Auf und Ab

Um den Tiefpunkt gleich vorweg zu nennen: Beim Stolperstein-Putzen am 8. Mai blieb die Rose, die ich auf den blitzblanken Stein zur Erinnerung an meine Vormieterin Paulina, die als „behindert“ Anfang 1945 von den Nazis ermordet wurde gelegt hatte, exakt 2 Minuten liegen. Nachdem ich schnell in die Wohnung gegangen war, um den Fotoapparat zu holen, war die Rose schon weg – obwohl ich sie (mehr symbolisch) – mit Tesa angeklebt hatte.

Wie muss man eigentlich drauf sein? Und wie schaffe ich es, mich nicht in Wut und Enttäuschung zu verrennen?

Und dann diese Ratlosigkeit, dass die meisten wohl beschlossen haben, jetzt sei mal Schluss mit Corona. Überall ein Gewusel, als wenn es niemanden mehr was angehe. Ich bin zwar dringend dafür, dass jede und jeder die Verantwortung für sich selbst übernimmt und abwägt. Aber Nachlässigkeit vieler bedroht eben die Vorsicht anderer. Auch hier kämpfe ich mit Unverständnis und ja, auch mit Ärger.

Eine schöne Überraschung dagegen ist, dass die Hunde, die ich hier neulich gezeigt habe, tatsächlich meine Nachbar/innen sind – und nicht bloß zu Besuch waren. Die werde ich also jetzt öfters sehen, wie süß. Und ein schöner Abend mit Gitarrenmusik im Hof gestern war wie eine erste Sommernacht in diesem Jahr. Die Schwalben sind jetzt auch da und bauen unter der Dachrinne Nester. Dazu Muttertag ohne Mutter, deren Geburtstag in vier Tagen ist.

„Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit.

Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ist’s,

Nun schlafe, wo unendlich ferne

Ziehen vorüber der Völker Jahre.“

So schreibt Hölderlin in einem ersten Vers über Jean-Jacques Rousseau. Und auch ich staune einmal mehr über die Zeit, die so schnell zieht, und so unsichtbar.

Filed under: Allgemein

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Wer die Welt erkennen will, muss ganz genau hinsehen. Schon als Kind habe ich mir häufig die Augen gerieben und - wenn es sein musste - noch einmal hingesehen. Mittlerweile arbeite ich als Journalistin und als Autorin. Auch hier ist das genaue Hinsehen, keineswegs das Schreiben, die, wenn man so will, Kerntätigkeit (auch nicht das Telefonieren, obwohl es oft genug so scheint). Doch während ich meinen Blick bei der Arbeit fokussiere und das Gesehene zu allen möglichen Richtungen hin ausleuchte, möchte ich in meinem Blog kurze Blicke wagen. Wer zurückschaut, ist herzlich willkommen.

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