Hereinspaziert!

Zu diesem Beitrag gibt es zwei Eingänge. Der eine führt durch mein Büro. Ein Großraumbüro, über das immer noch Leute die Nase rümpfen. Ob man denn da arbeiten könne? Oder: Wieso ich kein eigenes Arbeitszimmer habe – und wenn schon Großraum, warum dann nicht in Mitte? Dabei: Auch in einem Schöneberger Großraumbüro gibt es Ruhe zum Arbeiten, und – besser noch – Gründe zum Feiern. Heute zum Beispiel, denn meine Kolleg/innen Nina Nedelykov und Pedro Moreira haben einen Preis gewonnen. Für ihre Renovierung der Kapelle auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof an der Chausseestraße.

Ich könnte jetzt auch noch ein anderes Türchen öffnen, immerhin steht bald wieder ein Wochenende an, es wird Frühling und einige suchen auch schon nach passenden Ostereierfarben für die neue Saison. Hier käme dann James Turrell ins Spiel, verantwortlich für die knalligen Farben der preisgekrönten Renovierung, die man gewagt finden kann, die sich aber vor Ort als überraschend plausibel und zurückhaltend erweisen.

Jetzt stehen also zwei Türchen auf, und – !? Nun, James Turrell arbeitet nicht in „meinem“ Schöneberger Büro. Er ist ein kalifornischer Land-Art-Künstler, der seit den 1960er Jahren mit Licht, künstlichem Licht, farbigem Licht arbeitet und in immer neuen Räumen Grenzen zwischen drinnen und draußen auslotet, zwischen Enge und Weite, hell und dunkel, und noch einigen anderen Gegensätzen mehr.

Die Kapelle wiederum stammt aus den 1920er Jahren. Architekturpläne waren beim Renovierungsbeginn 2013 nicht mehr vorhanden, eine Modernisierung aus den 1960er Jahren hatte grobe Schäden behoben, aber der Optik weder zu altem Glanz verholfen, noch neue Akzente gesetzt. Die Aufgabe für Nina und Pedro war also kniffelig: Weil es wenig gesicherte Koordinaten für eine Rekonstruktion gab, gleichzeitig aber auch das Bedürfnis nach einem zeitgemäßen Ort für Trauer, denn der Friedhof wird nach wie vor genutzt.

Was soll ich schreiben? Der Erste Preis, den die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler (KiBa) an das Büro Nedelykov Moreira vergeben hat, sowie die in den kommenden Tagen zu erwartende laue Frühlingsluft laden dazu ein, noch ein Türchen zu öffnen, um sich aus dem Alltag auf den Friedhof zu stehlen. Kaffee und Kuchen stehen übrigens auch bereit, denn vor wenigen Monaten hat direkt neben der Kapelle das Café Doro eröffnet. Viel Vergnügen! wünsche ich, und mache fürs Erste das Klunker-Türchen wieder zu.

Dorotheenstädtischen Friedhof, Chausseestr. 126 in Berlin-Mitte. Öffnungszeiten von März bis Juni 2018 unter: http://www.evfbs.de/index.php?id=602

  • Einführung auf Deutsch: samstags und montags
  • Einführung auf Englisch: freitags und sonntags
  • Dauer: 1 Stunde
  • Tickets: 10 € (ermäßigt 5 €). Reservierung unter Öffnet internen Link im aktuellen Fensterevfbs.de/tickets – Abholung an der Kapellenkasse 15 Min. vor Veranstaltungsbeginn (nur Barzahlung)
Filed under: Klunker für die Augen

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

Comments 2

  1. christahartwig 22. März 2018

    Und wer zum Dorotheenstädtischen Friedhof eine weitere Anreise hat, der könnte auch gleich noch dem Brecht-Haus in der Chausseestraße 125 einen Besuch abstatten. – Aber um bei dem Friedhof und dem jetzt verliehenen Preis zu bleiben: Erst vor einigen Jahren erfuhr ich, dass auch für Friedhöfe und im Bestattungswesen (Särge, Urnen, Grabsteine) jährlich Preise verliehen werden, und es gibt da wirklich Schönes zu entdecken. Auch eine Möglichkeit der Annäherung an ein gern verdrängtes Thema.

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    • Stephanie Jaeckel 22. März 2018

      Liebe Christa, danke für den Zusatz! Na klar, das Brecht-Haus: An sich schon eine Reise wert. Und jetzt also im Doppelpack. Und: schöner Gedanke, das mit dem verdrängten Thema – tatsächlich werden in Berlin jetzt wieder viele Friedhöfe nach langem Dornröschenschlaf (haha) und entsprechender Verwilderung wieder schick gemacht, denn eins haben Stadtplaner/innen und Bewohner/innen mittlerweile bemerkt: Welche Ruhe und Erholung diese kleinen innerstädtischen Parks für Pausen und kurze Auszeiten bieten.

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