Ja, so würde ich gerne meiner Geduld zurufen. Ich habe sie (also die Geduld) heute aus lauter Verzweiflung visualisiert. Weil ich das Gefühl hatte, kein Stäubchen davon mehr übrig zu haben. Ich sah diese hübsche Pflanze, die zig Blätter und Blättchen in die Luft streckt und dachte: da schau, da wächst Dir also gerade neue Geduld nach. Leg‘ Dich am besten heute Abend nur noch ins Bett, und morgen sind die Blättchen bestimmt schon Tellergroß, und es wird alles wieder besser gehen. Jetzt muss ich nur noch glauben, was ich gedacht habe…
Schlagseite
Zum ersten Mal begriffen habe ich diesen Unterschied im Film „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders. Diese unterschiedlichen Gefühle, die dieselben Dinge oder Ereignisse bei verschiedenen Menschen hervorrufen. So wie die Engel Damiel und Cassiel dasselbe erleben, und daraus ganz unterschiedliche Sehnsüchte, Wünsche auch Verzweiflungen entwickeln. Theoretisch hatte ich das längst kapiert, praktisch stand es mir hier das erste mal vor Augen, wenn auch nur in einem Spielfilm.
Eine meiner Nachbarinnen hat Suizid begangen. Ich kannte sie wenig, mochte sie aber gerne, sie trank oft einen Kaffee im Hof, wo sie ihre Tongefäße zum Trocknen hinstellte, sie hatte gleich unter meiner Wohnung ein kleines Keramikatelier. Sie kam aus Japan, hatte einen englischen Ehemann, ihr Deutsch war rudimentär, mein Englisch gerade morgens auch nicht in Höchstform. Wir redeten kaum. Sie war verschlossen, mehr als einmal war ich enttäuscht, dass sie nicht zu unseren Hoffesten kam, auch sonst nie Zeit für eine gemeinsame Pause hatte. Irgendwann hielt ich sie sogar für unfreundlich, ein Eindruck, der sich jedoch wieder verflüchtigte, wenn ich sie sah. Auch wenn sie nur kurz grüßte, es war immer herzlich.
Wir haben viel Zeit im selben Haus verbracht. Wo ich Hoffnung schöpfen konnte, ist ihr Mut offensichtlich schwächer geworden. Natürlich habe ich daran keine Schuld. Ich sehe allerdings einmal mehr mit Schrecken, wie wenig ich von dem mitkriege, was in meiner Umgebung vor sich geht. Wie klein meine Welt ist. Und das ist schon der zweite Fall in drei Jahren. Ich wollte unbedingt aufmerksamer werden. Das sollte doch nicht nochmal passieren. Ehrlich? Ich habe auch diesen Tod nicht kommen sehen.
Eine Woche stressfrei
Es ist fast schon wie Urlaub. Und obwohl ich mir seit Jahren gebetsmühlenartig vorsage, dass nur ich, ich, ich jeglichen Stress in meinem Leben pulverisieren kann, und zwar egal, zu welchem Zeitpunkt, merke ich, wie wenig ich das in Wirklichkeit kann. Solange „große“ Abgaben vor mir liegen (und je näher sie ranrücken), desto angespannter werde ich. Und desto leerer wird mein Kopf. Denn der reagiert immer mit Abwesenheit. Entweder bekomme ich Kopfschmerzen oder mir fällt nichts, bzw. nur noch das Notwendigste ein. Red Alert.
Dabei. Eine Woche stressfrei, was nicht arbeitsfrei bedeutet, zeigt aber mal wieder deutlich: ich bin wesentlich produktiver, wenn ich ohne Stress arbeite. Vollmundig formuliert würde ich sogar sagen, ich schaffe locker das Doppelte weg. Ob ich mir das mal irgendwo so speichern kann, dass ich es noch weiß, wenn es wieder eng wird?
P.S. hat jemand von Euch schon das neue US-amerikanische Space-Force-Logo gesehen? Boldly go!
Was mache ich eigentlich – beruflich…?
Wer Freiberufler/in ist, stellt sich die Frage gelegentlich. Ich werde nächsten Monat meine Arbeit in meinem Büro vorstellen, einem Großraumbüro mit immer wieder wechselnder Besetzung. Wir haben bei einem unserer letzten Neuzugänge mit diesen Präsentationen begonnen, um uns besser kennenzulernen. Eine gute Idee, und eine, die mich gerade ins Grübeln bringt. Denn klar, im Alltag mache ich das, was zu tun ist. Nur zu Bewerbungen oder eben für eine solche Vorstellung muss ich zurück auf Los, d.h. tatsächlich noch einmal überlegen, was mein Beruf jetzt eigentlich ist, was mir wichtig ist, wohin ich eventuell noch hin möchte, und auch – und hier staune ich gerade gewaltig – was ich schon alles gemacht habe. Mein lieber Scholli! Da bin ich gar nicht so weit weg von der eierlegenden Wollmilchsau. Was für eine schöne Überraschung an einem so grauen Wintertag…
Alleinsein
Alle paar Monate hadere ich mit mir. Ich überlege dann, warum ich so lebe, wie ich es nun mal tue, ob es bessere Varianten gäbe, ob ich nur zu faul bin, etwas zu ändern, oder ob es gerade richtig ist, so wie es läuft, und der Wunsch nach Verbesserung bloß wieder die törichte Idee, man könne sich optimieren. Wie, so frage ich mich dann, kann ich überhaupt wissen, ob es anders besser wäre, wo ich doch mit Haut und Haar drinstecke in meinem Leben. Bin ich unzufrieden? Bin ich bequem? Bin ich zu ängstlich geworden, freiwillig noch etwas ändern zu wollen? Und was wäre es überhaupt, was ich ändern oder ausprobieren sollte?
Vielleicht bin ich, so denke ich seit Beginn des neuen Jahres, doch zu oft alleine? Verordne ich mir zu oft den Rückzug von der Welt? Sollte ich nicht öfter weg von meinem Schreibtisch, den Büchern und den vielen wilden Sachen, die ich nebenher – und nur für mich – mache? Aber dann kam mir ein überraschender Gedanke: Dass ich nämlich Schönheit nur wahrnehme, wenn ich lange genug alleine bin. – Echt jetzt? Oder binde ich mir hier einen Bären auf, um bloß nix zu ändern?
Gesundheit
Längst tobt auch auf dem Gesundheits-Sektor ein Glaubenskrieg. Hier steht die so genannte „Schul-Medizin“, dort die der „ganzheitlichen“ Heilung, auch „Alternativ-Medizin“ genannt. Dazwischen ein tiefer Graben.
Es gibt Gründe, weshalb es zu dieser Polarisierung kam. Die allmähliche Industrialisierung der Medizin, die Bevölkerungsexplosion im 20. Jahrhundert und die über Jahrzehnte daraus resultierende Marginalisierung von traditionellem Heilwissen sind – verkürzt formuliert – wesentliche Ursachen. Aber es ist Zeit, diese Grabenkämpfe einzustellen. Zum einen, weil wir zu einer nachhaltigeren Medizin zurückkehren müssen, zum anderen, weil wir hier Scheingefechte führen, die – eben, es gibt besseres zu tun…
Zum Glück bin ich bislang nicht wesentlich erkrankt oder verunglückt. Doch von Kindheit an leide ich unter Migräne, einer chronischen, d.h. nicht heilbaren Krankheit (oder Veranlagung, wer mag). Im Laufe der Jahre habe ich verschiedenste Strategien versucht, mit den schubweise auftretenden Mega-Schmerzen klarzukommen. Mittlerweile ist klar: Die Mischung macht’s: Schmerzmittel, wenn nichts mehr geht, vorher viel frische Luft, Bewegung, Massage, Duftöl und die Einsicht, dass die Migräne zu mir gehört.
Wer jedoch die Diagnose einer schweren, eventuell sogar lebensbedrohlichen Krankheit bekommt, mag sich zwischen den Stühlen wiederfinden. Hier sieht es oft so aus, als wenn es bloß ein Entweder/Oder gäbe, das jeweilige Menschenbild hinter den Heilungsmethoden eine Entscheidung für oder gegen die jeweiligen Angebote verlange.
Könnten wir – so meine Hoffnung – als Patient/innen vielleicht dazu beitragen, die Grabenkämpfe (und wir vermuten sicher nicht zu Unrecht auch große finanzielle Interessen) zu beenden? Dass es Mainstream wird, aus beiden Bereichen etwas zu finden, ohne sich gleich weltanschaulich zu positionieren? Denn nur wenn wir bei uns bleiben, und nicht der einen oder anderen Seite unlautere Interessen unterstellen, kann sich ein – hoffentlich neues – Gesundheitssystem herauskristallisieren, das auf unsere Bedürfnisse zugeschnitten ist. Naiv? Vielleicht. Aber wo Unordnung entsteht, muss etwas Neues her. Und das ist meine Überzeugung: das gegeneinander Antreten von universitärer und alternativer Medizin gehört überholt.
Sehschwäche
Beim Altwerden kommt fast nix plötzlich. Dass ich nicht mehr alles sehen kann, kündigte sich lange an. Ich trage seit mindestens 30 Jahren eine Brille, weil ich – wie so viele Geisteswissenschaftler/innen – kurzsichtig bin. Ich war lange sorglos, die Sehschwäche blieb relativ konstant. Seit zwei Jahren nun habe ich beim Lesen Probleme. Die ihrerseits mit ziemlichem Tempo größer werden. Es gibt Abende, da kann ich nichts mehr lesen, trotz neuer Brille, die ich seit ein paar Monaten habe. Ende Gelände.
Wahrscheinlich geht noch was, ein beginnender Grauer Star gibt mir die Hoffnung, dass zumindest hier irgendwann was zu machen ist. Auch spielt Stress eine Rolle, von dem ich in letzter Zeit genug hatte, also auch an dieser Stelle glaube ich an Verbesserung. Doch bleibt die grundlegende Erfahrung. Ab jetzt werden Fähigkeiten eingeschränkt. Ich werde improvisieren müssen, vor allem werde ich mehr Zeit brauchen: Mit zwei Brillen hantieren, braucht länger (und Geduld), lieber wären mir daher drei Hände, schade, dass so eine Hand nicht einfach nachwächst…
Tatsächlich habe ich große Sorge, das Wesentliche nicht mehr zu sehen. Einschränkungen in der Sicht machen den Radius kleiner. In jeder Hinsicht. Dass Älterwerden Mut erfordert, fällt mir sofort wieder ein. Insofern: Boldly go!
Die Umgebung macht’s
Gestern habe ich einen langen Spaziergang durch Berlin Mitte gemacht und dabei Gegenden besucht, in denen ich vor 20 Jahren ( – zwanzig Jahren!!!) häufig unterwegs war. Andere Freundinnen und Freunde (natürlich nicht alle), andere Lieben, andere Hoffnungen, viel mehr Unsicherheiten, auch Ängste. Ich hatte das Wort „Revier“ vor Augen. Vor allem dieses Abschreiten des Reviers, das tägliche Kreuzen und Queren. Aber eben auch die Begrenztheit des Terrains. Wäre ja auch komisch, wenn ich damals die von heute gewesen wäre. Andererseits merke ich, auch jetzt lebe ich wieder in einem „Revier“, einem abgesteckten Raum, größer vielleicht als damals, aber eben doch wieder begrenzt. Alltag, mal räumlich gedacht. Und in dem Moment wird mir klar, warum Urlaub, oder eben auch so ein Road-Trip durch Amerika so wichtig für mich ist. Oder warum ich jetzt schon danach fiebere, wieder wegzufahren. Denn wo es anders ist, bin auch ich eine Andere. Was heikel werden kann. Aber mich schon bei dem Gedanken daran auch sehr erleichtert.
Trotzdem
Was habe ich an dem Morgen gelacht! Die Nacht war unheimlich gewesen in einem abgelegenen Motel am Rand des Joshua-Tree-Nationalparks. Wüste, ein von Alkohol und Drogen vernebelter Motel-Besitzer, viel Dunkelheit und noch mehr Schatten. Man muss nicht an Gott glauben, um dieses farbenfrohe Haus mitten im Nichts als Erinnerung in grauen Tagen zu nutzen, trotzdem weiterzumachen. Vielleicht einfach als „Reminder“ dafür, wie widerständig Menschen sein können, wenn den Umgebung schroff ist und das Ziel weit und weiter entfernt.
Glamourös aufschlagen
Wenn schon ins Loch fallen, dann doch bitte im KaDeWe. So ging es mir heute. Das, was auf dem Foto wie finstere Nacht aussieht, war fünf Uhr nachmittags. Aber ich fühlte mich so allein auf der Welt, als sei es gerade morgens um Eins an einem Wochentag in einem kleinen Kaff am Ende der Welt. So geht es mir manchmal, wenn ich große Projekte gerade beendet habe. Ich schlage im Hier und Jetzt auf und weiß nicht, wohin mit mir. Vor allem nicht nach Hause, denn da wartet bloß Spül, Wäsche und ein unaufgeräumter Schreibtisch. Ich hab also erst mal einen Kaffee getrunken und dann Leuten beim Einkaufen zugeschaut, später noch ein paar Klamotten anprobiert, das ist nämlich fast so schön wie verkleiden. In der Austern-Abteilung gab es dann einen Höhepunkt besonderer Art: Die gelangweiltesten Gesichter des frühen Abends. Wow! Spätestens da musste ich lachen. Und bin gut gelaunt zu meinem Spülberg gefahren…







