Filmen ist das neue Video

Also, wer jetzt nicht reist, macht die Augen zu. Und träumt. Oder erinnert sich. Wie oft habe ich schon geseufzt und mich gefreut, dass ich letzten Herbst in den USA war. So schnell, das ist klar, komme ich da nicht mehr hin. Vielleicht werden auch deshalb gerade die Erinnerungen größer und größer, denn: Was für eine Reise!

Neben der Schönheit des Landes (ich bin von Küste zu Küste gereist), und den vielen sympathischen Menschen und diesem sensationellen Himmel gab es vor allem eine – und das war mehr als ernüchternd – enorme Armut zu sehen. Für Touristen wie mich manchmal malerisch, und sehr häufig Anlass für lustigste und kluge Improvisationen (was habe ich allein für Häuser gesehen, die ohne Architekten, aber mit viel Fantasie erweitert wurden), ist diese Armut die schmerzhafteste Erinnerung, die ich mitgebracht habe. Und die mir jetzt übrigens hilft, das Chaos in den USA angesichts der Pandemie zu verstehen (aber eben auch die große Hilfsbereitschaft dort von Künstler/innen oder Firmeninhaber/innen, enorme Geldsummen zu spenden).

Am Strand von Santa Monica gab es, und ich habe hier schon mal kurz drüber geschrieben, die (für mich) neue Gepflogenheit, sich nicht mehr nur per Video-Botschaft, sondern gleich vor professionellem Filmteam für Freunde und Verwandte aus den Ferien – zumindest vom Strand – zu melden. Da habe ich nicht schlecht gestaunt. Mit Obdachlosen links und rechts (die kann man natürlich mit Weichzeichner unscharf stellen) sitzen sie da, Pärchen gerne händchenhaltend, winken in die Kamera und erzählen. Ja, da will man natürlich gleich mal Gift und Galle spucken. Alleine, was das kostet! Aber die Wahrheit?

Weil jetzt viel per Videokonferenz gearbeitet wird, habe ich meine Liebe zur – ich sag‘ jetzt mal – „visuellen Aufzeichnung“ oder „visuellen Kommunikation“ entdeckt. Mit Hingabe konnte ich das tun, worüber sich in der Presse so lustig gemacht wurde, den Hintergrund für meine Bildschirmkamera inszeniert (uahhh, und was ich da für Ideen hatte – leider nicht genug Mut…) das Licht gut einstellen und was nicht alles. Doch was noch besser ist: Ich kann viel besser vor der Kamera quatschen als „in Echt“ – !? Weil ich mich besser konzentrieren kann. Weil ich einen festen Rahmen habe, der mich fokussiert. Ich dachte immer, dass ich so gar keine Rampensau bin. Und jetzt das. Zumal ich auch vor den auf nicht gerichteten Fotokameras immer (=immer) Reißaus nehme. Am liebsten hätte ich jetzt meinen eigenen YouTube-Kanal. Tja. Wenn ich nur wüsste, was ich da mal zu verklickern, oder besser, zu „verklunkern“ hätte. Aber vielleicht fällt mir ja noch was ein…

Was geht?

Weltweit nutzen viele die Auszeit, um mal wieder in die Küche zu gehen. Wo sonst schnell Stullen geschmiert oder Nudeln gekocht werden, herrscht geschäftiges Treiben. Es gibt Leute, die zum ersten Mal seit Jahren wieder selbst kochen. Das heißt, jeden Tag kochen. Weil endlich Zeit ist. Und die schöne Überraschung, dass das auch gut schmeckt. Und dass der Abwasch das wert ist…

Ich habe gestern von einem Mann in den USA gehört, der gerade die Gelegenheit nutzt, für sich und seine Frau zu kochen. Gewöhnlich gehen sie abends – beide sind berufstätig – im Restaurant essen. Oder sie bestellen sich was. Der Mann dachte, ich koche jetzt mal für meine Frau. Ich möchte ihr eine Freude machen. Der Mann kann nicht wirklich kochen. Also suchte er sich einfache Rezepte: Tomatensoße mit Basilikum für auf die Nudeln zum Beispiel.

Und auch er erlebte eine Überraschung. Man könnte es (vielleicht etwas übertrieben) so formulieren: Kochen macht uns fit fürs Leben… Denn, er begriff schon bei einfachen Rezepten, zum Beispiel dass es sich nicht lohnt, Zeit zu sparen. Alles in einen Topf zu werfen und zusammenzurühren reicht nicht. Ich musste meine Ungeduld zügeln, sagt er. Und: Ich merkte überhaupt erst, wie ungeduldig ich bin. Er verstand natürlich auch sehr schnell, dass die Auswahl der Zutaten eine wichtige Rolle spielt. Er bekam ein Auge für reife Früchte, er fing an, an den Dingen zu schnuppern, kurz, ihm tat sich eine neue Welt auf. Natürlich geht das nicht jeden Tag. Aber der Zuwachs an Wissen, an Kenntnis, doch, ich denke, das kann einen auch in einem ganz normalen Alltag gelegentlich glücklich machen. Zu wissen, dass es andere Aufgaben gibt, als die, die auf dem Schreibtisch oder wo auch immer bei der Arbeit liegen.

Um sich herum schleichen

Wie die Katze um den Brei. Viele Menschen in meinem Alter kennen sich. Das kann ich von mir nicht behaupten. Mein Innenleben ist kein aufgeräumter lichtdurchfluteter Office. Nein, sicher auch keine zugerümpelte Abstellkammer. Aber eine gelegentlich unübersichtliche Raumfolge. Wie in einem Barockschloss öffnen sich hier und da Tapetentüren und neue Räume kommen zum Vorschein. Nicht immer eine schlechte Überraschung.

Wenn ich, wie gerade, an meinen Arbeitstisch gefesselt bin, und die Aufgaben darauf einen ziemlichen Stapel bilden, entdecke ich an mir eine Katzenmentalität. Es gibt plötzlich den Moment, an dem ich um den Tisch nur noch herumschleiche. Gut. Ich habe keine Lust. Kein großes Ding. Aber dann merke ich, dass es wohl irgendeine Aufgabe zu erledigen gibt, die mir unangenehm ist. Und die verhindert, dass ich überhaupt noch etwas hinkriege. Es beginnt das Schleichen um den Brei. Wo bitte ist diese Aufgabe. Was ist es? Was ich weiß: Es muss nicht unbedingt eine Arbeits-Aufgabe sein. Es kann durchaus etwas Privates sein. Ein Versprechen, das ich noch nicht eingelöst habe. Eine Geburtstagskarte, die ich nicht geschrieben habe. Oder natürlich die Steuer. Oder eine Recherche, die ich aufschiebe. Oder Bücher, deren Rückgabetermin schon abgelaufen ist. Oder die ungeputzten Schuhe. Oder ich warte auf etwas, ohne es zu wissen. Die letzten drei Tage bin ich geschlichen. Heute ist wieder freie Sicht. Ich bin zum Sprung bereit.

Sorgen

Heute ist Karfreitag. Draußen ist es noch ganz still. Die Vögel zwitschern und mir wird leicht ums Herz. Was für ein sonniger, schöner Tag – zumindest für mich.

Weil ich mehr Zeit habe als sonst, lese ich ein verdammt dickes Buch, das gerade erschienen und (um in den Klunkern noch einmal die Berliner AGB zu loben:) schon in der Stadtbibliothek zu haben ist. Eigentlich wollte ich nur die Einleitung lesen, um ungefähr zu wissen, worum es geht. Aber jetzt habe ich mehr Zeit (und die Bibliothek war so vorausschauend, die Leihfrist von sich aus zu verlängern: Ein Hoch auf die AGB!). In der Einleitung schreibt der Autor Matthias Glaubrecht, möglicherweise sei einer der größten Fehler der Menschheit die Sesshaftigkeit gewesen. In der üblichen Erzählung als wichtiger Schritt hin zur Zivilisation gelesen, zitiert er Wissenschaftler, die schon hier den großen Sündenfall unserer Vorfahren sehen: den Beginn der Ausbeutung des Planeten Erde.

In der Bibel wird dieser Moment als Sündenfall und als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben. Und weil ich neben dem dicken Wälzer von Glaubrecht („Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten“) auch noch das Buch von Dolly Freed („Die Faultiermethode“) lese, kam es zu einer interessanten Verknüpfung mit unserer augenblicklichen, sorgenerfüllten Lage, denn Freed argumentiert, dass Sorgen meist mit Besitz verknüpft sind, und damit vor allem unsere Freiheit beschneiden. Sie weist auf das Matthäus-Evangelium 6,19-34, „Von der falschen und der rechten Sorge“. Man mag das ungeheuer naiv finden. Aber in allen spirituellen Weisheitssammlungen dieser Welt findet sich die Ermahnung, statt Sorgen zu hegen, den Augenblick zu beachten.

„Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.“

Nachdenken

Wann verwechsele ich Freiheit mit Lust auf etwas haben?

Wo liegt meine Verantwortung?

Was bedeutet selber denken?

Was will mir die Amsel vor meinem Fenster sagen?

Die Faultiermethode – Ein Manifest gegen die alltägliche Diktatur des Geldes

Ist denn ein Star auch ein Faultier?

Über das Buch „Die Faultiermethode“ der damals gerade erst 18jährigen Autorin Dolly Freed habe ich hier schon mal geschrieben. Das Buch ist mir in einem Antiquariat begegnet, und hat mich vom ersten Satz an fasziniert. Einerseits, weil ich viele der dort geschilderte Szenen aus meiner Kindheit kenne – ich komme aus keinem reichen Elternhaus, und ohne Geld oder mit wenig Geld auskommen, stand bei uns auf der Tagesordnung. Andererseits, weil ich mich schon oft gefragt habe: warum lebe ich anders als ich sollte, oder anders als von mir erwartet? Oder: Warum lebe ich so und eben nicht anders? Eine schöne Antwort gibt Dolly Freed (übrigens ein Pseudonym) gleich am Anfang des 4. Kapitels, wo sie schreibt, warum ihr Vater – und damit sie auch – fast vollständig jenseits der Geldwirtschaft lebte:

„Es ist einfacher, sich daran zu gewöhnen, auf manche Dinge zu verzichten, die man mit Geld kaufen kann, als das Geld zu verdienen, um sie zu kaufen.“

Das große Schreck-Wort in diesem Satz heißt „verzichten“. Kaum jemand traut sich das heute noch zu. Aber wie wäre es denn? Jetzt, wo hier und da ein paar Sachen – zumindest tageweise – fehlen, können wir uns doch dem Gedanken mal nähern, oder?

Genugtuung

Ich weiß, das ist ein gefährliches Terrain. Dennoch. Ich fühle mich gerade für viel verbal zugefügtes Unrecht entschädigt, dass es mir so richtig gut tut. Wovon ich rede? Vom „Freiberufler“, wahlweise der „Freiberuflerin“.

Viele verwenden die Bezeichnung nach wie vor mit einem ironischen Zungenschlag: „Ja Du. Du bist ja Freiberuflerin…“ (will sagen: Du hast ja gar keine Ahnung, was richtige Arbeit bedeutet, Du kannst lange schlafen, endlos Pausen machen, im Café oder im Park arbeiten, am Strand sogar. Du kannst Termine verschieben, Meetings schwänzen – d.h. wahrscheinlich hast Du gar keine – Du sitzt gemütlich im Kämmerlein und wirst von niemandem gestört. So gut möchte ich es auch mal haben…“)

Jaja. Und jetzt werden die Augen verdreht. Ausgerechnet von denjenigen, die sich immer ins Home-Office geträumt haben: Jetzt ist da keiner mehr aus der IT-Abteilung, der/die schnell angesprungen kommt, wenn der Drucker klemmt oder der Rechner spinnt. Kein/e Praktikant/in die mal schnell was recherchiert oder ein Päckchen packt. Niemand, der genauso schnell mal eine Frage beantwortet, kein/e Kolleg/in, die oder der mit einer neuen Idee ein altes Problem neu – und erfolgsversprechend – aufrollt. Was muss jetzt telefoniert werden! Und wie ärgerlich, wenn man tagelang niemanden (=niemanden) erreicht. Keine Briefmarken da? Kein Papier mehr? Wer war nochmal für die Frage XY zuständig? Wie kann ich 1000 E-Mails in zwei Stunden beantworten? Und warum ist der Kaffee schon wieder alle?

Eben. Es ist nicht gemütlich. Wir müssen von zu Hause aus eine komplette Firma simulieren. Wenn es auch nur eine Ein-Frau/Mann-Firma ist. Und wer, wie ich, gelegentlich von zu Hause (oder dem Büroplatz aus) Projekte mit mehreren Mitarbeiter/innen koordiniert, hat nie genug Hände, um alles immer wieder in den Hut zu packen. Wir arbeiten tatsächlich. Ob mehr oder weniger als andere, sei im einzelnen Fall dahin gestellt. Aber das ist – zumindest für mich – auch nicht die Frage. Und nein. Ich habe keine große Wohnung, in der ich für verschiedene Aufgaben von Zimmer zu Zimmer wechseln kann. Gearbeitet, gegessen, gestreamt und gelesen wird an immer demselben Tisch. Das geht. Freiberufler eben… augenzwinker… allen einen guten Start!

Der Frühling kommt

Ab heute mit deutlich wärmeren Temperaturen. Die Winterkleidung kann – so weit lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster – im Schrank nach hinten geräumt… der Winter endgültig abgeschüttelt werden. Enjoy!

Loslassen

gehört zu dem Schwierigsten, was wir von uns verlangen können. Gefangen in der Idee von Machbarkeit, in das Selbstverständnis, Dinge bewegen zu müssen, aktiv zu sein, den eigenen Weg zu machen, sein Leben zu gestalten, fühlen sich viele gerade, als hätte jemand den Stecker gezogen. Wir haben unseren gewohnten Alltag verloren, die To-Do-Listen bleiben liegen. Und werden nicht mal mehr länger. Zu allem Überfluss lacht auch noch der Schweinehund breit vergnügt.

Wer bin ich? Was mache ich auf dieser Welt? Für was würde ich sterben? Fragen, über die ich lange nicht nachdenken wollte. Und für die ich in den letzten Tagen überraschende und durchaus erfreuliche Antworten gefunden habe. Dazu die komplette 9. Sinfonie von Mahler (Abbado) an einem sonnigen Nachmittag. Einfach so. Und so umwerfend! Wie sagt der alte Hippie? Love and peace. Euch ein schönes Wochenende!