotografiert Menschen, oft Kinder oder Jugendliche, die vor der Kamera posieren und eben gerade nicht, woraus ein Ungleichgewicht und gleichzeitig eine Balance entsteht, die überraschen (und ans Herz gehen). Es gibt gleich am Anfang einen Raum, in dem Porträts von drei Schwestern hängen, die Dijkstra über die Jahre fotografiert hat. Same, same, but different. Eine so zarte Annäherung an das Vergehen der Zeit habe ich selten gesehen, zumal es junge Frauen sind, also das Thema Altern/Vergänglichkeit keine Rolle spielt. Davor und daneben stehen Skulpturen aus der Sprengel-Sammlung, die auf eine ebenfalls zarte, aber genaue Art die Menschenfotos spiegeln: Als Formen, die Möglichkeiten des Aufrechtstehens zeigen, als Fantasien, die in den Köpfen der Menschen entstehen, als Spiel und Freude am Sein.

Besonders angesprochen hat mich die Serie „Beach Portraits“ aus den 1990er Jahren. Dijkstra fotografierte Kinder und Jugendliche am Strand. Sie stehen dort, im Rücken das Meer, nur sie selbst, mit dem Blick in die Kamera einer fremden Frau, der sie sich anvertrauen. Es sind diese jungen Körper, die noch wachsen, und die so unterschiedlich sind wie die Fische im Wasser und alle schön, was überrascht und beim Betrachten glücklich macht. Kein Mensch ist häßlich. Mit diesem Gedanken gehe ich aus der Sonderausstellung in die Sammlung, die noch einige weitere Höhepunkte für mich bereit hielt. Fazit? Unbedingt hingehen!!!

 

Figuren Rineke Dijkstra und die Sammlung des Sprengel Museum Hannover. Ebd. Bis zum 6. Mai 2018.

Filed under: Ausstellungsbesprechung

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 6

  1. blogspione 2. März 2018

    Das erlebe ich in einem Museum auch immer. Während ich durch ein Ausstellung laufe, bin ich ganz im hier und jetzt (Eine bessere Achtsamkeitsübung gibt es wohl nicht.) Und trete ich dann wieder vor die Tür, sehe ich die Welt mit anderen Augen. Schöner, versöhnlicher, inspiriert. Diese Stippvisite aus dem Alltag sollten wir öfter machen. LG Katy

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