Grenzen erkennen

Es ist ja nicht so, dass Grenzüberschreitungen immer gleich spürbar sind. Es gibt verschiedenste rote Linien, die für die verschiedensten Begegnungen gelten. Nicht mal bei ein und derselben Person sind die Limits stets an derselben Stelle. Auch deshalb ist die Debatte so schwierig. Und vor allem: Wo ein „no go“ ist, darf nicht diskutiert werden. Nicht wollen bedarf keiner Rechtfertigung. Eben auch nicht vor sich selbst.

Unschärfe

Das ist ungefähr alles, was ich sehe, wenn ich versuche, in die Zukunft zu sehen. Meine fehlende Fähigkeit, die Zukunft zu antizipieren, hat schon sämtliche Coaching-Versuche geschreddert, mir eine steile Karriere vorzuzeichnen. Stell es Dir vor! Aber wie denn? Zum Glück musste ich keine entsprechende Frage beim Einstellungsgespräch beantworten. In fünf Jahren? Beim besten Willen nicht. Vielleicht haben meine gelegentlichen Alpträume damit zu tun, in denen ich mit verklebten Augen herumirre, unfähig, scharfe Konturen zu sehen. Geschweige denn, mich zu orientieren oder Menschen zu erkennen. Vielleicht muss ich kurzsichtig sein, wenn ich mit offenen Augen durch meine Tage und Nächte gehe. Zu weit Richtung Horizont zu schauen, würde mir die Sicht auf das Naheliegende verstellen. So versuche ich mich zu trösten. Aber sicher bin ich mir nicht. In die Zukunft schauen? Als wäre man vorwitzig, und würde ein Geburtstagsgeschenk schon vor dem Fest öffnen. Hm. Klingt, als wenn ich es doch noch mal versuchen sollte…

 

 

Frühling

Am Wannsee war heute Hochbetrieb. In alle Richtungen schwärmten die Berliner/innen und Gäste aus, die S-Bahnen waren voll, die Straßen, die Radfahrer waren mit geputzten Rädern unterwegs, die neuen Modefarben wurden auf den Bürgersteigen spazieren geführt, Eisbuden mit meterlangen Schlangen belagert, und es gab – natürlich – Pendelverkehr. Das Wetter hielt, was die Meteorologen versprochen hatten und die Ausflugslokale platzten aus allen Nähten. Und mittendrin diese menschenleere Szene. Als sei ich in einer einsamen Gegend gewandert. Die Natur steht für sich. Und wir rennen kreuz und quer. Mittlerweile wird es wohl wieder so einsam sein, wie es auf diesem Foto aussieht. Was für ein beruhigendes Bild.

Risse im Alltag

Wir sollen uns nicht sicher fühlen. Terror taucht plötzlich auf. Ein Anschlag kann jede/n treffen, die oder der in der Stadt unterwegs ist. Bei den letzten Besorgungen, beim Kaffeetrinken, beim Bummel durch die Straßen. Wer Krieg im Herzen trägt, bleibt meist zu lange unerkannt. Und das ist der Unterschied: Kriege werden heute von einzelnen geführt.

Wie viele andere Berliner/innen, habe ich das schöne Wetter für einen Spaziergang genutzt. Ich saß eine Weile im Biergarten, habe einen Kaffee getrunken und die Sonne genossen. Für mich ein ganz normaler Samstag. Und dabei doch etwas Besonderes, wie mir gerade wieder klar wird. Ich habe Kindheit, Jugend und mein bisheriges Erwachsenenleben im großen westeuropäischen Frieden erlebt. Zeiten ändern sich. Wir müssen aufmerksamer werden. Aber nicht panisch. Wer Angst sät, freut sich über steigendes Misstrauen. Überlegenheit fußt im Zusammenhalt. Nicht in der Abschottung. Hier liegt meine Hoffnung.

 

Weiblichkeit

Mein Freund Tomas hat seinen runden Geburtstag im letzten Monat zum Anlass genommen, über sich als Mann – oder nein, eigentlich über die Utopie des Mann-Seins geschrieben. Das ist natürlich ein Text, der niemals fertig wird, trotzdem überlege ich seit Tagen, ob ich einen ähnlichen Versuch starten soll. Und schon prasseln Fragen. Woran will ich meine Überlegungen festmachen?

Soll ich dieser Sache nachgehen, dass ich mich oft gar nicht als Frau fühle, sondern als Mensch – und dass es Situationen sind, Momente, in denen ich vorrangig Frau bin? Könnte das schon ein Hinweis auf einen grandiosen Verdrängungsmechanismus sein? Oder geht das anderen Menschen auch so? Bin ich eigentlich in meinen Träumen eine Frau – ich meine, immer?

Wäre es eine Frage, welche Frauen mich in meiner Weiblichkeit geprägt haben und welche Männer? Was würde mich bei einem Fragebogen als Frau identifizieren? Könnte man einen solchen Fragebogen austüfteln, ich meine, wäre das sinnvoll? Ich weiß gar nicht – jetzt, wo ich so darüber nachdenke – was Freund/innen an mir weiblich finden. Oder ob es für sie so eine Kategorie bei mir gibt – ?

Eigentlich wäre die Gegenfrage – die ich hier schon einmal vor längerer Zeit gestellt habe – wie ich als Mann wäre. Oder: Würde ich meine Weiblichkeit besser sehen, wenn ich mich als Mann denke? Gäbe es zum Beispiel so etwas wie weibliche Farben, die ich als Mann nicht tragen würde? Hätte ich andere Interessen? Würde ich kochen? Oder Sport treiben. Hätte ich dieselben Freund/innen? Würde ich in einer anderen Stadt wohnen? Wäre ich verheiratet?

Ha, jetzt gerade musste ich wirklich laut lachen. Ich habe nämlich den Verdacht, dass ich meinen Liebsten als Mann nicht würde ausstehen können! Endlich ein Indiz, bei dem ich anfangen kann?

Beginn

Manchmal gibt es Dinge, von denen man erst im Nachhinein weiß, in welchem Moment sie begonnen haben. Manchmal kann man gar nicht mehr genau sagen, wie genau oder wann es zu etwas kam. Manchmal jedoch weiß man in dem Moment selbst schon, dass etwas – sagen wir – „gezündet“ hat, dass aus diesem Moment, dieser Begegnung etwas entstehen wird, vielleicht ein Buch, vielleicht ein Hörspiel, vielleicht – warum nicht – eine gemeinsame Lebensgeschichte. Besondere Tage, an denen so etwas passiert! Der Alltag in Höchstform…

Zufallsbekanntschaft…

Beiläufig bin ich dort gelandet, wo für viele seiner Leser/innen – auch schon zu Lebzeiten – die Tür verschlossen blieb: Im Arbeitszimmer von Thomas Mann in seinem Haus in Kalifornien. Hier hat Mann (u.a.) den Doktor Faustus geschrieben, das Buch, das ich in der Schule lesen musste, und das ihn mir für immer verleidet hat. Nein. Ich werde es nicht nochmal hervorholen – zumindest nicht in absehbarer Zeit und ja, ich weiß, dass ich mich irre. Aber ich mag es nicht. Genauso wenig wie ich die Buddenbrooks mag, oder den Zauberberg. Dass ausgerechnet ich in dieses Heiligtum geraten war, beschämte mich: ich hatte den Zufall nicht verdient. Deshalb lese ich jetzt die Tagebücher, die Thomas Mann in Kalifornien geschrieben hat. Und was soll ich sagen: In den Tagebüchern gefällt er mir: Thomas Mann mag Wetter und schreibt darüber (ein bisschen wie Nick Cave), er mag die kalifornische Luft, die Blumen, das Licht und natürlich das Meer, was mir sympathischer ist als alle schön gesetzten Sätze und Beobachtungen in seinen Romanen und Erzählungen.

Ich lese die Bände aus den Jahren 1946-48, die anderen waren gerade ausgeliehen – ich schätze Unordnung beim Lesen… Thomas Mann ist damals schon ein alter Mann. Er schläft schlecht, erholt sich dort, wo ich mit der Lektüre beginne, gerade von einer Operation, er hat Wehwehchen und Schlimmeres, er raucht, trinkt und nimmt munter alle möglichen Medikamente. Es ist, als würde er durch zwei Welten gehen, durch die extrem hellen kalifornischen Tage mit ihren Frühstücksstunden auf der Terrasse, dem Tee mit K., wie er seine Frau ausschließlich nennt, den Spaziergängen, den Gesprächen mit Freunden und Kindern, der Musik, der Lektüre (was er noch alles nebenher liest!) und natürlich der Arbeit, von der er jedoch nichts weiter schreibt, als das er sie erledigt hat. Die Schmerzen, die Verzweiflungen treiben ihn nachts. Oft geht er zu seiner Frau ins Schlafzimmer und döst dort auf einem Stuhl ein. Dieses Arbeiten, Leben, Genießen aus dem immer älter werdenden Körper, das berührt und beeindruckt mich. Es gefällt mir sogar. Was soll ich sagen? Jetzt habe ich Thomas Mann doch noch für mich entdeckt. Und freue mich über ein fantastisches Urlaubsmitbringsel!

 

Das Foto zeigt den Blick aus dem Salon durch den mittlerweile wieder abgerisseneren (und auch nicht ursprünglichen) Wintergarten in den Garten. Die Tür links führt ins Arbeitszimmer von TM.

Hüh oder hott?

Frau sein und alt werden. Das ist in etwa so wie die Quadratur des Kreises. Frauen sollen so lange wie möglich jung bleiben, obwohl sie wie alle anderen Lebewesen unweigerlich altern und wer sich mit letzterem abfindet, wird in der Öffentlichkeit – zumindest beschreiben das viele Frauen so – unsichtbar. Mir ist in letzter Zeit noch ein anderer Verdacht gekommen: wenn ich mich immer nur mit meinem vergangenen Bild beschäftige, und es immer noch mal und noch mal zu erreichen suche, wende ich mich zurück, und nicht nach vorn, wie ich das für mich selbst eigentlich wünsche. Ich will in die Zukunft. Deshalb bin ich vielleicht gar nicht so an der Rekonstruktion eines vergangenen Bildes von mir interessiert.

Trotzdem nagt natürlich der Zweifel. Vor allem in so verführerischen Sätzen wie: Du könntest doch die grauen Haare färben lassen. Ja klar, könnte ich. Es sind noch gar nicht so super viele. Ein paar blonde Strähnen mehr, alles wäre wieder im jugendlichen Bereich. Auch anderes wäre noch mit „könnte“ und „geht doch“ zu reißen. Vielleicht pro Monat 100,00 € mehr an Ausgaben, kein wirkliches Desaster. Noch bin ich in einem Zwischenbereich. Mehr Sport, andere Kleidung, Farbe im Haar, regelmäßig die Kosmetikerin, mehr Wellness.

Ich bin neidisch auf die Frauen, die das können. Sich von ihrem Älterwerden distanzieren. Ich schaffe es nicht. Keine Ahnung, warum. Vielleicht, weil es wirklich etwas mit einer Rückwärtsbewegung zu tun hat. Vielleicht, weil es auch etwas ist, mit dem wir den Tod – wenn auch nur symbolisch – aufhalten. Ich werde sterben und ich gehe von Tag zu Tag auf diesen Moment zu. Jung bleiben ist in etwa so wie auf die Bremse treten. Will ich das?