Mit diesem dramatischen Farbenspiel (zig Vorhängen und Kulissenschiebern) hat sich der Tag heute in Berlin verabschiedet. Fast psychedelisch. Und ein gutes Bild für das, was seit einiger Zeit in meinen Träumen passiert. Wo ich nämlich die fantastischsten Landschaften, Himmel, Bauwerke sehe, wie in einem Märchen so schön, und fotografiere. Ich hatte das schon einmal hier geschrieben, verwundert, dass es eben dieses neu „erwachte“ Hobby des Fotomachens ist, das – ja, sich eigentlich nicht in meine Träume eingeschlichen hat, sondern die Träume prägt. Diese unglaublichen Dinge, die ich dort seitdem sehe – nichts, wirklich nichts was ich sonst mache (und ich mache vieles viel intensiver als eben täglich die paar Fotos zu knipsen), hat meine Träume derart beeinflusst. Kennt Ihr das vielleicht? Oder habt Ihr ähnliche Erfahrungen gemacht? Es fühlt sich an wie ein Geschenk. Keins, das man vorzeigen kann. Aber auch eins, das – ich habe zumindest das Gefühl – eine unglaubliche Power entwickeln könnte.
Was bleibt
Im August letzten Jahres ist ein Nachbar von mir gestorben. Noch jung, wohl mehr aus Versehen. Danach trafen sich Freunde von ihm alle paar Wochen, um seine Wohnung auszuräumen. Jedes Mal stand der Hof voll mit Kisten und Kartons, unendlich viel technischem Gerät, kaum auszumalen, was alles in eine Wohnung passt. Im fünften Stock. Im Grunde schien alles soweit ausgeräumt, aber heute war doch noch mal der Hof voller Sachen. Jetzt, am Abend, ist auch dieser Rest abtransportiert. Wir in Europa halten immer noch auf Besitz, und auf Dinge, die zu vererben sind. Alte Familien haben Gegenstände, die ihren Urahnen gehörten und halten sie in Ehren. Reichtum hat hier auch etwas mit weit zurückreichen zu tun. In anderen Ländern wird nicht viel über die Generationen vererbt. Eigentum gilt als Last, Reduktion ist eine Tugend. Vor allem in Erdbebengebieten, in Japan zum Beispiel. Nichts zu haben macht dort glücklich. Hier umweht dieser Kargheit immer noch der Geschmack von Armut. Vor ein paar Jahren hat es mich erschreckt, wie wenig ich hinterlassen würde. Heute – ich fange an, mich mit dem Gedanken anzufreunden.
Eins und Eins sind Eins
Das wird keine Rezension, nur ein kleiner Begeisterungsaufschrei. Denn das ist wirklich selten. Ein rosa-hellblaues Mädchen-Jugendbuch, das mich rundum froh macht. Doch ja. Ich wollte es erst gar nicht lesen, dann dachte ich AUWEIA. Ein Problembuch! Denn es geht nicht, wie ich erst vermutete, um Zwillinge. Nein. Es legt noch einen Zacken zu: Es geht um siamesische Zwillinge. Und dann standen da, wo normalerweise dicht bedruckte Seiten zu sehen sind, schmale Zeilensäulen, ja ganz recht, geschrieben ist es im Gedichtformat, aber da war es schon zu spät, das Buch wieder zuzuklappen, mich hatte schon die Neugier gepackt. Es ist für Menschen ab 12, wer also noch solche im Haushalt hat oder kennt: nix wie in den Buchladen. Der Verlag ist übrigens auch ganz atemraubend: mixtvision. Unbedingt auch mal anschauen!
Sarah Crossan, Eins. Mixtvision Verlag München 2016.
Den Blick heben
So sind Erwachsene. Habe ich jedenfalls gerade wieder in einem Kinderbuch gelesen: „Sophie auf den Dächern“ von Katherine Rundell: Wo sie nichts erwarten, schauen sie auch nicht hin. Auf Dächer zum Beispiel. Was soll da schon sein? Der Schornsteinfeger, wenn es hoch kommt. Oder ein paar Tauben. Für die Waisenkinder in der Geschichte von Rundell ein großer Vorteil, denn sie können auf den Dächern hin und her flitzen, ohne erwischt zu werden. Auch ich war verblüfft, als ich mir mal wieder das doch sehr hoch angebrachte Kunst-am-Bau-Werk an der Ecke Mehringdamm/Yorkstraße ansah. Seit wann hängt denn das Fahrrad da. Und wer kann mir sagen, was Scheise ist?
Maß und Ziel
Ich kann es drehen und wenden wie ich will, Mode sind für mich zwei Paar Schuhe, mindestens. Aus dem lateinischen Wort „modus“ geformt, bedeutet Mode zunächst die Art und Weise, der Modus, wie etwa eine Musik gespielt werden soll, dann auch zeitgemäßer Geschmack, „la mode“ im Französischen. Damals wie heute sind Frisuren, Umgangsformen, Kunst und Literatur gemeint, aber vor allem Kleidung. Und hier sind es für mich die zwei Paar – möglichst unterschiedlichen – Schuhe, denn zum einen geht es um Kleidung, die ich, möglichst zu jeder auf zwei Beinen verbrachten Tages- und Nachtzeit tragen kann, und um Kleidung, die meine Fantasie anregt, in der ich mich in jemand oder etwas anderes verwandeln kann, um Träume. Kleider machen Leute, das ist ein Sprichwort, das nicht nur für „Leute“ gilt. Kleider machen auch Träume war – selbst wenn sie in Alpträumen enden.
Modenschauen finde ich auf eine Art überflüssig, aber eben doch auch sehr schön. Sie sind ein Theaterspektakel im altmodischen Sinn. Bloß nicht an den Alltag denken, sondern sich entführen lassen von den Schönheiten auf dem Catwalk mit Gewändern, Roben, Fähnchen, Rüstungen oder Geweben, die nichts, aber wirklich gar nichts auf den Trottoirs unserer Städte und Städtchen zu suchen haben.
Secondhandläden sind dagegen eine echte Spielwiese. Auch hier findet sich viel – vom Gebrauch her gesehen – Unmögliches. Aber es hat einen Reiz, genau diese Unmöglichkeiten umzulegen, anzulegen und dann eine andere zu sein, ich spüre sogar jetzt mein Herz höher schlagen, wo doch alle Läden zu sind (und auch noch bis Montag). Beide bieten Überraschungen – und unendlich viele Kniffe und Tricks fürs Umkleiden menschlicher Gliedmaßen. Von Farben und Stoffen erst gar nicht zu reden. Wer scharfe Augen und viel Erfahrung hat, mag sich schon vom Laufsteg neue Ideen abschauen. Schnäppchen aus dem Secondhandladen lassen sich zur Not auch auseinander nehmen.
Ob es dann wirklich noch Mode ist, was ich durch meinen Alltag trage, bezweifele ich manchmal. Es ist maßvoll in dem Sinn, in dem ich mich darin bewegen kann. Es ist in jedem Fall zeitgemäß, auch wenn ich gerne aus der letzten oder vorletzten Kollektion kaufe. Man kann das ja auch „klassisch“nennen, was mir übrigens für mich selbst am meisten gefällt. Gerade im Winter gibt es lange Phasen, in denen ich mich nicht besonders um die modische Aufbereitung kümmere. Ich möchte vor allem nicht frieren. Aber jetzt, wo sich der Frühling meldet, spüre ich ein Unbehagen in den Wollpullis und sehne mich nach Farben und Schnickschnack. Vielleicht auch danach, mal wieder eine Andere zu sein. Ein Kleidungsstück reicht ja oft schon, eine Verwandlung herbeizuführen. Und wenn auch nur im eigenen Kopf.
Ob Marsmenschen lesen?
Bücher haben das menschliche Gehirn geformt. Wie die Computer, die jetzt an der Reihe sind. Ich habe mich gefragt, was Außerirdische denken würden, hätten sie ein Buch in der Hand und möglicherweise keine eigene Schrift. Obwohl ich mir das schwierig denke, wo sie doch UFOs bauen – aber vielleicht käme eine intelligente Spezies tatsächlich ohne Bücher aus. Aber so weit können wir unsere Zeit wirklich nicht mehr zurück drehen. Weil so ein Buch – es sei denn, man hat einen ausgemachten Prachtband in Händen – im Grunde nicht besonders viel hermacht. Und doch ganze Welten beinhaltet. Aber eben, ein Buch ist vielleicht nicht so viel ohne Gehirn, aber unser Gehirn wäre sicher anders ohne Bücher. Aber eigentlich habe ich mich heute gleich mehrfach gefragt, warum so viele Menschen Lust haben, selbst zu schreiben. Es scheint, als sei dies eine relativ neue Idee. Aber damit liege ich vielleicht auch falsch. Wo früher dieses „ich lese gerne“ als Lieblingsbeschäftigung genannt wurde, höre ich heute immer häufiger „ich schreibe Krimis/Kinderbücher/Essais/…“. Ist das vielleicht sogar eine Art Untergangsphänomen? Wo an Stelle der Bücher die Computer die Archive unseres Daseins werden. Öffnen sich vielleicht die Bücher, weil ihnen die Last genommen wird, die einzige gültige Überlieferung zu sein? Oder ist es etwas ganz anderes? Wisst Ihr was darüber?
Just for one day
Nenn‘ mir Deine Vorbilder und ich sage Dir, wer Du bist. Auf größere Gruppen angewendet ist es die Frage nach den Helden, die meist schnell Auskunft gibt. Helden sind – versucht man ihre Rolle zu beschreiben – die besten Möglichkeiten eines Menschen, d.h. die besten Möglichkeiten, die sich eine Gruppe von Menschen zu einer bestimmten Zeit für einen Menschen vorstellen kann. Tatsächlich wandeln sich Heldenfiguren. Besonders deutlich wird das an der Tatsache, dass es mittlerweile mehr Heldinnen gibt als noch vor hundert Jahren. Will man die Gemeinsamkeiten von Held/innen ausmachen, könnte man drei herausheben: Risikobereitschaft (die auch vor dem eigenen Tod keinen Halt macht), Engagement (meist greifen Held/innen für andere ein, nicht für sich selbst), Empathie. Dabei ist die Wahl eines Helden subjektiv. Deshalb kann eben ein Held auch schnell Auskunft über die eigene Befindlichkeit geben. Es scheint allerdings einen deutlichen Unterschied zwischen Männern und Frauen zu geben: Männer schätzen die Freiwilligkeit, mit der ein Held zur Tat schreitet, Frauen respektieren vor allem Menschen, die keine andere Wahl haben. So oder so. Helden sind wichtig. Sie bestätigen unsere Werte. Und was noch wichtiger ist: Im Grunde können wir alle Held/innen werden – und wenn nur für einen Tag.
Von wegen, angeboren…
Was uns Vergnügen bereitet, ist im weitesten Umfang erlernt. Oder von unserer direkten Umgebung abgeschaut. Eigener Geschmack ist also ein längerer Prozess, und er kann und wird sich möglicherweise noch wandeln, wenn wir ihm Gelegenheit durch neue Erfahrungen geben. Angeblich ist der eigene Geschmack ein menschliches Gut. Ich bin allerdings nicht so sicher, weil ich Haustiere kenne und kannte, die mit sehr artunspezifischen Gelüsten aufwarten, bzw. aufwarteten. Allerdings bin ich nicht wirklich informiert, wie weit bei den jeweiligen Tieren die Spanne reicht (zum Beispiel vom Vegetarischen hin bis zum Lieblingsknochen). Jedenfalls gilt es immer zu bedenken, dass der eigene Geschmack noch dehnbar ist. Falls man Interesse hat, noch in die eine oder andere Richtung abzubiegen. Das gilt für Essen ebenso wie für Musik oder Bildende Kunst (und, und, und). Komischerweise ist (bislang) nur das Mögen oder Überhaupt-nicht-Mögen von Koriander nicht zu bewegen. Hier gilt Entweder/Oder, denn offensichtlich gibt es ein Gen oder eine Genveränderung, die dafür zuständig ist. Schönheit löst Emotionen aus – und auch ihr gilt, wir können unser Hirn trainieren, um Schönheit wahrzunehmen. Ich habe mich oft gefragt, was ich bloß in meinem langen Kunstgeschichtsstudium gemacht habe. Eins ganz sicher: Schönheit sehen. Und für alle, die darüber immer noch gerne lachen: Es macht glücklich, Leute. Glück, bzw. Vergnügen liegt im Gehirn an einer Stelle, sei es nun Essen, Musik, Kunst oder Sex, das, die oder der uns gerade erfreut. Vergnügen ist dabei so eine Art Ausrufezeichen im Kopf: Achte darauf! Ruft es uns zu. Du wirst es später noch einmal gebrauchen. Es gibt noch ein anderes Ausrufezeichen. Es liegt genau auf der anderen Seite: der Schmerz. Das scheint ein Grund zu sein, weshalb SM-Gelüste von den einen geliebt, von den anderen jedoch gemieden werden. Es ist eine Art Doppelung der stärksten Impulse überhaupt, und das kann eben noch größeres Vergnügen bereiten oder zu viel sein. Was übrigens auch bedenkenswert ist: Die Vorfreude ist auch ein Teil des Vergnügens. Und die Erinnerung erst recht.
Wie Geschichten auf unser Denken wirken
In der Forschung zum Erzählen gibt es gerade zwei Debatten. In der einen geht es um die Frage, wie erzählte Fiktion „wirkt“, in der anderen darum, ob unsere Welt möglicherweise zu komplex geworden ist (oder gerade wird), um noch von klassischen, mehr oder weniger stringent erzählten Geschichten gespiegelt und damit auch gedeutet zu werden.
Die Hirnforschung macht’s möglich. Nämlich zu sehen, dass beim Lesen die Hirnregionen angeregt werden, die auch nötig sind, andere Menschen zu verstehen. Empathie ist das Schlüsselwort, umgekehrt bedeutet es: wer liest, eignet sich social scills an. Der „Vorteil“ beim Lesen ist, dass emotionale Momente dort immer aus einer Distanz wahrgenommen, weil eben „nur“ gelesen werden, während Emotionen oft ohne Wenn und Aber ins „richtige“ Leben explodieren. Beim Lesen ist es also möglich, emotionale Vorgänge zu verstehen, was sonst erst so nach und nach möglich ist. Emotionen zu deuten aber heißt auch, Erfahrungen zu machen. Und wenn wir etwas nicht beim ersten Lesen verstehen, können wir ja noch mal von vorne anfangen.
Gleichzeitig ist ein Erzähltext nie einfach nur ein Text. Denn jede/r Leser/in liest darin die eigene Geschichte. Im Grunde ist das wahnsinnig interessant – und wird vielleicht noch zu wenig zur Kenntnis genommen. Denn durch die Lektüre entstehen immer wieder neue Geschichten, Lesen selbst ist kein bloßes Konsumieren, sondern Nachschöpfen.
Eine Falle allerdings stellt uns gerade unsere Lust an Geschichten. Denn wir sind schnell dabei, aus zwei, drei Fakten eine Geschichte zu konstruieren. Das kann bei Schreibseminaren ein wirkungsvoller Motor für eine Erzählung abgeben. Doch in den Natur- oder Wirtschaftswissenschaften haben sich solche Deutungen schon als grandiose Fehlinterpretationen herausgestellt. Hier kommt ein Faktor ins Spiel, der uns Menschen gemeinhin nicht besonders schmeckt: Die Welt ist sehr viel komplexer, als in die eine oder andere Geschichte hineingesponnen zu werden. Erzählungen sind hier vielleicht die falschen Transportmittel, weil die von uns so geliebten Kausalitäten meist nicht nur einseitig greifen.
Hier entsteht eine gewisse Patt-Situation. Weil Menschen nun mal die Welt durch Geschichten verstehen. Das heißt, wir kommen wohl auch in Zukunft nicht aus unserer Haut. Hilfreich wäre, mit einem Nicht-Verstehen souveräner umzugehen, und Fakten nicht zu schnell in eine „Story“ zu pressen. Das Offen-Lassen bewahrt zumindest vor vorschnellen Fehlern. Die andere Herausforderung wäre, neue Geschichten für eine komplexere Welt zu erfinden. Das allerdings finde ich ungemein spannend.
Gemeinsame Wurzeln
Das ist jetzt kein ernst gemeintes Plädoyer. Mehr so eine Fußnote. Aber mich hat’s doch echt aus den Puschen gehauen, wie viele Redewendungen erstens schon ziemlich uralt sind und zweitens in England wie in Deutschland gebräuchlich sind. Beispiele gefällig? „Sich aus dem Staub machen“ – sagen die Leute schon seit 1609. Klar, Staub gab es da genauso viel wie heute, allerdings sprechen die Engländer wörtlich von „thin air“, was mich noch mehr geplättet hat. Wussten die, dass die Luft hier und da – vor allem nach oben hin – dünner wird? „Jemanden grün und blau schlagen“, 1425. Ja, irgendwo auch klar, die Farbe der Blutergüsse hat sich in der langen Zeit auch nicht geändert. „Mit dem linken Fuß zuerst aufstehen“, 1540. Wobei es bei den Engländern die falsche Seite des Bettes ist. „Im selben Boot sitzen“, 1584. „Bienenfleißig“ sein, 1386. „Jemanden in die Enge treiben“, 1526, „Krokodilstränen weinen“, 1548. Die allerdings haben mich etwas irritiert. Weinen Krokodile wirklich? „Ein alter Hase sein“, was bei den Briten ein alter Hund ist, aber im Grunde ja wohl dasselbe, 1590. „Bis zum St. Nimmerleinstag warten“, 1200. „In ein Ohr rein, aus dem anderen Ohr wieder rauskommen“, 1374. Das „notwendige Übel“ ist auch schon fast 500 Jahre alt, 1547. „Auf den eigenen Beinen stehen“ war damals wie heute erwünscht, 1582, „ein Floh im Ohr“ wohl eher weniger, 1465. „Den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ war wahrscheinlich damals das größere Problem, 1533, „Haarspaltereien“ gab es wie heute, den Ausdruck verdanken wir, wie übrigens eine ganze Reihe, Herrn Shakespeare, wer oder wie viele das auch immer war/en, 1594. Diese lange Lebenszeit von Ausdrücken hat mich wirklich überrascht. Weil sie ja nach wie vor gebräuchlich und längst nicht abgenutzt sind. Schön zu sehen auch, wie sehr Europa auch sprachlich aus gleichen Quellen gespeist wird. Wir sollten das über vermeintliche nationale Vor- und Nachteile nicht ganz vergessen.






