Ende der legalen Sexarbeit

Grundsätzlich habe ich zur Zeit keine Befürchtungen. Ich sehe weder Demokratie noch den sie sichernden Rechtsstaat in Gefahr. Zumindest nicht in Deutschland. Dennoch hat mich der Vorstoß einiger Bundestagsabgeordnete (Männer und Frauen, parteiübergreifend) unangenehm überrascht, die im Anschluss an die Corona-Einschränkungen ein generelles Sex-Kaufverbot fordern. Sexarbeit ist zur Zeit wie andere Gewerbe stark eingeschränkt. Drastischer jedoch als in anderen Gewerben scheint die Zahl der Übertretungen zu sein.

Ich bin kein Fan von Prostitution. Aber ich sehe, wie mühsam eine halbwegs sichere soziale und vor allem gesundheitliche Versorgung für die Menschen geschaffen wurde, die in diesem und angrenzenden Metiers arbeiten. Das so genannte „nordische Modell“, auf das sich die an dem Brief beteiligten Abgeordneten beziehen, gilt u.a. in Schweden. Dass die Prostitution dort seitdem verschwunden sei – naja, kann man sich denken: sie ist an die Grenzen des Landes gerutscht, ansonsten sind Sexarbeiter/innen in die Illegalität getaucht.

Das Thema wird spätestens 2022 wieder eins, da werden die aktuellen Maßnamen auf den Prüfstand kommen. Es ist eine Angelegenheit, die polarisiert. Was denkt Ihr zu dem Thema?

Dornröschenschlaf

Tatsächlich bin ich in diesem Jahr steckengeblieben. Gefühlt ist gerade erst Ende März. Die Zeit des Lockdowns scheine ich mental verschlafen zu haben – leider schleichen sich hartnäckig Alpträume ein, einer davon wiederholt sich in endlosen Variationen: ich bin fast blind, und versuche mit größter Anstrengung die Augen zu öffnen in eine meist fantastische Umgebung. Eine ähnliche Traumfolge, die mich seit Jahren begleitet: Ich versuche Fotos zu machen, doch die Kamera funktioniert nicht und liefert nur schwarze Bilder.

Wach und mit offenen Augen muss ich feststellen, dass nächste Woche schon das halbe Jahr 2020 vorbei ist. Hmpf. Was mache ich denn damit? Vielleicht sind meine Vorhaben zu groß – oder zu viele. Oder ich hänge zu tief im Alltag und verpasse es, gelegentlich auf einen kleinen Berg (zum Beispiel einen freien Sonntag) zu steigen, um die Übersicht zu gewinnen. Das Glas, soviel ist klar, ist gerade halb leer und halb voll. Eine gute Gelegenheit, für das, was geht, ein paar Gedanken zu investieren…

Da isser!

Seit zweieinhalb Wochen gehe ich abends spazieren. Um diesen süssen Mr. Foxy zu treffen. Heute hat er mir endlich eine Audienz gegeben. Im Rosengarten. War das schön!

Thomas Mann und Agnes Meyer – eine deutsch-amerikanische Brieffreundschaft

Um es gleich vorwegzunehmen: diese Lektüre hat es in sich. Denn Thomas Mann und Agnes Meyer, der deutsche Schriftsteller und die amerikanische Journalistin, verband eine komplizierte und intellektuelle Freundschaft in schwierigen Zeiten. Thomas Mann lernte Meyer 1937 bei einem Interview in New York kennen. Als er im Februar 1938 endgültig in die USA ins Exil ging, half sie ihm mehr als einmal aus existentiellen Schwierigkeiten. Dass sie Deutsch sprach und schrieb, war ebenfalls förderlich, denn sie unterstützte ihn bei öffentlichen Auftritten und übersetzte für ihn. Thomas Mann profitierte, aber auch Agnes Meyer zog ihren Nutzen aus der Freundschaft: Sie besetzte als profunde Kennerin seines Werkes und seiner Person den Posten der ersten Mann-Kritikerin in den USA, und auch wenn das Buch, das sie über ihn plante, nie fertig wurde, wurde sie als versierte Kennerin über die Landesgrenzen hinweg anerkannt.

Ob unter diesen Bedingungen – finanzielle Abhängigkeit (zumindest in der ersten Exilzeit) Manns, schwärmerische Begeisterung Meyers – eine Freundschaft auf Augenhöhe hätte entstehen können, ist fraglich. Tatsächlich distanziert sich Thomas Mann immer wieder von seiner Gönnerin, auch wenn er ihr Interesse, ihre Bildung und natürlich auch ihre Unterstützung schätzt. Doch man merkt, dass er bei aller Offenheit, was seine Arbeit angeht, sowohl die politische als auch die schriftstellerische, stets das Visier heruntergeklappt hält: Persönliche Töne sind kaum zu vernehmen.

Entsprechend trocken wirken die Briefe. Dennoch entfalten sie im Laufe der Lektüre ihre ganz eigene Wirkung: Denn besser als jede Dokumentation jener Jahre zeichnen sie das kulturelle und politische Klima der damaligen Zeit nach. Auch, und gerade aus den gegensätzlichen Perspektiven eines Europäers und einer US-Amerikanerin (wenn auch eine Tochter deutscher Einwanderer). In dieser Hinsicht ist ein großer Gewinn, dass der Hörverlag Auszüge aus dem Briefwechsel als Hörbuch veröffentlicht hat. Die Schauspieler Dagmar Manzel und Udo Wachtveitl lesen die Briefe, Jesko von Schwichow gibt in Zwischentexten kurze Zusammenfassungen über die jeweils neusten Ereignisse. Auch wenn die meisten Briefe eher kurz sind, sollte man sich Zeit zum Hören nehmen. Denn die Themen wechseln schnell und es braucht eine Weile, bis man sich in die verschiedenen Nuancen der Botschaften einfuchst. Eine überraschende, weil aktuelle Bemerkung stammt von Agnes Meyer, die für die Nachkriegszeit in Europa eine „ärmere“ und womöglich „bessere“ Welt heraufziehen sieht. Wie sehr wünschen auch jetzt wieder Optimisten, dass diese bessere Welt nach der Corona-Pandemie Wirklichkeit wird…

„Sie zu lieben, mein Freund, ist eine hohe Kunst…“ – Thomas Mann, Agnes E. Meyer. Der Briefwechsel. Gelesen von Udo Wachtfeitl und Dagmar Manzel. Der Hörverlag 2017.

Ich danke Random-House für das Rezensions-Exemplar.

Berlin, ick liebe Dir

Ja. Zeit für eine weitere Liebeserklärung. Ich bin 1989 nach Berlin gezogen. Gar nicht mal ganz freiwillig. Aber weder München noch Hamburg waren für mich Alternativen. Und dann dieses Wetter: Kontinentalklima, was damals bedeutete: eisige Winter. Nee, war das nix für mich! Schnell wollte ich wieder weg.

Aber die Stadt hat sich in mein Herz geschlichen. Erst, weil es hier an vielen Stellen noch so viel altmodischer war, als im Westen – und weil gleichzeitig viel los war. Berlin ist eben immer direkt vor der Tür (oder fällt mit derselben auch schon mal ins Leben): Menschen aus allen Himmelsrichtungen, schöne und auch sehr häßliche Relikte aus der Vergangenheit, tolle Himmel und eine so weite Umgebung, mit allem, was mein Flachland-Herzi sich wünschen konnte. Heute will ich – wen wundert’s – nicht mehr weg. Und gerade, wo ich – eher unfreiwillig – so viele Spaziergänge durch die nächste Umgebung unternehme, bin ich immer noch und immer wieder überrascht über die vielen Gesichter der Stadt. Was für ein Fest!

„Zu sein, zu leben, das ist genug“

Als im März klar wurde, dass für mich beruflich kein Stein auf dem anderen bleibt, habe ich mich entschieden, eines meiner Traum-Projekte an den Start zu bringen. Wenn schon nichts mehr geht, dann vielleicht das Unmögliche, dachte ich, oder vielleicht dachte ich auch gar nichts, aber ich schrieb ein Exposé und schickte es ab.

Noch ist nichts in völlig trockenen Tüchern, es muss noch Geld bewilligt werden und das bewilligte Geld auf die nötigen Arbeitsschritte verteilt werden, so dass jede/r genug verdient. Eine kniffelige Aufgabe. Aber es gibt schon eine Auftraggeberin, und so kann ich zumindest die ersten Schritte wagen:

Ein Buch in Leichter Sprache über Friedrich Hölderlin und – wichtiger – über einige seiner Gedichte. Für viele ist Leichte Sprache eher ein Witz. Denen rate ich, die gelegentlich auf zeit-online gestellten Beiträge aus Brand Eins in Leichter Sprache mal zu lesen. Ansonsten muss man es ja auch nicht wichtig finden. Für mich ist sie eine Offenbarung: Eine Sprache – die übrigens mehr noch als das Schreiben für Kinder – auf das Wesentliche zwingt.

Und also beschäftige ich mich mit Hölderlin, von dem übrigens das Zitat im heutigen Titel stammt. Was für ein passendes Vergnügen in Zeiten der Isolation: Ein Dichter, der 36 Jahre im Turm verbringt! Es wird ja zur Zeit viel darüber diskutiert, ob Rückzug und Alleinsein die Kreativität erhöht oder eher zur Verzweiflung zwingt. Das ist vermutlich wirklich Typ-Sache. Die Konzentration, das Öffnen von vorher gar nicht wahrgenommenen Räumen, das erlebe ich gerade und staune nicht schlecht.

Da dieses Jahr Hölderlin-Jubiläum ist, sind einige wirklich kluge und lesenswerte Bücher erschienen, darunter das von Christoph Quarch, in dem er Hölderlin aus seiner Dichtung heraus vorstellt und von dem ich den Titel geliehen habe:

Christoph Quarch, Zu sein, zu leben, das ist genug – Warum wir Hölderlin brauchen, Daun 2020.

Auf und Ab

Um den Tiefpunkt gleich vorweg zu nennen: Beim Stolperstein-Putzen am 8. Mai blieb die Rose, die ich auf den blitzblanken Stein zur Erinnerung an meine Vormieterin Paulina, die als „behindert“ Anfang 1945 von den Nazis ermordet wurde gelegt hatte, exakt 2 Minuten liegen. Nachdem ich schnell in die Wohnung gegangen war, um den Fotoapparat zu holen, war die Rose schon weg – obwohl ich sie (mehr symbolisch) – mit Tesa angeklebt hatte.

Wie muss man eigentlich drauf sein? Und wie schaffe ich es, mich nicht in Wut und Enttäuschung zu verrennen?

Und dann diese Ratlosigkeit, dass die meisten wohl beschlossen haben, jetzt sei mal Schluss mit Corona. Überall ein Gewusel, als wenn es niemanden mehr was angehe. Ich bin zwar dringend dafür, dass jede und jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt und abwägt. Aber Nachlässigkeit vieler bedroht eben die Vorsicht anderer. Auch hier kämpfe ich mit Unverständnis und ja, auch mit Ärger.

Eine schöne Überraschung dagegen ist, dass die Hunde, die ich hier neulich gezeigt habe, tatsächlich meine Nachbar/innen sind – und nicht bloß zu Besuch waren. Die werde ich also jetzt öfters sehen, wie süß. Und ein schöner Abend mit Gitarrenmusik im Hof gestern war wie eine erste Sommernacht in diesem Jahr. Die Schwalben sind jetzt auch da und bauen unter der Dachrinne Nester. Dazu Muttertag ohne Mutter, deren Geburtstag in vier Tagen ist.

„Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit.

Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ist’s,

Nun schlafe, wo unendlich ferne

Ziehen vorüber der Völker Jahre.“

So schreibt Hölderlin in einem ersten Vers über Jean-Jacques Rousseau. Und auch ich staune einmal mehr über die Zeit, die so schnell zieht, und so unsichtbar.

Wie gut ist das denn!?

Berlin hat Feiertag – Ha. Genugtuung steigt auf. Meine Familie wohnt in NRW, viele Freund/innen in Bayern. Was haben die immer Feiertage. Da kann die Berlinerin sich nur an den Kopf fassen. Die liegen in der Sonne, wir hocken am Schreibtisch. Dafür heute: Lach, Freu. Und dann klingelt um Neun das Telefon. Ein Kunde… Na gut. Die Sonne scheint. Gleich geht es mit Kuchen in den Hof. Und ja, was den Grund des Feiertags angeht: Nie wieder Krieg in Deutschland. Is‘ was, wo wir dran beteiligt sind. Ahoi!

Gewohnheiten ändern.

So wichtig Gewohnheiten sind – so unvermeidbar scheint es, sie gelegentlich zu ändern. Um frisch im Kopf zu bleiben. Um nicht einzurosten. Und so noch schneller alt zu werden, als Fitness und Workouts erlauben.

Wie sieht es aus? Hat jemand von Euch in den letzten Wochen Gewohnheiten aufgegeben? Neue entwickelt? Alte angepasst? Ich für meinen Teil habe den Mittagsschlaf eingeführt. Oder eher, ein halbstündiges Mittagsschläfchen. Ich kann nur sagen: es wirkt Wunder. Ich fühle mich 10 Jahre jünger. Und Ihr so? Ich bin gespannt, was sich tut.

Gesunkene Schiffe heben

Zwei oder drei aktuelle Zeitungsartikel, aber auch Gespräche mit Freund/innen, Kolleg/innen zeigen: Der augenblickliche Rückzug lässt bei vielen von uns Gedanken hochsteigen, die tief vergraben waren.

Aktuelle Alpträume sind sicher eine Reaktion auf die Unsicherheit, was kommen wird. Und auf die heikle berufliche Lage, in der die meisten von uns stecken. Doch ein Teil scheint auch dem veränderten und fast immer verlangsamten Rhythmus geschuldet, in dem wir uns gerade befinden. Ich zum Beispiel kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal so oft mit einer Tasse Kaffee am offenen Fenster gesessen habe, um den Vögeln zuzuhören. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen.

Dabei sind die Erinnerungen, die mir gerade in den Sinn kommen gar nicht neu. Aber sie sind intensiver. Es sind keine Bilder, wie sonst oft, sondern ich kann mich in der Erinnerung spüren, es ist, als ob ich die eine oder andere Situation wieder leibhaftig erlebe. Und das macht den Unterschied, denn ich durchlebe die Gefühle, die ich dabei hatte. Und plötzlich wird vieles sehr viel klarer, was ich mir oft gedacht hatte, was aber quasi unbewiesen blieb, weil es nur eine Idee war. Dabei sind diese – oft dunklen – Erinnerungen aber keineswegs quälend. Es fühlt sich vielmehr so an, als finde ich einen Schlüssel. Ein Mosaikstein zu einem Rätsel, das sich jetzt löst. Oder ein Schiffswrack, mit dem endlich die ganze Geschichte ans Licht kommt.