Sorgen

Heute ist Karfreitag. Draußen ist es noch ganz still. Die Vögel zwitschern und mir wird leicht ums Herz. Was für ein sonniger, schöner Tag – zumindest für mich.

Weil ich mehr Zeit habe als sonst, lese ich ein verdammt dickes Buch, das gerade erschienen und (um in den Klunkern noch einmal die Berliner AGB zu loben:) schon in der Stadtbibliothek zu haben ist. Eigentlich wollte ich nur die Einleitung lesen, um ungefähr zu wissen, worum es geht. Aber jetzt habe ich mehr Zeit (und die Bibliothek war so vorausschauend, die Leihfrist von sich aus zu verlängern: Ein Hoch auf die AGB!). In der Einleitung schreibt der Autor Matthias Glaubrecht, möglicherweise sei einer der größten Fehler der Menschheit die Sesshaftigkeit gewesen. In der üblichen Erzählung als wichtiger Schritt hin zur Zivilisation gelesen, zitiert er Wissenschaftler, die schon hier den großen Sündenfall unserer Vorfahren sehen: den Beginn der Ausbeutung des Planeten Erde.

In der Bibel wird dieser Moment als Sündenfall und als Vertreibung aus dem Paradies beschrieben. Und weil ich neben dem dicken Wälzer von Glaubrecht („Das Ende der Evolution – Der Mensch und die Vernichtung der Arten“) auch noch das Buch von Dolly Freed („Die Faultiermethode“) lese, kam es zu einer interessanten Verknüpfung mit unserer augenblicklichen, sorgenerfüllten Lage, denn Freed argumentiert, dass Sorgen meist mit Besitz verknüpft sind, und damit vor allem unsere Freiheit beschneiden. Sie weist auf das Matthäus-Evangelium 6,19-34, „Von der falschen und der rechten Sorge“. Man mag das ungeheuer naiv finden. Aber in allen spirituellen Weisheitssammlungen dieser Welt findet sich die Ermahnung, statt Sorgen zu hegen, den Augenblick zu beachten.

„Sorgt euch also nicht um morgen; denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Jeder Tag hat genug eigene Plage.“

Nachdenken

Wann verwechsele ich Freiheit mit Lust auf etwas haben?

Wo liegt meine Verantwortung?

Was bedeutet selber denken?

Was will mir die Amsel vor meinem Fenster sagen?

Die Faultiermethode – Ein Manifest gegen die alltägliche Diktatur des Geldes

Ist denn ein Star auch ein Faultier?

Über das Buch „Die Faultiermethode“ der damals gerade erst 18jährigen Autorin Dolly Freed habe ich hier schon mal geschrieben. Das Buch ist mir in einem Antiquariat begegnet, und hat mich vom ersten Satz an fasziniert. Einerseits, weil ich viele der dort geschilderte Szenen aus meiner Kindheit kenne – ich komme aus keinem reichen Elternhaus, und ohne Geld oder mit wenig Geld auskommen, stand bei uns auf der Tagesordnung. Andererseits, weil ich mich schon oft gefragt habe: warum lebe ich anders als ich sollte, oder anders als von mir erwartet? Oder: Warum lebe ich so und eben nicht anders? Eine schöne Antwort gibt Dolly Freed (übrigens ein Pseudonym) gleich am Anfang des 4. Kapitels, wo sie schreibt, warum ihr Vater – und damit sie auch – fast vollständig jenseits der Geldwirtschaft lebte:

„Es ist einfacher, sich daran zu gewöhnen, auf manche Dinge zu verzichten, die man mit Geld kaufen kann, als das Geld zu verdienen, um sie zu kaufen.“

Das große Schreck-Wort in diesem Satz heißt „verzichten“. Kaum jemand traut sich das heute noch zu. Aber wie wäre es denn? Jetzt, wo hier und da ein paar Sachen – zumindest tageweise – fehlen, können wir uns doch dem Gedanken mal nähern, oder?

Genugtuung

Ich weiß, das ist ein gefährliches Terrain. Dennoch. Ich fühle mich gerade für viel verbal zugefügtes Unrecht entschädigt, dass es mir so richtig gut tut. Wovon ich rede? Vom „Freiberufler“, wahlweise der „Freiberuflerin“.

Viele verwenden die Bezeichnung nach wie vor mit einem ironischen Zungenschlag: „Ja Du. Du bist ja Freiberuflerin…“ (will sagen: Du hast ja gar keine Ahnung, was richtige Arbeit bedeutet, Du kannst lange schlafen, endlos Pausen machen, im Café oder im Park arbeiten, am Strand sogar. Du kannst Termine verschieben, Meetings schwänzen – d.h. wahrscheinlich hast Du gar keine – Du sitzt gemütlich im Kämmerlein und wirst von niemandem gestört. So gut möchte ich es auch mal haben…“)

Jaja. Und jetzt werden die Augen verdreht. Ausgerechnet von denjenigen, die sich immer ins Home-Office geträumt haben: Jetzt ist da keiner mehr aus der IT-Abteilung, der/die schnell angesprungen kommt, wenn der Drucker klemmt oder der Rechner spinnt. Kein/e Praktikant/in die mal schnell was recherchiert oder ein Päckchen packt. Niemand, der genauso schnell mal eine Frage beantwortet, kein/e Kolleg/in, die oder der mit einer neuen Idee ein altes Problem neu – und erfolgsversprechend – aufrollt. Was muss jetzt telefoniert werden! Und wie ärgerlich, wenn man tagelang niemanden (=niemanden) erreicht. Keine Briefmarken da? Kein Papier mehr? Wer war nochmal für die Frage XY zuständig? Wie kann ich 1000 E-Mails in zwei Stunden beantworten? Und warum ist der Kaffee schon wieder alle?

Eben. Es ist nicht gemütlich. Wir müssen von zu Hause aus eine komplette Firma simulieren. Wenn es auch nur eine Ein-Frau/Mann-Firma ist. Und wer, wie ich, gelegentlich von zu Hause (oder dem Büroplatz aus) Projekte mit mehreren Mitarbeiter/innen koordiniert, hat nie genug Hände, um alles immer wieder in den Hut zu packen. Wir arbeiten tatsächlich. Ob mehr oder weniger als andere, sei im einzelnen Fall dahin gestellt. Aber das ist – zumindest für mich – auch nicht die Frage. Und nein. Ich habe keine große Wohnung, in der ich für verschiedene Aufgaben von Zimmer zu Zimmer wechseln kann. Gearbeitet, gegessen, gestreamt und gelesen wird an immer demselben Tisch. Das geht. Freiberufler eben… augenzwinker… allen einen guten Start!

Der Frühling kommt

Ab heute mit deutlich wärmeren Temperaturen. Die Winterkleidung kann – so weit lehne ich mich jetzt mal aus dem Fenster – im Schrank nach hinten geräumt… der Winter endgültig abgeschüttelt werden. Enjoy!

Loslassen

gehört zu dem Schwierigsten, was wir von uns verlangen können. Gefangen in der Idee von Machbarkeit, in das Selbstverständnis, Dinge bewegen zu müssen, aktiv zu sein, den eigenen Weg zu machen, sein Leben zu gestalten, fühlen sich viele gerade, als hätte jemand den Stecker gezogen. Wir haben unseren gewohnten Alltag verloren, die To-Do-Listen bleiben liegen. Und werden nicht mal mehr länger. Zu allem Überfluss lacht auch noch der Schweinehund breit vergnügt.

Wer bin ich? Was mache ich auf dieser Welt? Für was würde ich sterben? Fragen, über die ich lange nicht nachdenken wollte. Und für die ich in den letzten Tagen überraschende und durchaus erfreuliche Antworten gefunden habe. Dazu die komplette 9. Sinfonie von Mahler (Abbado) an einem sonnigen Nachmittag. Einfach so. Und so umwerfend! Wie sagt der alte Hippie? Love and peace. Euch ein schönes Wochenende!

Hölderlin also

Vor 250 Jahren wurde Friedrich Hölderlin geboren, 50 Jahre kann ich mir gerade so vorstellen. Der Rest ist angelesen. Geburtstag hatte er am 20. März, heute war er – also damals am heutigen Tag – 13 Tage alt, natürlich schon getauft, in damaliger Zeit musste man so viele Neugeborene wie möglich vor der Hölle bewahren, die Sterblichkeitsrate von Säuglingen und Müttern lag hoch. Vielleicht schien dem Hölder, wie er sich später nannte, die Sonne ein Willkommen in die Wiege.

Letzten November habe ich mich für einen Auftrag zum ersten Mal umfassend mit Hölderlin beschäftigt. Gestern habe ich zum ersten Mal wirklich Zeit gehabt, mir seine Gedichte anzuschauen. Was für ein Ritt: Ich kann alles lesen, aber ich verstehe wenig. Umso schöner, dass ich gerade Zeit habe. Natürlich werde ich viel lesen müssen. Zuerst die Gedichte wieder und wieder. Und dann auch Interpretationen der Gedichte oder andere Gedichte von Zeitgenossen oder von Pindar und Klopstock, die schon der ganz junge Hölderlin verehrte. Aber mir scheint, die Gedichte wollen mehr. Als wollten sie eher gekaut als gelesen werden. Ich habe mal eins auseinander geschnitten. Jetzt habe ich einen großen Wortsalat, aus dem ich ein neues Gedicht machen will. Mal sehen, was dabei rauskommt…

Kein Aprilscherz

Gestern war schließlich auch noch März. Und auf meinem Bankkonto-Auszug stand eine deutlich höhere Zahl als neulich noch: Der Corona-Zuschuss. Ich hätte es Anfang des Jahres nicht für möglich gehalten. Meine Mutter war an Alzheimer erkrankt, die Tortur, Pflegegeld in einem solchen Fall zu bekommen, war in manchen Zeiten schlimmer als die Krankheit selbst, die eben zu jener Zeit noch nicht „anerkannt“ war. Kein Vorwurf an die Kasse, wir haben die Unterstützung am Ende immer bekommen. Aber es war eine Wissenschaft für sich, meine Eltern wären eindeutig damit überfordert gewesen. Und jetzt: Beantragen, drei Tage warten, Geld auf dem Konto. Und die Sonne scheint auch wieder. DANKE!

Jetzt auch noch das:

Aprilwetter! Der vierte Monat ist so in etwa der Flaschenhals durch den das noch junge Jahr muss, um in die angenehmeren Zeitzonen zu kommen. Aber Schnee? Ich glaube, es war heute in Berlin kälter als den gesamten letzten Winter über. Ausnahmsweise mal schön, dass ich sogar offiziell nicht rauszuwollen hatte.

Dafür habe ich im Internet Übungen gegen meine Knieschmerzen gefunden und eine Plattform für Hundefreund/innen, wo Hundebesitzer/innen ihre Hunde mit anderen „teilen“, das heißt, zum Spazierengehen und Spielen ausleihen, um selber auch mal hundefrei zu haben. Toll. Vielleicht ist das ja endlich die Lösung für meinen ewig noch nicht erfüllten Hundewunsch versus zu kleiner Großstadtwohnung? Und das an einem so dusseligen Schnee-und-Regen-Tag. Man sollte Alltags-Tage nicht unterschätzen: Sie sind oft Startpunkte für ganz neue Abenteuer.